Reisen

von Michaela Köckeis

 

‚Fernweh‘, ein weitverbreitetes Gefühl; jeder kennt es, und doch kann nicht jeder ihm nachgehen. Es mangelt oft an Zeit, Geld oder auch am Mut, eine Reise zu wagen. Man kann zwar seine Reiselust mit zahlreichen Internet-Reiseblogs stillen, nichtsdestotrotz wird einem sehr wesentlichen Aspekt nur wenig Beachtung geschenkt: Dem Gefühl ein Teil dieser Reise zu sein. Daten und Fakten von zahlreichen Reisetrips werden oft stur abgehandelt, dadurch wird das eigentlich Wertvollste der Reise, nämlich die Impressionen und Gefühle, ins Eck gedrückt.

Wir möchten diesen Gedanken Raum geben und unsere persönlichen Erfahrungen, Eindrücke als auch Erwartungen niederschreiben. Anhand der Essays „Fahrradtour nach Wien“, „Wochenendtrip nach London“ und einer  „Kuba-Rundreise“ möchten wir den Lesern unsere Gedanken zu den Reisen zugänglich machen.

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12 Gedanken zu „Reisen

  1. von Cornelia Schreiegg

    Kuba –
    Herzliche und zugleich bedrückende Exotik

    Auf dem sonnigen Balkon sitzend trinke ich gerade einen Schluck Rum und rauche die letzte Zigarre, welche ich in Kuba erstanden habe. So beginne ich zurückzudenken und frage mich, warum hast du gerade für Kuba entschieden.
    Guantanamera, das Lied der Bäuerin aus Guantanamo, der östlichsten Provinz Kubas begleitet mich schon länger, wahrscheinlich habe ich es zufällig einmal wo “aufgeschnappt” – vielleicht in der Havanna Club-Werbung? – und eventuell war es auch die Initialzündung, aber ich weiß es nicht. Die Faszination für diese Insel in der Karibik ist mein ständiger Begleiter und seit ich dieselbe besucht habe, hat sich mir ein neuer Blickwinkel – ganz allgemein zum Thema Leben – eröffnet.

    2011 begab ich mich auf eine zweiwöchige Kubarundreise (per Bus), weil ich seit Jahren eine Begeisterung für diese Nation in mir trage.
    Sind es die karibischen Rhythmen, die mich nicht lange still sitzen lassen, die Figur des Che Guevaras, der auf den T-Shirts von Jugendlichen prangt oder ist es die für uns, ach so gehetzten Westeuropäer, leicht, gar beflügelnd anmutende Lebensweise mit viel Rum und Zigarren? Oder gibt es noch etwas Unberücksichtigtes – diese Fragen wollte ich beantwortet wissen, für mich und meine Gewissheit.

    Nach wenigen Tagen dort fiel mir eines besonders auf, die Gangart der Kubaner, denn einen so stolzen und erhabenen Gang findet man hier in Europa nicht. Ja, die Kubaner sind schon ein sehr stolzes Völkchen, so dass jeder die Landesgeschichte von A-Z herunter beten kann und sich dabei selbst gekonnt in Szene setzt. Und was natürlich dabei nicht missachtet werden darf, ist der Hass auf die USA, der auch auf zahlreichen Plakaten an den Straßen in Farbe gekleidet wird. Kurzum, das Embargo ist tagein, tagaus ein wichtiges Gesprächsthema.
    Im Gespräch mit einem jungen Kubaner kam aber das zum Ausdruck, was von der älteren Generation verschwiegen wird: „Ich möchte so gern auch mal reisen. Nach Europa,… oh Italien, Frankreich, wäre das schön…“. Denn das sozialistische Regime hat so hohe bürokratische Hürden aufgestellt, dass es de facto den 0815-Bürgern nicht möglich ist über den Tellerrand zu blicken, denn es könnte ja auch eine andere funktionierende Staatsform geben, was aber der eigenen universitären Lehre widersprechen würde… . Und diejenigen wenigen Bürger, die ihre Stimme zur Kritik gegen den Staat erheben, werden verstummt.
    Durchstreift man Kuba, so fühlt man sich, als blätterte man ein Geschichtsbuch durch und in jedem Bild ist man selbst Teil von diesem. Die Bauwerke des Kolonialismus geben Zeugnis von dem europäischen Einfluss, gerade weil viele dieser renoviert werden. Die grauen Plattenbauten, welche vor allem Städte zieren, rufen das Gefühl in einem hervor, als stünde man in der ehemaligen DDR. Dieser Eindruck wird auch dadurch verschärft, da der Staat den Personenkult um Helden, die sich diesem verdient gemacht haben, sehr fördert. Seien es die Gebrüder Castro, Che Guevara oder der Nationalheld José Martí, alle finden sich auf Plakaten, Malereien oder als Statuen wieder. Weiter wird der Militärkult gefeiert, aber mehr passiv als aktiv, öffentlich ausgestellte Artillerie und Fortbewegungsmittel des Militärs gelten als Demonstration der Stärke.

