Persönlichkeitsstärkung und Rhetoriktraining

Abstract: „Man wächst mit der Aufgabe“ heißt es oft. Auch die Auseinandersetzung mit und das Training von Rhetorik ist auch ein Anspruch an die persönlichen Ressourcen. Ein Rhetorikseminar wird deshalb besucht, um sich in der Rhetorik und der Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Welche Möglichkeiten ein Rhetoriktrainer dafür hat, soll der Schwerpunkt dieses Beitrages sein. Es werden Werkzeuge und Übungen vorgestellt, mit denen die Teilnehmer sowohl in ihrer Rhetorik als auch in ihrer Persönlichkeit gefordert werden. Mein Vortrag ist ein Bericht aus meiner Praxis ohne wissenschaftliche Abhandlung. Ich freue mich auf die anschließende Diskussion.

 


 

Ruth Gutmann-Jungwirth

 

Persönlichkeitsstärkung und Rhetoriktraining – systemisch betrachtet

Vortrag bei den 6. Salzburger Rhetorikgesprächen im Mai 2009

 

 

Wie groß der Zusammenhang zwischen einer starken Persönlichkeit und einer guten Redefähigkeit ist, sagt uns bereits unsere Lebenserfahrung.

Wenn es uns innerlich gut geht, wenn wir uns stark fühlen, fällt uns auch das kommunizieren leicht. Wenn wir mit einer Rede gut ankommen, stärkt dieses Erfolgerlebnis unsere Persönlichkeit. Wie Herr Kirchner bereits in seinem Eröffnungsvortrag sagte: „Lebensfreude entwickelt sich nur aus dem eigenen Tun.“

Zur Einführung in das Thema möchte ich das Lernzonenmodell nach Senninger als Basis nehmen:

 

 Komfortzone
 Lernzonen – Stretchzone
 Panikzone

 

 

In der Komfort-Zone ist „alles im grünen Bereich“, man befindet sich auf vertrautem Gebiet und fühlt sich wohl. Wir sind in unserer Routine, im Normalbetrieb, wir wissen, wie der Hase läuft. Angenehm, doch bedeutet dies auch Stillstand, hier lernen wir nichts. Wozu auch? Ganz im Gegenteil: wir sind unterfordert und langweilen uns.

Was passiert, wenn wir an die Grenze dieses Normalbetriebes kommen?

Treten wir zu schnell und zu weit aus der Komfort-Zone, kommt es zu einer hohen Stressbelastung unter Umständen sogar zu Panik. In der Panikzone geht aufgrund von Überforderung, Angst nichts mehr. Innerer Kurzschluss. Flucht, Angriff, „Totstellen“, sind bekannte Reaktionsmuster.

In der Panik-Zone ist kein Lernen mehr möglich, man will sofort wieder in die Komfort-Zone zurück. Denn: Überleben ist wichtiger als Lernen.

Dazwischen gibt es die Lernzone oder Stretchzone:

In der Stretch-Zone betritt man unbekanntes Gebiet und macht neue Erfahrungen. Unsere bisherigen Erfahrungen reichen nicht aus, um diese neue Anforderungen zu bewältigen. Daher sind wir vielleicht etwas unsicher, doch wir probieren neue Handlungsweisen aus. Sind diese erfolgreich, haben wir etwas Wichtiges dazugelernt und unsere Komfortzone ist größer geworden.

Daher wird es das Ziel sein, die Stretch-Zone zu erweitern. Und damit unsere Handlungskompetenz. Wir erweitern damit unsere Komfort-Zone.

Gleich vorweg: Die Grundlage dazu heißt: Fordern ohne Überfordern. Dazu stellt sich die Frage:

 

Was können wir tun, um in die Stretch-Zone zu kommen, um zu lernen, mit Veränderungen konstruktiv umzugehen, um Grenzen zu bewältigen?

1. Toleranz entwickeln!

Nicht der Fehler ist das Problem, sondern wie wir damit umgehen. Fragen an sich selbst können neue Perspektiven und damit Erleichterung bringen. „Was kann (schon) passieren?“ „Und dann?“ „Ist das wirklich so schlimm?“

2. Sensibilität und Wahrnehmungsfähigkeit schulen und schärfen!

Einerseits das Beobachten von Menschen, die etwas wagen. Andererseits: Eigene Gefühle bewusster wahrnehmen: Wie geht es mir? Was geht in mir vor, wenn mir etwas gelingt. Wenn ich weiß, die Rede ist gut angekommen. Ich kann einen Anker setzen für den Notfall. Und ich lerne meine Gefühle besser kennen und kann damit leichter mit ihnen umgehen. In diesem Zusammenhang zitiere ich wieder aus dem Eröffnungsvortag von Herrn Kirchner: „Ein souveräner Mensch kann mit den eigenen und fremden Gefühlen umgehen.“

3. Skills Training- Fähigkeiten trainieren!

Die Redefähigkeit kann geschult werden, individuell durch Coaching oder durch Seminare. Es gilt das Prinzip: Übung macht den Meister.

4. „Notfallprogramm“ entwickeln!

Unter “Notfallprogramm” möchte ich die Fähigkeit verstehen, in einer akuten Grenzsituation kontrolliert zu reagieren. Darauf möchte ich hier näher eingehen:

  •  Zunächst den Fokus auf die körperliche und emotionoale Ebene richten: „Was spüre und denke ich gerade?“
  • Innerliches „STOP!“ (Gedankenstopp) und dann WAS WILL ICH?
  • Starten des Gegenprogramms: Was kann ich auf der Körper-Ebene, auf der emotionalen Ebene und auf der mentalen Ebene machen?

