Die moderne Disputation als Persönlichkeitsbildung

Abstract: Die Disputation als Übungsformat taucht erstmals in der aristotelischen Topik auf. Dort führt Aristoteles neben der ‚Übung‘ auch ‚die Begegnung mit der Masse‘ als Zweck der Disputation an. In jüngster Zeit wurde die Disputation im akademischen Rahmen als rhetorische Trainingsform wiederbelebt und modernen Anforderungen an ein Übungsformat angepasst. In diesem Vortrag werde ich den Fokus auf die Kompetenzen legen, die die Teilnehmer beim disputieren schulen können. Durch den dialektischen Charakter der Disputation werden neben analytischen und argumentativen Fähigkeiten ebenso allgemeine Gesprächskompetenzen trainiert, die einen großen Teil zur Persönlichkeitsbildung beitragen können.

 


 

Jasmin Taraman

 

Dialog – Die moderne Disputation als Persönlichkeitsbildung

 

Vortrag bei den 6. Salzburger Rhetorikgesprächen im Mai 2009

 

1. Einleitung

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“ – Dieses Sprichwort gilt wohl auch für den (angehenden) Redner. Entsprechende Übungen, die die Fähigkeiten des Redners verbessern und damit gleichzeitig auch seine Persönlichkeit bilden sollen, gibt es wie Sand am Meer. Doch wonach kann die Qualität einer guten Übung bemessen werden? Einen Konsens über Qualitätskriterien für rhetorische Übungen gibt es nicht. Dennoch kann bei vielen rhetorischen Übungen geprüft werden, welche Fähigkeiten sie beim Redner trainieren. Im Folgenden wird eine Übungsform vorgestellt, die bestimmte rhetorische Fähigkeiten trainiert: Die moderne Disputation.

Nach einer kurzen einleitenden Bemerkung zu der Problematik von rhetorischen Übungsformaten wird zunächst der Ursprung und Ablauf der Disputation beschrieben, um daraufhin näher auf die mit dieser Übung trainierbaren Fähigkeiten einzugehen. Obwohl der Ablauf der Disputation sehr stark dialogisch orientiert ist, kann der angehende Redner auch Kompetenzen trainieren, die für die monologische Rede von Bedeutung sind. Abschließend werden kurz die Möglichkeiten und Grenzen dieses Formates reflektiert.

Damit aus dem angehenden Redner nun tatsächlich ein ‘Meister’ werden kann, braucht er Übung. Allerdings geben viele rhetorische Übungen dem Einzelnen lediglich Anweisungen für die Arbeit im stillen Kämmerlein. Auch wenn einige dieser Übungen sinnvoll sein mögen, verlieren sie dennoch schnell an Reiz. Aufgrund ihrer Eintönigkeit werden diese Übungen schnell als lästige Pflicht empfunden. Damit eine Übung aber einen nachhaltigen Effekt haben kann, sollte sie folglich zur häufigen und regelmäßigen Wiederholung anregen. Sie sollte nicht alleine darauf setzen, dass der Übende ein außergewöhnliches Maß an Disziplin aufweist, sondern eine zusätzliche Motivation bieten, die den werdenden Redner dazu anregt, freiwillig immer besser werden zu wollen. Am erfolgversprechendsten für diese Art von Motivation ist der Wettkampf, der Agon. Wenn einmal der sportliche Ehrgeiz geweckt wurde, und der Spaß anstatt der Reflexion über die eigenen rednerischen Fähigkeiten in den Vordergrund gestellt wird, entsteht für den Übenden keine Langeweile. Mit jedem Training wird der angehende Redner ein klein wenig erfolgreicher und kann so immer mehr Wettkämpfe für sich gewinnen. Und den anderen Teilnehmern eine Nasenlänge voraus zu sein, spornt zur weiteren Übung an. Voraussetzung für einen solchen Wettkampf ist, dass es ein klares Regelwerk gibt. Ohne Regeln, die auch klare Bewertungskriterien vorgeben, kann ein Sieger nur intuitiv, nicht aber begründet, ermittelt werden. Die Disputation als ursprünglich dialektisches Trainingsformat verfügt schon in ihren antiken Wurzeln über Regeln. So widmet sich ein ganzes Buch der aristotelischen Topik dem reinen Ablauf des Streitgespräches. In der Antike verfolgte die Disputation neben anderen noch den Zweck der Übung, spätestens nach dem Mittelalter stirbt die Disputation als Übungsformat allerdings aus. In jüngster Zeit wurde das aristotelische Vorbild indessen den inzwischen deutlich veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Diese Modernisierungen sollen im folgenden Abschnitt kurz erläutert werden.

