Leitfragen zur Rhetorischen Textanalyse

Heike Mayer, Verena Ecker, Christiana Leitner, Georg Obermaier, Jessica Pachlatko, Philipp Pum und Julia Riedler

Inhaltsübersicht

    1. Vorbemerkung
    2. Analyse der rhetorischen Situation
    3. Aspekte der Themen- / Inhaltsanalyse
    4. Argumentationsanalyse
      1. Die Toposanalyse der klassischen Rhetorik
      2. Moderne Argumentationsanalyse: Analyse und Bewertung von Argumentationen nach Anne Thomson
      3. Moderne Argumentationsanalyse: Leitfragen nach Klaus Bayer
    5. Aspekte der Sprach- und Stilanalyse
      1. Politische Sprache / Propagandasprache
      2. Rhetorische Figuren
    6. Aspekte der Analyse der Gefühlslenkung
    7. Textbeispiel: Analyse der Rede von Barack Obama nach seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten am 5.11.2008 (von Julia Riedler)

1. Vorbemerkung

Die Rhetorische Analyse ist zweifellos eines der fruchtbarsten Anwendungsfelder der Rhetorik.
Bedingt durch die technische Entwicklung (Internet) nimmt die Zahl archivierter und aktuell verfügbarer Redetexte (und Redeauftritte) stetig zu. In der Folge gibt es heute eine nie dagewesene Fülle an Rede-Analysen, zu deren Vielfalt traditionelle journalistische Formen, aber auch neuartige Kommunikationsformen wie Livestream, Podcast oder Blog entscheidend beitragen. Thematisiert, analysiert und kommentiert werden die Videobotschaften von Osama bin Laden ebenso wie die wöchentlichen Ansprachen der deutschen Bundeskanzlerin im Internet. Thematisiert werden nicht nur „Reden“ an sich, sondern Redeauftritte oder Redeereignisse (wie etwa die umstrittene Vorlesung, die der Papst 2006 an der Universität Regensburg hielt oder der Auftritt Barack Obamas in Berlin im Sommer 2008, der  200 000 Zuhörer anlockte) sowie Rednerpersonen, deren rhetorisches Gebaren von Interesse ist (wie bei dem bereits erwähnten Terrorführer Osama bin Laden oder bei dem sogenannten „Rechtspopulisten“ Christoph Blocher). Das Interesse kann sich aber auch auf die Argumentation oder den Diskurs zu einem aktuellen, umstrittenen Thema beziehen (etwa Sterbehilfe, Gentechnik), auf eine bestimmte Redegattung, eine Epoche oder eine bestimmte rhetorische Kultur. Kurz: Der Textform „Rhetorische Analyse“ sind – was Zahl und Gegenstand betrifft – kaum Grenzen gesetzt.

Doch wie funktioniert eigentlich eine Rhetorische Analyse? Auf der Suche nach einer fundierten Antwort zeigt sich, dass zwar zahlreiche rhetorische Analysen existieren, hingegen zu Theorie, Methodik oder fachgerechter Durchführung einer Rhetorischen Analyse in der Fachliteratur nur wenig zu finden ist. Soweit überhaupt existent, haben die vorhandenen Ansätze Patina angesetzt (z.B. Geissner 1976) oder aber sie beziehen sich nur auf bestimmte Teilbereiche der Analyse, etwa rhetorische Figuren (z.B. Plett 2001)  oder Argumentation (z.B. Klein 1993).  In Standardwerken zur wissenschaftlichen Textanalyse, die das breite Spektrum vorhandener Analyse-Methoden detailliert nebeneinander stellen (Titscher 1998), ist „Rhetorische Analyse“ als Begriff oder Konzept überhaupt nicht zu finden. Hier offenbart sich ein gravierendes Versäumnis der (deutschsprachigen) Rhetorikforschung.

Mit diesem Desiderat, einer „Methodik rhetorischer Text-Analyse“, ist der zukünftigen Rhetorikforschung (nicht nur) in Salzburg also Gelegenheit zur Entfaltung und Profilierung gegeben. Um interessierten Lesern einen ersten Hinweis in dieser Richtung zu geben, haben sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Salzburger Zertifikats-Programm Rhetorik die folgende Hilfestellung zur Analyse verfasst. Über Sinn und Zweck dieser Hilfestellung sei vorab klargestellt:

  • Es geht an dieser Stelle nicht um die Darlegung einer in Einzelheiten ausgearbeiteten Methode, sondern um eine erste Orientierung und Grundlegung.

  • Diese Grundlegung zielt nicht auf eine umfassende rhetorische Analyse, sondern konzentriert sich auf die rhetorische Textanalyse. Sie ist gedacht als Hilfestellung für ein methodisch reflektiertes Vorgehen, das die Grundlage für eine weitergehende (zum Beispiel nonverbale und paraverbale Komponenten des Redeauftritts berücksichtigende) rhetorische Analyse bildet.
  • Es geht nicht um eine Anleitung, wie eine Textanalyse Schritt für Schritt zu erfolgen hätte. Jede (gute, interessante) Rede ist einzigartig, ein Unikat, für deren Erschließung ein individueller Zugang gefunden werden muss. Daher kann es kein allgemeines Analyse-Schema mit einer vorgeschriebenen Reihenfolge geben.
  • Es soll eine erste Übersicht darüber gegeben werden, welche Dimensionen und ausgewählte Aspekte eine rhetorische Text-Analyse haben kann (etwa Situationsanalyse, Publikumsanalyse, Inhaltsanalyse, Strukturanalyse, Argumentationsanalyse, Sprach- und Stilanalyse). Die Leitfragen sind als Anregung gedacht, wie man sich den verschiedenen Aspekten annähern kann. Sie sind im jeweiligen konkreten Fall anzupassen, zu variieren, zu ergänzen.

Im Hintergrund gegenwärtig bleibt bei der rhetorischen Analyse stets die aus der antiken Rhetorik stammende Differenzierung der Überzeugungsmittel nach Ethos (Person des Redners) – Logos (Redetext) – Pathos (Publikum). Die zentralen Aufgaben einer Textanalyse lassen sich mit den Teilschritten „Reflektieren – Kontextualisieren – Analysieren – Fokussieren – Schlussfolgern“ beschreiben. Im inneren Kern besteht die rhetorische Analysearbeit darin zu erkunden, welche Wirkungsabsicht bzw. -funktion den zuvor ermittelten und beschriebenen rhetorischen Mitteln hinsichtlich des Redeziels zugewiesen werden kann, sowie darin, die Funktionalität bzw. Dysfunktionalität zu beurteilen und Erfolg oder Misslingen zu erläutern und zu begründen. Das Fokussieren (das darin besteht, bestimmte Text-Dimensionen in den Vordergrund, andere in den Hintergrund zu setzen) sowie das Schlussfolgern ist dabei letztlich ein subjektiver, eigenschöpferischer Prozess, der gleichwohl methodisch reflektierbar und argumentativ abzusichern ist.

Reflektieren

Bestimmen des Untersuchungsgegenstands; Rahmen abstecken
Rechenschaft geben über Erkenntnisinteresse; Formulieren einer Fragestellung

Kontextualisieren

Charakterisieren der vorliegenden Dokumentationsform (mündlich, schriftlich, medial)
Bestimmen der Textgattung (Strukturgesetze, Traditionen, individuelle Ausprägung)
Situationsbeschreibung (Rhetorische Situation; Institutioneller Rahmen; Publikations-/Auftrittsort; mediale Darstellungseffekte)
Kontextbeschreibung (historischer / gesellschaftlicher / kultureller Hintergrund)
Redner-Publikum-Beziehung

Beschreiben und Analysieren

Textinhalt (z.B. Thema bestimmen, Kernaussagen, Schlüsselwörter, Wertsystem, Gewichtung
der Aussagen, Explizieren impliziter Aussagen; zwischen den Zeilen lesen);
Strukturprinzipien, Textverlauf, Textverknüpfung; Entfaltung des Themas, Textfunktionen
Argumentation (Argumentationsmuster, -formen, Topoi), Gedankenführung, Urteilslenkung
Sprache und Stil (sprachliche Charakteristika, Stilebene, Stilmittel, Rhetorische Figuren)
Persönliche Selbstdarstellung
Mittel der Gefühlslenkung;
Kalkulierte / Tatsächliche Publikumsreaktionen

Fokussieren

Die erarbeiteten Charakteristika als Wirkungsfaktoren qualifizieren, akzentuieren und in einen Funktions- und Begründungszusammenhang mit dominierenden rhetorischen Textstrategien bringen (Ethos – Pathos – Logos).

Schlussfolgern

Ergebnisse zusammenfassen, vergleichen, interpretieren, kommentieren, bewerten

 

Zur exmplarischen Verdeutlichung, wie sich die Leitfragen in eine praktische Analyse umsetzen lassen, folgt abschließend die rhetorische Textanalyse einer Rede, die der US-amerikanische Präsident Barack Obama nach seinem Wahlsieg am 5.11.2008 in Chicago gehalten hat.

 Literatur

Geissner, Hellmut (1976): Rhetorische Analytik, in: ders.: Rhetorik. 3. Auflage. München. S. 101-104

Plett, Heinrich F (2001).: Einführung in die rhetorische Textanalyse. 9 Auflage. Hamburg

Klein, Josef (1993): Ein 3-Ebenen-Modell zur vergleichenden Analyse argumentativer Texte. Dargestellt im Netz-Diagramm-Format und exemplifiziert an Zeitungskommentaren, in: Sandig, Barbara / Püschel, Udo: Stilistik Bd. 3: Argumentationsstile. Hildesheim

Titscher, Stefan u.a.(1998): Methoden der Textanalyse. Leitfaden und Überblick. Opladen und Wiesbaden

2. Analyse der Rhetorischen Situation

Zum tieferen Verständnis einer Rede kann es entscheidend sein, die Situation, aus der die Rede entstanden und in der sie gehalten wurde, zu berücksichtigen. Die Rhetorikforschung hat sich deshalb darum bemüht, diese Umstände wissenschaftlich zu erfassen und zu beschreiben. Ein Aufsatz von Lloyd Bitzer aus den 60er Jahren hat dabei wegweisend gewirkt. (Bitzer 1968)

Bitzer definiert die „rhetorische Situation“ als ein komplexes Gebilde aus Personen, Ereignissen, Objekten und Beziehungen, in dem sich ein aktuelles oder potenzielles Problem  spiegelt, das diskursiv gelöst werden kann. Bitzer spricht dabei im Englischen von „exigence“ – was wörtlich übersetzt soviel heißt wie „Notlage“  – und erläutert: Gemeint ist eine Sache, die anders ist, als sie sein sollte. Nicht jede Problematik ist rhetorischer Natur. Sie ist nur dann konstitutiv für eine rhetorische Situation, wenn durch Argumentation eine Veränderung des Denkens oder Handelns bewirkt und so eine Änderung herbeigeführt werden kann (weshalb unbeeinflussbare Dinge wie Sturmflut, Schicksal oder  Tod nicht zu den hier gemeinten „Notlagen“ zählen).

Neben exigence prägen laut Bitzer zwei weitere Konstituenten eine rhetorische Situation, nämlich das Publikum („audience“) sowie bestimmte Beschränkungen oder Bedingungen („constraints“). Zum einen: Nicht jede Ansammlung von Individuen bildet ein rhetorisches Publikum, dies hat vielmehr einige Voraussetzungen zu erfüllen: Es muss ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, Interesse bzw. Betroffenheit in Bezug auf die Problematik bekunden; es muss für Argumente offen sein; und es muss als „mediator of change“ fungieren können, also als Vermittler der (angestrebten) Veränderung. Zum anderen unterliegen Menschen, wenn sie Diskurse bestreiten, gewissen Bedingungen wie Traditionen, Glaubenssätzen, Werten, Autoritäten, sozialen Faktoren und so weiter.

Bitzers Konzept ist viel diskutiert und kritisiert worden, insbesondere die von ihm angenommene  Realität bzw. Objektivität der rhetorischen Situation im Sinne beobachtbarer historischer Fakten. Kritiker haben dagegen eingewendet, dass die beteiligten Personen nicht nur auf eine objekiv gegebene Situation reagieren, sondern diese vielfach erst kreieren und definieren. Ungeachtet der Diskussionswürdigkeit dieses theoretischen Ansatzes bleibt festzuhalten, dass es bei einer rhetorischen Textanalyse zu den ersten und vornehmlichsten Aufgaben gehört, sich dem Text anzunähern, indem man die (äußere) Situation der Rede rekonstruiert.

