Stilbruch – rhetorisch

Thomas Zinsmaier

Stilbruch – rhetorisch

I. Ein erfolgreiches ästhetisches Prinzip

Seit den Unabhängigkeitserklärungen von Literatur und Kunst hat der Stilbruch aufgehört, grundsätzlich als ein Verstoß oder Fehler zu gelten. Für die Gattungen, die von der Komik leben, wie Satire und Parodie, ist das Spiel mit stilistischen Kontrasten ohnehin seit jeher konstitutiv. Konnten die Künstler und Schriftsteller der klassischen Moderne mit dem bewussten Verzicht auf formästhetische Einheit, mit Montagen und Collagen noch provozieren und verunsichern und sich dabei als Avantgarde verstehen [1], so hat sich der Stilbruch in den letzten Jahrzehnten als populäres Kompositionsprinzip etabliert, das längst nicht mehr als ästhetische Revolte, sondern allenfalls als interessant und unterhaltsam empfunden wird. In der Mode spricht man von einem „gekonnten“ oder „tollen Stilbruch“[2], für Cafés, Kneipen, Tattoo-Studios und Rockbands ist ‘Stilbruch’ ein beliebter Name geworden, Kulturzeitschriften [3] und -magazine führen ihn im Titel. Die Produzenten des Kulturmagazins ‘Stilbruch’ von Radio Berlin-Brandenburg stellen sich vor als „stilvoll gebrochene Menschen. Störrische Alt-68er, energische 89er. Macher mit Falten und Flausen. Nix passt zusammen. Warum auch? Stilbruch allerorten und Kultur ist dasjenige, was Sie daraus machen.“[4]

Die vollkommene Akzeptanz eines einst Ärgernis erregenden Stilprinzips wird freilich nicht von allen als reiner Erfolg gefeiert. Der Soziologe Gerhard Schulze hat schon 1992 die Identität von absoluter künstlerischer Freiheit und absoluter Beliebigkeit diagnostiziert: „Längst haben alle Verantwortlichen die gesellschaftliche Folgenlosigkeit einer Kultur begriffen, die nur der Abwechslung und des Erlebnisreizes halber goutiert wird. Auch wilde Stilbrüche und kompromißlose Attacken haben keine Chance gegenüber einem Publikum, das in der frohen Erwartung wilder Stilbrüche und kompromißloser Attacken Eintrittskarten löst. […] Angriffe auf das System werden beifällig zur Kenntnis genommen, wenn sie nur gut gemacht sind. Die Kritisierten selbst sind Mäzene ihrer Kritik. Theater der Hoffnungslosigkeit wird vom Publikum gefeiert, wenn dem Regisseur etwas sensationell Neues eingefallen ist.“ [5] In der Erlebnisgesellschaft steht ‘Stilbruch’ für lauter Positives: Aufgeschlossenheit, Frische, Nonchalance, Unkonventionalität, Pluralismus, Kreativität. Der Stilbruch hat sich in der postmodernen Ästhetik selbst als Stilnorm etabliert, Stil im traditionellen Sinne einer irgendwie homogenen Formensprache gilt als stillos.

II. Stilbruch unter Konformitätsdruck

Wie aber wird der Stilbruch außerhalb der autonomen Künste bewertet, dort, wo ästhetische Effekte nicht um ihrer selbst willen gesucht werden, sondern im Dienste des ‘höheren’ Ziels der Persuasion stehen? In der heteronomen pragmatischen Rede: bei einer Bewerbung, bei internationalen Verhandlungen, aber auch etwa bei Traueransprachen oder in der Predigt, kurz bei allen Redeanlässen, für die in der Vergangenheit die Rhetorik zuständig war, die sich traditionell als eine Kunst der Anpassung versteht, ist der Stil nicht ein Experimentierfeld wie in der Kunst, sondern ein wichtiges Element des Ethos: des Gesamteindrucks, den Redner mehr oder weniger bewusst von sich vermitteln möchten; von ihm hängen Grundvoraussetzungen der Persuasion wie Aufnahmebereitschaft, Sympathie und Vertrauen des Publikums ab. Allzu große Sprünge und Brüche des Stils werden leicht als Sprünge und Risse in der Rednerpersönlichkeit wahr- und entsprechend übelgenommen. Das lässt sich von der Sprache auf das ganze Verhalten und Erscheinungsbild ausdehnen. Benimmratgeber und -seminare warnen auch heute noch: „Vermeiden sie große Stilbrüche!“[6]