    Trotzdem sind die Kubaner ein herzliches und lebensfrohes Volk und haben auch mich so empfangen. Einmal bot mir eine Bäuerin einen Kaffee von Bohnen aus ihrem eigenen Anbau an, und ich darf mit Recht behaupten, dass dies der beste meines Lebens war, geschmacklich intensiv und mit einer Freude zubereitet, dass mir warm ums Herz wurde – nicht aber von den schwülen Temperaturen.
    Auch wenn sie nicht viel ihr Eigen nennen können, so machen sie immer wieder das beste aus ihrer Situation und üben sich in Geduld.

    Elementar für diese ist das gemeinsame Musizieren und Tanzen, so dass man auf offener Straße zum Salsatänzchen eingeladen wird und sich der ansteckenden Leichtigkeit nur schwer entziehen kann. Ich wandelte am Malecon, der Uferpromenade Havannas entlang und sah eine Ansammlung aller Generationen: Jugendliche eng umschlungene Paare, wild gestikulierende Alte, junge Mütter, deren Kinder auf dem Gehweg spielen. Sie haben sich alle dort eingefunden wo es am schönsten ist, unter freiem Himmel, bei Sonnenschein und im Kreise gleichgesinnt fröhlicher Menschen, weil Gemeinschaft etwas schönes und bereicherndes ist. Hier mag ein, im strukturierten Europa aufgewachsener Mensch im ersten Augenblick Unverständnis spüren, im zweiten Neid und darauffolgend den einladenden Malecon sinnierend entlang gehen und sich mit der Frage “Was wäre wenn…?” auseinandersetzen.

    Was ich aus dieser Reise für mich mitgenommen habe?
    Die Improvisationskunst der Kubaner hat mich sehr beeindruckt und meine eigenen kreativen Fähigkeiten wieder erweckt, welche ich jetzt aktiv nutze. Ebenso auch die Genügsamkeit der Menschen, die meinen Blick geschärft hat.
    Nun ja, die Liebe zur Freiheit hat mir diese Reise ermöglicht und gezeigt, wie es ist, wenn man nicht im Besitz von Freiheit ist, was daraus folgen kann. Mir wurde dadurch bewusst, wie selbstverständlich wir die Garantie der Grund- und Menschenrechte betrachten und doch nur sehr wenige von uns wissen, von welchen wir täglich Gebrauch machen.

    1. Ich habe mir deinen Essay sehr gerne durchgelesen!
      Dadurch, dass du viele verschiedene Bilder verwendest nimmst du uns mit auf deine Reise. Man steht am Malecon und kann die musizierenden und tanzenden Kubaner und Touristen sehen. Dein Essay macht richtig Lust auf Reisen!

      Auch die Reflexion die du während und nach deinem Urlaub auf Kuba hattest, führst du aus und erwähnst einige sehr interessante Gedanken, die jedem Europäer aufkommen, sobald er diesen Kontinent verlässt. Bisher habe ich mir nur selten Reiseblogs durchgelesen, aber ich merke, dass ich dies in Zukunft öfter machen sollte!