Leitfragen zur Rhetorischen Situation

Grundlegende Frage nach der Entstehung der rhetorischen Situation

  • Stößt die Rede einen gesellschaftlichen Diskurs an und setzt diesen in Gang oder ist die Rede ein Beitrag zu einem bereits laufenden Diskurs?

 Rahmenbedingungen:

  • Wo, wann und aus welchem Anlass wurde die Rede gehalten?
  • Wie ist die unmittelbare Redesituation beschaffen (Face-to-Face-Situation, sekundärmedial, tertiärmedial?)
  • Bei medial vermittelter Redesituation: Welche medienwirksamen Faktoren spielen eine Rolle (schriftlich, visuell, auditiv, audiovisuell, interaktiv …)
  • Auf welche technische Ausstattung und Hilfmittel greift der Redner zurück (Rednerpult, Mikrofon, Projektor …)
  • Welche technischen Darstellungseffekte sind wahrnehmbar (Kameraperspektive, Schnitt, Kommentare …)?

Räumlichkeit und Setting:

  • Geschlossener Raum oder freier Himmel? Auswirkungen?
  • Welche Elemente prägen die (Raum-)Atmosphäre?
  • Verhältnis von Raumgröße und Zuschauerzahl
  • Tageszeit?

 Person des Redners:

  • Mittel der Selbstdarstellung?
  • Äußeres Erscheinungsbild?
  • Kleidung?
  • Bewegung?
  • Auffälligkeiten beim Sprechverhalten?
  • Was strahlt der Redner aus?
  • Stellt der Redner eine emotionale Beziehung zum Publikum her?

Publikum und Redeverlauf:

  • Beschreibung des anwesenden Publikums?
  • Wie und wo ist das Publikum platziert?
  • Beziehung zum Redner?
  • Redeverlauf?
  • Wie (wodurch) wirkt der Redner auf das Publikum?
  • Publikumsverhalten und -reaktionen?
  • Was passiert nach dem Ende der Rede?
  • Stimmen anwesendes und anvisiertes Publikum überein? Mehrfachadressierung?
  • usw.

Literatur

Bitzer, Lloyd (1968): The Rhetorical Situation, in: Philosophy and Rhetoric 1, S.1-14.

Jasinski, James (2001): Rhetorical Situation, in Thomas Sloane (Hg.): Encyclopedia of Rhetoric. New York. Seite 694-697.

 3. Aspekte der Inhalts- / Themenanalyse

3.1. Grundformen thematischer Entfaltung

 Die thematische Entfaltung analysiert die gedankliche und sprachliche Entwicklung eines Themas. Laut Brinker (2005: 65-87) sind die vier wichtigsten Grundformen thematischer Entfaltung die deskriptive (berichtende, beschreibende), die narrative (erzählende), die explikative (erklärende) sowie die argumentative (begründende).

3.1.1. Die deskriptive Themenentfaltung – berichten, beschreiben

Bei der deskriptiven Themenentfaltung wird ein Thema in unterschiedliche Teile aufgegliedert (= Spezifizierung) sowie in Raum und Zeit eingeordnet (= Situierung).

Die deskriptive Themenentfaltung kommt in drei verschiedenen Ausprägungen vor:

  • Einmaliger Vorgang, historisches Ereignis
  • Regelhafter Vorgang
  • Lebewesen, Gegenstand

Charakteristisch für diese Entfaltung sind informative (z.B Bericht), instruktive (z.B. Bedienungsanleitung), normative (z.B Vertrag) und appellative Texte (z.B. politischer Kommentar). Appellative Texte werden häufig mit der argumentativen Themenentfaltung verbunden.

3.1.2. Die narrative Themenentfaltung – erzählen

Bei der narrativen Themenentfaltung werden vergangene Ereignisse mitgeteilt. Es wird von drei thematischen Grundkategorien ausgegangen:

  • Situierung: Thematische Definition (Ort, Zeit, Personen,…)
  • Repräsentation: Ereignisse, die sich aus einer oder mehreren Ereignisphasen zusammensetzen, werden dargestellt.
  • Resümee: Zusammenfassende Einschätzung vom Gegenwartszeitpunkt aus, übergeordnete Reflexionsebene

3.1.3. Die explikative Themenentfaltung – erklären

Bei der explikativen Themenentfaltung wird ein Sachverhalt durch die logische Ableitung aus anderen Sachverhalten erklärt.

Die explikative Themenentfaltung verbindet sich oft mit der deskriptiven, denn ihr Ziel ist eine Erweiterung des Wissens. Es ist ebenso möglich, sie in das komplexe Verfahren des Argumentierens mit aufzunehmen.

3.1.4. Die argumentative Themenentfaltung – begründen

Bei der argumentativen Themenentfaltung geht es um die Begründung einer strittigen These durch Argumente, die zu einer Schlussfolgerung führt.

Die argumentative Themenentfaltung wird in normativen Texten (z.B Gerichtsentscheidungen) sowie in bestimmten informativen Texten (z.B Rezensionen, wiss. Abhandlungen) verwendet.

Leitfragen zur Themenentfaltung

Was ist das Thema der Rede?

Gibt es im Text ein oder mehrere Themen?

Häufig werden mehrere Themenentfaltungen in einem Text miteinander verbunden.

Wie verhalten sich die verschiedenen Themen zueinander?

Gibt es ein Hauptthema mit Nebenthemen?

Gibt es mehrere Hauptthemen?

Gibt es ein Thema mit mehreren Facetten (beinhaltet mehrere)?

Wie wird das Thema / werden die Themen entfaltet (deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ) ?

Geht das Thema über diese vier Entfaltungsmöglichkeiten hinaus?

 

3.2. Textuelle Grundfunktionen

Laut Brinker (2005: 107) werden Texte durch dominante Funktionen bestimmt. Diese Funktionen bezeichnet der Autor als Textfunktionen. Brinker (2005: 113-130) unterscheidet fünf textuelle Grundfunktionen:

1. Informationsfunktion

2. Appellfunktion

3. Obligationsfunktion

4. Kontaktfunktion

5. Deklarationsfunktion

ad 1. Informationsfunktion

„Ich […] informiere dich […] über den Sachverhalt X […].“ (Brinker 2005: 113)

Der Sender will den Rezipienten über einen bestimmten Sachverhalt informieren. Er hat die Möglichkeit, den Sicherheitsgrad bzw. den Wahrscheinlichkeitswert der Nachricht auf vielfältige Weise (z.B Quellenangaben, Modalverben Modalwörter) zu verdeutlichen. Die Informationsfunktion kommt in den Textsorten Nachricht, Bericht und Beschreibung zur Geltung. Sie kann sich auch mit der evaluativen Einstellung (etwas gut/schlecht finden) vereinigen. In diesem Fall gibt der Emittent dem Rezipienten eine Bewertung eines Sachverhalts kund ohne ihn in seiner Haltung oder Handlung beeinflussen zu wollen (vgl. Gutachten, Rezension, Leserbrief).

Die informative Textfunktion ist daher sowohl sachbetont als auch meinungsbetont möglich. Ob eine wertende Aussage neben ihrer informativen Textfunktion auch eine appellative hat, ergibt sich aus der jeweiligen Textsorte sowie aus dem Kontext.

ad 2. Appellfunktion

„Ich […] fordere dich […] auf, die Einstellung […] X zu übernehmen/die Handlung X zu vollziehen.“ (Brinker 2005: 117)

Der Emittent will den Rezipienten dazu bewegen, eine gewisse Einstellung einzunehmen bzw. eine bestimmte Handlung zu vollbringen. Textsorten mit appellativer Grundfunktion sind Werbeanzeige, Propagandatext, Kommentar, Arbeitsanleitung, Gebrauchsanweisung, Rezept, Gesetzestext, Antrag etc.

Es ist möglich, dass die appellative Textfunktion direkt mit bestimmten Verben (z.B auffordern, befehlen, bitten…) ausgedrückt wird, dies ist jedoch nur selten der Fall. Die häufigsten grammatischen Indikatoren sind Imperativsatz, Infinitivkonstruktion, Interrogativsatz und Satzmuster mit sollen oder müssen + Infinitiv, haben + zu + Infinitiv, sein + zu + Infinitiv u.a.

ad 3. Obligationsfunktion

„Ich […] verpflichte mich […], die Handlung X zu tun.“ (Brinker 2005: 126)

Der Sender gibt dem Rezipienten zu verstehen, dass er sich ihm gegenüber dazu verpflichtet eine bestimmte Handlung zu vollziehen. Textsorten mit Obligationsfunktion sind Vertrag, Vereinbarung, Garantieschein etc.

In der Regel sind solche Texte stark institutionalisiert. Aus diesem Grund sind sie meistens durch eine direkte Signalisierung der Textfunktion gekennzeichnet (explizite Verben wie z.B. versprechen, sich verpflichten). Wenn keine Obligationssignale vorhanden sind, dann ergibt sich die Funktion aus dem thematischen Zusammenhang, aus anderen innertextlichen Merkmalen (z.B Überschrift: Vertrag) oder dem Handlungs- bzw. Situationskontext.

ad 4. Kontaktfunktion

„Über die Glückwünsche haben wir uns sehr gefreut […].“ (Brinker 2005: 127)

Der Sender zeigt dem Empfänger, dass es ihm um die personale Beziehung zu ihm geht. Die Kontaktfunktion ist charakteristisch für sog. Partizipationstexte, in denen der Sender seine Anteilnahme (Mitfreude, Mittrauer,…) ausdrückt. Typische Textsorten sind Gratulations- und Kondolenzbriefe. Auch die Ansichtskarte sowie andere Formen des Kontaktbriefs (z.B. Liebesbrief) weisen eine kontaktspezifische Textfunktion auf.

Die kontaktspezifische Funktion wird durch bestimmte Verben wie beispielsweise danken, um Entschuldigung bitten, gratulieren, sich beschweren etc. signalisiert. Meistens sind Kontakttexte an feste gesellschaftliche Anlässe geknüpft. Entscheidend dabei ist nicht die Gefühlsäußerung an sich, sondern die Erfüllung einer sozialen Erwartung.

ad 5. Die Deklarationsfunktion

„Ich […] bewirke hiermit, dass X als Y gilt.“ (Brinker 2005: 129)

Der Sender zeigt dem Empfänger, dass der Text eine neue Realität schafft, dass die Äußerung des Textes die Einführung eines bestimmten Faktums bedeutet. Textsorten sind Ernennungsurkunde, Testament, Bevollmächtigung etc.

Diese Textfunktion wird fast immer direkt durch feste, explizite Formeln (z.B. Herr X wird zum Wissenschaftlichen Rat ernannt) ausgedrückt. Neben dieser sprachlichen Form sind es vor allem auch signifikante Textüberschriften (z.B. Testament, Urkunde), die auf die Deklarationsfunktion verweisen.

 Leitfragen zu textuellen Grundfunktionen

Gibt es im Text eine oder mehrere Grundfunktionen (nach Brinker)?

Wie verhalten sich diese verschiedenen Funktionen zueinander?

Gibt es eine Hauptfunktion mit Nebenfunktionen?

Gibt es mehrere Hauptfunktionen?

Welche Funktion(en) bestimmt / bestimmen den Text (Informationsfunktion, Appellfunktion,  Obligationsfunktion, Kontaktfunktion, Deklarationsfunktion)?

Literatur

Brinker, Klaus (2005): Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin

 4. Argumentationsanalyse

4.1. Die Toposanalyse der klassischen Rhetorik

 Die Idee der Topik

Die Topik stellt ein eigenes System von Suchkategorien dar. Auf der einen Seite können damit die Argumente eines fremden Textes extrahiert und kategorisiert werden, andererseits ist sie ein sehr nützliches Mittel zum Auffinden von Argumenten für einen eigenen Text.