III. Der Ort des Stilbruchs im rhetorischen System

In der klassischen Rhetorik gilt der Stilbruch daher nicht umsonst grundsätzlich als ein Fehler, etwas zu Vermeidendes (vitium). Sie geht dabei stillschweigend von dem unabsichtlich begangenen Stilbruch als dem Regelfall aus. Es gibt in der schulrhetorischenTerminologie allerdings kein exaktes Äquivalent zum Begriff ‘Stilbruch’. Für den Regelverstoß, den wir darunter verstehen, kommen aus dem von Theoprast etablierten Kanon der vier Stilnormen oder -tugenden (virtutes elocutionis: Sprachrichtigkeit, Deutlichkeit, Schmuck und Angemessenheit)[7] zwei in Frage:

1. Stilbruch als Aptumsverletzung

Man kann ihn zum einen als Verstoß gegen die vierte Stiltugend, das (‘innere’ oder ‘äußere’) aptum (ineptum, indecorum) begreifen.[8] Das aptum ist so etwas wie eine Pragmatik des stilistischen Handelns. Schon Aristoteles spricht dem Verfehlen des Angemessenen (to prépon) im Stil (léxis) eine komische Wirkung zu: „Angemessenheit wird der Stil haben, wenn er Emotionen vermittelt, den Charakter des Redners abbildet und den zugrundeliegenden Sachverhalten entspricht. Eine solche Entsprechung besteht, wenn man weder über Gewichtiges salopp noch über Banales feierlich spricht, und wenn ein banales Wort nicht aufgeschmückt wird. Andernfalls wirkt es komödienhaft, wie es z.B. [der Tragödiendichter] Kleophon macht; denn einiges klingt bei ihm so, wie wenn man ‘Erlauchter Feigenbaum’ sagen würde.“[9]

Quintilian stellt in Buch XI, Kap. 1 seiner Institutio einige Bezugsgrößen des aptum zusammen, aus denen man entsprechende Typen von Stilbrüchen herleiten könnte:

a. die Wirkungsfunktion. Der Stil soll dem perlokutionären Ziel der Sprechhandlung (z.B. informieren, überzeugen, unterhalten, begeistern, trösten, drohen) entsprechen.[10] Ein Stilbruch in einer Installationsanweisung für einen Fahrradcomputer wäre etwa: „Befestigen Sie nun unseren hochsensiblen Sensor A am Oberschenkel der Vordergabel ihres Drahtesels. Großartig! Sie sind ein Genie! Den Rest schaffen Sie auch noch!“

b. der Redeteil[11]: Da das aptum der Redeteile durch deren spezifische Wirkungsfunktionen bestimmt ist (z.B. Sympathiegewinnung in der Einleitung, Emotionalisierung am Redeschluß), gehört dies als Sonderfall zum ersten Punkt. Ein solcher Stilbruch wäre es etwa, eine Gerichtsrede mit dem Appell zu beginnen: „Hohes Gericht, haben Sie Mitleid mit diesem armen Unschuldigen!“

 

c. allgemeine Anstandsregeln (decorum)[12]: Man soll das Nützliche immer dem ethisch Guten (honestum) unterordnen. Für den Moralisten Quintilian bedeutet dies, dass für den Redner im Extremfall sogar die Persuasion unangebracht sein kann (Beispiel Sokrates)[13]. Unmoralisches Sprechen und Handeln ist für Quintilian grundsätzlich zugleich auch eine Aptumsverletzung.[14] Absolute, d.h. von jeder Situation unabhängige Verstöße gegen das Schickliche sind ferner die Arroganz, besonders das Prahlen mit der eigenen Beredsamkeit[15], und ein unbeherrschtes, jähzorniges Auftreten.[16]

 

d. die eigene Person bzw. die Person, für die (z.B. als Anwalt) oder in deren Rolle man spricht.[17] Für ältere Leute, so Quintilian, schickt sich das Bunte und Grelle weder in der Rede noch in der Kleidung, für Philosophen keine blumige, rhythmisierte Rede und kein starkes Pathos. Dann natürlich der soziale Rang: Ein verdienter General darf ruhig einmal mit seinen Taten prahlen, ein Senator einem Konsul gegenüber ruhig einmal respektlos sein, aber nicht ein Dichter. Für Quintilian ist das Epigramm Catulls, es schere ihn wenig, ob Caesar ein schwarzer oder ein weißer Mensch sei, „reiner Wahnsinn“ (insania).[18] Darüber denken wir heute anders.

e. die Person des Gegners[19]. Hat man einen Prozess gegen Verwandte zu führen, soll man niemals Angriffslust zeigen, sondern Bedauern über das Unglück, das einen nötigt, etwa den eigenen Vater anzuklagen.