    2. Danke für deinen Einblick in deinen Kuba-Urlaub. Reisen können so aufregend sein und außerdem hat man viel zu erzählen, wenn man wieder zurück ist. Da ich praktisch “im Auto” groß geworden bin, weiß ich wie bereichernd Reisen sein können. Mit meinen Eltern und meiner Schwester sind wir früher sehr viel mit dem Auto gereist. Man lernt viel über andere Kulturen kennen, man lernt praktische Dinge fürs Leben, man lernt neue Orte kennen und vor allem trägt es zur persönlichen Weiterentwicklung bei. Es ist wichtig ab und zu mal einen Tapetenwechsel zu machen und auch mal etwas Neues zu wagen. Wie schön ist das Gefühl nach einem Urlaub, wenn man sich an die schönen Eindrücke erinnert und außerdem froh ist, dass man die Reisehürden gut gemeistert hat. Vielleicht hat man auch seine Englischkenntnisse wieder mal aufgefrischt oder ist besser in Form gekommen, aber vielleicht hat man auch Bekanntschaft gemacht mit einer komplett fremden Sprache und ist auf diese Horizonterweiterung stolz. Reisen gehören zum Leben. Man sollte die Welt bereisen, weil es schön ist Neues zu erleben und um sich wiedermal bewusst zu machen, dass man nicht alleine auf der Welt ist. Jeder ist ein Teil dieser Erde und jeder hat auch das Recht diese Erde zu bestaunen und zu erleben – nicht nur über TV oder Internet, sondern LIVE.

      1. “Herzliche und zugleich bedrückende Exotik” – einen treffenderen Titel hätte dein Essay nicht haben können. Du nimmst den Leser mit auf eine spannende Reise. Man spürt die Wärme, hat Musik in den Ohren und sieht bunte Farben vor sich, während man sich von dir mitnehmen lässt. Aber du verlierst trotz der Exotik und dem schönen Fremden nicht die Realität aus den Augen. Dein Erlebnis mit jungen Kubanern, die auch reisen möchten, aber nicht können, die Beschreibung der Geschichte und des national Stolzes, all das macht nachdenklich. Um so passender finde ich deine Reflexion, die du nach der Reise machst: Dass es zwar sicherlich entspanntere Länder gibt als die des Mittlern Westen Europas, die wärmer sind und exotischer, aber das wir eine Privileg genießen, dass wir uns viel zu selten vergegenwärtigen: Menschenrechte.
        Eine tolle Reise-ein toller Essay!

  2. Wochenendtrip nach London

    von Michaela Köckeis

    Es ist zwar schon eine Zeit lang her, aber mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen. Jetzt sitze ich da vor einem leeren Blatt Papier, nach der langen Zeit mal wieder auf die Fotos geschaut. Mein Kopf formiert sich zum Kinosaal, und das Szenario beginnt sich abzuspielen. Ich komm mir gerade vor, als säße ich in meinen eigenen Film. Irgendwie verrückt, aber was soll’s. Das Blatt scheint sich nicht von selbst zu füllen, und den Film kann ich auch nicht anhalten. Ich beginne einfach mal zu erzählen.

    Es war Oktober, und ich hatte Geburtstag, es war ziemlich aufregend, denn ich hatte noch nie einfach mal so einen Flug in eine ferne Stadt gebucht. Ich dachte mir, mach das einfach, ohne lang darüber nach zu denken. Gedacht, getan, mein Freund und ich saßen im Flieger Richtung London. Die Zeit verging wie im Flug, und schon waren wir gelandet. „Wow beeindruckend“, waren meine ersten Gedanken als wir mit voller Montur in der riesigen Halle standen. Ich stand da, mit gemischten Gefühlen im Bauch, in dem Moment wusste ich nicht, ob das Angst oder Übermut war. Voller Euphorie fuhren wir mit dem Zug ins Stadtzentrum, um unsere Bleibe aufzusuchen, wir wollten ja schließlich nicht auf der Straße pennen. Dann standen wir endlich vor unserem Jugend-Hostel, das, nur nebenbei angemerkt, seinem Namen alle Ehre machte. Denn da drin übernachten echt nur Menschen mit ‚ein paar Kröten in der Tasche‘. Wir packten unsere Sachen aufs Zimmer, und los ging’s mit der Stadttour, denn wir hatten schließlich einiges vor und nicht viel Zeit.