 

2. Die moderne Disputation

Steht in der modernen Disputation die Übung im Vordergrund, hatte das aristotelische Vorbild laut Aristoteles dreierlei Nutzen: „die Übung, für die Begegnungen (mit der Menge), für die philosophischen Wissenschaften“1. Dabei wurden Thesen innerhalb einer Disputation auf zweierlei Fragestellungen hin geprüft: Ist die These in sich selbst widersprüchlich? Das heißt: Ist die These selbst mit allen für sie notwendigen Prämissen inkonsistent, führt also ihre Verteidigung zu Widersprüchen? Wird diese Frage negiert – wenn die These also widerspruchsfrei verteidigt werden kann – wird sie einem weiteren Test unterzogen: Ist die These bei näherer Betrachtung nicht nur konsistent, sondern lässt sie sich auch aus endoxen Prämissen deduzieren? Endoxe Prämissen im aristotelischen Sinne „sind diejenigen, die entweder von allen oder den meisten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden“2 . Da die Endoxität von Prämissen stark davon abhängt, was eine Gesellschaft als ‚wahr‘ und ‚richtig‘ anerkennt, ist dieses Kriterium in der heutigen Zeit deutlich problematischer als in einer klassischen griechischen oder christlichen mittelalterlichen Gesellschaft. So finden sich in der aristotelischen Topik beispielsweise Stellen, die aus heutiger Perspektive deutlich dogmatisch sind und in dieser Form in der heutigen Gesellschaft sicherlich nicht mehr als endox gelten dürften: „Denn wem es Schwierigkeiten bereitet zu sagen, ob man die Götter ehren und die Eltern lieben soll oder nicht, benötigt Züchtigung; wem es aber Schwierigkeiten bereitet zu sagen, ob Schnee weiß ist oder nicht, der benötigt Wahrnehmung.“3

Hieraus ergibt sich die erste Anpassung. Endoxität in der modernen Disputation wird als das „subjektive, wohlinformierte und reflektierte Urteil“ verstanden. Diese Formulierung klammert eine Orientierung an der Mehrheitsmeinung nicht aus, wird aber deutlich relativistischer verstanden. Ein Beispiel hierfür ist der gelegentliche Genuss von Alkohol: Juroren in der westlichen Welt würden vermutlich nicht einmal auf den Gedanken kommen, den gelegentlichen Genuss von Alkohol als adox anzusehen, während es schwer vorstellbar ist, dass Juroren aus einer stärker religiösen Gesellschaft des Nahen Ostens auf die Idee kämen, Alkoholgenuss als endox zu betrachten.

Die zweite Modernisierung hängt stark mit der Umdeutung von Endoxität zusammen und betrifft die Gesamtbewertung der Disputation. Konnte in der Antike noch ein Lehrmeister wie Aristoteles über den Sieger einer Disputation entscheiden, erscheint dies im modernen Kontext wenig sinnvoll. Aus diesem Grund verfügt die Disputation über ein elaboriertes Bewertungssystem,4 anhand dessen es möglich ist, einen Sieger zu ermitteln.

Zusätzlich zu diesen beiden wichtigsten Änderungen sind in der modernen Disputation der strikte Ablauf sowie sämtliche Rechte und Pflichten der Teilnehmer im Regelwerk festgelegt.