f. das Publikum[20]; bei einem Schiedsrichter in einem privatrechtlichen Fall ist es unangemessen, wie Cicero im Verres-Prozess zu sagen, man sei nicht nur seelisch erschüttert, sondern zittere am ganzen Leib.[21]

g. Zeit und Ort[22]. Hierher gehört der transzendentale Stilbruch, den sich Karl Valentin auf dem Sterbebett geleistet haben soll: „Da hab ich mein ganzes Leben Angst vor dem Sterben gehabt und jetzt das!“

h. die Redegattung, der Redeanlass und die Ausgangslage des Redners[23]. In der Festrede ist mehr Schmuck und Pracht angebracht als in den pragmatischen Gattungen. Auch rhetorische Glanzleistungen sind in manchen Fällen fehl am Platz: Ein mit der Todesstrafe bedrohter Angeklagter sollte nicht zu viele gesuchte Metaphern und Neologismen verwenden, nicht in sorgfältig ausbalancierten Perioden sprechen, nicht mit geistreichen Pointen brillieren wollen. „Verdirbt das nicht alles“, fragt Quintilian rhetorisch, „den Tenor (color) der Angst, der so wichtig ist für jemanden, der in Lebensgefahr schwebt, und die Hilfe des Mitleids, die auch Unschuldige in Anspruch nehmen müssen?“ [24]

i. Nur gestreift wird von Quintilian in diesem Kapitel die trivialste Bezugsgröße des aptum: der Redegegenstand (materia)[25]. Dieses ‘innere aptum’ zwischen res und verba bedarf auch keiner weiteren Erläuterung. Dennoch hier ein Beispiel für einen eher unauffälligen, aber nicht zufälligen Bruch des Bereichsstils: Auf der Titelseite des ‘stern’ wurde eine Fotoreportage über das Autobahnunglück bei Rostock vom 8. April 2011 als „Anatomie einer Massenkarambolage“ angekündigt.[26] Hier wird der Appell an die Sensationslust der Leser durch eine (abgegriffene) medizinische Metapher pseudowissenschaftlich kaschiert.

2. Stilbruch als Inkonsistenz

Man kann den Stilbruch zum anderen aber auch als rein ästhetischen Störfall, als Verstoß gegen die dritte elokutionäre Norm, den Redeschmuck (ornatus), also als inornatum[27]interpretieren. Hier ist die dem Stilbruch verwandte Stilblüte, also die verrutschte Metapher, der Bildbruch usw. anzusiedeln.[28] Am nächsten kommt diesem Aspekt des Stilbruchs, was Quintilian als unschöne Wortfügung (compositio) beschreibt: „Dem Sardismus [einem Kauderwelsch aus verschiedenen Sprachen] ähnlich ist bei uns der Fehler, wenn einer Erhabenes mit Niedrigem, Altes mit Neuem, Poetisches mit Vulgärem vermischt.“[29]

IV. Moderne Definitionen des Stilbruchs

Auf dieses Merkmal der stilistischen Inkonsistenz oder Inhomogenität heben die meisten modernen Definitionen des Stilbruchs ab. Stellvertretend für viele stehe hier die Definition von Krahl und Kurz: „mangelnde Kontinuität der gedanklich-sprachlichen Ausdrucksweise; in gedanklicher Hinsicht die unorganische Vermischung von Perspektiven und Darstellungsarten, in sprachlicher Hinsicht die unbeabsichtigte oder in ihrer Absicht nicht erkennbare Vermischung verschiedener Bereichsstile, Stilschichten bzw. Stilebenen und Stilfärbungen von Wörtern und Fügungen“.[30]

Zumindest beim rhetorischen Sprechen geht der Stilbruch jedoch nicht restlos im Merkmal der inneren Inkonsistenz auf. Wenn etwa in einem Satz einer Rede zwei konträre Stilarten und -schichten ‘unschön’ miteinander vermischt werden, dann ist mindestens eine von ihnen auch rhetorisch unangemessen. Rhetorisch gesehen tritt der Stilbruch dann ein, wenn vom situationsangemessenen Stil plötzlich abgewichen wird, was dann auch zugleich eine Störung der inneren Kontinuität der Rede bedeutet. Für die Rhetorik ist das Ästhetische keine oberste Norm, sondern nur ein Teilbereich der Angemessenheit. Rhetorisch zutreffender ist daher folgender Definitionsversuch von Sigurd Scheichl, weil er die pragmatische Dimension des Stilbruchs berücksichtigt: „Der S. verstößt gegen die stilistische Einheitlichkeit eines Texts, verletzt die Regeln einer Kommunikationssituation oder düpiert die Erwartungen an den Stil, die durch den Gegenstand einer Rede oder eines Texts ausgelöst werden.“[31]