    London ist einfach eine super geniale Stadt, und ich rede hier nicht von Madame Tussaud’s und so Zeugs, klar hat London hammerartige Sehenswürdigkeiten, und wir hatten uns so gut wie alle angesehen (gehört ja auch irgendwie dazu), aber ich rede hier vom Gesamtbild, von seiner Wirkung und Ausstrahlung, seiner Magie, die einen echt in seinen Bann ziehen kann. Zum Beispiel der Camden Lock Market ist der Schauplatz sämtlicher Musikgrößen und Künstler, es ist das Zentrum, wo sich Vergangenheit und Zukunft der Künstlerszene trifft, es ist echt unbeschreiblich, hier existiert einfach eine Symphonie diversester Kulturen. Ich habe noch nie so viele verrückte Leute getroffen wie dort. Camden hat mein Herz erobert, da ich ein riesengroßer Fan von obszönen, verrückten und unkonventionellen Dingen bin, und das alles leibt und lebt hier. Camden ist ein bunter Haufen, hier kannst du dir sogar einen Schnellimbiss auf halbierten Motorrollern reinziehen, und an jeder Ecke spielen so extrem gute Musiker, die dich in andere Welten entführen. Um dem Ganzen noch eines drauf zu setzen: was ich mir vorher nie zu erträumen wagte, ist London bei Nacht. Das London-Eye ist wahrhaft das funkelnde Auge Londons, wenn die Sonne untergeht. Ich saß da auf der Parkbank und war von dem Anblick dieses monströsen, blau leuchtenden, technischen Wunders dermaßen gefesselt, dass sich in diesem Moment Zeit und Raum völlig auflösten, in diesem Augenblick drehte sich alles nur um das Riesenrad. Nachdem ich mich endlich wieder von dem Anblick losreißen konnte, trampten wir weiter in die Innenstadt. Es verfolgte mich das Gefühl, als hätte man die dramaturgischen Postkarten von London, die man überall kaufen kann, zum Leben erweckt – und ich stehe mitten in ihnen drin, im Piccadilly Circus. Das hat schon was.

    Am nächsten Tag rannten wir aus unserem bescheidenen Hostel hinaus und suchten in der Gegend irgendetwas Essbares. Wir hatten Glück und fanden gleich mal um die Ecke einen kleinen, typisch englischen Supermarket. Es ist einfach ein faszinierendes Gefühl, wenn alltägliche Sachen, die man ja auch aus seinem eigenen Land kennt, so exotisch werden, als hätte man noch nie einen Supermarkt gesehen. Es ist halt alles anders. Das Frühstück noch schnell in den Rucksack gepackt und ab ging’s zum Hyde Park. Zum ersten Mal in meinem Leben frühstückte ich in irgendeinem Park, und wieder überkam mich dieses Gefühl der Lebhaftigkeit, als würde ich das Leben förmlich spüren, es ist als wäre man frei. Nachdem ich mein etwas anderes Frühstück genossen hatte, ging’s auch schon wieder weiter. Mittlerweile hörte ich auf, die Blasen an meinen Füßen zu zählen, und wir ließen uns im Starbucks nieder. Ich war vollkommen erschöpft und aufgedreht zu gleich. Die ganzen Eindrücke mussten sich erst in meinem Kopf platzieren, aber da sind sie auch heute noch gut aufgehoben.

    Der Film scheint dem Ende nahe, und in meinem Kopf wird es auch allmählich dunkel. So stelle ich mir die Frage, was ist eigentlich Zeit und was ist eigentlich Ort. Es ist über zwei Jahre her, aber ich fühle genau jetzt in diesem Moment die schmerzenden Füße, die überwältigenden Eindrücke und das Gefühl der Freiheit. Jede Reise macht einen zu einer neuen Person, jede Erfahrung die, man auf diesem Weg macht, brennt sich ins Gedächtnis ein, und diese unbeschreiblichen Gefühle werden einen das Leben lang begleiten.

    1. Ich kann mich sehr gut in die Autorin dieses Essays hineinversetzen. Auch mir ging es nicht anders, als ich das erste Mal in London war. Die Stadt hat einfach etwas Magisches an sich. Man kann es nur schwer beschreiben, aber ich fühlte mich einerseits so, wie als würde ich schon ewig dort leben, und andererseits war doch alles für mich so neu und fremd. Ich habe schon mit einigen Leute über die berühmte Stadt “London” gesprochen und vielen ging es genauso wie mir. Ich bin mir aber nicht sicher, ob London uns dieses Gefühl vermittelt oder nicht wir, im Urlaubszustand, uns in solch eine Stimmung versetzen. Was meint ihr?