 

3. Trainierte Kompetenzen

Die moderne Disputation ist also ein dialektisches und rhetorisches Trainingsformat mit antiken Wurzeln. Zwei Teilnehmer (Opponent und Defendent) treten in einem dialogischen Wettstreit gegeneinander an. Zusätzlich sind mindestens zwei Juroren anwesend, die die Leistungen beider Teilnehmer in jeder der drei Phasen, die eine Disputation durchläuft (Exposition, Examination, Evaluation), bepunkten. In diesen drei Phasen, in denen eine These auf Konsistenz und Endoxität geprüft wird, können die Teilnehmer verschiedene rhetorische Fähigkeiten trainieren. Und obwohl es innerhalb der modernen Disputation eine deutlich asymmetrische Rollenverteilung gibt, können beide Teilnehmer im Wesentlichen die gleichen Kompetenzen schulen. Im Folgenden werden die drei Phasen der modernen Disputation knapp beschrieben, und anschließend wird kurz auf die wichtigsten trainierten Fähigkeiten eingegangen.5

Exposition. Nachdem der Defendent sich für eine These entschieden hat, die er im Verlauf der Disputation verteidigen wird – beispielsweise: Nur für einen Freund lohnt es sich zu lügen –, hat er nach einer kurzen Vorbereitungszeit Gelegenheit, seine These in einer knappen Rede zu erläutern. Die Rede sollte in der These verwendete Begriffe klären, wie auch erste Begründungen für diese anreißen. Der Opponent bleibt in diesem Abschnitt weitgehend passiv und nutzt die Informationen des Defendenten dafür, seinen Angriff für die Examination vorzubereiten.

Daraufhin bewerten die Juroren die Rede auf zweierlei Gesichtspunkte: Auswahl und Darstellung der These. Bezüglich der Auswahl wird die Endoxität der These bewertet. Wie endox oder adox ist die These? Je adoxer die These ist, desto mehr Punkte bekommt der Defendent hierfür. In der Bewertung der Darstellung werden rhetorische Fähigkeiten beurteilt. Je klarer und eloquenter die These vorgetragen wurde, desto höher fallen die Punkte für den Defendenten aus.

Es ist recht offenkundig, dass der Defendent an dieser Stelle vor allen Dingen seine allgemeine Vortragsfähigkeit üben kann. Darüber hinaus wird ihm aber auch abverlangt, abschätzen zu können, wie endox oder adox die von ihm vertretene These ist. Außerdem trainiert er heuristische Kompetenzen, da er Argumente finden sollte, die seine These stützen.

Examination. Die Examination bildet das Herzstück der modernen Disputation. Hier hat der Opponent die Aufgabe, die These auf Schlüssigkeit und Endoxität zu prüfen. Primär sollte er zeigen, dass die Verteidigung der These zu Widersprüchen führt. Gelingt ihm dies nicht, kommt das zweite Ziel zum Tragen – er sollte zeigen, dass das Vertreten der These zum Zugeständnis adoxer Prämissen führt. Dem Opponenten steht hierfür nur ein einziges Mittel zur Verfügung: das Stellen geschlossener Fragen, auf die der Defendent entsprechend lediglich mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ antworten darf.6 Für alle Fragen, die der Opponent stellt, ist der Wortlaut bindend. Der Unterschied zwischen den folgenden zwei Fragen „Lohnt es sich, für Freunde zu lügen?“ und „Lohnt es sich, nur für Freunde zu lügen?“ verdeutlicht, dass einzelne Wörter, wie in diesem Falle ‘nur’, bedeutungstragend sind. Durch die unterschiedliche Quantifizierung in beiden Fragen wird die Bedeutung erheblich verändert. Im ersten Fall wird abgefragt, ob es sich generell lohnt, für Freunde zu lügen, während in der zweiten Frage nur von Freunden die Rede ist. Wird die zweite Frage bejaht, heißt dies, dass es sich in keinem anderen Falle lohnt, zu lügen – wohingegen eine Affirmation der ersten Frage andere Fälle als Lügen wegen Freundschaften nicht ausschließt.