Dass die Topik zum Finden eigener Argumente geeignet ist, steht außer Frage, doch auch beim Analysieren von Texten weist sie einige Vorteile (und Nachteile) gegenüber anderen Verfahren auf. Der bedeutendste Vorteil mag darin bestehen, dass man beim Analysieren der Herkunft der Argumente – wie es die Topik mit sich bringt (siehe unten „Das Raster der Topik“) – auch gleichzeitig die Intention des Verfassers erkennen kann. Denn es wird deutlich, dass durch das gezielte Einsetzen bestimmter Topoi eine bewusste Fokussierung auf eine Haupt-Aussage möglich wird. Verwendet man dagegen viele verschiedene Topoi, wirken das Themenspektrum breit gefächert und die Argumentationsstränge abwechslungsreich, vielleicht gar allumfassend. Wenn man nur ganz wenige Topoi aufgreift und vielmehr verschiedene Argumente aus denselben Orten schöpft, kann man den Text also sehr gut in eine bestimmte Richtung lenken.

Ein Nachteil der Topos-Analyse besteht dagegen darin, dass (anders als bei modernen Methoden der Argumentationsanalyse, etwa bei A. Thomson oder K. Bayer, siehe dazu unten Punkt 3.2.) keine Möglichkeit eröffnet wird, sich mit der Qualität den einzelnen Argumente kritisch auseinanderzusetzen.

Das Raster der Topik

Das griechische Wort „topos“ und das ebenso verwendete lateinische Wort „locus“ bedeuten Ort oder Stelle. Diese Loci oder eben Topoi – wie man sie im Plural bezeichnet – bilden das Raster der Analyse. Sie sind Fundstätten für den Redner, der seine Argumente aus ihnen herleiten kann. So liefern die Topoi im ersten Moment keine inhaltlichen Argumente, verweisen uns allerdings auf die Stellen, wo solche gefunden werden können. Aus einem Topos lassen sich unterschiedliche und mehrere, teils vielleicht sogar widersprüchliche, Argumente ziehen, die unterschiedlich verwendet und aufgegriffen werden können.

Man unterscheidet primär zwischen loci a persona und loci a re. Diese beiden Kategorien beinhalten unterschiedliche Subklassen, das heißt bestimmte Kategorien, aus denen verschiedene Gesichtspunkte geschöpft werden können. Alle Subklassen, die sich aus der Person, von der jeweils gehandelt werden soll, ergeben, gehören der Kategorie loci a persona an, während die Fundstätten für Argumente, die von der Sache selbst abhängen, zu den loci a re gezählt werden. Bei einer rhetorischen Textanalyse werden Argumente, aber auch einzelne Textpassagen, Sätze oder Wortgruppen einem Topos oder mehreren Topoi zugeordnet.

Man braucht sich nur an wenige Leitfragen halten, um mit diesem System der Topik umgehen zu können. Die erste, grundlegende Frage lautet

Ergibt sich das vorliegende Argument aus der Person oder der Sache?

Ist das Beispielargument den loci a persona zuzuordnen, kann weiter nach den Details gefragt werden:

Wird auf folgende Gesichtspunkte eingegangen?

1. Geschlecht (genus)

Textpassagen können im Sinne des locus genus sowohl dem Topos der Familienzugehörigkeit, als auch dem Gender zugeordnet werden.

Gert Ueding erklärt in seinem „Grundriss der Rhetorik“ diesen locus mit einem Zitat des Literaturhistorikers Max Komerell, der aus dem Topos Geschlecht schöpft, wenn er schreibt: „Wer nicht kaiserliches Blut hatte oder den drei bis vier großen Familien angehörte, war nicht der Rede wert.“

Würde man nun die Topik nicht nur als Analysemethode, sondern auch zur praktischen Anwendung für die eigene Rede oder den eigenen Text benutzen, könnte man beispielsweise Gründe zu Problemen einer weiblichen Schülerin in Mathematik unter anderem aus diesem Topos schöpfen und argumentieren: „Frauen denken anders.“

2. Vaterland (patria) und Nationalität (natio)

Von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk wird auf weitere Eigenschaften geschlossen bzw. weitere Eigenschaften begründet. Ueding zitiert hier Karl May: „Die Bleichgesichter sind sonderbare Menschen.“ Oder ein gerade heute oft gehörtes, sehr unsachliches Argument: „Türken sind Prolos.“ An diesem Beispiel ist gut erkennbar, dass die praktische Anwendung bestimmter Topoi auch eine gewisse gesellschaftliche Brisanz hat.

3. Alter (aetas)

„Bestimmte Verhaltensweise können unter Umständen altersbedingt sein“ schrieb schon der römische Rhetorikprofessor Quintilian. Ein Beispiel, das in unserem Rhetorikkurs genannt wurde: „Mit dem Alter kommt die Reife.“

4. Soziale Stellung (conditio)

Gert Ueding zitiert an dieser Stelle wieder Quintilian. Dieser schreibt, dass es einen Unterschied macht, wenn jemand „berühmt oder unbekannt, in einem Amt stehend oder privat, Vater oder Sohn, Bürger oder Ausländer, frei oder Sklave, Ehemann oder Junggeselle, kinderreich oder kinderlos ist.“ (Quintilian, V,10,26)

5. Erziehung (educatio), 6. Ausbildung (disciplina) und 7. Beruf (studia)

Erziehung und Ausbildung sind wichtige Faktoren für gewisse Verhaltens- und Denkweisen, darum kann man von diesem Fundort viel ableiten. Wie Clemens Ottmers in seinem Lehrbuch „Rhetorik“ erwähnt, stellen wir uns Harvard-Studenten auf die eine Art vor, junge Menschen, die ihre Lehre abrechen, auf die andere Art. In Uedings „Grundriss der Rhetorik“ findet man dazu das Beispiel von Friedrich Ratzel, der von sich sagt: „Da ich in einer engen Welt aufgewachsen war, war ich den Forderungen des äußeren Lebens in keiner Weise gewachsen. Unter solchen Umständen wird eigner Sinn Eigensinn, eigner Wille Eigenwille, und die Vorurteile schießen viel rascher ins Kraut als die Urteile. Es war ein entschiedener Mangel der Erziehung in unsern kleinen Bürgerkreisen.“

6. Körperbeschaffenheit (habitus corporis)

Wolf Schneider schreibt in der NZZ über Marilyn Monroe: „Bis zu sechs Stunden investierte sie in ihr Make-up, in manches Kleid ließ sie sich einnähen, damit Busen und Gesäß zur Geltung kamen.“

7. Wesensart (animi natura bzw. habitus)

Einige Sätze danach schöpft Schneider aus dem Topos habitus, wenn er über Monroe schreibt: „Gleichzeitig sprach sich herum, dass sie Schlaf-und Aufputschmittel nahm.“

8. Lebensschicksal (fortuna)

Der Zürcher Journalist schreibt weiter: „Die Kindheit unglücklich, den Vater nie gesehen, aufgewachsen bei wechselnden Pflegeeltern und im Waisenhaus; mit 16 ein Selbstmordversuch und Flucht in die erste Ehe.“

9. Neigungen (quid affectet quisque)

In einem 2006 im Spiegel erschienenen Nachruf auf Joachim Fest wird unter anderem mit der Anmerkung „lieber hätte er sich mit der italienischen Renaissance beschäftigt; ein Reisebuch durch Italien, «Im Gegenlicht» (1988), hat er sich immerhin genehmigt“ von seinen Neigungen erzählt.

10. Zitate (orationes)

Zitate können einerseits von der Person selbst kommen oder auch über die Person erstellt worden sein. Im Nachruf wird eingangs Fests Erinnerung an Ulrike Meinhof zitiert: „Wirklich nahe sind wir uns nicht gekommen.“

11. Vorfall (eventus)

„Diese Pflicht zu erfüllen, dazu hatte ihn einst keine geringere als Hannah Arendt aufgefordert.“ So wird im Spiegel-Nachruf aus dem Topos eventus geschöpft, wenn von Fests Auslöser für das Verfassen seiner zahlreichen Bücher über das Dritte Reich die Rede ist.

12. Verdienst (meritus)

Ganz wichtig sind besonders in einem Nachruf die „meriti“, Verdienste, welche die Person geleistet hat. Bei Fest: „Von der trotz einiger Leerstellen großartigen, gedanklich und sprachlich herausragenden «Hitler»-Biografie, seinem in fast alle Weltsprachen übersetzten Opus magnum des Jahres 1973, über wichtige Titel wie «Staatstreich – Der lange Weg zum 20.Juli» (1994), «Der Untergang. Hitler und das Ende des Dritten Reiches» (2002, Vorlage des gleichnamigen Films) bis hin zu den allzu nachsichtigen Büchern über Albert Speer (1995 und 2005)…“

 „Warum, wo, wann, wie und mit welchen Mitteln ist etwas getan worden?“

Das ist laut Quintilian die Fragestellung, mit welcher die Topoi, die sich aus der Sache selbst (loci a re) ergeben, gefunden werden.

1. Topos zur Ursache und Wirkung (loci a causa)

Damit werden direkte Kausalschlüsse für den Zuhörer bzw. Leser offen gelegt. In Uedings „Grundriss der Rhetorik“ wird das Modell von Quintilian beschrieben. Dieser unterscheidet bei den loci a causa zwischen

Psychologischen Ursachen:

Diese sind auf Meinungen, Entscheidungen, jeglichen anderen persönlichen Beweggründen und generell auf menschliches Denken und Handeln zurückzuführen. Ottmers gibt in „Rhetorik“ dazu ein Beispiel: „Wenn ein Politiker seine politischen Vorstellungen nur als Mitglied des Bundestages realisieren kann, dann wird er sich darum bemühen, als Parlamentarier in den Bundestag einzuziehen.“

Physischen Ursachen:

Diese bedienen sich der logischen linear-kausalen Denkstruktur, mit Hilfe welcher wir unsere Umwelt betrachten. Das benutzte Schema ist ganz einfach: Wenn es eine bestimmte Ursache gibt, tritt dann auch eine damit verbundene Wirkung ein. Wieder möchte ich hier Beispiele aus Ottmers Lehrbuch nennen: „Wenn es regnet, wird die Erde nass.“ Das Schema kann man natürlich auch anders anwenden und umdrehen: „Wenn die Weinernte erfolgreich war, dann waren die klimatischen Bedingungen in diesem Jahr sehr gut.“

2. Ort (loci a loco)

Hier lassen sich „Beweise, die sich vom Ort des Geschehens herleiten“ wie Ueding schreibt, finden. So etwa: „In Österreich gibt es eben keinen schönen Fußball.“

3. Zeit (loci a tempore)

In diesen Topos passen Beweise, die mit der Zeit der Sache oder des Geschehens zu tun haben. Bei Quintilian hat dieser Fundort gerade bei Gerichtsreden einen großen Stellungswert. Ein Beispiel dazu lässt sich in einer der berühmt-berüchtigten „Columbo“-Folgen finden, in welcher ein Mörder beim Verhör angab, bei einem Bäcker am Samstag um sieben Uhr eingekauft zu haben. Columbo allerdings fand heraus, dass selbiger am Samstag erst um 07:15 Uhr aufgesperrt hatte.

4. Modus/ Art (loci a modo)

Auch dieser Topos ist meiner Meinung nach für Gerichtsurteile wesentlich. „Wurde die Tat vorsätzlich begangen?“, „Mit welchen Mitteln wurde die Frau erpresst?“, oder „Wie wurde der Mann ermordet?“ sind nur wenige Beispiele hierfür.

5. Möglichkeit (loci a facultate)

Gerade für Ausschließungsverfahren schöpft man wesentlich aus dem Topos Möglichkeit. Ein bestandenes Aufnahmegespräch könnte man folgendermaßen begründen: „Herrn Müller wird nach dem Aufnahmegespräch der Job angeboten, weil die anderen Kandidaten nicht qualifiziert genug waren.“

6. Definition (loci a finitione)

Eine Sache zu definieren kann häufig wesentlich sein, nicht umsonst wird von Lehrern und Professoren geraten eine Problemarbeit mit der Definition des Themas zu beginnen. Sie vermittelt nicht nur um was es geht, sondern auch um was es nicht geht. Darum nennt man diesen Topos oft auch Fundstätte aus Definition und Abgrenzung. In der Definition von Alkohol würden etwa allein die Stichwörter „legal“ und Droge“ genügend Argumentationsstoff schaffen.

