Inversion

(griechisch: anastrophé, lateinisch: inversio, perversio, reversio, inlusio)

Bei der Inversion handelt es sich um eine Umstellung von Wort- oder Satzfolgen, genauer gesagt, eine „Umstellung der üblichen, regelmäßigen Wortfolge“ (vgl. Sachwörterbuch der Literatur, S. 418). Die Inversion ist eine Wortfigur und wird auch als Umstellung oder Versetzung bezeichnet.

Die Diskussion, ob es sich bei der Inversion um einen Fehler oder aber um eine rhetorische Figur handelt, hielt lange Zeit an. Aristoteles erachtet sie als Stilfigur (vgl. Arist. Poet. 1458 b, 31ff). Betrachtet man die Inversion, so stellt sich auch die Frage, was ein „normaler“ Sprachgebrauch ist, denn alles was davon abweicht, ist entweder ein Fehler oder eine rhetorische Figur.
Nach Aristoteles haben sich auch unter anderem Quintilian, der Auctor ad Herennium und Cicero mit der Inversion beschäftigt, wenn auch oft in anderen Zusammenhängen. So bedeutet die Inversion für Cicero eine Untergruppe der Ironie (vgl. Cic., de or. II, 65, 262). Und auch Quintilian reiht die Inversion zur Allegorie und Ironie ein.
Im HWRh sind die verschiedenen Arten von der Inversion erwähnt, so die Hauptinversion (Umstellung des Prädikats), die Nebeninversion (Umstellung der anderen Satzglieder) und die syntaktische Inversion – diese dient dem Reim (vgl. HWRh Bd. 4, Sp. 588). Ein Beispiel:
„vor ein paar tagen ging ich in den zoo / die sonne schien, mir war ums herz so froh/ […]“
(Georg Danzer)
Würde in dieser Liedzeile keine Inversion angewendet, wäre der Reim von „froh“ auf „zoo“ nicht mehr gegeben.
In diversen Nachschlagewerken wird als Beispiel das sogenannte „Kaufmanns-Ich“ erwähnt. Im HWRh wird es als „Kaufmannsinversion“ betitelt (vgl. Bd. 4, Sp. 591) und als Beispiel angeführt: „ ‚[…] Wir senden Ihnen die versprochenen Unterlagen und erlauben wir uns, […]“. Dieser Schreibstil ist veraltet, kommt jedoch im österreichischen Sprachgebrauch auch heutzutage noch häufiger vor.
Gero von Wilpert erwähnt eine Besonderheit: „Da das Dt[eutsche] kein festes Wortstellungsschema hat, die Reihenfolge vom Gewicht abhängt, das man den Redeteilen zuerkennt, ist die Anwendung der B[ezeichnung] I[nversion] im D[eutschen] umstritten, das Faktum aber sehr viel häufiger und weniger ungewöhnlich als in anderen Sprachen.“ (Sachwörterbuch der Literatur, S. 418)
Die Inversion dient nicht (bzw. wenn, nur in den seltensten Fällen) der Verkürzung und der Sprachökonomie. Sie intensiviert die Sprachmelodie und erzeugt beim Leser / Hörer eine erhöhte Aufmerksamkeit. In der Lyrik ist die Inversion von besonderer Bedeutung, doch darüber hinaus „[…] handelt es sich also um eine lokal begrenzte Figur mit relativ geringer rhetorischer Potenz […]“ (HWRh, Bd. 4, Sp. 589).
In der Werbung kommt die Inversion sehr selten vor. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Werbesprache stets auf Klarheit und Kürze bedacht ist. Die Inversion bietet diese Eigenschaften wohl in sehr wenigen Fällen. Dagegen ist die Inversion für alle Formen der Lyrik charakteristisch. Ihre Wirkung besteht darin, dass die Wörter eine größere Intensität und Poesie erhalten.
„Ein Zeichen sind wir, deutungslos. / Schmerzlos sind wir und haben fast die Sprache in der Fremde verloren.“ (Friedrich Hölderlin)

Diese Zeile könnte ohne Umstellung heißen: Wir sind ein deutungsloses Zeichen. Wir sind schmerzlos und haben fast die Sprache in der Fremde verloren. Mit der normalen Satzbauweise geht erkennbar poetisches Potenzial verloren.

„Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung.“ (aus „Messias, I“ von Friedrich G. Klopstock)

Neben die Umstellung tritt eine Sperrung durch die beiden Wörter „unsterbliche Seele“ hinzu.

„Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind / Er hält in den Armen das ächzende Kind / Erreicht den Hof mit Müh und Not; / In seinen Armen das Kind war tot.“

In der letzten Strophe aus J.W. v. Goethes „Der Erlkönig“ gibt es eine Inversion in der letzten Zeile. Die Umstellung findet statt, um den Reim sicher zu stellen, würde die Zeile syntaktisch richtig formuliert sein: Das Kind war tot in seinen Armen, wäre ein Reim auf „Not“ nicht mehr gegeben.

Monika Berghuber

Literatur:

H. Rehbock: Inversion, in: HWRh Bd. 4. Tübingen 1998, Sp. 587-592.

Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 1989.


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