Falls der Opponent während der Befragung nun der Meinung sein sollte, einen Widerspruch des Defendenten aufgedeckt zu haben, darf er dies anmelden und den Juroren zur Abstimmung vorlegen. Besteht tatsächlich ein Widerspruch zwischen den Antworten des Defendenten, sieht das Regelwerk eine entsprechende Bepunktung vor. Besteht allerdings ein Widerspruch zwischen einer der gegeben Antworten und der These selbst, gilt die These als verloren, womit der Opponent die Disputation quasi durch einen K.O.-Sieg für sich entschieden hat. Ein Beispiel: Angenommen, der Defendent verteidigt die These „Nur für einen Freund lohnt es sich zu lügen!“ und wird vom Opponenten nun Folgendes gefragt: „Lohnt es sich, zu lügen, um sein eigenes Leben zu schützen?“ – dann läge bei einer Affirmation der Frage ein solcher sogenannter Hauptwiderspruch vor.

Bevor auf die trainierten Fähigkeiten während der Examination näher eingegangen wird, soll noch kurz ein Wort über die Rollenverteilung innerhalb der Disputation verloren werden. Auch wenn es zunächst den Anschein haben mag, dass derjenige, der die These verteidigt, auch derjenige ist, der aktiv argumentiert, ist dies nicht der Fall. Die Situation in einer Disputation ist weitaus komplexer: Der Opponent ist derjenige, der die argumentative Richtung vorgibt, indem er Fragen stellt. Das allein stellt aber noch keine Argumentation dar. Damit aus seinen Fragen Argumente werden, ist er auf die Antworten des Defendenten angewiesen. Durch diese argumentative Rollenverteilung werden die Fähigkeiten mit anderen Schwerpunkten trainiert, als man es möglicherweise intuitiv erwarten würde.

Der Opponent übt also zunächst seine heuristische Kompetenz, während er seinen Angriff vorbereitet. Das Stellen von Fragen setzt voraus, dass ihm die Schwachpunkte der These deutlich sind – diese aufzuspüren bedeutet gleichzeitig auch, Gegenargumente zu finden. Weitere Kompetenzen, die trainiert werden können, sind das Analysieren von Implikationen, die sich aus Propositionen ergeben, und argumentative Stringenz. Das heißt, zu erkennen, welche Aussagen implizit in der These vorhanden sind bzw. aus dieser folgen – und entsprechend das Vermeiden und Erkennen von Widersprüchen. Fragt der Opponent beispielsweise, ob es sich nur für Freunde lohnt zu lügen, und affirmiert der Defendent diese Frage, sieht der geübte Opponent sofort, dass damit direkt ausgeschlossen ist, dass sich Lügen für andere als für Freunde lohnt – womit sich eine Reihe von potentiellen Fragen ergibt, die adoxe Antworten ergeben könnten. Wie das vorherige Beispiel gezeigt hat, bedeutet dies beispielsweise gleichzeitig auch, dass es sich nicht lohnt zu lügen, um das eigene Leben zu schützen.

Um Widersprüche zu vermeiden, muss der Defendent für jede einzelne Frage aufs Neue prüfen, was diese These voraussetzt und/oder impliziert. Gleichzeitig prüft der Opponent mit jeder Antwort, die der Defendent gibt, welche Implikationen sich hieraus ergeben. Das Erkennen von Implikationen dient den zwei Zielen der Disputation gleichermaßen: Wer die Implikationen einer These erkennen kann, kann so Widersprüche vermeiden und potentielle Widersprüche aufspüren, kann aber gleichzeitig auch einschätzen, wie endox oder adox weitere sich daraus ergebende Implikationen sind.

Damit stark zusammenhängend ergibt sich die nächste Kompetenz: Antizipationsfähigkeit. Der Opponent hat das Ziel zu zeigen, dass für die Verteidigung der These auch das Zugeständnis adoxer Prämissen notwendig ist – wohingegen der Defendent natürlich das gegenteilige Ziel hat, nämlich das Zugestehen adoxer Prämissen zu vermeiden. Da der Endoxitätsbegriff allerdings relativ ist, ist es natürlich notwendig, schon an dieser Stelle zu antizipieren, was die Juroren für endox und adox halten – schließlich sind sie es, die am Ende über Adoxität und Endoxität befinden.