7. Ähnlichkeit und Vergleich (loci a simili und loci a comparatione)

Hier können Beweise, die durch die Ähnlichkeit von zwei oder mehreren Sachen entstehen bzw. durch den Vergleich von unterschiedlichen Sachen, gefunden werden. Quintilian äußert sich dazu folgendermaßen: „Eine Vermutungsfrage wird durch die Vergleichung mit Größerem gestützt: Wenn jemand einen Tempelraub begeht, so wird er ja auch einen Diebstahl begehen; mit Kleinerem: Wer leicht und in aller Öffentlichkeit lügt, wird auch einen Meineid schwören; oder mit Gleichem: Wer Geld genommen hat für einen Urteilsspruch, wird es auch für ein falsches Zeugnis nehmen.“

8. Unterstellung (loci a fictione) und Umstände (loci a circumstantia)

Der Topos aus der Unterstellung drückt aus, dass Beweise sich nicht nur aus wirklich geschehenen Sachen, sondern auch von nur Angenommenen ableiten können. Ähnlich verhält es sich bei den loci a circumstantia, die „nach Quintilian dann herangezogen werden, wenn die oben genannte Reihe der loci nicht ausreicht, um individuelle, komplexe und konkrete Einzelfälle in einem ausreichenden Maße zu erfassen“. (Ueding 2005: 251)

Die Fälle, in denen man diese loci verwendet, können oft sehr kompliziert und äußerst strittig sein.

Welche Topoi werden am häufigsten / am wenigsten benutzt?

Wie ich im theoretischen Vorlauf erwähnte, ist auch diese Frage wesentlich für eine Topik-Analyse. Man sollte auf jeden Fall die Gewichtung der Fundorte für Argumente beachten um folgende Frage beantworten zu können:

Kann ich die Intention des Autors mit seiner Gewichtung der unterschiedlichen Topoi im Text erkennen?

Durch den gezielten Einsatz weniger Topoi kann der Text in eine bestimmte Richtung gelenkt werden und die Intention des Autors damit unterstreichen. Gerade bei polemischen Texten oder demagogischen politischen Reden bemüht sich der Rhetor bewusst nicht um eine breit gefächerte Streuung der unterschiedlichen rhetorischen Fundstätten.

Im Allgemeinen legt schon die Wahl der rhetorischen Textgattung die Nutzung bestimmter Topoi nahe. So werden etwa in Lobreden oder Nachrufen gewiss Gesichtspunkte aus meritus, habitus, Neigungen, Beruf, Ausbildung und meist auch eventus gefunden und bei Gerichtsreden werden loci a finitione, a facultate, a modo, a tempore usw. benutzt.

Literatur

Ueding, Gert (2005): Grundriss der Rhetorik. Stuttgart

Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler

Schneider, Wolf (2007): Marilyn Monroe, die naive Laszive. NZZ Folio 3

Der Spiegel 38/ 2006: Nachruf auf Joachim Fest. 1926 bis 2006.

 4.2. Moderne Argumentationsanalyse: Analyse und Bewertung von Argumentationen nach Anne Thomson

 Im folgenden Abschnitt geht es um die Argumentationsanalyse von Texten. Die Überzeugungskraft eines Textes leitet sich nicht unbedingt oder zumindest nicht ausschließlich von der Logik des Gesagten ab. Aus dem Blickwinkel der Rhetorik geht es vor allem um die Plausibilität der Argumente. Als erstes soll das Analysekonzept von Anne Thomson vorgestellt werden (2001). Die Autorin konzentriert sich dabei eher auf die Logik von Argumentationen und schlägt die folgenden elf Schritte vor, die bei der Analyse der Reihe nach abzuarbeiten sind.

1. Wie lautet/lauten die Hauptaussage(n) des Textes und die zur Stützung der Aussage angeführten Gründe?

Zuerst gilt es herauszufinden was die zentrale These/Behauptung/Schlussfolgerung des Autors ist. Dies ist nicht immer einfach – aber die Grundvoraussetzung für die weiteren Schritte. Die Hauptaussage ist das, was der Autor versucht durch Argumente/Gründe zu stützen; d.h. wovon will mich der Autor überzeugen? Die Hauptaussage kann eine vermutete Tatsache sein oder eine Empfehlung. Eine Hilfe für das Erkennen der Hauptaussage bieten manchmal eventuell vorkommende Anzeigewörter wie ‚daher’, ‚also’, ‚somit’, ‚folglich’, ‚muss’, ‚kann nicht’, ‚sollte’, etc. Des weiteren gilt es herauszufinden, auf welche Gründe sich die Hauptaussage stützt.

2. Auf welchen unausgesprochenen Annahmen basiert die Argumentation?

Der zweite Schritt ist das Identifizieren von Annahmen. Annahmen sind die Basis für Gründe und Schlussfolgerungen, werden aber meist nicht explizit erwähnt. Ein Beispiel: ‚Jeder müsste wissen, dass das Risiko eines Unfalls steigt, wenn man alkoholisiert Auto fährt.’ – Annahmen: Es hat eine Informationskampagne zum Thema gegeben; jeder hat die Botschaften der Kampagne verstanden; jeder hat die Richtigkeit der Botschaften erkannt.

Annahmen sind überaus vielfältig. Annahmen dienen nicht nur der Stützung von Gründen – wie gerade gesehen – sondern können auch als zusätzliche Gründe oder als Zwischenfolgerungen fungieren. Ferner geht man in Argumentationen teilweise von einer bestimmten Bedeutung der verwendeten Wörter aus – es existieren also Annahmen über die Bedeutung des Gesagten.

3. Wie sind die vorkommenden Gründe und Annahmen zu bewerten?

Hat man Gründe und Annahmen identifiziert, so gilt es in der Folge, diese zu bewerten. Dies kann sich als durchaus schwierig herausstellen, was klar wird, wenn man das zuvor angeführte Beispiel betrachtet. Wenn man aus eigener Erfahrung keine Aussage über die Wahrheit von Annahmen treffen kann, so ist es notwendig, sich von woanders Informationen zu besorgen. Dabei muss man sich auf andere Autoritäten verlassen – womit wir beim nächsten Schritt angelangt sind.

4. Wie verlässlich sind die genannten Autoritäten, von denen die Argumentation abhängt?

Bei vorgebrachten Gründen wird häufig auf andere ‚Autoritäten’ (Wissenschaftler, Politiker, Zeitungen, etc.) verwiesen. Nun soll man einschätzen, inwiefern diese auch glaubwürdig sind; d.h. sind diese Autoritäten Experten auf dem jeweiligen Gebiet; haben sie den Ruf, unehrlich zu sein oder gibt es vielleicht irgendeinen Grund bzw. ein Motiv, warum sie nicht die Wahrheit gesagt haben könnten; handelt es sich überhaupt um Informationen aus erster Hand?

5. Welche die Schlussfolgerung bestätigenden oder widerlegenden Informationen besitze ich selbst?

Als fünften Analyseschritt schlägt Thomson vor, dass man sich selbst darüber Gedanken macht, ob es irgendetwas gibt oder geben könnte, das die Hauptaussage stärken oder schwächen könnte. Hier sind freilich wieder eigene Kenntnisse hilfreich.

6. Inwiefern sind die vorgebrachten Erklärungen plausibel bzw. gibt es für das zu Erklärende auch andere plausible Erklärungen?

„Einige Argumentationen versuchen weniger, uns davon zu überzeugen, daß wir eine bestimmte Schlußfolgerung akzeptieren sollten, sondern zielen vielmehr darauf ab, eine Aussage, die wir bereits als wahr anerkannt haben, zu erklären. Es werden Gründe angegeben, warum etwas so ist wie es ist, und nicht Gründe, damit wir etwas glauben“ (Thomson 2001: 84). Um die Wahrheit von Erklärungen herauszufinden, kann man einerseits untersuchen, ob die Annahmen, auf denen die Erklärung basiert, plausibel sind. Andererseits kann man sich alternative Erklärungsmöglichkeiten überlegen.

7. Inwiefern sind die angestellten Vergleiche angemessen?

Sofern in einem Text irgendwelche Vergleiche vorkommen, sollte man herausfinden, ob die Vergleiche Sinn machen; d.h., ob die beiden verglichenen Dinge in jeder relevanten Hinsicht ähnlich sind.

8. Welche weiteren nicht im Text vorkommenden Aussagen kann man noch aus den vorgebrachten Argumenten ziehen?

Achtens rät Thomson dazu, sich zu überlegen, welche außer der im Text vorhandenen Schlussfolgerung man aus den vorgebrachten Argumenten ableiten könnte. Dadurch soll klarer werden, ob die Argumentation Fehler enthält.

9. Welche parallelen Argumentationen lassen sich finden?

Parallele Argumentationen sind solche, die eine ähnliche Struktur aufweisen, z.B.: „Wenn X Z tut, so schadet es X und Y; Da alle X gewöhnlich das Merkmal Y aufweisen, tun die meisten X wahrscheinlich Y“, etc. (Thomson 2001: 229). Durch das Finden von parallelen Argumentationen, von denen man weiß, dass sie fehlerhaft sind, lässt sich auf Fehler in der Argumentation des Textes schließen.

10. Wie sind allgemeine Prinzipien, auf die sich die Argumentation stützt, zu bewerten?

‚Allgemeine Prinzipien’ sind auf mehr als einen Fall anwendbar (z.B. Gesetzesbestimmungen, moralische Richtlinien, Geschäftspraktiken,…). Sie werden oft implizit verwendet, sind also nicht einfach zu identifizieren; sie können aber auch Gründe oder Hauptaussagen sein. Die Aufgabe bei der Analyse ist es, diese Prinzipien zu finden und auf andere Fälle anzuwenden, damit die Richtigkeit der Prinzipien festgestellt werden kann.

11. Inwiefern ist es legitim, die auf den angeführten Gründen basierende Schlussfolgerung zu ziehen?

Durch die Beantwortung der Fragen 5 bis 10 wird es leichter, den letzten Schritt auszuführen. Es geht darum, „die Art und Weise an[zu]geben, inwiefern der Übergang von den Gründen zur Schlußfolgerung einen Defekt aufweist“ (Thomson 2001: 133f.).

Literatur

Thomson, Anne (2001): Argumentieren – und wie man es gleich richtig macht. Übersetzt von Malte W. Ecker. Stuttgart.

4.3. Moderne Argumentationsanalyse: Leitfragen nach Klaus Bayer

Um die Analyse einer Argumentation zu erleichtern, stellt Klaus Bayer in seinem Buch 13 Leitfragen vor, anhand derer man sich der Struktur eines Textes besser nähern kann. Er betont dabei, dass die Fragen, im Gegensatz zum Modell  von Anne Thompson, weder vollständig noch in der angegebenen Reihenfolge bearbeitet werden müssen – sie sollen lediglich eine Orientierungshilfe darstellen.

Ich habe nun im Folgenden die mir besonders als für eine rhetorische Argumentationsanalyse hilfreich scheinenden Fragen herausgegriffen und genauer behandelt und außerdem die auch bei Anne Thompson vorgeschlagenen Fragen herausgenommen, um Wiederholungen zu vermeiden. Zunächst aber möchte ich die Definitionen einiger Begriffe nach Bayer zitieren, die für die Fragestellungen wichtig sind.

Allgemeine Definitionen:

Argument: Folge von Sätzen, bestehend aus mindestens einer Prämisse und genau einer Konklusion. Die Prämissen (Wenn die Sonne scheint, ist es warm. und Die Sonne scheint.) werden angeführt als Gründe, die Konklusion (Also ist es warm.) zu akzeptieren. (Wenn die Sonne scheint, ist es warm. Die Sonne scheint. Also ist es warm.)

Induktion: Schluss oder Argument, bei dem eine Konklusion aus Prämissen abgeleitet wird, die den Gehalt der Konklusion nur teilweise enthalten. Die Prämissen beschreiben dabei z. B. ein(ige) Teil(e), etwas Besonderes oder Individuelles, die Konklusion das Ganze, etwas Allgemeines oder Universelles (Alle bisher beobachteten Kaffeebohnen enthalten Koffein. Also enthalten alle Kaffeebohnen Koffein.) Wenn die Prämissen einer korrekten Induktion wahr sind, ist die Konklusion wahrscheinlich, aber keineswegs wahr.

Deduktion: Schluss oder Argument, bei dem eine Konklusion aus Prämissen abgeleitet wird, die den Gehalt der Konklusion explizit oder implizit bereits vollständig enthalten. (Alle Füchse sind Säugetiere. Dies ist ein Fuchs. Dies ist ein Säugetier.) Wenn die Prämissen einer gültigen Deduktion wahr sind, muss auch die Deduktion wahr sein.