V. Die Variable ‘Angemessenheit’

Ist der Stilbruch im Sinne von III.2, der abrupte Wechsel der Stilebene oder des Bereichsstils, eine relativ unproblematische und präzise anwendbare Kategorie – stilistische Bruchstellen innerhalb einer fortlaufenden Rede lassen sich in der Regel recht genau lokalisieren – so ist der Stilbruch im Sinne von III.1 aufgrund der Variablen des Angemessenen ein vages Konzept. Wie die deiktischen Wörtchen „hier“ und „jetzt“ bezieht sich der Begriff des Angemessenen jedesmal, wenn man ihn anwendet, auf etwas anderes. Welches sind die in einer bestimmten Redesituation, bei einem bestimmten Publikum, für ein bestimmtes Thema unausgesprochen geltenden Stilkonventionen? Welchen Stil wählt man, wenn das Publikum heterogen, in mehrere Fraktionen mit ebensovielen Idiolekten zersplittert ist? Ist es immer richtig, sich stilistisch für den kleinsten gemeinsamen Nenner zu entscheiden? Das Angemessene als das, was den Erfordernissen des rhetorischen Augenblicks (Kairos) entspricht, hat einen ungegenständlichen, atmosphärischen Charakter – entsprechend wurden Kairos bzw. Occasio stets als geflügelte, flüchtige, schwer zu fassende Gottheiten dargestellt. [32]

VI. Setzt Stilbruch Stilnormen voraus?

Seitdem die Rhetorik ihre kulturelle ‘Weisungsbefugnis’ verloren hat, scheint es schwierig geworden zu sein, von Stil überhaupt noch auf normative Weise zu sprechen. Wenn es keine expliziten, kodifizierten Stilregister mehr gibt, dann ist alles erlaubt und kann es, so könnte man schließen, auch keinen Stilbruch mehr geben. So einfach ist es allerdings sicher nicht. Man kann von Stilbruch selbstverständlich auch auf deskriptive, nicht wertende Weise sprechen, und in rhetorischen Kontexten kann man es sogar nach wie vor auf normative Weise tun. Dafür spricht das factum brutum, dass wir es tun.

Wir haben alle eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung davon, was ein Stilbruch ist, d.h. wir verwenden diesen Begriff und glauben, wenn wir ihn verwenden, etwas damit auszusagen. Das setzt voraus, dass wir auch über ein mehr oder weniger differenziertes Sensorium für distinkte stilistische Codes und Nuancen verfügen. Über Gebrauch bzw. Missbrauch solcher Codes kann nach gesellschaftsethischen (schicklich / unschicklich; decorum / indecorum), sachbezogenen (passend / unpassend; aptum / ineptum) oder ästhetischen (schön / unschön; ornatum / inornatum) Kriterien geurteilt werden. Für die wenigsten dieser Codes und Nuancierungen wurden jemals Gebrauchsanweisungen formuliert. Man spricht hier vielleicht besser von Stilerwartungen als von Stilnormen, doch können Stilerwartungen durchaus die Verbindlichkeit von Normen besitzen.

VII. Der rhetorisch gelungene Stilbruch

Bei den allermeisten rhetorischen Stilbrüchen handelt es sich um schlichte Sprachplumpheiten und Entgleisungen. Nichtsdestoweniger können gut kalkulierte Stilbrüche eine enorme rhetorische Wirkung entfalten, können wachrütteln, erstaunen und geradezu überwältigen. Hat die Schulrhetorik dies übersehen, ist die Verkennung des Potentials von rhetorischen Regelverstößen ihrer schulmeisterlichen Beschränktheit zuzuschreiben? Nicht unbedingt. Ihre einseitig negative Wertung des Stilbruchs kann auch als eine weise Selbstbeschränkung gedeutet werden: Kluge Rhetoriker wie Quintilian müssen sehr wohl um die mitreißende Gewalt von gelungenen rhetorischen Devianzen gewusst haben, aber sie sahen es nicht als Sache der rhetorica docens an, hierfür Präzepte oder gar Rezepte zu liefern. Das überließen sie dem Redner, seiner Erfahrung und seinem ingenium und iudicium.

So wundert es nicht, dass wir eine positive Würdigung des Stilbruchs in der Antike eher außerhalb der Schulrhetorik finden. Pseudo-Longinos, dessen Rhetorik sich schon der Literaturkritik nähert, ist wohl der erste, der in stilistischen Regelbrüchen sogar eine Quelle von Pathos und Erhabenheit erkennt. Alltagssprachliche Wörter, bemerkt er, können manchmal wirkungsvoller sein als gattungskonforme. Wenn Herodot berichtet: „Pythes kämpfte so lange auf dem Schiff, bis er ganz zu Gulasch zerhackt war“[33], so – urteilt Ps.-Longinos – „streift [das] gefährlich ans Gemeine, wirkt aber durch seine Expressivität nicht vulgär“[34]. Und was ‘Longinos’ später über die Hyperbel schreibt, lässt sich auch auf den Stilbruch übertragen: „So sind wohl – wie ich oben [17,1] von den Figuren sagte – die besten Hyperbeln die, denen man gar nicht ansieht, dass es Übertreibungen sind. Dies geschieht, wenn Schriftsteller leidenschaftlich bewegt im Einklang mit der Größe der Situation sprechen.“[35]

