Die Bedeutung der Stimme für die Rhetorik

Abstract: Rhetorischer Erfolg misst sich nicht nur an den vorgetragenen Argumenten oder ihrer sprachlichen Formulierung, sondern auch an der Art und Weise wie ein Redner durch sein einmaliges individuelles „Timbre“ wirkt. Die Stimme ist eine organische Funktion, die tiefer als die Sprache, da diese kulturell erworben ist, mit der Gesamtpersönlichkeit des Menschen verbunden ist. Die phylo- und ontogenetisch ältere Ebene der Stimmproduktion ist gegenüber dem intellektuellen Neuerwerb der Sprache weniger leicht messbar und deshalb ein schwieriges Untersuchungsobjekt. Sie vermag auch das Schwankende, sich erst Vorbereitende auszudrücken und die Verbindung rein intellektueller Werte mit Gefühlswerten darzustellen. In der Antike schon wurde die rhetorische Schulung der Stimmbildung und Körperbeherrschung nicht von den Rhetoriklehrern, sondern von Schauspielern übernommen. Während der Schauspieler die Wirklichkeit nur nachahmt, präsentiert der Redner diese Wirklichkeit in seiner Rede selbst. Spielt ein Schauspieler seine Rolle, hat der Redner durch seine Person, durch sein Ethos zu überzeugen. Aber verbirgt sich nicht auch in dieser Möglichkeit als Person sichtbar zu werden eine dem Menschen innewohnende Angst? Das angeborene immanente Potential der Stimme erfährt im Laufe des Lebens eine Konditionierung, eine kulturelle Prägung, die ein Gewohnheitssprechen konstituiert. Selbst wenn der Ton „gut sitzt“, drückt er nicht mehr aus als eben dies: eine gut trainierte Stimme, die eine trainierte Person andeuten kann. In letzter Konsequenz kann aber nicht das Vertrauen des Kommunikationspartners gewonnen werden. Beinhaltet Arbeit an der Stimme auch Arbeit an der Person, bleibt die lebendige Wirkungs-Einheit zwischen Person und Stimme berücksichtigt. Die Person wird sichtbar, subtile Gedanken-Nuancen können unmittelbar und mit aller Evidenz ausgedrückt werden. Unsere einzigartige Fähigkeit, Laute zu Wortsymbolen oder unsere flüchtige Wahrnehmung zu fest umrissenen Begriffen weiter zu entwickeln, sollte nicht auf diese zu größter Reife entwickelte beziehungsweise entwicklungsfähige Stimme verzichten.

 


 

Sylvie Polz

 

Die Bedeutung der Stimme für die Rhetorik

 

Vortrag bei den 6. Salzburger Rhetorikgesprächen im Mai 2009

 

 

Die Persönlichkeit

So viele Disziplinen wie nie zuvor sind dem Rätsel Mensch auf der Spur. Das Streben nach Glück und Selbstverwirklichung ist nur möglich, wenn man sich intensiv mit seiner Persönlichkeit auseinandersetzt. In meiner Arbeit mit der Stimme habe ich es mit dem Ausdruck der Persönlichkeit zu tun. Ich unterrichte nach einer speziellen Methode, der Linklater-Methode. Ziel dieser Arbeit an der Stimme ist, dass die Person sichtbar wird, die spricht. Die Geburt bringt nur das Sein zur Welt; die Person wird im Leben erschaffen. Das werdende Ich in seiner ursprünglichen Form begegnet uns im Schreien des Kleinkindes. Es teilt uns mit seinem Schreien die Diskrepanz zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung mit. Von dieser ersten Stufe aus fängt das Ich an, sich zu entwickeln und wird schließlich zu einem sehr viel komplexerem Gebilde. D. h. die Ich Entwicklung erwächst aus dem Zusammenstößen mit der Umwelt. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass das psychische Leben nicht ausschließlich vom Ich kontrolliert werden kann. Das Ich ist dann nicht die oberste Instanz, sondern eine Verbindung zwischen dem, was Carl Gustav Jung SELBST nennt, und dem Ich. Das SELBST regt die jeweilige Ganzheit für das Individuum an und muss durch das Ich realisiert werden. Finden Veränderungen auf der körperlichen, der emotionalen und der geistigen Ebene statt, so ist das viel mehr als das Finden einer bequemeren Rolle oder das Spielen besserer Spiele. Das SELBST ist wegweisendes Prinzip im Menschen, der geheime spiritus rector und wirkt als apriorisches Gestaltungsprinzip in uns. Man könnte sagen, dass das SELBST einher geht mit unserem biologischen Kern, dem was als jeweils Eigenes in uns angelegt ist, unserem innersten Wesenskern oder der Ursache der Selbstregulierung der Psyche.