Normative Aussage: Aussage, die eine moralische, politische etc. Forderung wiedergibt, die für

unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Werten und Interessen unterschiedlich akzeptabel ist. (Man soll täglich beten.) Anders als deskriptive Aussagen beschreiben normative Aussagen kein „Sein“, sondern ein „Sollen“; insofern können sie nicht wahr oder falsch sein.

Deskriptive Aussage: Aussage, die einen Sachverhalt wiedergibt, von dem prinzipiell entschieden werden kann, ob ihm eine Tatsache entspricht oder nicht. (Frankfurt liegt in Deutschland.) Anders als normative Aussagen beschreiben deskriptive Aussagen ein „Sein“ und können insofern wahr oder falsch sein.

 Leitfragen zur Argumentationsanalyse nach Klaus Bayer:

Ist / sind die Hauptaussage(n) deskriptiv oder normativ?

Verweisen Hauptaussage und Argumentation auf eine bestimmte Einstellung zum Thema?

  • Vorteil: Erschließen von impliziten Prämissen oft erst nach Rückgriff auf die vermutete Einstellung des Argumentierenden
  • Nachteil: Es besteht die Gefahr, Begründungs- und Entdeckungszusammenhang unzulässig miteinander zu vermischen ? Risiko der Voreingenommenheit bei der Analyse

Um welche Typen von Argumenten handelt es sich?

  • Handelt es sich um induktive oder um deduktive Argumente?

Wie lassen sich Pro- und Contra-Argumente gegeneinander abwägen?

  • Nicht nur Relevanz, sondern auch Haltbarkeit der Argumente muss berücksichtigt werden ? das geschieht nicht nur durch Logik, sondern auch durch Alltagswissen und die zuständigen Einzelwissenschaften
  • Wurden wichtige Argumente vergessen, verdrängt, bewusst nicht vorgebracht?

Wird die Abwägung der Argumente durch Unsachlichkeit erschwert?

  • Textautoren leisten keinen brauchbaren Beitrag zur Argumentation, verhalten sich aber so, dass die Argumente einer der beiden Parteien scheinbar an Gewicht gewinnen
  • Vier Formen der Unsachlichkeit:

1. Tendenziöses Gerede:  Persönliche Voraussetzungen (z. B. Geschlecht, finanzielle Situation, psychische Verfassung usw.) des Diskussionspartners werden als Erklärung für dessen Position, die er in der Diskussion vertritt, herangezogen

2. Tendenziöse Faktendarstellung: Für die Argumentation ungünstige Argumente werden verschwiegen, günstige dagegen betont

3. Tendenziöse Wiedergabe: Argumente werden so wiedergegeben, dass sich die Argumentation zugunsten einer der beiden Seiten verschiebt

4. Tendenziöse Präparierung der äußeren Umstände: Absichtliche und unabsichtliche Präparierung zugunsten oder zu Ungunsten einer der beiden Diskussionsteilnehmer (Kleidung, Sitzordnung, Beleuchtung, zeitliche/soziale…Umstände)

Literatur:

Bayer, Klaus (2007): Argument und Argumentation. Logische Grundlagen der

Argumentationsanalyse, S. 187 – 208. 2. überarbeitete Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.

 

5. Aspekte der Sprach- und Stilanalyse

5.1. Politische Sprache / Propagandasprache

 Die Sprache politischer Propaganda ist meist sehr emotional, was sich in Ausrufen, Steigerungen, Reihungen und Wiederholungen genau so ausdrücken kann, wie in lebhafter Gestik des Redners oder dem Bestreben, eine Einheit zwischen Publikum und Redner zu suggerieren („Wir…“).

Die Wirklichkeit wird oft vereinfacht dargestellt. Argumentationen sind sehr abstrakt und Forderungen selten konkret. Aus Deutungen und Vermutungen können Tatsachen werden. Fahnenwörter werden verwendet.

Propagandasprache arbeitet mit Wortmanipulationen. Beschönigende Ersatzwörter werden für ernste Zustände verwendet („Preiskorrektur“), leere Worthülsen konstruiert, negativen Begriffen des politischen Gegners neutrale oder positive Bezeichnungen gegenübergestellt („chauvinistisch > patriotisch“) und Begriffe/Wörter, die der politische Konkurrent verwendet, scheinbar als furchtbar aufgedeckt („Da redet XY über Abtreibung. Aber, was bedeutet denn Abtreibung eigentlich genau, meine Damen und Herren? Ist das denn nicht…“).

Leitfragen zur Analyse propagandistischer Sprache:

  • Entspricht der Redeinhalt der Wirklichkeit?
  • Werden Vermutungen und Deutungen (oft Unterstellungen an politische Gegner) als Tatsachen dargestellt?
  • Welche Interessen verfolgt der Redner?
  • Werden Leerformeln, leere Worthülsen verwendet?
  • Werden ernste Zustände beschönigt?
  • Ist die Sprache sehr emotionsgeladen (Steigerungen, Reihungen, emotionalisierende Wortwahl)?
  • Suggeriert der Redner eine Einheit zwischen sich und dem Publikum?
  • Führt er eine Scheinkommunikation mit dem Publikum in Form von Ausrufen, rhetorischen Fragen (und oft auch deren gleichzeitiger Beantwortung)?

Literatur:

Oskar Panagl: Fahnenwörter der Politik. Wien 1998. Kapitel: Fahnenwörter, Leitvokabeln, Kampfbegriffe, Seite 13-21.

„Propagandasprache“, in: Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Heidelberg 19946. S. 841-843.

 

5.2. Rhetorische Figuren

Neben sprachlicher Korrektheit und intellektueller Verständlichkeit des Ausdrucks gilt das zentrale Interesse des Redners/Schreibers dem Redeschmuck (ornatus), der Langeweile vermeiden und das Interesse des Publikums wecken soll.

Zum Redeschmuck zählen eine Vielzahl von rhetorischen Figuren, die man schon seit der Antike in verschiedene Kategorien zu unterteilen versucht. Das klassische Einteilungsschema nach Cicero und Quintilian erkennt neben den Tropen (=Sinn-, Gedankenfiguren) noch Ausdrucks- oder Wortfiguren sowie Inhaltsfiguren. Aber auch Verkürzung und Erweiterung der einzelnen Sprachebenen stellen schon seit der Antike Hauptkriterien zur Systematisierung der Figuren dar.

In modernen Rhetoriklehrbüchern wurden diese klassischen Unterteilungsschemata noch durch zusätzliche ergänzt bzw. – oft an der praktischen Anwendung orientiert – weiter unterteilt, worauf sich unsere Einteilung stützt.

Grundsätzlich gibt es etwa Figuren, bei denen der Satzbau unüblich gestaltet wird. Weicht man zum Beispiel von der üblichen grammatischen Wortfolge ab, so liegt eine Positionsfigur auf Wortebene vor. Das ist bei der Inversion der Fall („Des Klimas wegen zog er in den Süden“). Spielt man dagegen mit Texteinheiten bei regulärer Wortfolge, handelt es sich um eine Positionsfigur auf Satzebene. Ein Beispiel wäre das Isokolon, das Wiederholen derselben Wortanzahl in koordinierten Einheiten („Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang“).

Wiederholungsfiguren, der Name sagt es schon, definieren sich durch die Wiederholung von Texteinheiten, was bei der Anapher zum Tragen kommt, bei der mehrere Sätze hintereinander mit dem gleichen Wort beginnen („Das ist schön. Das ist gut. Das ist Persil.“).

Bei den Appellfiguren kommuniziert der Redner/Schreiber in Form von (Schein)fragen, (Schein)antworten oder Ausrufen mit dem Publikum. Die Interrogatio, also die rhetorische Frage, entspräche dieser Kategorie.

Figuren der Erweiterung liegen vor, wenn ein Thema in die Länge gezogen wird. Dies ist durch das Zergliedern eines Hauptthemas in mehrere Teile ebenso möglich wie durch das Ausschmücken eines Themas mit zahlreichen Details. Zergliedernd ist beispielsweise die Distributio, die einen Hauptbegriff in mehrere Unterbegriffe aufspaltet („Die Gäste waren beschäftigt: Sie schrieben und dichteten. Sie empfingen und beantworteten Post. Sie aßen und tranken.“). Mit zahlreichen Details ausgeschmückt hingegen wird ein Thema bei der Commoratio, dem längeren Verweilen bei einem Gedanken („…immer, schon als Kind, habe ich ihn gespürt, war mir seines Herrannahens bewusst, und je deutlicher er mir bewusst wurde, desto intensiver habe ich mich der noch verbleibenden Zeitspanne hingegeben, der Gnadenfrist, …“)

Bei Figuren der Kürzung wird auf Details verzichtet, wie das etwa bei der Ellipse gegeben ist. Die Ellipse lässt Worte oder sogar ganze Redeteile einfach weg („Der verdorbenste Staat, die meisten Gesetze.“).

Klangfiguren entfalten ihre Wirkung primär auf lautlicher Ebene und finden beispielsweise bei Reimen, Sprichwörtern, Redewendungen und Ähnlichem Anwendung. Die Alliteration, umgangssprachlich auch Stabreim genannt, erregt zum Beispiel durch die Gleichheit der Anfangslaute einiger aufeinander folgender Worte Aufmerksamkeit („Bleedheit blasender Bloch“).

Die Tropen (Sinn- oder Gedankenfiguren) sind Ausdrücke, die im übertragenen und nicht im wörtlichen Sinn gebraucht werden. Sehr bekannte Beispiele wären etwa die Metapher oder die Ironie.

Leitfragen zur Analyse rhetorischer Figuren

Erkennungsmerkmale:

  • Ist die Wortstellung im Satz auffällig? Weicht sie von der üblichen grammatischen Wortfolge ab? Ist die Satzstruktur unüblich? (= Positionsfiguren)
  • Werden Texteinheiten (Wörter, Gliedsätze) wiederholt oder ist die Syntax zweier oder mehr aufeinander folgender (Glied)sätze gleich? (= Wiederholungsfiguren)
  • Wird ein Thema oder Hauptbegriff breit entfaltet, in die Länge gezogen? (= Figuren der Erweiterung)
  • Sind Sätze kurz, prägnant, zugespitzt formuliert? (= Figuren der Kürzung)
  • Ist die Akustik eines Satzes auffällig? Gleicht sie einem Reim, einem Sprichwort, einer Redewendung, etc.? (= Klangfiguren)
  • Sind Wörter, Sätze oder auch ganze Textteile offenbar nicht wörtlich gemeint? Schreibt der Autor etwa ironisch oder metaphorisch, etc.? (= Tropen)
  • Appelliert der Redner/Schreiber an das Publikum? Führt der Redner eine (Schein)kommunikation mit diesem? (= Appellfiguren)
  • Verwendet der Redner bestimmte rhetorische Strategien wie z.B. Anspielungen, Rhetorische Fragen, Beantwortung selbst gestellter Fragen, Vermeintliches Ablenken von einem Redegegenstand, (vorgetäuschter) Zweifel, Verfluchen des Gegners,  Eingeständnisse,  Vorwegnahme zu erwartender Einwände (= Gedankenfiguren)

Funktion, Verwendung:

  • Welche Wirkungsabsicht / Wirkungsunktion erfüllt die figürliche Rede im konkreten Fall?
  • Soll eine Textpassage besonders eindringlich wirken, eine Aussage besonders hervorgehoben werden?
  • Soll nicht mehr gesagt werden, als unbedingt nötig, eine Aussage auf das Wesentliche reduziert werden? Ist es wichtig, die gewünschten Informationen möglichst gerafft, möglichst schnell zu bringen?
  • Steht die Ästhetik im Vordergrund? Ist es das zentrale Ansinnen des Rhetors, einen Text kunstvoll, gedichthaft, lyrisch, gereimt, etc. wirken zu lassen?
  • Soll eine Rede besonders lebendig wirken? Soll das Publikum angesprochen, miteinbezogen werden?

 Literatur

Heinrich F. Plett: Einführung in die rhetorische Textanalyse. Hamburg 20019.

Lothar Kolmer / Carmen Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002.