VIII. Das ‘Fischer-Zitat’ – ein gelungener Stilbruch?

Wenn die Rhetorik den Stil als ein Persuasionsinstrument betrachtet und Persuasion wiederum nur durch Beachtung des je Situationsangemessenen gelingen kann, dann empfiehlt es sich, auch über das Gelingen von Stilbrüchen kasuistisch zu sprechen. Nehmen wir also einen konkret-historischen Stilbruch als Beispiel. Die meisten wären wohl bereit, den berühmten Zwischenruf Joschka Fischers an den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“[36] (davon abgesehen, dass er natürlich auch eine Beleidigung war[37]) als eklatanten (gesellschaftsethischen) Stilbruch zu bezeichen.

Diese Äußerung lässt sich wie oben (III) erklärt in doppelter Hinsicht als Stilbruch beschreiben:

  1. Fischer verstößt mit dem Wort ‘Arschloch’ gegen die im Bundestag unausgesprochen geltenden Stilkonventionen (Aptumsverletzung). Der Stilbruch ist hierbei unabhängig vom Sprechakt der Beleidigung, denn auch wenn Fischer gesagt hätte „Hitler war ein Arschloch“, wäre das im Bundestag zwar konsensfähig, aber eben doch ein Stilbruch gewesen (nicht aber am Stammtisch oder unter Parteigenossen).
  2. Fischer wechselt innerhalb dieses kurzen Satzes abrupt von einer gehobenen zu einer vulgären Stilebene (Inkonsistenz). Die ersten Worte „Mit Verlaub, Herr Präsident“ ziehen eine höfliches, ja fast höfisches Register. Sie kündigen zwar eine freimütige Äußerung (licentia, parrhesia) an, die etwa hätte lauten können: „Sie haben ihr Amt missbraucht“, lassen aber keineswegs ein Wort wie ‘Arschloch’ erwarten.

Wir sehen hier beide Merkmale des Stilbruchs, den Verstoß gegen das in der jeweiligen Sprechsituation stilistisch Angemessene und den plötzlichen Wechsel zu einer anderen Stilebene, zusammenfallen. Dies ist bei den meisten rhetorischen Stilbrüchen der Fall, denn ein Verfehlen des aptum von Beginn an verschließt der Persuasion von vornherein den Zugang zu den Ohren des Publikums und kommt entsprechend selten vor.

Blickt man auf die unmittelbaren Folgen dieses Zwischenrufs und die weitere Karriere Fischers, so kann man ihn als rhetorisch gelungen bewerten: Die Medienwirkung war immens, wenn auch nicht einstimmig positiv, doch auch außerhalb seine Partei wurde die intelligente Kombination von alteuropäischer bienséance („Mit Verlaub“) und deutscher Derbheit („Arschloch“) goutiert und respektiert. Juristisch blieb sie folgenlos, da Fischer sich am nächsten Tag für das „Arschloch“ entschuldigte. Dennoch drängt sich das akademische Problem auf, ob der Zwischenruf seine Wirkung dem Beleidigungs- oder dem Stilbruchcharakter verdankte. Dies führt uns auf die Frage:

IX. Wie wirkt ein Stilbruch?

Auch darauf lässt sich schwer eine generelle Antwort geben. Sicher ist, dass der Stilbruch als Kontrastphänomen zunächst einmal Aufmerksamkeit erregt. Dies muss aber nicht immer heißen, dass er zugleich als solcher erkannt wird („Aha, hier haben wir einen Stilbruch!“); die Störung eines Kontinuums kann auch nur vorbewusst ‘gespürt’ werden und unterhalb der Schwelle der Apperzeption bleiben. Welche Emotionen er dann auslöst, hängt von der Art des Bruchs, ebensosehr aber auch von situativen Determinanten ab.

Meistens werden Stilbrüche als Sprünge auf einer vertikalen Achse beschrieben. Nicht nur die traditionelle Dreistillehre, auch unser alltägliches Stilempfinden gehorcht dem Strukturprinzip der Orientierungsmetapher ‘oben/unten’.[38] ‘Oben’ ist das Erhabene und Feierliche, ‘unten’ das Schlichte und Alltagssprachliche. Das Ordinäre, das Vulgäre und Obszöne liegen noch ‘tiefer’, sozusagen im Souterrain der Stilgebäudes. Ein Stilbruch lässt sich wohl immer auch als ein plötzlicher Wechsel, ein Ruck auf dieser Stilskala darstellen. Nun kommt es natürlich für die emotionale Wirkung sehr darauf an, ob der Stil ‘abstürzt’oder nach oben ‘springt’. Häufiger und bekannter ist sicher der ‘Stilsturz’, ein unzähligen Witzen und Pointen zugrundeliegendes Kompositionsprinzip. Der Stilsturz muss aber nicht immer erheiternd wirken; er kann, wie das ‘Fischer-Zitat’ beweist, schockieren und verletzen, ja er kann, wie die von Pseudo-Longin zitierte Herodot-Stelle zeigt, offenbar auch erhaben sein. Paradoxerweise wird der Heroismus des Pythes durch das Wort aus der Metzgersprache sogar noch gesteigert.

