Was ist eine rhetorische Figur – und was macht eine rhetorische Figur wichtig?

Die Figura bezeichnet ihrer lateinischen Wortherkunft nach ein ,plastisches Gebilde‘. Entwickelt hat sich der rhetorische Fachterminus figura in enger Beziehung zum griechischen Schema (,äußere Gestalt‘) – ein Begriff, der in der griechischen Antike bereits ganz verschiedene (sprachliche, mathematische, astronomische) Verwendungszusammenhänge aufzuweisen hatte. So kommt es, dass sich in der Bezeichnung ,rhetorische Figur‘, die sich im Verlauf des letzten vorchristlichen Jahrhundert zu dem bis heute gängigen terminus technicus der Rhetorik etablierte,  Bedeutungsfacetten wie äußere Erscheinung, Form (forma), Licht (lumen) Ausschmückung (exornatio), Bewegung oder auch Verwandlung ineinander vermischt finden.

Der römische Rhetorikprofessor Marcus Fabius Quintilianus (um 40 n.Chr. – 95 n.Chr.) definiert eine solche rhetorische Figur als eine Veränderung, eine Variation gegenüber den gewöhnlichen, naheliegenden Ausdrucksformen beim Sprechen – analog zur Körperhaltung, bei der wir einmal sitzen, einmal liegen, den Kopf neigen und so weiter. Diese Form der Abwechslung soll helfen, Einförmigkeit und Langeweile zu vermeiden. (vgl. Quintilian IX,1,11). Die antike Rhetorik unterscheidet dabei zwei Arten von Figuren, zum einen die figurae verborum (Redefiguren, auch Wortfiguren), zum anderen die figurae sententiarum (Gedankenfiguren, auch Sinnfiguren). Während erstere eine  Änderung auf der Ebene des sprachlichen Ausdrucks aufweisen – beispielsweise eine Veränderung der gewohnten Wortfolge im Satz –, sind letztere unabhängig von einer Veränderung der sprachlichen Oberfläche. „Die Wortfigur verschwindet, wenn du den Wortlaut änderst, die Gedankenfigur dagegen bleibt bestehen, welcher Worte du dich auch immer bedienen willst“, erläutert Cicero in seinem Dialog „Über den Redner“ (Buch III, 52, 201). Von den rhetorischen Figuren unterschieden die antiken Theoretiker ferner die so genannten Tropen (von griechisch tropé: Wendung), das sind Figuren der Bedeutungsübertragung. Hierbei werden Wörter oder Ausdrücke in Bereiche transferiert, in die sie ursprünglich gar nicht gehören. (vgl. Quintilian IX,1,4). Nicht immer ist es möglich, eine Figur einer dieser Kategorien eindeutig, ausschließlich oder widerspruchsfrei zuzuordnen; schon die frühen Theoretiker sind sich nicht immer darüber einig, wie einzelne Figuren zu klassifizieren sind. Legt man einmal die antike Einteilung zugrunde, gehören die hier vorgestellten Figuren zu einem Teil zu den Redefiguren (Alliteration, Anapher und Epipher, Ellipse, Epiphrase, Geminatio, Inversion, Trikolon, Zwillingsformel), zum Teil zu den Gedankenfiguren (Anspielung, Ambiguität, Anticipatio, Antithese, Exclamatio, Klimax, Rhetorische Frage) und zum Teil zu den Tropen (Euphemismus, Ironie, Metapher, Periphrase).

Aus der antiken Rhetorik ist eine fast unüberschaubare Fülle von Figuren überliefert, die zwar häufig alte (griechische oder lateinische) Namen tragen, von der Sache her jedoch keineswegs veraltet sind: Mit ihrer Hilfe lassen sich sprachliche Stilphänomene bestimmen, benennen und differenziert beschreiben – Phänomene, die gleichsam zeitlos, da in der klassischen Literatur ebenso wie im modernen alltäglichen Sprachgebrauch, in der politischen Propaganda ebenso wie in journalistischen Texten immer wieder anzutreffen sind. Rhetorische Figuren gibt es also nicht etwa nur in klassischen Redegattungen wie der politischen Rede, Gerichtsrede oder Lobrede, sondern in vielen, schriftlichen wie mündlichen Textformen. Sie sind auch nicht etwa als bloße Verzierung zu begreifen, wie das lateinische ornatus (im Sinne von Figurenschmuck) suggeriert, sondern offenbaren vielfach eine zuweilen höchst subtile persuasive Qualität. Rhythmisch strukturierte Textformen, Lyrik, Lieder, Werbeslogans bedienen sich stilistischer Figurationen zweifellos nicht in jedem Fall allein aus rein ästhetischen Motiven. Bei Texten, die darauf angelegt sind, das Urteil der Zuhörer in eine bestimmte Richtung zu lenken – ob Gesprächsbeiträge in Talkshows, Rechtfertigungsreden von Politikern, journalistische Genres wie Kommentar, Glosse und Kritik, Public Relations oder Produktwerbung – allenthalben begegnen dem aufmerksamen Leser oder Hörer Rhetorische Figuren.

