Rhetorische Frage

(griechisch: erótesis, erótema; lateinisch: interrogatio)

Eine rhetorische Frage ist eine Frage, auf die keine Antwort erwartet wird, weil sie bereits die Antwort impliziert bzw. wird diese als bekannt angenommen. Die Antwort bildet sich im Kopf des Adressaten. Als antike Meister der rhetorischen Fragen gelten Demosthenes und Cicero. Quintilian zählt sie später zu den Gedankenfiguren. Dem HWRh zufolge zählen sie zu den Wortfiguren. Die Zuordnung kann nicht genau bestimmt werden, da die rhetorische Frage Elemente sowohl der Gedanken-, als auch der Wortfiguren besitzt. Kolmer/Rob-Santer ordnen sie den Satzfiguren zu, da sie zu den Bereichen Kontaktaufnahme, Rede und Gespräch gehöre (vgl. Kolmer/Rob-Santer, 55). „Die mittelalterliche Poetik rechnet die rhetorische Frage als Wortfigur zu den Mitteln des „einfachen Schmucks“ (HWRh, Bd. 3, Sp. 453).

Die rhetorische Frage wird auch heute noch sehr oft und etwa in alltäglichen Gesprächen unbewusst verwendet. In nahezu jedem längeren Gespräch werden rhetorische Fragen verwendet, da sie eine stark suggestive Wirkung besitzen („Willst du das denn nicht auch?“). Sie werden verwendet als Entscheidungsfragen, als Ergänzungsfragen, zur Verdeutlichung des Gesagten/Geschriebenen, um Nachdruck zu verleihen, um „in die Enge zu treiben“, um die Verständlichkeit zu erhöhen, um Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit, Hass, Abscheu und Selbstmitleid auszudrücken, um aufzufordern oder um zu überzeugen. „Wegen des dialogisch-affektiven Charakters wird sie als „Appellfigur“ in den verschiedenen Rede- und Literaturgattungen wie auch in der Alltagssprache verwendet, um mit dem Hörer/Leser eine (meist fiktive) Kommunikation mit dem Ziel emotionaler Beeinflussung herzustellen“ (HWRh, Bd. 3, Sp. 453). Vor allem typische Vertretergespräche beginnen mit Fragen, die Zustimmung bewirken: „Sind Sie es nicht auch leid, so hohe Versicherungsbeiträge zu bezahlen?“. Sie kann auch dazu dienen, einen Vorwurf auszudrücken, wie in dem Beispiel: „Ja bin ich denn dein Dienstmädchen?“. Die Frage impliziert zugleich die Aufforderung: Mach das doch gefälligst selbst!

Die rhetorische Frage ist ein affektives Stilmittel, das Eindringlichkeit vermittelt. Ihre Funktion umfasst zum Teil den Ausdruck von Ungeduld, Unwillen, Beleidigung, Verwunderung / Ungläubigkeit / Staunen und Nachdrücklichkeit, aber ebenso von Zustimmung, Überzeugung und Überredung. Die rhetorische Frage kann sowohl negative, als auch positive Emotionen hervorrufen (vgl. Kolmer/Rob-Santer, 87).

Beispiele:

„Wer war’s, der ihm den Fluch gab? Wer war’s, der seinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung?“

Dieses Beispiel stammt aus „Die Räuber“ von Schiller. In der Literatur sind rhetorische Fragen sehr beliebt, denn sie erzeugen Spannung und erzielen eine höhere emotionale Beeinflussung. Die Kraft der Aussagen würde in Form einer direkten Beschuldigung verloren gehen.

„Möchten sie für Ihr Baby günstige Kleidung – oder gesunde?“

Diese rhetorische Frage könnte aus der Werbung oder auch von einem Verkäufer stammen. Sie suggeriert Zustimmung, appelliert an das Gewissen und lässt den Rezipienten an Werte erinnern, an die er sich als „guter Elternteil“ halten sollte.

„Hab ich’s dir nicht gesagt?“

Diese oder ähnliche rhetorischen Fragen sind im Alltag sehr beliebt. Sie drücken Überlegenheit aus. „Ich habe Recht und du hast Unrecht“. Solche Fragen werden nicht gerne gehört, da sich das Gegenüber eingestehen muss, etwas Falsches geglaubt oder falsch gehandelt zu haben.

„Wollen Sie in Form kommen, ohne nicht wieder ins Fitnessstudio zu müssen“

Sogenannte „Home-shopping-Sendungen“ bestehen praktisch nur aus rhetorischen Fragen. So fangen sie den Zuschauer und erhalten gleich deren Zustimmung. Anders als bei dem ersten Beispiel werden hier beim Adressaten positive Gedanken aktiviert und es wird nicht gleich an das schlechte Gewissen appelliert.

Barbara Schnitzer

Literatur:

J. Meibauer: Rhetorische Fragen. Tübingen 1976.

L. Kolmer/C. Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002.

Rhetorische Figuren. So steuern Sie Ihr Publikum in Ihre Richtung – mit der rhetorischen Frage: www.vnr.de/vnr/werbungkommunikaiton/rhetorik/praxistipp_13305.html (25.05.2008).

K. Schöpsdau: Frage, rhetorische. In: G. Ueding (Hg.) : Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 3. Tübingen 1996. Sp. 445-454.

J. Schwitalla: Textliche und kommunikative Funktionen rhetorischer Fragen. In: ZGL 12, 131-155. 1984.