Es gibt aber auch den Stilbruch ‘nach oben’, den unerwarteten Sprung vom Banalen ins Große. Diesen kennt die antike Rhetorik ebenfalls nur als vitium: das kakózelon, der verfehlte stilistische Ehrgeiz, auch Schwulst genannt, der unfehlbar lächerlich wirkt.[39] In der Werbung begegnet dieser Fehler allenthalben, wo die alltäglichsten Produkte wie Fertigsuppen, Waschmittel oder Kaugummi wenn nicht mit Worten, so doch mit Bildern von Lebens-, Liebes- und Familienglück angepriesen werden. Die erwünschte Wirkung kann offenbar dennoch erreicht werden bei einem Publikum, das eine solche Werbung nicht als Stilbruch wahrnimmt. Schwieriger scheint es, Beispiele für einen eindeutig gelungenen Stilbruch ‘nach oben’ zu finden. Doch einen rhetorischen Bereich gibt es, in dem solche Stilbrüche sogar meistens gelingen, wenn sie nicht mit deutlichen Ironiesignalen versehen werden: Die Amplifikation bei Schmeicheleien, Komplimenten und Höflichkeiten ist oft verbunden mit Stilbrüchen, auch wenn diese so konventionalisiert sind, dass man sie kaum als solche wahrnimmt: „Dein Nudelsalat schmeckt himmlisch“, „Du hast eine wunderbare Sprechstimme“. Hier scheint es sich umgekehrt zu verhalten wie sonst: Die Lizenzen des Überzeugenden sind hier großzügiger als die des Geschmackvollen, die Rhetorik erlaubt mehr als die Ästhetik. Dies gilt auch von der oben zitierten „Anatomie einer Massenkarambolage“. Dieser Stilbruch wirkt nicht unmittelbar störend und lässt sich erst auf den zweiten Blick als solcher erkennen, ist aber rhetorisch zweckmäßig, weil er mit dem intellektuellen Touch des Wortes ‘Anatomie’ das bildungsbewusste mittelständische Zielpublikum des stern treffend anspricht.

X. Stilbruch und Stilwandel

Hingegen ist der provokante rhetorische Stilbruch immer ambivalent und bleibt ein Wagnis. Er kann ein unverzeihlicher Fehler sein, kann aber auch den plötzlichen, entscheidenden Durchbruch herbeiführen und entwaffnend wirken. Der Grat zwischen Scheitern und Erfolg ist dabei sehr schmal. Was angemessen ist, ist nicht nur von Ort zu Ort und von Zeitpunkt zu Zeitpunkt verschieden, die Maßstäbe des Angemessenen können sich selbst innerhalb einer rhetorischen Situation verschieben oder gar zerbrechen. Dazu kann gerade ein Stilbruch beitragen. Er kann den Stilwandel beschleunigen, kann, wenn der Kairos gekommen ist, obsolet gewordenen Vorstellungen von Angemessenheit den letzten Stoß versetzen und einen neuen Stil etablieren helfen. Nicht immer also bedeutet Stil unbedingte Anpassung an das Angemessene.[40] In Ausnahmefällen kann umgekehrt stilistisches Handeln das Angemessene neu justieren. Damit hängt zusammen, dass jeder politische Machtwechsel auch ein Stilwechsel ist.

Doch der gelungene Stilbruch bleibt die Ausnahme, erst recht der stilbildende. Um wieder zu Joschka Fischer zurückzukehren: Als er 1985 zu seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister in Turnschuhen erschien, erregte das Aufsehen. Dieser wohlberechnete Stilbruch war durchaus gelungen, doch der Auftritt des Turnschuhs im Parlament blieb Episode. Dass Fischer sich in der Folge wieder den traditionellen Politikerschuh anzog, steht für die Einpassung seiner ganzen Partei in die bürgerliche parlamentarische Kultur. Und ebenso wie misslungene oder episodische bestätigen auch stilbildende Stilbrüche letzlich nur die Unausweichlichkeit der Normalität.