 

Chronische Muskelverspannungen

Dass unsere Gefühle unser Verhalten beeinflussen und sich in Körperhaltungen spiegeln, ist belegt. Wer seine Gefühle dauerhaft verleugnet, begeht quasi Verrat am eigenen Selbst. Je mehr sie weggedrückt werden, desto intensiver glühen sie unter der Oberfläche, je heftiger sie verleugnet werden, desto intensiver brechen sie sich auf irgendeine Weise Bahn. Ein starkes Gefühl der Traurigkeit wird bei einem gesunden, offenen Menschen spontan zum bebenden Kiefer, zu Tränen und Schluchzen. Bei einem Menschen mit emotionalen Blockierungen unterbricht chronische Muskelverspannung diesen Fluss. Wenn wir z. B. einen Ausdruck der Traurigkeit unterdrücken, spannen wir die Kiefermuskulatur an, ebenso den Brustkorb, den Bauch, das Zwerchfell und einige Muskeln der Kehle und des Gesichts. All jene Bereich, die sich spontan bewegen, wenn dem Gefühl seine natürlichen Ventile zugestanden werden. Wenn die Trauer tief und von langer Dauer ist, und wenn die Blockierung fortgesetzt wird, wird die Verspannung zur Gewohnheit und die Ausdrucksfähigkeit friert ein. Mit wachsender Gewohnheit merkt man immer weniger. Es kann sein, dass das Gefühl überhaupt nicht mehr bewusst wahrgenommen wird, und Situationen, die es wecken, werden vermieden. Eine Gewohnheit entsteht, ein Mangel an bewusster Wahrnehmung, sprich Blockierung.

 

Die persönliche Stimme

Die mit einer Blockierung in Korrelation stehenden Atemmuster sind so verschieden, wie es verschiedene Menschen gibt. Die tief im Unbewussten liegende tierische Instinktebene gefühlsmäßiger Reaktion auf Reiz wird, während wir aufwachsen, weitgehend aus uns herauskonditioniert. In reifem Verhalten sollte ein Gleichgewicht zwischen bewusster Kontrolle und instinktiver Reaktion bestehen. Und Spontanität sollte möglich sein, doch sie ist es nur selten. Anders ausgedrückt: Das angeborene immanente Potential der Stimme erfährt im Laufe des Lebens eine Konditionierung, eine kulturelle Prägung, die ein Gewohnheitssprechen konstituiert. Die Linklater-Methode ist ein autogenes Lehrprogramm, das mit einer außergewöhnlichen Architektur von Übungen systematisch jede Note in dem drei bis vier Oktaven umfassenden Umfang der Sprechstimme bearbeitet, befreit und abstimmt. Die Stimme wird nicht als musikalisches Instrument betrachtet, sondern als menschliches Instrument, durch das man die Person hören kann. Dieses ausschließlich menschliche Instrument ist dafür geschaffen, die volle Tonleiter menschlicher Gefühle und die Feinheiten und Nuancen von Gedanken auszudrücken. Ziel ist eine Stimme, die durchscheinend, nicht beschreibend, innere Impulse von Gefühlen und Gedanken direkt und spontan enthüllt. Die Person wird gehört, nicht die Stimme. Die Stimme zu befreien heißt in dieser Arbeit, die Person zu befreien.

 

Arbeitsschritte

Es ist nicht unwesentlich vorauszuschicken, dass die einzelnen Arbeitsschritte nur grundsätzlich vorgestellt, aber nicht vollständig beschrieben werden können. Jeder kommunikative Impuls ist geprägt von vielleicht einer persuasiven Absicht und einem mehr oder weniger komplexen Gedankengang. D.h. der Gedanken- und Gefühlsausdruck läuft immer gleichzeitig mit unterschiedlicher Gewichtung. In all den Übungen dieser Arbeit geht es nicht nur darum, zu tönen, sondern sich darin zu schulen, dass intellektuelle und emotionale Aspekte der Kommunikation mit dem körperlichen und stimmlichen Aspekt zu einem ausgewogenen Verhältnis finden.