Evaluation. In der letzten Phase der Disputation geht es an die Bewertung. Der Opponent erhält kurz Gelegenheit, die seiner Meinung nach drei adoxesten Prämissen den Juroren zur Bewertung vorzulegen. Nachdem Opponent und Defendent in einem kurzen Schlagabtausch ihre Positionen mit kurzen Redesequenzen begründen, bewerten die Juroren unabhängig voneinander, für wie adox oder endox sie die vorgelegten Prämissen halten. Dabei sollten diese losgelöst vom Kontext der Disputation bewertet werden. Das heißt vor allen Dingen, dass nicht bewertet wird, ob die gegebene Antwort des Defendenten für die stringente Verteidigung der These notwendig war oder nicht. Hat dieser im Verlaufe der Disputation beispielsweise zugestanden, dass Lügen eine gute Sache ist, weil er damit einem möglichen Widerspruch aus dem Weg gehen wollte, darf seine Motivation für die Antwort nicht in die Bewertung mit einfließen.

Für die Vorlage der Prämissen, wie auch für die Redesequenzen, ist es von besonderer Bedeutung, den Prämissensatz der Zuhörer zu antizipieren: Der Opponent sollte diejenigen Prämissen aussuchen, die die Juroren vermutlich am adoxesten finden, während der Defendent in seiner Verteidigung natürlich möglichst endoxe Argumente verwenden sollte, um die Juroren zu überzeugen.

Weiterhin werden phasenübergreifend mindestens zwei weitere Fähigkeiten trainiert: Während der gesamten Disputation kommt es auf eine präzise Wortwahl an. Wenn der Opponent die Frage nicht genauso formuliert, wie er sie auch meint – oder der Defendent nicht genau darauf achtet, was die Frage des Opponenten aussagt –, kann sich dies innerhalb der Evaluation negativ auswirken. Darüber hinaus ist der gesamte Dialog streng regelgeleitet. Das bedeutet, dass beide Teilnehmer ständig das Rederecht des anderen respektieren müssen: Unterbrechungen werden durch das Regelwerk geahndet.

Aber inwiefern kann dieses stark dialogisch orientierte Trainingsformat nicht nur für die dialogische, sondern auch für die monologische Rhetorik von Nutzen sein?

 

4. Disputation und die klassischen Produktionsstadien der Rede

Die antike Rhetoriktheorie hat das System der Produktionsstadien der Rede, bzw. das der Aufgaben des Redners, hervorgebracht. Der Begriff der officia oratoris7 wird erst verhältnismäßig spät überliefert und die einzelnen Produktionsstadien werden nicht in jedem bedeutenden Textzeugnis explizit benannt. Es scheint gar, als ob „eine terminologische Fixierung“8 teilweise, wie beispielsweise in der aristotelischen Rhetorik, zu vermeiden gesucht wird. Dennoch folgen rhetorische Abhandlungen zumeist der Struktur der einzelnen Produktionsstadien.

Das erste Produktionsstadium (inventio) dient der Stoffsammlung – also dem Finden von Argumenten. Sind die Argumente einmal gefunden, hat der Redner die Aufgabe, sie entsprechend anzuordnen (dispositio). Maßgeblich hierfür ist das aptum. Auf die Anordnung des Materials folgt dann die Formulierung (elocutio). Der Redner muss sich als Nächstes seine Rede entsprechend einprägen (memoria), um sie dann schließlich vortragen zu können (actio).9 Auch wenn die Fähigkeiten, die in der Disputation trainiert werden können, eine starke dialogische Ausrichtung haben, sind sie für den angehenden Redner auch für die Produktionsstadien der monologischen Rede gewinnbringend. Fast alle trainierten Fähigkeiten der Disputanten korrespondieren jeweils mit den von den officia oratoris geforderten Kompetenzen.10 Auch wenn sich, wie Schirren anmerkt, die Fünfzahl der officia als „resistent erwiesen“11 hat, gibt es Autoren wie Augustinus und Sulpicius Victor, die der Fünfgliederung ein weiteres Stadium voranstellen, das als rhetorische Prä-Operation gelten kann: die intellectio.12 Theoretisch schafft diese erst die Voraussetzung für die weiteren fünf Arbeitsschritte. Nach Chico-Rico kommt der intellectio eine besondere Bedeutung zu, da durch sie „der Redner die Komponenten des rhetorischen Geschehens, in dem er sich befindet, analysiert, um vom Zeitpunkt der Kenntnis dieser Komponenten an die operativen Strategien der inventio, der dispositio und der elocutio (…)“13 festzulegen. Aufgrund ihrer entscheidenden Bedeutung im rhetorischen Prozess des Orators wird die intellectio an dieser Stelle mitbehandelt, auch wenn sie in der Lehre der officia häufig unterschlagen und sie historisch wenig behandelt wurde.