    2. Ich finde Dein Essay sehr anregend. Wie oft habe ich mir schon gedacht: Was solls buchen und einfach mal weg, egal wohin! Das ist mir bis heute nicht gelungen..
      Ich war schon in ein paar europäischen Hauptstädten, aber in geplanter Weise. In London war ich leider noch nie. Mich hat schon immer interessiert wie es da wohl ausschauen mag.. ist es wie Wien? unendlich groß aber aufgrund der guten Verkehrsverbindungen doch relativ klein wirkend? Ist London eine Stadt zum verlieren oder zum verlieben?
      Durch dein Essay nimmst du die Leser mit auf deine Reise und lässt einem kurz in London verweilen und es zeigt, dass man auch auf einem spontanen Wochenendtrip sehr viel erleben kann.

    3. Da ich mich gerade im Urlaub in Berlin befinde, möchte ich gern meine Überlegungen und Beobachtungen zum Thema “Reisen” mit euch teilen.

      Zunächst zu deinem Essay: Ich habe die wunderschöne Stadt London vor mittlerweile 3 Jahren bereist und – ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich fand und finde die Stadt unheimlich sympathisch. So wie Klara schon erwähnt hat, verbinde auch ich mit ihr etwas “Magisches”. Es ist eine riesige Stadt und die Bewohner von London waren unheimlich hilfsbereit und höflich. Vielleicht verbinde ich auch so viele gute Erinnerungen damit, weil ich diese Reise meine erste war, die ich ganz allein organisiert habe.

      Im Moment befinde ich mich in Berlin, und ich laufe Gefahr mich zu wiederholen, denn ich finde auch diese Stadt wundervoll. Sie ist riesig, aber dennoch übersichtlich und sehr grün, d.h. durch die vielen Grünflächen wirkt sie z.T. wie ein “Dorf” auf mich – und nicht wie die größte Stadt Deutschlands.
      Vielleicht empfinden wir (diese) Städte/Urlaubsorte als so toll, weil wir sie als Touristen erleben?
      Wir erhalten nur einen sehr oberflächlichen Einblick in das Leben hier – ich mache hier nämlich genau diese “Touristen-Sachen”, die mich z.T. in meiner Heimatstadt, Salzburg, bei den Besuchern stören. Ich laufe auch mit Stadtplan und Digitalkamera “bewaffnet” umher, und alle sind hilfsbereit und nett, weil ich vielleicht manchmal etwas verloren wirke. 😉

      Im Großen und Ganzen glaube ich, dass es ein Gefühl der “Freiheit” ist, welches man im Urlaub kennenlernt. Freiheit über die Entscheidungen, wie man seine Tage gestaltet (fernab vom Alltagstrott), Freiheit über deren Zeiteinteilung und die Freiheit, mit wem man seinen Urlaub verbringt. Habt auch ihr im Urlaub das Gefühl total frei zu sein und den Alltag einmal hinter euch lassen zu können? 😀