20 wichtige rhetorische Figuren, in: RhetOn


5. Aspekte der Analyse der Gefühlslenkung

Emotionale Redemittel sind neben sachlogischem Argumentieren nötig um als Rhetor einen optimalen Zugang zum Publikum zu finden. Aristoteles unterscheidet in seinem Lehrbuch „Rhetorik“ zwischen drei verschiedenen Überzeugungsmitteln:

a) das sachlogische Beweisverfahren (der Sachaspekt, logos)

b) die ethisch-moralische Selbstdarstellung des Redner (ethos, Sprechereffekt)

c) emotionale Erregung des Publikums (pathos, Höreraspekt)

Für Aristoteles ist die Gefühlslenkung ein rationaler Prozess, kein unkontrollierter Gefühlsausbruch. In die gegenteilige Richtung argumentieren die römischen Rhetoriker. Quintilian etwa schreibt: „Das Geheimnis der Kunst, Gefühlswirkungen zu erregen, liegt nämlich darin, wenigstens nach meinem Empfinden, sich selbst der Erregung hinzugeben.“

In der Politik ist der Umgang mit Stimmungen und Gefühlen sehr wichtig, vor allem die Demagogie lebt laut Walter Ötsch vom Ge- und Missbrauch der Gefühlslenkung. Demagogen können perfekt mit Stimmungen und Gefühlen umgehen, damit eine bestimmte Atmosphäre erzeugen, Gemütszustände anderer steuern und diese auch für eigene Absichten benutzen.

Die Basis von demagogischer Gefühlspolitik ist ein bestimmtes Weltbild, das sich über Gefühle definiert:

Wir: Die Guten, Verbindung, Zugehörigkeit, Dabeisein, Liebe, Stolz, Gemeinschaft

Die Anderen: Bösen, starke Ablehnung, Ekel, Angst, Hass, Aggression

Super-Wir: Anführer, Bewunderung, Unterwerfung, Begeisterung, Verliebtheit

Von einer intensiven Gefühlserregung beim Publikums kann der Redner möglicherweise profitieren, indem

a) das Urteilsvermögen des Publikums stark reduziert ist

b) sich die Wahrnehmung beim Publikum verändert

c) das Publikum von Fehlern des Redners abgelenkt wird

d) das Zusammengehörigkeitsgefühl beim Publikum gestärkt wird

Um diese Gefühlszustände erreichen/missbrauchen zu können, sind laut Ötsch nötig:

a) Zugang zur momentanen Verfassung anderer

b) Demagogisches Schwarz-Weiß-Bild, das sich über Gefühle festigen kann

  • persönlich attackieren und als Menschen erniedrigen
  • persönliche Angriffe (körperliche Besonderheiten, Namen der Person,…)
  • mit Tieren vergleichen

c) Besondere Sprache (nutzt Gefühlsmechanismen und Manipulationstechniken)

  • Geschichten
  • Mythen
  • Symbole
  • Metaphern, Gleichnisse
  • Autoritäten
  • Zitate
  • Wiederholungen
  • Trance und Show


Leitfragen zur Analyse der Gefühlslenkung des Publikums

  • Lässt sich feststellen, in welcher Stimmung/ Verfassung das Publikum sich befindet?
  • In welchem Rahmen findet die Rede statt, das heißt spielt die rhetorische Situation eine Rolle für den Gemütszustand des Publikums?
  • Wird das Publikum auf den Auftritt des Redners vorbereitet/ bewusst aufgeheizt?
  • Wie präsentiert sich der Redner? Wie wirkt er auf das Publikum?
  • Basieren die Aussagen des Redners auf einem künstlichen/ demagogischen/ dichotomen Weltbild? Wird zwischen „wir“ und „die anderen“ differenziert? Wenn ja, auf welche Art wird über „die anderen“ gesprochen? Werden sie als „die Bösen“ dargestellt? Wie werden sie angegriffen?
  • Wie ist die emotionale Beziehung des Redners zum Publikum? Beeinflusst Gestik und Mimik sein Auftreten?
  • Welche (Gefühls-) Sprache verwendet er? Fallen wesentliche Merkmale wie kurze, verständliche Sätze, persönlicher, direkter Stil auf? Verwendet der Rhetoriker eigene Gefühlswörter, die polarisieren, mitreißen, emotionalisieren?
  • Werden Sachprobleme in ihrer Komplexität erfasst oder auf einer simplen, emotionalen Weise vermittelt?
  • Werden anschauliche/ emotionale/ gewalttätige Bilder vermittelt, mit denen man sich Gesagtes besser vorstellen kann?
  • Welche Stilmittel fallen auf? Werden Geschichten erzählt/ Metaphern, Gleichnisse als „emotionale Anziehungspunkte“ verwendet/ Mythen und Symbole benutzt um das Unterbewusste zu erreichen und um Werte damit vermitteln zu können?

 

  • Wird der Hörer durch ewige Wiederholung des Gesagten manipuliert? Welche Wirkung haben die Wiederholungen? Wird damit Druck ausgeübt?

 

Literatur:

Ottmers, Clemens (1996): Rhetorik. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler

Ötsch, Walter (2000): Haider light. Handbuch für Demagogie. Wien: Czernin Verlag


6. Textbeispiel

Analyse der Rede von Barack Obama nach seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten am 5.11.2008 in Chicago

Von Julia Riedler

Die Rede kann (in Deutsch und Englisch) nachgelesen werden z.B. unter

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,588507,00.shtml

Link zum Hören der Rede z.B.

http://www.youtube.com/watch?v=HfHbw3n0EIM&feature=channel

Einführung

Barack Obama wird am 20. Jänner 2009 als erster schwarzer und insgesamt 44. Präsident ins Weiße Haus einziehen. Sein Erfolg gilt als historischer Meilenstein in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die mit Martin Luther King in den späten 1950ern und 1960ern weltweit für Aufsehen und einer deutlichen Verbesserung der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung afroamerikanischer US-Bürger gesorgt hat. 43 Jahre nach dem „Voting Rights Act“ von 1965, das von Präsident Johnson unterzeichnet wurde um erstmals allen schwarzen Staatsbürgern  das aktive und passive Wahlrecht zu ermöglichen, hat zu Beginn der Vorwahlen kaum jemand an einen Erfolg für den damaligen Senator Obama, der nicht nur finanziell bei null beginnen musste, geglaubt. Der monatelange Wahlkampf, in welchem sich Obama seine Nominierung durch die demokratische Partei erst erkämpfen musste und dabei Hillary Clinton besonders die Stimmen der jungen und schwarzen Wähler wegschnappte, wurde durch moderne Medien popularisiert und von Kommunikationswissenschaftlern zu einem regelrechten Medienwahlkampf, der vor allem durch Plattformen wie Youtube oder unterschiedlichen Blogs getragen wurde, kategorisiert. Dieser Fakt steht wohl auch in kausaler Beziehung mit der enormen Wahlbeteiligung – von 213 Millionen Wahlberechtigten registrierten sich rekordträchtige 187 Millionen.1 Auch hinsichtlich der Unterstützung seiner Kampagne kann Obama auf etliche Rekorde verweisen, so verfügte er mit Abstand auf das breiteste Budget, die größten Spendensummen und die meisten Wahlhelfer. Mit seinen visionären Versprechen eines „change“ und einer rhetorischen Brillanz konnte er Millionen von US-Bürgern für sich gewinnen.

Auch seine Siegesrede in Chicago nach der offiziellen Verkündung des Wahlergebnisses fand vor allem im Internet weltweite Aufmerksamkeit. Sie ist eine politische Rede, eine Beratungsrede, da sie, wie es für Obamas Reden üblich ist, einen großen Fokus auf die Zukunft wirft. Mit den zahlreichen Danksagungen und den vielfachen Verweisen auf die Gegenwart mutiert sie an manchen Stellen zur Gelegenheitsrede und bei den Rückblicken in die Vergangenheit sind Elemente der Gerichtsrede erkennbar.

Die Person

Obama wurde als Sohn eines Kenianer und einer US-Bürgerin aus Kansas am 04.August 1961 auf Hawaii geboren. Die Eltern trennten sich nach seiner Geburt, Obamas Mutter zog mit ihm nach Indonesien, doch als er 10 Jahre alt war, kam er zurück nach Hawaii, wo er von seiner Großmutter, die einen Tag vor dem Wahlsieg ihres Enkels aufgrund eines Krebsleidens verstarb, aufgezogen wurde. Nach seinem Studium der Politik- und Rechtswissenschaften in New York und Harvard arbeitete Obama zunächst in Chicago im sozialen Bereich und schließlich auch als Anwalt in einer auf Bürgerrechte spezialisierten Kanzlei, wo er seine spätere Frau Michelle, mit der er zwei Töchter bekommen würde, sowie als Professor für Verfassungsrecht an der University of Chicago. 1996 wurde er Senator in Illinois und erst 2004 Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus.2

Rhetorische Situation

Am 05. November 2008 erfährt Barack Obama mit Millionen von Menschen auf der Welt von seinem endgültigen Erfolg in der US-Präsidentschaftswahl. Kurz nach 23 Uhr Ortszeit hält er vor mehr als 100.000 versammelten Amerikanern eine Siegesrede am Grant Central Park in Chicago, mit der Absicht seinen Wählern und all jenen Menschen, die im zur Seite gestanden sind, zu danken, einen Rückblick auf die Wahlkampagne und ihren historischen Erfolg und eine Vorschau auf politische Schwerpunkte, die er setzen will und muss, zu geben. Wie immer bei seinen Reden stellt er dabei eine intensive Beziehung zum Publikum her. Nicht nur durch sprachliche Eloquenz, auch durch sein Auftreten schafft er einen direkten Draht zu seinen Hörern. Auf einer Bühne, die etwa auf Kopfhöhe der versammelten Menschen ist, tritt er staatsmännisch im dunklen Anzug, weißem Hemd und roter Krawatte auf. An seiner Seite sind seine zwei kleinen Töchter und Gattin Michelle, mit denen Obama das klischeehafte Bild einer liebenden, glücklichen Familie vermittelt. Die kleinste Tochter hält er an der Hand, aus psychologischer Perspektive betrachtet benutzt er dabei geschickt das wohl bekannte Kindchenschema, mit welchem man leicht die Herzen des Publikums gewinnen kann. Unter tosendem Applaus grüßen und bedanken die vier sich, nach einigen Küsschen vom designierten Präsidenten verschwinden die zwei Mädchen und ihre Mutter im Hintergrund während der souverän wirkende und leicht lächelnde Obama sich zum hölzernen Rednerpult stellt und nach zahlreichen „Thank you“ ins Mikrofon das Publikum mit den Worten „Hallo Chicago“ direkt anspricht und begrüßt. Im Hintergrund wehen zwischen zwanzig und dreißig US-Flaggen, die eine patriotische und feierliche Stimmung symbolisieren, vor ihm stehen tausende angespannte und immer leiser werdende Anhänger mit weiteren kleinen Flaggen und Wahlkampfplakaten. Durch die Beleuchtung der dunklen Stadt und der Flutlichter entlang der Bühne wird eine angenehme, sehr eindrucksvolle Atmosphäre geschaffen.

Inhalt

Obama beginnt die nun folgende Rede mit einer Einleitung, in der er seine Wahl zum Präsidenten mit dem Wunsch des Volkes nach Veränderung begründet und die Bedeutung des Ergebnisses als historische Wende („die Antwort, die jene dazu gebracht hat, die Geschichte zu verändern“) vermittelt. Er bezeichnet die Wahl als Antwort des Volkes und in drei aufeinanderfolgenden Absätzen, die jeweils mit „eine Antwort“, „die Antwort“ und „das ist eine Antwort“ beginnen, berichtet er deskriptiv von einer Rekordwahlbeteiligung, von der Unterschiedlichkeit und gleichzeitig Einigkeit der Wähler, – es sind wohl nicht nur die Europäer, die sich „in der Vielfalt geeint“ sehen – die einen Wandel in Amerika bewirken.

Seine Argumentatio besteht im Wesentlichen aus drei Themen: Zum ersten die Danksagungen, die sich als Elemente einer Lobrede argumentativ entfalten („ich würde heute Nacht nicht hier stehen ohne die unablässige Unterstützung…“) und die neben ihrer Informationsfunktion und der Wirkungsfunktion „docere“ wohl auch „movere“ können, gerade an den Stellen, an denen er von seiner verstorbenen Großmutter spricht, die ihn „zu dem machte, was ich bin“ oder dem Welpen, den seine Töchter, die er „mehr liebt, als ihr euch das vorstellen könnt“ bekommen werden. (Beachtlich ist zum einen, dass er explizit von einem Welpen und keinem Hund spricht, und somit erneut eine Art Kindchenschema benutzt um die Gefühle der Hörer zu regen und zum anderen, dass die Liebeserklärung an seine Töchter direkt an diese adressiert wird und nicht wie alle anderen Danksagungen in der dritten Person Einzahl – was den Anschein eines ehrlichen Vaterschutzes vermittelt bzw. vermitteln soll.)