[1] Der bewußte Stilbruch auch in der ‘seriösen’ Literatur hat jedoch schon eine längere Geschichte: „Anfangs- und Ausreifungsstadium des gewaltsamen Stilbruchs“ sind dort nach Bourke die „Epochen der Spät- und Nachromantik“ (Thomas E. Bourke. Stilbruch als Stilmittel. Studien zur Literatur der Spät- und Nachromantik Frankfurt a.M. / Bern / Cirencester 1980. 10.

[2] Starmagazin Promiflash 03.09.2009: „Gekonnter Stilbruch. Züchtig und sexy: Katy Perry im 50s Style!“. – Abendzeitung München 14.01.2009: „Heidis Hochfront – ‘ein toller Stilbruch’“.

[3] Zeitschrift Stilbruch. Tübingen 1979 ff.

[4] http://www.einsfestival.de/sendungen/stilbruch.jsp (Zugriff 19.03.2011).

[5] Gerhard Schulze. Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a.M. 22005. 517.

[7] vgl. Thomas Schirren. „Kriterien der Textgestaltung (virtutes elocutionis: latinitas, perspicuitas, ornatus, aptum)“. Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung, hrsg. v. Ulla Fix, Andreas Gardt, Joachim Knape. 2. Halbbd. Berlin / New York 2009. 1417-1424, bes. 1422.

[8] Vgl. Heinrich Lausberg. Handbuch der literarischen Rhetorik. Stuttgart 31990. §§ 1074-1077.

[9] Aristoteles. Rhetorik III, 7 (1408a 10-16): Τὸ δὲ πρέπον ἕξει ἡ λέξις, ἐὰν ᾖ παθητική τε καὶ ἠθικὴ καὶ τοῖς ὑποκειμένοις πράγμασιν ἀνάλογον. τὸ δ’ ἀνάλογόν ἐστιν ἐὰν μήτε περὶ εὐόγκων αὐτοκαβδάλως λέγηται μήτε περὶ εὐτελῶν σεμνῶς, μηδ’ ἐπὶ τῷ εὐτελεῖ ὀνόματι ἐπῇ κόσμος· εἰ δὲ μή, κωμῳδία φαίνεται, οἷον ποιεῖ Κλεοφῶν· ὁμοίως γὰρ ἔνια ἔλεγε καὶ εἰ εἴπειεν “πότνια συκῆ”. (Übers. des Verf.).

[10] Quintilian. Institutio oratoria XI, 1, 6.

[11] Ebd. XI, 1, 6.

[12] Ebd. XI, 1, 8-30.

[13] Ebd. XI, 1, 11: Quo [sc. Socratis exemplo] uel solo patet non persuadendi sed bene dicendi finem in oratore seruandum, cum interim persuadere deforme sit.

[14] Ebd. XI, 1, 14.

[15] Ebd. 15-17.

[16] Ebd. 29-30.

[17] Ebd. 31-42.

[18] Ebd. 38; Catullus. Carmina 93.

[19] Ebd. 57-74.

[20] Ebd. 43-45.

[21] Cicero. Divinatio in Q. Caecilium 41.

[22] Quint. XI, 1, 46-47.

[23] Ebd. 48-56.

[24] Ebd. 48-49.

[25] Ebd. 7.

[26] stern, 13.04.2011, Titelseite.

[27] Quint. VIII, 3, 59.

[28] Vgl. Josef Kurz: Art. „Stilblüte“. Historisches Wörterbuch der Rhetorik [HWRh], hg. v. Gert Ueding. Bd. 8. Tübingen 2007. 1419–1429.

[29] Quint. VIII, 3, 60. Statt Sardismós bei Quint. VIII. 3. 59 gibt es auch die Lesart koinismós: vgl. John E. Joseph. Art. „Coenismus“: HWRh Bd. 2. Tübingen 1994. 262f.

[30] Siegfried Krahl, Josef Kurz. Kleines Wörterbuch der Stilkunde. Leizpig 1975. 111. – Immerhin wird gelegentlich auch in normativen Stilistiken eingeräumt, dass „der plötzliche Ausbruch aus einer gleichmäßigen Stillage recht wirkungsvoll“ sein kann (Wilfried Seibicke. DUDEN. Wie schreibt man gutes Deutsch? Eine Stilfibel. Mannheim 1969. 139). – Hermann Schlüter (Grundkurs der Rhetorik. München 81983. 30f.) nimmt den Stilbruch sogar in den Bestand der rhetorischen Stilmittel auf – allerdings mit einer sehr engen Definition. Er gehört bei ihm neben Neologismus, Fremdwort, Metapher u.a. zu den „Figuren des lexikalischen Bereichs“ = „Tropen“: „Der Stilbruch hat einen aggressiv oder ironisch wirkenden Kontrasteffekt. Er entsteht durch Mischung von Ausdrucksweisen aus verschiedenen Sprachebenen oder Jargons (Soziolekten). Eine Art von Stilbruch ist im Grunde auch das Einmischen altertümlicher Wendungen. Die Stilbruch-Figur findet sich häufig im Feuilleton-Journalismus […]. Auch in die politische Rede kann sie eindringen; vgl. den proletarischen Schockeffekt eines Ausdrucks wie ‘kapitalistische Scheiße’!“

[31] Sigurd P. Scheichl. Art. „Stilbruch“. HWRh Bd. 10. (erscheint Ende 2011).