  3. Crossing Europe

    von Michael Morf

    Fünf Filme täglich anschauen und dafür auch noch ECTS kassieren? Das mag sehr komisch klingen, aber möglich ist es trotzdem: Letzte Woche war ich im Rahmen meines Studiums der Kommunikationswissenschaft mit der Lehrveranstaltung „Filmkulturen“ auf einem Filmfestival in Linz. Es war für mich das erste Mal, dass ich auf ein Filmfestival gegangen bin. Ich selber kannte nur die Filmfestivals in Cannes, Venedig und San Sebastian. Es gibt aber viel mehr davon, als man annimmt.
    Was ist eigentlich ein Filmfestival? Auf jeden Fall ist es anders als ein Musikfestival. Die Gäste schlafen nicht in Zelten und man muss auch keine Stiefel für den Schlammboden mitnehmen. Es ist eine Veranstaltung in der mehrere Kinos und Kulturvereine ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, der Besucher zahlt einen Fixpreis für einen gewissen Zeitraum und man schaut hauptsächlich Filme. Die Live-Auftritte von Bands am Abend spielen auf dem Festival nur eine Nebenrolle. Das Crossing Europe Festival fand sechs Tage lang statt. Wir waren eine Gruppe von 29 Personen, also 27 Studenten und zwei Dozenten. Unsere Dozenten waren Dominik Tschütscher und Robert Buchschwenter. Dominik hat auch Kommunikationswissenschaft, damals noch Publizistik, in Salzburg studiert und den Robert kannte ich bereits aus der Vorlesung „Filmanalyse“, die er abgehalten hat. Ich war wirklich überrascht, dass ich von den Studenten, die mit mir auf den Ausflug dabei waren, kaum jemanden gut kannte. Da merkt man, wie groß mein Studiengang ist. Es war wirklich was ganz besonderes mit einer Lehrveranstaltung so eine lange Exkursion, ja eine Reise nach Linz zu machen. Das Gefühl, das ich dabei empfand erinnerte mich an die Ausflüge mit meiner Schule früher und mich freute es endlich wieder persönlichen Kontakt zu meinen Lehrenden zu haben. Gleich beim ersten Treffen hat der Robert uns gezeigt, wie schnell er sich die Namen der Studenten merken konnte. Dieser persönliche Charakter der Lehrveranstaltung hat mir besonders gut gefallen. Die Atmosphäre auf dem Crossing Europe Filmfestival war sehr angenehm, was bestimmt auch daran lag, dass es mit 20.000 Besuchern recht überschaubar war.
    Warum gibt es Filmfestivals? Dafür gibt es sicherlich ganz viele Gründe. Ich denke, dass sie dazu da sind, um neue Filme vorzustellen, d.h. sie dienen als Plattform für Filmpremieren, wo Filmkritiker, Regisseure, Produzenten, Journalisten und weitere Gäste zu finden sind, damit der Bekanntheitsgrad der Filme steigt. Außerdem netzwerken viele dort, es ist eine Veranstaltung des Austausches und des kennenlernens. Eine zusätzliche Funktion erfüllt das Festival, da es dazu da ist nicht-kommerzielle Filme zu pushen, ihnen Aufmerksamkeit zu geben und dadurch sowohl kunstvolle, als auch hoch politische Filme zu zeigen. Das Crossing Europe zeigte Filme aus ganz Europa. Früher vor dem Festival war mir noch nicht klar, was europäisches Kino ist und wie es sich vom Hollywoodmainstream unterscheidet. Es ist mir sehr wichtig so etwas zu können, denn ich habe in meinem Studium den Schwerpunkt Audiovision gewählt, bei dem wir uns mit Film, Fernsehen und Internet befassen. Abschließend muss ich noch eine wissenschaftliche Arbeit über das Festival schreiben.
    Ich werde bestimmt wieder auf ein Filmfestival gehen, die Frage ist nur, wann ich das wieder machen werde. Die Reise auf das Festival benötigt viel Zeit und Geld, da man Anreise, Übernachtung, Verpflegung etc. zahlen muss. Alles in allem war es eine super Erfahrung, die ich jedem weiterempfehlen kann!

    1. Schon oft habe ich Plakate gesehen mit dem Titel “Crossing Europe” und mich gefragt, was damit gemeint sei. Nun weiß ich endlich, was es bedeutet und muss dabei nicht mehr an die Serie “Crossing Jordan” denken. 🙂 Es hört sich aufregend und interessant an. Mich würde interessieren welche Unterschiede solche europäischen Filme im Vergleich zu den Mainstream-Filmen haben. Ich kann mir vorstellen, dass wenn man bei so einem Festival in Linz ist, es sicher ein ganz anderes Feeling ist, als wie wenn man alleine als Tourist unterwegs wäre. Man fühlt sich als Teil des Events (20 000 Komplizen ist jede Menge) und es verbindet.