  1. Da der Klang der Stimme durch physikalische Prozesse gesteuert wird, müssen die inneren Muskeln des Körpers frei sein für die empfindlichen Impulse des Gehirns, um Sprache entstehen zu lassen. Erster wesentlicher Schritt in der praktischen Arbeit ist die Ausrichtung des Körpers. Die Wirbelsäule sollte die Aufgabe übernehmen, uns entgegen der Schwerkraft aufrecht zu halten. Übungen sind so konzipiert, dass man im Laufe der Zeit eine Wahrnehmung von der Wirbelsäule entwickeln kann. Ich halte mich dann nicht „gerade“, sondern beginne eine natürliche Aufwärtsbewegung der Wirbelsäule zu entdecken. Übernimmt die Wirbelsäule wieder dieses „lifting up“, so ist die Muskulatur frei für Bewegung und Atmung.
  2. Es gibt keine korrekte Art zu atmen. Unsere Atmung muss unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden. Uns interessiert, wie die Atmung der Stimme wesentliche Unterstützung gibt und inwiefern der Atem daran beteiligt ist, die Wahrheit zu enthüllen oder zu verschleiern, während wir sprechen. Atmungsmuskulatur kann sowohl willkürlich als auch unwillkürlich funktionieren. Nachdem viele Menschen – bewusst oder unbewusst – im Laufe ihres Lebens ein Konzept erworben haben, wie man atmet oder atmen sollte, ist es sinnvoll, sich zunächst einmal zu gestatten, nicht willentlich in den Vorgang der ein- und ausströmenden Luft einzugreifen. Man lernt wieder, den Atem unwillkürlich ein- und ausströmen zu lassen. In diesen natürlichen Ablauf nicht willentlich einzugreifen, trägt dazu bei, dass die innere Atmungsmuskulatur beteiligt ist und bewirkt einen direkteren Kontakt mit sich selbst.
  3. Wir versuchen die auditive Kontrolle des Gehörs am Anfang der Arbeit zu reduzieren, indem wir durch unterschiedliche Arbeitsbilder die Vorstellungskraft anregen. Die Aufmerksamkeit von der „voice box“ geht auf das Erleben von Tönen im Körper. Ich beginne, mein Sprechen nicht mehr nur direkt in dem Bereich hinter dem Gesicht wahrzunehmen.
  4. Vokaltrakt: Sehr genau werden hier die Bereiche bearbeitet, die zu viel Spannung aufweisen, z. B. Zungenrücken, Kiefergelenk, Kehlkopf. Der träge oder zu angespannte weiche Gaumen wird gezielt trainiert, so dass es beim Sprechen zu einer unwillkürlich ablaufenden Feinabstimmung der jeweiligen Muskulatur kommen kann. Die Sprechstimme ist dann nicht mehr monoton, sondern zeigt die Möglichkeit einer Tonhöhenvariabilität.
  5. Resonanzarbeit: Die einzelnen Resonanzräume werden im Sinne von Hohlräumen im Körper isoliert. Die Stimme wird gestärkt und der gesamte Stimmumfang wird erweitert.
  6. Kräftigung der Atmungsmuskulatur: Der Schwerpunkt lag bisher bei der Costo-Abdominal-Atmung. Erst jetzt wird die Elastizität der Zwischenrippenmuskulatur geübt. Hintergrund ist auch hier wieder die kommunikative Absicht. D. h. die größere Atemkapazität wird geschult in der Absicht, bei einem beispielsweise längeren komplexeren Gedankengang der Stimme wesentliche Unterstützung zu liefern.
  7. Zusammenspiel von Lippen und Zunge: Die Schulung des Ringmuskels von Ober- und Unterlippe führt zu mehr Elastizität und damit zu größtmöglicher Ökonomie in der Artikulation. Gleiches gilt für die Zunge, die im Zusammenspiel mit den Lippen sehr genau und präzise auf die Schnelligkeit unserer Gedanken reagiert. Ziel der Arbeit ist ein ausgewogenes Quartett zwischen den Komponenten Intellekt, Gefühl, Körper und Stimme. Keine der Komponenten sollte mit ihrer Stärke die Schwäche einer anderen kompensieren. Herrscht ein ausgewogenes Quartett, kann das Ideal einer vollkommenen Kommunikation verwirklicht werden.