Nach den Danksagungen geht Obama ohne eine merkliche Pause zu setzen zum erfolgreichen Verlauf seiner Wahlkampagne über, die er – indem er sie fast als spannende Geschichte verkauft – narrativ entfaltet.

Den letzten und größten Teil seiner Argumentatio macht der politische und gesellschaftliche Blick in die Zukunft aus: Hier nutzt er ein geschicktes Zusammenspiel von Appellfunktionen, Obligationsfunktionen und Informationsfunktionen um sein  visionäres Programm zu beschreiben, das vor allem aus zahlreichen Paraphrasierungen des „American Dream“ mit seinen Werten von Individualität, Erfolg, Freiheit und Chancengleichheit, mit großer emotionalen Wirkungsfunktion besteht. Strategische Brillanz erfährt die Rede an der Stelle, an welcher Obama ein narratives Element einschiebt und das 20. Jahrhundert durch eine 106jährige Dame personifiziert, ihre harte Lebensgeschichte mit allen historischen Herausforderungen und Erfolgen skizziert und immer wieder auf die Möglichkeit auf Veränderungen verweist.

In der Peroratio seiner Rede wirft Obama erneut einen Blick in die Zukunft und appelliert zum wiederholten Male an das Volk indem er betont, dass mit seiner Präsidentschaft die Chance für etliche Verbesserungen geschaffen werden können, wenn sich Amerika wieder im Glauben und der Hoffnung vereint.

Argumentation und Interpretation

Auch beim oberflächlichen ersten Lesen oder Hören der Rede wird man die zentrale Spitzenformulierung der Rede, die linear erörtert wird, kaum übersehen können: In Amerika ist alles möglich. Der Topos Vaterland wird dabei in allen Teilen der Rede nachhaltig ausgeschöpft. Schon in der Einleitung sagt Obama, dass die US-Bürger mit seiner Wahl gezeigt hat, dass es in ihrer Macht liegt, „die Geschichte zu verändern“. In Amerika ist alles möglich, und darum wird jetzt auch ein schwarzer Barack Obama als Präsident gewählt. Die These der unendlichen Möglichkeit wird daher durch seine Wahl begründet. Im Ausland wird das vielerorts fast tautologisch ausgelegt. So sagte etwa Nicolas Sarkozy: „Die Amerikaner haben den amerikanischen Traum gewählt.“3 Sarkozy sieht den „American Dream“ also durch Obama personifiziert und stellt den Ruf nach Obama dem populären Wunsch nach einer Aufrechterhaltung des amerikanischen Traums, der vom Volk gerade in schwierigen Zeiten wie den jetzigen gefordert wird, gleich. Amerika erkennt in Obama den Tellerwäscher, der zum Millionär wird und wenn man bedenkt, dass die Biographie des Politikers (und übrigens auch die seiner Gattin Michelle) wirklich genau jene Wesentlichkeiten wie schwierige Familienverhältnisse aber hartnäckiges Arbeiten und Ausdauer aufweist, begreift man die Hoffnungen, welche die Menschen in den Vereinigten Staaten (und auch jenseits der Küsten?) in den neuen Präsident stecken und die Schicksäle, die auf ihn projiziert werden. Obama erkennt diese Wünsche natürlich und gekonnt vermittelt er seinem Publikum, dass jeder Einzelne Teil dieses Landes der unendlichen Möglichkeiten sei. Indem er die unterschiedlichen Topoi wie Nation, Alter, Beruf, Habitus, Neigungen, soziale Stellungen, genus und nomen in antithetischer Form gegenüber stellt und konstatiert, dass er von „Jungen und Alten, von Reichen und Armen, von Demokraten und Republikanern, Schwarzen, Weißen, von lateinamerikanischen und asiatischen Amerikanern, von den amerikanischen Ureinwohnern, von Homosexuellen und Heterosexuellen, von Behinderten und Nichtbehinderten“  gewählt wurde, vereint er unzählige unterschiedliche Bevölkerungsgruppen im großen Topos Vaterland. Dieser Verweis auf die Einigkeit des Landes stellt ein eigenes Identifikationsgefühl her, sie ist ein wesentliches Merkmal seiner Reden. Den Medien ist diese starke Identifikationsformel des Politikers zum ersten Mal bei der US-Präsidentschaftswahl 2004 im Rahmen der Democratic National Convention aufgefallen, bei der Obama verkündete: „Und jetzt, in diesem Moment, gibt es Leute, die dabei sind, uns auseinanderzudividieren, die Spin Doctors und die politischen Hausierer mit ihren rufschädigenden Kampagnen und ihrer Begeisterung für die Politik des Erlaubt ist, was gefällt. Heute Abend sage ich diesen Leuten, dass es nicht ein liberales und ein konservatives Amerika gibt; es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika. Es gibt nicht ein schwarzes Amerika und weißes Amerika und Latino-Amerika und asiatisches Amerika; es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika.“4

Dieses Argument der Einigkeit der Staaten kommt in seiner Siegesrede an einigen Stellen vor. So begründet er anschließend auch den Erfolg seiner Wahlkampagne mit den vereinigten Kräften von seinen jungen und älteren Helfern, die „bewiesen haben, dass mehr als zwei Jahrhunderte später eine Regierung des Volkes, vom und für das Volk nicht verschwunden ist“.

Historische Ereignisse zu zitieren wie nun eben die Unabhängigkeitserklärung der britischen Kolonien Nordamerikas, die 1776 zur Gründungsurkunde der USA wurde, ist ebenfalls ein Charakteristikum Obamas Rede, der die Geschichte Amerikas nutzt um die fundamentale Bedeutung seines Sieges zu betonen und damit für seine Rede immer wieder Übergänge zum „Wechsel“ der Zukunft, zum „change“ – dem Signalwort seiner Wahlkampagne – findet. Der „change“, den Obama an unzähligen Stellen verspricht, ist die große Schlussfolgerung von der zentralen Spitzenformulierung, „dass in Amerika alles möglich ist“, zum Argument seiner Präsidentschaft. Dieser Wunsch eines „change“, der die Amerikaner zur Wahl Obamas, wie jener postuliert, bewegt hat, nimmt große Dimensionen an. „Ihr habt das getan, weil ihr das ungeheure Ausmaß der Aufgabe verstanden habt, die vor uns liegt“, sagt Obama  und kommt somit von den ewigen emotionalen Paraphrasierungen des amerikanischen Traums zu genaueren Zukunftsaussichten. Von präzisen Erklärungen wie etwaige Herausforderungen zu bewältigen wären, unterlässt er jedoch auch jetzt. Im ersten Zug nennt er die „zwei Kriege“ in Irak und Afghanistan, den drohenden Klimawandel, den er wohl mit der etwas polemisierenden Phrase „ein Planet in Gefahr“ meint und „die schlimmste Finanzkrise des Jahrhunderts“, ein Ausdruck, der etwas lächerlich aufgrund des gerade mal achtjähren 21.Jahrhunderts (jetzt, im November 2008) wirkt. Von diesen Bedrohungen ausgehend formuliert er die Ziele, die er erreichen will: „Neue Energien nutzen, neue Jobs schaffen, neue Schulen bauen, Gefahren entgegentreten und Bündnisse wieder aufbauen.“ Die kausale Argumentation (weil es diese drei Herausforderungen gibt, müssen jene fünf Ziele angestrebt werden), die aufgrund der zeitlichen Nähe des Gesagten nahe liegt, scheint etwas schwächlich und ohne großer substantieller Kraft. Die fünf Ziele sind überhaupt die einzigen inhaltlichen Programmpunkte, die Obama in seiner Rede angibt. Abgesehen von einer kurzen Bemerkung am Schluss findet man vom Anfang bis zum Ende nur Loblieder, Danksagungen und Appelle an gemeinsame Werte und Arbeit.

So finden sich über den gesamten weiteren Teil der Argumentatio unzählige Beschreibungen „von der andauernden Kraft unserer Ideale“, wie „Einsatzwille“, „Geist der Aufopferung“, „Patriotismus“, „Verantwortlichkeit“, „Eigenständigkeit und Freiheit und nationale Einigkeit“, sowie „Demokratie, Freiheit, Entfaltungsmöglichkeiten und nicht enden wollende Hoffnung“. Dass diese Werte, die seiner Ansicht nach Amerika verbinden, unmittelbare Voraussetzungen für einen erfolgreichen „change“ sind, begründet Obama dann mit dem Satz „Wir steigen in diesem Land auf oder wir gehen unter als eine Nation, als ein Volk“. An dieser Stelle benutzt er auch das einzige Mal den Topos orationes indem er Abraham Lincoln zitiert, den übrigens auch Martin Luther King immer wieder in seinen Reden untergebracht hat, und spricht von der Trennung zwischen Demokraten und Republikanern, die er als neuer Präsidenten „überwinden“ wird. Schon früh ist Obama für seine guten politischen Beziehungen zu Republikanern bekannt geworden und in diesem Punkt muss man ihm zumindest rückwirkend aufrichtige Glaubwürdigkeit anerkennen, hat er wirklich in den Wochen der Regierungsbildung nach seiner Wahl unzählige Fachexperten aus anderen politischen Lagern in sein Kabinett berufen.

Nicht nur Zusammenarbeit mit Politikern und Wählern aus anderen Lagern („Den Amerikanern, deren Unterstützung ich erst noch erreichen muss, sage ich: Ich habe heute vielleicht nicht eure Stimme bekommen, aber ich höre eure Stimmen. Ich brauche eure Hilfe. Und ich werde auch euer Präsident sein.“) verspricht der designierte Präsident, auch Beziehungen ins Ausland will er ausbauen. Mit der weit gefassten Formulierung „All denen, die uns heute Abend von jenseits der Küsten zuschauen, von Parlamenten und Palästen, denen, die sich um die Radios gedrängt haben in den vergessenen Ecken der Welt, denen sage ich: Unsere Geschichten mögen unterschiedlich sein, aber wir teilen das gleiche Schicksal – und es wird eine neue amerikanische Führungsrolle geben“ spricht er ausländische Demokratien und auch Monarchien an sowie all jene Bürger aus unterentwickelten Ländern (wer würde in einem Industriestaat „um die Radios gedrängt“ sitzen und sich als Mensch aus einem vergessenen Eck der Welt bezeichnen lassen?) und verspricht gemeinsame Verantwortung und neue Zusammenarbeit.