      Außerdem finde ich es super, dass ihr dieses Filmfestival von der Uni aus besucht habt. Du hast Recht, an der Uni geht es leider viel zu oft unpersönlich zu. Die Professoren sind oft nur “Wissensübermittler” und verhalten sich sehr professionell und viel zu ernst. Doch auch sie waren mal Menschen. Auch sie waren mal jung und ohne Titel, auch sie waren mal Studenten. Natürlich ist es bei den Studentenmassen schwer umzusetzen, dass man persönlicheren Kontakt pflegt, aber nichts ist unmöglich. Es gibt immer eine Lösung.
      Ich kann mich noch genau an den Anfang meines Studiums 2010 erinnern. Ich war mit dem Lesen von hunderten von Seiten Pflichtliteratur überfordert, da mir die wissenschaftliche Sprache fremd war und ich ich für eine Seite 10 Minuten brauchte und nicht alles verstand. Auf der Uni kannte ich noch keinen und so war ich ziemlich demotiviert. Für meine erste Prüfung an der Uni (es war NUR eine Zwischenprüfung über ca. 50 Seiten Literatur in der LV “Einführung in die qualitative Sozialforschung”) habe ich voll reingestrebert und ich habe nur einen 3er bekommen. Ich war sehr überrascht und traurig, denn ich dachte mir, dass ich die folgenden Prüfungen erst recht nicht schaffen würde, denn dort musste man fette Reader lernen.
      Bei der persönlichen Prüfungseinsicht bei Fr. Dr. Doreen Cerny habe ich mit ihr kurz (ca. 5 min) auch über das Studium reden können. Sie meinte ich müsste mich an die wissenschaftliche Literatur gewöhnen, denn es ist für das Studium von großer Bedeutung. Als wir uns verabschiedeten, wünschte sie mir “Alles Gute”. Danach fühlte ich mich irgendwie besser, obwohl ich wusste, dass das Studium weiterhin hart sein würde bzw., dass ich mich erst noch an das Studieren gewöhnen müsste. Aber es hat mir sehr geholfen, dass sie sich einige Minuten für mich Zeit genommen hat, um mir die Schwerpunkte des Studiums zu erklären und so auf mich eingegangen ist.
      Im Nachhinein kann ich sagen, dass es gut tat mit jemandem in der Situation zu reden und noch eins: Aller Anfang ist schwer!

    2. Nachdem ich deinen Essay gelesen hatte, habe ich mich fast ein bisschen über mich selbst geärgert. Warum ist mir dieses Angebot nicht aufgefallen? Was für eine tolle Exkursion! Nicht nur, dass das sonst so anonyme Studium einen persönlichen Charakter bekommt, nein auch wie du diese Filmfestival beschrieben hast, klang das alles sehr aufregend. Ich bin immer auf der Suche nach interessanten Filmen, die sich von den amerikanischen, mainstream Blockbustern abheben, auf dem Festival bekommt man sie anscheinend auf dem Tablett serviert. Schade, dass es für dieses Festival, beziehungsweise für die Lehrveranstaltung nicht mehr Werbung gab, sonst wäre ich vermutlich auch darauf aufmerksam geworden.