[32] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kairos (Zugriff 08.11.2011).

[33] Herodot VII, 181 Ἡ δὲ Αἰγιναίη, τῆς ἐτριηράρχεε Ἀσωνίδης, καί τινά σφι θόρυβον παρέσχε Πυθέω τοῦ Ἰσχενόου ἐπιβατεύοντος, ἀνδρὸς ἀρίστου γενομένου ταύτην τὴν ἡμέρην· ὃς ἐπειδὴ ἡ νηῦς ἡλίσκετο ἐς τοῦτο ἀντεῖχε μαχόμενος ἐς ὃ κατεκρεοργήθη ἅπας.

[34] Ps.-Longin. Vom Erhabenen 31, 1f. ἔστιν ἄρ’ ὁ ἰδιωτισμὸς ἐνίοτε τοῦ κόσμου παρὰ πολὺ ἐμφανιστικώτερον· ἐπιγινώσκεται γὰρ αὐτόθεν ἐκ τοῦ κοινοῦ βίου, τὸ δὲ σύνηθες ἤδη πιστότερον. οὐκοῦν ἐπὶ τοῦ τὰ αἰσχρὰ καὶ ῥυπαρὰ τλημόνως καὶ μεθ’ ἡδονῆς ἕνεκα πλεονεξίας καρτεροῦντος τὸ ἀναγκοφαγεῖν τὰ πράγματα ἐναργέστατα παρείληπται. ὧδέ πως ἔχει καὶ τὰ Ἡροδότεια· “ὁ Κλεομένης” φησί “μανεὶς τὰς ἑαυτοῦ σάρκας ξιφιδίῳ κατέτεμεν εἰς λεπτά, ἕως ὅλον καταχορδεύων ἑαυτὸν διέφθειρεν” καὶ “ὁ Πύθης ἕως τοῦδε ἐπὶ τῆς νεὼς ἐμάχετο, ἕως ἅπας κατεκρεουργήθη.” ταῦτα γὰρ ἐγγὺς παραξύει τὸν ἰδιώτην, ἀλλ’ οὐκ ἰδιωτεύει τῷ σημαντικῶς (Übers. O. Schönberger).

[35] ebd. 38, 3 μήποτ’ οὖν ἄρισται τῶν ὑπερβολῶν, ὡς καὶ ἐπὶ τῶν σχημάτων προείπομεν, αἱ αὐτὸ τοῦτο διαλανθάνουσαι ὅτι εἰσὶν ὑπερβολαί. γίνεται δὲ τὸ τοιόνδε ἐπειδὰν ὑπὸ ἐκπαθείας μεγέθει τινὶ συνεκφωνῶνται περιστάσεως.

[36] Deutscher Bundestag, 18. Oktober 1984. Fischer reagierte damit auf seinen Sitzungsausschluss, der wiederum die Folge seiner lautstarken Proteste gegen den Ausschluss seines Parteigenossen Jürgen Reents war. Reents hatte gesagt, Helmut Kohls „Weg an die Spitze seiner Fraktion und seiner Partei“ sei „von Flick freigekauft“ worden; vgl. Gunter Hofmann. „Politik, wie Klein Moritz sie sich vorstellt“. DIE ZEIT, 26. 10. 1984, Nr. 44.

[37] Alexander Baur. Art. „Beleidigung“. HWRh. Bd. 10 (erscheint Ende 2011).

[38] Zu den orientational metaphors vgl. George Lakoff, Mark Johnson. Metaphors We Live By. Chicago / London 2003. 14-21.

[39] Lausberg, a.a. O. (Anm. 8) § 1073.

[40] Vgl. Karl-Heinz Göttert, Oliver Jungen. Einführung in die Stilistik. München 2004. Vorwort 11: „Stil, in der kürzest möglichen, aber auch wenig erhellenden Definition, ist einfach das jeweils Angemessene (in der Sprache der Rhetorik: das aptum). Ein bewusst eingesetzter Stilbruch kann nun allerdings sehr angemessen sein, viele rhetorische Figuren operieren in diesem Grenzbereich des Korrekten. Wichtig ist dabei immer, dass das jeweilige stilistische Detail, auch wenn es nach üblicher Klassifikation einen Stilbruch oder eine Stilblüte darstellte, bewusst so und nicht anders eingesetzt wird.“