Den Übergang zum Schlussteil, den Obama erneut mit dem Argument der Einigkeit des Volkes für eine bessere Zukunft stützt, gestaltet er auf geniale Weise. Er skizziert in einer oberflächlichen Lebensgeschichte einer 106-jährigen Dame, die er auch beim Namen nennt, historische Meilensteine, indem er zuerst von schwierigen Zeiten wie der Sklaverei, fehlenden populären technischen Entwicklungen wie das Auto oder das Flugzeug und Diskriminierungen ob des Geschlechts sowie der Hautfarbe spricht und kommt von den „Zeiten, in denen uns gesagt wurde, dass wir es nicht schaffen“ zu den „Menschen, die an den amerikanischen Traum geglaubt haben“ und die die Geschichte zu verändern wussten. Er personifiziert das letzte Jahrhundert durch die alte Dame, stellt die Herausforderungen der schwierigen Zeiten als Antithesen den großen Erfolgen der Menschheit gegenüber und verbindet die unterschiedlichen Errungenschaften stets mit seinem Wahlkampfslogan „Yes, we can“ (auf deutsch: „Ja, wir schaffen es“). So erzählt Obama: „Als Frauenstimmen zum Schweigen gebracht wurden und ihre Hoffnungen nicht zählten, hat sie weitergelebt, um Frauen irgendwann aufstehen und reden und schließlich wählen zu sehen. Ja, wir schaffen es. Als Hoffnungslosigkeit und Depression sich im Land breit gemacht haben, hat sie eine Nation erlebt, die ihre eigene Angst überwunden und den New Deal, neue Jobs und eine neue gemeinsame Bestimmung geschaffen hat. Ja, wir schaffen es. Als Bomben auf unsere Stützpunkte gefallen sind und die Welt unter Tyrannei litt, war sie Zeugin einer Generation, die zu neuer Größe aufstieg und die Demokratie rettete. Ja, wir schaffen es.“ Von der hier genannten Frauenrechtsbewegung über die Bewältigung der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis zum demokratischen Sieg über den tyrannischen Nationalsozialismus erstreckt sich also der Lebenshorizont der 106-jährigen Dame, berichtet Obama seinen Hörern und fährt fort mit: „Sie war da – in den Bussen von Montgomery, bei den Wasserschläuchen in Birmingham, an der Brücke in Selma und als ein Priester aus Atlanta den Menschen «we shall overcome» predigte.“ Hier beschreibt der schwarze Präsident die wichtigsten Stationen der US-Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre; den Beginn der zivilen Ungehorsam durch Rosa Parks Verweigern ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery für einen weißen Mitbürger gezwungenermaßen aufgeben zu müssen, die Massendemonstrationen in Birmingham und Selma und die optimistischen und weltbewegenden Worten des großen Anführers der Bewegung, dem Baptistenpastor und Soziologen Martin Luther King. Außerdem erzählt Obama von der Mondlandung des Amerikaners Neil Armstrong, dem Fall der Mauer im November 1989 und dem großen Erfolg des Internets. Die Personifizierung der Zeit durch die 106-jährige Dame ist nicht nur als narrativer Rahmen genial, viel mehr verteilt er auch zwei wichtige Denkzettel. Zum einen, dass all jene Fortschritte vom Menschen selbst geschaffen wurden sind und die Kraft zu mehr Veränderungen den Amerikanern auch jetzt möglich ist, und andererseits auch, dass jene schrecklichen Zeiten wirklich nicht ewig zurückliegen, dass uns nur ein langes Menschenleben von gesellschaftspolitischen und sozialökonomischen Rückständen, die uns Jugendlichen heute gerade mal reif für das Mittelalter erscheinen, trennen.

In Anbetracht dieser menschlichen Fortschritte, so Obama weiter, sollte man sich gemeinsam auf die Zukunft konzentrieren und ruft in seiner knappen Peroration dazu auf, sich den Aufgaben der Gegenwart zu stellen, explizit nennt er dabei den Ausbau von Arbeitsplätzen, Chancengleichheit, Erneuerung des Wohlstands, die Sicherung des Friedens und „den amerikanischen Traum zurückzugewinnen“, womit er den Kreis zu seiner Spitzenthese des American Dream, dass in Amerika alles möglich ist, schließt.

Sprache und Stil

Barack Obama ist ein großartiger Redner und Rhetoriker (insofern die Wahl seiner rednerischen Mittel eine theoretische Reflexion erkennen lassen). Nicht zuletzt aufgrund seiner sprachlichen Gewandtheit hat er ein so großes Wahlpublikum für sich gewinnen können. Auch in seiner Siegerrede zeigt er, dass man mit einer mitreißenden Sprache, die sich auf den geschickten Einsatz rhetorischer Mittel und emotional behafteter Inhalte stützt, hunderttausende Menschen zum Toben bringen kann.

Als Jurist und Politikwissenschaftler weiß Obama nur zu gut, wie man sachlich im Expertenjargon formulieren kann, doch in seinen politischen Reden überzeugt er durch eine emotionale Sprache, eine Sprache, die von den unzähligen Metaphern und Bildern lebt. Kaum ein Absatz vergeht, in dem Obama kein eindrucksvolles Bild vermittelt. Schon mit seinen ersten Worten „Wenn es da draußen immer noch jemanden gibt, der daran zweifelt, dass in Amerika alles möglich ist“ schafft er es zumindest in mir das Bild eines einzelnen Zweiflers in einer riesengroßen Leere („da draußen“ ist eine wunderbare Alliteration zur Hervorhebung der schönen Heimat) zu erzeugen, der durch die Wucht der ausdrucksvollen Metaphern und Periphrasen über das starke Volk Amerikas, die in der Rede gleich darauf folgen, fast erschlagen wird.

Diese bildhafte, emotionale Sprache lebt auch von ihrer Klarheit, den relativ kurzen Sätze, die sich keiner schwierigen Fachausdrücke bedienen und vor allem von unzähligen Identifikationsformeln, die zum einen eine Einheit zwischen Rhetor und Publikum und zum zweiten –und das ist ein nicht unwesentliches Merkmal der Rede- eine Einigkeit unter den amerikanischen Bürgern schafft. Besonders durch den exzessiven Gebrauch von Antithesen, die eine enorme polarisierende Wirkung haben, zeigt Obama die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten, vereint sie aber dadurch, dass er klar stellt, dass jeder für sich nur ein pars pro toto ist, aber dass diese Individuen durch eine gemeinsame amerikanische Identität, amerikanische Ideale, Werte, Träume und eine amerikanische Geschichte stark sind. „Wir sind – und wir werden es immer sein – die Vereinigten Staaten von Amerika“, „der Traum unserer Gründerväter“, „Ich verspreche, dass wir als ein Volk dort hinkommen“, „klar zu machen, dass wir trotz unserer Unterschiedlichkeit eins sind, gemeinsam atmen und gemeinsam hoffen“ sind nur wenige Beispiele für die unzähligen Loblieder an die Einigkeit Amerikas. Mit etlichen Formulierungen in der ersten Person Mehrzahl, die zum großen Teil auch Appelle sind, vermittelt er dem Volk, dass jeder Einzelne Verantwortung für eine erfolgreiche Zukunft tragen muss. Kombinationen mit Modalverben wie „wir müssen“, „wir können“  oder weiter auch „lasst uns“, „das ist euer Sieg“ und „wir schaffen“ erzeugen eine motivierende und optimistische Situation, die man im Zusammenhang mit dauerhaften Anspielungen auf den amerikanischen Traum und der amerikanischen Identität auch extrem patriotistisch nennen könnte, wenn man sich nicht vor Augen führen würde, dass diese Treueschwure ein selbstverständliches Element der US-amerikanischen Kultur sind. Mit Wiederholungen (beispielsweise mit „Aber darüber hinaus werden ich nie vergessen, wem dieser Sieg eigentlich gehört: er gehört euch. Er gehört euch!“ oder der inflationären Nutzung des Wörtchen „neu“), Anaphern (zu Beginn etwa leitet Obama jeden Satz mit „eine Antwort“ ein) Alliterationen („Zynismus und Zweifel“), und dem ein oder anderen Polysyndeton, das in seiner Anwendung meist einer Kumulation von amerikanischen Werten dient wie „Eigenständigkeit und Freiheit und nationale Einigkeit“ verstärkt er seine Aussagen und bringt einen schönen, fließenden Rhythmus in seine Sätze

Zu gute halten muss man dem neuen Präsidenten auf jeden Fall, dass er sich vor sonst gerade für populäre Politikerreden typischen Euphemismen, Stereotypen und allzu krasser Pseudo-Logik fern hält. Eine Ausnahme ist aber leider eine Stelle, an der er fast in ein demagogisches Weltbild eintaucht und mit einer schwarz-weiß-Malerei versichert: „Denen die die Welt in den Abgrund stürzen wollen, sage ich: Wir werden euch besiegen. Denen, die Frieden und Sicherheit suchen, sage ich: Wir unterstützen euch.“ Emotionalität schafft er sonst auf einer klügeren Weise, so gefällt er sich etwa besonders im Widergeben von Demonstrativpronomen wie „dieses Land“ oder „dieser Moment“, mit denen er immer wieder sein mittlerweile weltbekanntes Fahnenwort „change“ verbindet.

Selbstdarstellung und Gefühlslenkung

Nach den ersten Vorwahlsiegen Obamas begann sich ein Spitzname für ihn besonders schnell auszubreiten: „Der schwarze Kennedy“. Die beiden US- Präsidenten haben vielleicht so einiges gemein, doch eines verbindet sie auf jeden Fall: die faszinierende Kombination von jungem Charme und Führungspotential. Obama ist 47 Jahre alt, doch keineswegs wirkt er unerfahren und unreif, vielmehr bemüht er sich staatsmännisch und sicher aufzutreten, ruhig und stets gefasst zu sprechen und seine politischen Schwächen wie fehlende Außenbeziehungen nicht zu vertuschen sondern durch gezielte Arbeit auszumerzen.

Immer wieder appelliert Obama an seine Mitbürger den amerikanischen Traum zu leben und selten zuvor wurde ein US-Präsident dabei so ernst genommen wie er, der schwarze Sohn geschiedener Eltern, der von seinen Großeltern aufgezogen wurde und sich mit viel Arbeit und Ehrgeiz hocharbeiten konnte. Dass da einer vor ihnen steht, der „es geschafft“ hat, ist ein wesentlicher Grund, warum Obama viele Amerikaner, gerade auch junge und benachteiligte Menschen, so fasziniert. Er ist für sie somit die moderne Verkörperung des vir bonus, der nicht nur in Reden von Werten und Sitten spricht, sondern sie auch vorlebt. Familie, Liebe, Ehrlichkeit oder Anstand sind ein paar von unzähligen Idealen, die Obama immer und immer wieder anspricht und sie auch selbst zu verkörpern versucht. So kann er auch zu Schwächen oder unangenehmen Dingen stehen, in seiner Siegesrede sagt er beispielsweise: „Wir werden unser Ziel vielleicht nicht in einem Jahr oder vielleicht nicht mal in einer Amtsperiode erreichen.“ Und weiter: „Es wird Rückschläge und Fehlstarts geben. Es wird viele geben, die nicht mit jeder Entscheidung einverstanden sein werden, die ich als Präsident treffen werde. Und wir wissen, dass auch die Regierung nicht jedes Problem lösen kann.“

Nie und nimmer vorstellbar wäre für das amerikanische Massenpublikum aber ein Präsident, der nicht zu Gott steht. Mit Obama war das lange eine schwierige Geschichte. Immer wieder keimte der Verdacht auf, er wäre aufgrund seiner Herkunft Moslem und vielleicht gar nur ein islamistischer Spion. Auch sein zweiter Vorname Hussein gab einiges an Stoff für freundschaftliche Underground-Beziehungen zum feindlichen Irak her. Obama selbst bemühte sich während seiner langen Wahlkampagne aber sehr, diesen Spekulationen ein Ende zu setzen und machte gezielt Werbung für sein christliches Engagement und seine regelmäßigen Kirchengänge, was irgendwann schließlich doch von den meisten Amerikanern anerkannt wurde. So ist es auch ein wichtiger und kluger Zug vom designierten Präsidenten seine Siegesrede mit den Schlussätzen „Gott segne euch. Und möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika schützen“ zu schließen.

Doch nicht nur in der Selbstdarstellung, auch in der emotionalen Beziehung zum Publikum ist Obama ein Meister. Die Hände sicher auf dem Pult, mit aufrechtem Körper und einer sicheren Stimme, deren Tonlage und Stimmstärke enorm wechseln kann, wirkt er auch bei den schnulzigsten Inhalten nie übertrieben euphorisch oder unglaubwürdig jauchzend. Mit Mimik und Gestik hält er sich interessanterweise stark zurück, was ihn stark von populistischen Rednern, wie man sie in unserer politischen Breiten kennt, unterscheidet. Wenn er gestikuliert, dann sind das meist kleine Bewegungen unter der Brusthöhe.

Stets spielt er auch gekonnt mit den Erwartungen des Publikums und versteht es ihre Reaktionen auf die Spannung in seiner Rede zu übertragen. So steigert er die Lautstärke seiner Stimme solange bis tausende seiner Fans wie aus einem Munde „yes we can“ schreien, reagiert mit einem knappen, überzeugenden Lächeln wenn das Publikum laut lacht und nutzt jede Stille um selbst um so leiser zu werden. Manchmal scheint mir fast, als hätte er eine Schauspielausbildung absolviert, auch die Maxime des Theaters kennt er anscheinend: Je mehr Pathos in der Sprache, desto weniger Emotionen darf der Sprecher selbst darstellen. So sagt Barack Obama am Ende seiner emotionalen Siegerrede ganz leise: „Das ist unsere Chance, diesem Ruf gerecht zu werden. Das ist unser Augenblick.“

Und man glaubt es ihm.