 

1. Körper-Ebene:

  • Wahrnehmen der körperlichen Befindlichkeit: Was spüre ich wo in meinem Körper?
  • Bodenkontakt bewusst machen („Grounding“), sich aufrichten und Brustkorb weiten, tief durchatmen
  • Sich körpersprachlich so verhalten, wie man sein eigenes Verhalten eben gerne hätte. Denn: Körpersprache unterstützt uns mental und hilft uns, uns gut zu fühlen und überzeugend zu wirken.

 

Unsere innere Haltung und unsere äußere Haltung beeinflussen einander.

Ein Beispiel: Stellen sie sich vor, Sie ärgern sich über etwas. Vertiefen Sie nun Ihr Ärgern. Spüren Sie Ihren Ärger. Und nun bitte ich Sie gleichzeitig ihren Mund zu entspannen und ihn dabei leicht zu öffnen.

Ist Ärger und körperliche Entspannung gleichzeitig möglich?

Dazu ein Zitat von M. Kataria (indischer Arzt): Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind, sondern wir sind glücklich, weil wir lachen.

  • Standortwechsel

Das Lüften des Raumes um diesen von dem „Stress zu befreien“ ist eine bekannte Methode. In einer Verhandlung während einer Rede genügt es oft, nur einen Schritt zur Seite zu machen um in einen neuen „Energieraum“ zu kommen.

2. Emotionale Ebene:

Aktivierung konstruktiver innerer Haltungen (Gelassenheit, Selbstsicherheit, Entschlossenheit,Vertrauen, …)

Ich mache eine Ausleihe vom Coaching zur Leistungsoptimierung von Sportlern:

Prozessorientiert nicht zielorientiert, heißt die Devise.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Stellen Sie sich zwei Bergsteiger vor. Beide wollen so schnell wie möglich den Gipfel erreichen.

Der eine denkt bei jedem Schritt, den er macht, an den Berggipfel – wie angenehm es sein wird, wenn er den Anstieg hinter sich hat, wie stolz er sein kann, sich ins Gipfelbuch einzutragen, wie er sich belohnen wird. Und sich auf das nächste Ziel bereit zu machen. Dies ist der sogenannte Ergebnisorientierte.

Der andere, der Prozessorientierte, hat genauso im Hinterkopf das Ziel, so schnell wie möglich den Gipfel zu erklimmen. Doch er genießt jeden Schritt. Er freut sich dem Berg harmonisch und rhythmisch zu begegnen. Er möchte keinen Augenblick missen, sich leicht und schnell nach oben zu bewegen und findet bereits die Erfüllung in jedem Augenblick seines Tuns.

Irgendwann hat er sein Ziel erreicht, doch wesentlich schneller als der ergebnisorientierte Bergsteiger. Er befand sich im optimalen Leistungszustand.

3. Mentale Ebene:

Aktivieren konstruktiver Zielbilder bzw. Zielformulierungen

Beispiele für eine subvokale Selbstinstruktion: „Ich möchte meinem Publikum möglichst wertvolle Anhaltspunkte mitgeben“. Ich bin o. k. so wie ich bin.“ „Ich kann mich auf mich verlassen.“ „Ich ruhe in mir.“

Diesen Satz leben, in sich spüren, atmen, ausstrahlen, usw.

Der CarpenterEffekt (oder ideomotorischer Effekt) bezeichnet das Phänomen, dass das Sehen sowie – in schwächerem Ausmaß – das Denken an eine bestimmte Bewegung die Tendenz zur Ausführung eben dieser Bewegung auslöst. Dazu ein aktuelles Beispiel: an Obama als Redner denken.

Neurobiologisch erklärt sich der Effekt auch durch die Spiegelneuronen. Das sind Nervenzellen, die im Gehirn bei Beobachtung einer Tätigkeit die gleichen Potentiale auslösen, als wenn diese Tätigkeit durchgeführt werden würde.

Schlussgedanke:

Persönlichkeitsstärkung ist ein Thema, das nie so viel Aktualität hat wie heute – wenn es mit materiellen Dingen in meinem Leben knapp wird, dann bleibe ich „nur mehr als Person“ über, diese zu stärken ist eine große Aufgabe.

Und zum Schluss: „Wenn du tust, was du immer getan hast, wirst du bekommen, was du immer bekommen hast. (Paul Watzlawick)“ Wer kontinuierlich seine Stretch-Zone erweitert, schöpft seine Potentiale besser aus und wird dadurch erfolgreicher im Sinne der Persönlichkeitsstärkung.

Das Schöne ist, dass wir, wenn wir uns auf ein Rhetoriktraining einlassen beides tun:

  1. wir verbessern unsere Redefähigkeit

  2. wir entwickeln uns in unserer Persönlichkeit weiter.

Und natürlich will ich nicht unerwähnt lassen:

Rhetoriktraining ist eine wunderbare Vorbereitung auf den „Notfall“!


 

Literatur

Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg, 2005 (=Hoffmann und Campe).

Kataria, Madan: Lachen ohne Grund. Eine Erfahrung, die ihr Leben verändern wird. Petersberg, 2007 (= Via Nova).

Wörz, Thomas: Mentales Fitness Training. Bewährte Maßnahmen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Wien, 2008 (=egoth).

Kirchner, Baldur: Eröffnungsvortrag Satür 2009. Salzburg