  4. Rosenheim, April 2012

    von Lisa-Marie Speißer

    Mir wird flau im Magen, wenn ich an die kommende Woche denke. 300 Kilometer von Passau nach Wien in drei Tagen auf dem Fahrrad. Die Tradition besteht nun seit ca. 13 Jahren: In der K-Woche, den Tagen vor Ostern, wird nach Wien geradelt.
    Ursprünglich von meinem Vater und dessen besten Freund als Männertour zur Bespaßung der Söhne ins Leben gerufen, genieße ich nun seit drei Jahren das „Privileg“ als erste und einzige Frau an diesem Abenteuer teilzunehmen. Jedes Jahr nehme ich mir vor, für die Tour zu trainieren, meine Ernährung umzustellen und gesund zu leben, doch wie schon in den vergangenen Jahren bestand auch dieses mal meine Vorbereitung aus exzessivem Feiern, gutem Essen und wenig Schlaf. Nun plagen mich Gedanken wie: werde ich es schaffen? Kann ich gut mithalten? Werde ich zwischen Krems und Tulln vor Erschöpfung vom Fahrrad in die Donau kippen? „Warum tue ich mir das an?“, frage ich mich immer wieder.
    Am darauf folgenden Montag klingelt um 5 Uhr morgens mein Wecker. Nach einem raschen Frühstück geht es los! Wir schwingen uns auf die Räder um den ersten Zug zu erwischen, der uns von Rosenheim nach Passau, zum Ausgangspunkt unserer Tour bringt. Noch ist es kalt und der Tau liegt auf den Gräsern und Blättern. Verschlafen trete ich einfach nur hinterher, zu müde um irgendetwas zu denken. Im Zug fallen mir noch einmal die Augen zu.
    „Warum tue ich mir das freiwillig an?“
    In Passau angekommen geht es dann auch wirklich los. Nun gibt es außer einem Schneesturm und ernsthaften Verletzungen eigentlich keine Ausreden mehr. Doch die Stimmung ist super, das Wetter perfekt und wir strampeln frohen Mutes dahin. Die erst Etappe, von Passau über Aschbach nach Linz, geht malerisch an der Donau entlang, durch Wälder, über Wiesen und an kleinen Dörfern vorbei. Nach den ersten 60 Kilometern gönnen wir uns eine Stärkung, bevor wir einen Endspurt nach Linz hinlegen. Mit einem Etappenrekord passieren wir um 16 Uhr das Ortsschild Linz. Geschafft! Ein Drittel liegt hinter uns! Verschwitzt und stinkend aber glücklich und stolz betreten wir unser schönes Quartier direkt am Marktplatz. An der Rezeption nimmt uns der gemütliche Chef des Hauses in Empfang. In seinen Augen die Frage:
    „Warum dean die depperten Piefkes sich des o?“
    Nach einem deftigen Abendessen fallen wir an diesem Abend schon früh in unsere gemütlichen Betten. Wir schlafen wie die Bären, um am nächsten Tag, nach einem stärkenden Frühstück gleich wieder aufsitzen zu können. Schon beim Losfahren stellen wir alle fest – es schmerzt! Je nach Geschlecht und Alter die unterschiedlichsten Körperstellen – doch schmerzen tut es bei jedem. Die zweite Etappe ist die hässlichste und anstrengendste. Es geht immer wieder weg von der Donau und hinein in kleine verschlafene Nester. Dass ich hier nicht tot über dem Zaun hängen möchte, ist eine meiner Hauptmotivationen nicht schlapp zu machen. Nicht einmal die Mittagspause motiviert mich. Zu präsent ist noch der Schmerz, der am Schlimmsten ist, wenn man wieder auf das Fahrrad steigt. Während der letzten 20 Kilometer des heutigen Tages sieht man das Ziel in Form des Klosterstifts Melk schon vor sich. Doch es kommt und kommt nicht näher. Ich trete und trete, bin müde, mir tut alles weh, ich will nicht mehr. Sei es drum! Ich weiß dass ich es schaffe. Zwei mal habe ich das schon bewiesen! Warum ein drittes Mal? Ich könnte doch versehentlich vom Fahrrad fliegen…
    „Warum tust du dir das an?“ fragt hämisch ein „ICH“, das mir aus der Vogelperspektive zuschaut und lacht.
    Erschöpft aber glücklich sitze ich bei einer Kugel Eis vor unserem heutigen Quartier. Zwei Drittel sind geschafft! Zufrieden gönnen wir uns ein feines Abendessen. Wo sonst jede Kalorie gezählt wird, hauen wir heute Abend richtig rein. Das haben wir uns verdient! Satt, glücklich, müde und zufrieden fallen wir auch diesen Abend früh ins Bett. Am nächsten Morgen machen sich schon beim Aufstehen die ersten Schmerzen bemerkbar. Frisch gedopt mit Aspirin Complex und viel Voltaren machen wir uns an die letzte Etappe – die schönste der Strecke. Zwischen Melk und Krems erstreckt sich die Wachau. Ein Weinanbaugebiet in Niederösterreich. Unser Weg führt uns vorbei an malerischen Dörfchen, durch Weinberge und an traumhaften Gehöften vorbei. Heute haben wir keine Eile, wir genießen die schöne Aussicht und die letzten Kilometer – bald ist es geschafft.
    Und endlich, endlich, nach 300 Kilometern, einem kurzen Streit, viel Sonne und Muskelkater erreichen wir unser Hotel in Wien.
    Darum tue ich mir das an. Weil ich mich fühle, wie die Königin der Welt. Nachdem wir uns kurz frisch gemacht haben – trotz der begrenzten Gepäckkapazitäten, ein Rucksack von 26 Litern Volumen, ließ ich es mir nicht nehmen, mein Glätteeisen mitzuschleppen – erobern wir stolz wie Oskar die Wiener Innenstadt. Ein letztes Mal gehen wir in dieser Runde gemütlich Abendessen und lassen wie jedes Jahr die Tour bei Bier, frischen, warmen Buchteln und Anekdoten im Hawelka ausklingen. Und eines ist sicher, nächstes Jahr: gleiche Welle, gleiche Stelle!

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