Die hier vorgestellten Figuren haben sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Zertifikatsprogramm Rhetorik in einem Kurs an der Universität Salzburg erarbeitet; sie werden nun hier für die Leser von RhetOn präsentiert. Die Auswahl impliziert nicht, dass diese allein die schönsten, besten oder wichtigsten aller Figuren wären – schon aus Platz- und Kapazitätsgründen war die Beschränkung auf eine relativ kleine Anzahl notwendig. Dabei spielen Popularität und Verwendungshäufigkeit der Figuren eine wichtige Rolle, doch handelt es sich keinesfalls um eine jener derzeit so beliebten Ranglisten. Die Reihung erfolgt vielmehr alphabetisch. Im Einzelnen steht zu Beginn jeweils eine knappe Definition, es folgen einige Hinweise zu theoretischer Klassifikation und geschichtlicher Herkunft, und daran schließen einige Textbeispiele an, die das Phänomen und seine Verwendung illustrieren und verdeutlichen sollen. Was der Einsatz einer Figur „praktisch“ bewirkt (oder bewirken soll), ist zwar bis zu einem gewissen Grad generell bestimmbar – so gibt es beispielsweise Figuren wie Exclamatio (Ausruf) oder die rhetorische Frage, die ganz offenkundig über ein hohes emotionales beziehungsweise emotionalisierendes Potenzial verfügen. Doch die Frage, welche Funktion, welche Wirkungsabsicht oder welchen Effekt eine Figur hat, lässt sich erst bei genauer Betrachtung eines konkreten Textes und seines (situativen, historischen, kulturellen) Kontextes fundiert beantworten. Dies konnte an dieser Stelle nur im Ansatz geleistet werden. Die Beiträgerinnen und Beiträger haben einen bescheidenen, aber hoffentlich tragfähigen Anspruch: Ihre Darstellung will ein wenig zum Verständnis persuasiv wirkender Stilmittel beitragen, zu Reflexion und Analyse einladen, durch das Anführen wissenschaftlicher Literatur einen Weg weisen, sich mit einzelnen Phänomenen näher zu beschäftigen – und nicht zuletzt die Leser auch dazu anregen, sich in der eigenenen rhetorischen Praxis dieser Figuren versuchsweise zu bedienen.

Heike Mayer

Verzeichnis wichtiger antiker Quellen:

Aristoteles: Rhetorik. Übers. und hg. von Gernot Krapinger. Stuttgart 1999

Cicero: Orator. Der Redner. Lateinisch und Deutsch. Übers. und hg. von Bernhard Kytzler. München 1975

Cicero: Über den Redner. Lateinisch und Deutsch. Übers. und hg. von Harald Merklin. Stuttgart 1986

Quintilianus, Marcus Fabius: Ausbildung des Redners. Lateinisch und Deutsch.
Übers. und hg. von Helmut Rahn. 2 Bände. Darmstadt 1972 und 1975

Rhetorica ad Herennium / Rhetorik an Herennius. Lateinisch und Deutsch.
Übers. und hg. von Theodor Nüßlein. München 1994.

Verwendete Lehrbücher und Nachschlagewerke (Auswahl)

Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1990

Fricke, Harald / Zmyner, Rüdiger: Einübung in die Literaturwissenschaft. Parodieren geht über Studieren. Paderborn 2000

Göttert, Karl H. / Oliver Jungen: Einführung in die Stilistik. München 2004

Harjung, J. Dominik: Lexikon der Sprachkunst. Die rhetorischen Stilformen. Mit über 1000 Beispielen. München 2000.

Kolmer, Lothar / Rob-Santer, Carmen: Studienbuch Rhetorik. Paderborn 2002.

Lausberg, Heinrich: Elemente der literarischen Rhetorik. Eine Einführung für Studierende der klassischen, romanischen, englischen und deutschen Philologie. München 1990

Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. Stuttgart 19903 .

Mayer, Heike: Rhetorische Kompetenz. Grundlagen und Anwendung. Paderborn 2007.

Plett, Heinrich F.: Einführung in die rhetorische Textanalyse. Hamburg 20019.

Schweikle, Günther / Schweikle, Irmgard (Hg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen

Stuttgart 20073.

Ueding, Gert / Steinbrink, Bernd: Grundriss der Rhetorik. Geschichte – Technik – Methode.

Stuttgart 20054.

Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. 10 Bände. Bisher erschienen: Band 1–8.

Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 19897.