(1) Intellectio. Während der Examination trainiert der Opponent seine Antizipations-fähigkeit vor allen Dingen dadurch, dass er jede potentielle Frage-Antwort-Sequenz auf Endoxität hin prüft. Damit analysiert er gleichzeitig den Prämissensatz der Juroren – genauso wie der Defendent, bevor er die Fragen seines Gegners beantwortet. Auch das Erkennen von Implikationen fällt unter die intellectio. Für die Disputation ist es nützlich, nicht jede beliebige Implikation zu erkennen, sondern diejenigen, die potentiell adox sind. Damit findet nach dem eigentlichen Erkennen von Implikationen nochmals eine Selektion aufgrund der Endoxitätsprüfung statt.

(2) Inventio. Das Auffinden der Argumente wird in der Disputation während der Exposition durch den Defendenten, und während der Examination durch den Opponenten trainiert. Das Finden von Argumenten ist sowohl für das Halten der kurzen Eröffnungsrede wie auch für das Finden der richtigen Fragen notwendig.

(3) Dispositio. Die Anordnung von Argumenten wird aktiv durch den Opponenten während der Examination trainiert. Eine geschickte und strategische Frageanordnung ist von Nutzen, um den Defendenten möglichst darüber im Unklaren zu lassen, worauf die Fragen abzielen. Gleichzeitig ist der Defendent dazu angehalten, die Fragestruktur des Opponenten zu analysieren, um sie möglichst frühzeitig zu durchschauen. Die Anordnung, wie auch das Erkennen der Struktur, ist Kernbereich der dispositio.

(4) Elocutio. Es ist für den Opponenten notwendig, seine Fragen möglichst eindeutig zu formulieren, damit die Frage mit der Antwort des Defendenten genau die Prämisse ergibt, die er für seine Argumentation benötigt. Um einen strategischen Vorteil zu erlangen, kann der Opponent sich hier natürlich auch Zweideutigkeiten zunutze machen – die Interpretation hängt aber letzten Endes von den Juroren ab, die entweder über einen möglichen Widerspruch entscheiden, oder die Prämisse während der Evaluation auf ihre Endoxität hin bewerten. Die Balance innerhalb der Formulierung zu halten, ist eine Stilfrage.

(5)  Memoria. Für einen stringenten Angriff durch den Opponenten ist es notwendig, sich zu merken, wie der Defendent die gestellten Fragen beantwortet hat. Umgekehrt muss der Defendent sich für eine konsistente Verteidigung natürlich auch merken, welche Antworten er bereits gegeben hat.

(6) Actio. Auch wenn die Redesequenzen innerhalb der Disputation sehr kurz ausfallen, werden während dieser Sequenzen dennoch Vortragsfähigkeiten trainiert. Dies gilt vor allen Dingen für den Defendenten, der innerhalb der Exposition eine kurze Eröffnungsrede halten muss. Aber auch der Opponent hält während der Evaluation kurze Reden, die die Juroren von seinem Standpunkt überzeugen sollen.