 

Wirkungsmöglichkeiten für den Redner

Das Postulat eines ausgewogenen Quartetts hat auch für einen Redner seine Richtigkeit. Offenbart sich doch in der Verknüpfung von affektischen und rationalen Komponenten eine Grundüberzeugung der Rhetorik. Cicero erklärte anno 90 n. Chr.: „Kein Mensch kann ein guter Redner sein, wenn er nicht ein guter Mensch ist“ und „der perfekte Redner ist der perfekte Mensch“. Eine verbindliche Fundierung einer rhetorischen Ethik steht im Grunde genommen bis heute noch aus. Es ist schwer, einen solch hohen moralischen Standard aufrecht zu erhalten. Obwohl Cicero vielleicht den Versuch nicht anerkennen würde, geschieht heute mehr erleuchtetes Suchen nach einer Entsprechung des „perfekten Menschen“ als zu irgendeiner Zeit während der letzten vier Jahrhunderte. Wenn der „perfekte Redner“ jemanden kennzeichnet, dessen Stil sowohl Leidenschaft als auch Intellekt benutzt, um sein Thema zu beleuchten, und der durch Wahrhaftigkeit nach der klaren Offenbarung des vollständig entwickelten menschlichen Seins strebt, dann gibt es auch heute Redner, die sich zu ihrem Traum bekennen. In der Antike schon wurde die rhetorische Schulung der Stimmbildung und Körperbeherrschung nicht von den Rhetoriklehrern, sondern von Schauspielern übernommen. Während der Schauspieler die Wirklichkeit nur nachahmt, präsentiert der Redner diese Wirklichkeit in seiner Rede selbst. In der Möglichkeit, als Mensch sichtbar zu werden, kann sich aber auch eine dem Menschen innewohnende Angst verbergen. Dann wird die Komplexität, die ein Redner wählt oder die die Situation verlangt, durch ungewollte Beimischung gewohnheitsmäßiger Abwehr und individueller Charakteristik gefiltert, und der Ton kommt völlig anders heraus, als man ihn sich im Geist vorgestellt hat. Selbst wenn der Ton „gut sitzt“, drückt er nicht mehr aus als eben dies: eine gut trainierte Stimme, die eine trainierte Person andeuten kann. In letzter Konsequenz wird aber nicht das Vertrauen des Kommunikationspartners gewonnen. Hinzuzufügen ist aber auch die Tatsache, dass es Stimmen gibt, die reich, entspannt und tief sind, die Vertrauen und Leistung signalisieren, obwohl nichts getan wird.

Vom Laut zur Sprache oder vom Tier zum Göttlichen

Unser Gewohnheitssprechen hat sich im Laufe des Sozialisierungsprozesses über einen längeren Zeitraum entwickelt. Sprache begann instinktiv, körperlich, primitiv. Das ausgedehnte Gebrüll aus Schmerz, Freude oder Wut wurde dann als detailliertere Kommunikation über die Muskeln im Körper ausgedrückt, die auf die Anforderungen eines sich entwickelnden Intellekts reagierten. Dieser Intellekt, der zunehmend genauere Informationen zu übermitteln hatte, benutzte Muskeln im Mund, um positive und negative Reaktionen voneinander zu unterscheiden; und zunehmend, um Gegenstände und Tatsachen zu beschreiben und mit den Einzelheiten von Sprache umzugehen. Es ist undenkbar, dass der Mund, als er zuerst anfing, Worte zu bilden, dies auf eine Weise tat, die sich von den normalen Übungen des Kauens, Beißens, Küssens, Saugens, Leckens, Knurrens, Lippen-Leckens und Schleckens unterschied. All dies waren praktische Aktivitäten mit sinnlichen Belohnungen, und die meisten hatten spürbar angenehme Nebenwirkungen. Die moderne westliche Ausbildung hat die Entwicklung eines Weges, durch den das innere Leben durch gesprochene Worte aufgedeckt werden kann, stark behindert. Sie hat zu einer Dichotomie zwischen Gehirn und Körper geführt und heute geschieht Lernen von der Buchseite zum Auge, zum Gehirn, hinunter in den Arm, durch die Hand, zurück zur Buchseite, ohne dass es je von der Chemie des ganzen Menschen aufgenommen wurde. Auch in der Rhetorik geht es darum, den Menschen in seiner Ganzheit anzusprechen, als rationales und emotionales Wesen. Die Stimme eines Redners sollte die Wahrheit über ihren Besitzer durchscheinen lassen, wenn dieser es wünscht oder die Situation es erfordert. Er sollte dabei nicht auf diese entwicklungsfähige Stimme verzichten, damit fundamentale Eigenschaften und vielleicht auch Bestimmungen des Menschen vorangetrieben werden können.


Angaben zur Autorin:

MA Sylvie Polz
Augustenstraße 85 A
80798 München


Literatur

„Freeing the natural voice“ K. Linklater

„Freeing Shakespeares voice“ K. Linklater

„Botschaften des Körpers“ Ron Kurtz/Hector Prestea

„Rhetorik“ Clemens Ottmers

„Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung“ hrsg. v. Jaffe