 

5. Abschließende Bemerkungen

Nachdem nun der Ablauf der Disputation dargestellt wurde, sowie die Fähigkeiten, die mit dieser Übung trainiert werden können, soll abschließend die Realitätsnähe der Disputation kritisch geprüft werden. Auch wenn die Disputation Alltagssituationen in deutlich überspitzter Form abbildet und damit nicht als besonders realitätsnah gelten dürfte, vermag sie es dennoch, bestimmte Kompetenzen in isolierter und konzentrierter Form zu trainieren. In der Disputation wird etwa während der Examination systematisch versucht, pathetische Persuasionswege zu eliminieren. Um es mit einer Analogie auszudrücken, bedeutet dies für den Redner, dass er, ähnlich wie ein Boxer, in der Disputation seinen Bizeps und seine Deckung schult – aber keinen vollständigen Kampf bestreitet. Es versteht sich von selbst, dass reale rhetorische Situationen weitaus komplexer sind, als die in der Disputation abgebildete Redesituation. Damit bietet die Disputation einen Rahmen, in dem spezielle – argumentative – Fähigkeiten in konzentrierter Form trainiert werden können. Um ein Meister der Rede zu werden, bedarf es allerdings noch weiterer Übungsformen, die dem vollständigen Kampf näher kommen.


Angaben zur Autorin:

Jasmin Taraman
j.taraman@googlemail.com


Literatur

Aristoteles: Topik. Übersetzt und kommentiert von Christof Rapp. Stuttgart 2004 (= Reclam Universal-Bibliothek Nr. 18337).

Chico-Rico, Francisco: Intellectio. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 4: Hu – K. Hg. von Gert Ueding. Tübingen 1998: 448 – 451.

Schirren, Thomas: Rhetorik des Textes: Produktionsstadien der Rede. In: Ulla Fix / Andreas Gardt / Joachim Knape (Hgg.), Rhetorik und Stilistik/Rhetoric and Stylistics. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung/An International Handbook of Historical and Systematic Research. 2. Halbband /Volume 2. Berlin 2009 (= HSK Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 31.2).


[1] Top. 101a, 26.

 

[2] Top. 100b, 21-23.

 

[3] Top. 105a5ff.

 

[4] http://www.dialektische-gesellschaft.de/regeln.html

 

[5] Auch wenn die drei Phasen der Disputation hier getrennt voneinander behandelt werden, sind sie in der Praxis natürlich eng miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.

 

[6] Von dieser Einschränkung gibt es zwei Ausnahmen. Der Defendent kann jederzeit Fragen des Opponenten auch mit ‘Unklar’ oder ‘Irrelevant’ beantworten. Als unklar gelten Fragen dann, wenn sie syntaktisch oder semantisch tatsächlich unklar sind – nicht aber, wenn der Defendent sich nicht für eine Antwort entscheiden kann. Die Möglichkeit, eine Frage mit ‘Irrelevant’ zu beantworten, kann der Defendent dann nutzen, wenn eine Frage tatsächlich keinen Bezug zur Disputation hat, oder wenn Fachwissen statt einer Meinung abgefragt wird. Zum Beispiel “Ist die Scheidungsrate in Deutschland höher als 22%?”, anstatt von “Ist die Institution der Ehe gut?”.

 

[7] Der Begriff ‘officium’ ist nicht nur den Produktionsstadien der Rede vorbehalten, sondern kann gewissermaßen als “Universalbegriff” gesehen werden: „officium erweist sich somit als eines der rhetorischen Universalbegriffe, der im Kontext der rhetorischen Technik gesehen werden muss: Die Zielbestimmungen des Techniten werden als officia bezeichnet“ Schirren (2009): 629.

 

[8] Schirren (2009): 623.

 

[9] Auch wenn die Produktionsstadien in dieser Reihenfolge aufgezählt wurden, heißt das natürlich nicht, dass diese Abfolge – insbesondere bei den ersten drei Stadien (inventio, dispositio und elocutio) – vom Redner starr eingehalten werden muss.

 

[10] Da Exposition und Evaluation lediglich Teil der modernen Disputation sind und im aristotelischen Vorbild noch nicht vorkommen, wird die actio vor allen Dingen in der modernen Disputation trainiert.

 

[11] Schirren (2009): 628.

 

[12] Chico-Rico (1996): 448.

 

[13] Chico-Rico (1996): 451.