Rhetorische Überlegungen

Die Beiträge dieser Rubrik lassen sich unter dem Überbegriff „Rhetorik“ zusammenfassen. So wie es in der Ausbildung verschiedene Säulen gibt, wird es auch bei unseren Essays unterschiedliche Zugänge geben. Was unsere Essays jedoch verbindet, ist, dass sie vielfältige Phänomene aus rhetorischer Sicht betrachten.

Während sich Thorsten Schimpl mit der vermeintlichen Entstehung der Rhetorik auf Sizilien beschäftigen wird, werden die Beiträgen von Susanne Bieregger rhetorische Überlegungen zu diversen Uni-Veranstaltungen bieten.

Diese Kategorie soll darüber hinaus allen Studierenden und an Rhetorik-Interessierten die Möglichkeit bieten, über Rhetorik-Veranstaltungen der Universität Salzburg zu berichten, ihr Statement zu aktuellen (rhetorischen) Entwicklungen abzugeben und einen Erfahrungs- und Wissensaustausch ermöglichen.

 

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2 Gedanken zu „Rhetorische Überlegungen

  1. Eine Reise zu den Wurzeln der Rhetorik gänzlich ohne Zeitmaschine

    von Thorsten Schimpl

    „Freunde, welchen Kampfplatz überlassen wir Karthagern und Römern!“ Plutarch legte dieses Zitat Pyrrhus von Epirus, einem der letzten großen Griechen auf Sizilien, in den Mund. Es markiert das Ende der griechischen Dominanz auf dieser Insel. Auf meiner Exkursion durch die Überbleibsel der griechische Welt Siziliens sah ich viele Schlachtfelder dieses Kampfplatzes, aber sind diese das einzige Erbe das die Griechen uns hinterlassen haben? Die extreme Hitze dieser Insel machte es nahezu unmöglich sich über diese Frage den Kopf zu zerbrechen. Um der Frage weiter auf den Grund zu gehen, galt es ein schattiges Plätzchen zu finden; im Theater von Syrakus eine schwierige Aufgabe. Erbarmungslos schien die Sonne, weit und breit kein schattiges Plätzchen zu finden. Schlussendlich fand ich eine Sitzgelegenheit, auf der ich einigermaßen von Sonne und Touristen geschützt war, und ich konnte mich wieder ganz meinen Gedanken widmen. Halb tagträumend schweifte mein Blick über das Theater, als mir meine Frage wieder in den Kopf schoss: „ … was blieb vom Erbe der Griechen auf Sizilien, nur Steine und tote Leiber in der Erde?“.

    Plötzlich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, fremd und doch irgendwie vertraut. Trotz eines zornigen Untertons klang sie dennoch sehr angenehm. Es war eine jener Stimmen auf der Jahrtausende lasteten, alt, weise aber noch immer feurig. Du wagst es auf mir zu sitzen, und dir dabei so eine lächerliche Frage zu stellen, dröhnte es in meinem Kopf, aufgrund dieser absurden Situation schüttelte ich vor Unglauben meinen Kopf; spricht jetzt schon das Theater mit mir? Ja, glaubst du ich lasse mir so eine Frechheit gefallen, Steine und tote Leiber, glaubst du ernsthaft das war alles? Das Theater von Syrakus protestiert vehement gegen meine Frage und verwies auf die methodische Erschließung der Rhetorik, und behauptete dabei gewesen zu sein als die Rhetorik zum ersten Mal vom Kopf auf die Füße gestellt wurde. Korax selbst habe innerhalb ihrer Stadtmauern seine Gedanken zur Rhetorik verschriftlicht. Sei das denn nicht genug Beweis? Mein Blick schweift über die noch gut erhaltenen Ruinen des Theaters. Es sieht so aus als könnte es sich noch gut erinnern, aber ob es wohl Beweise für seine Behauptungen hat? Beweise habe es nicht, schließlich sei es nicht unüblich in über 2.000 Jahren ein paar Sachen zu verlieren, aber nun zurück zu Korax. Das Theater erzählt mir, dass dieser einen Schüler namens Teisias gehabt hat. Es merkt, dass ich bei diesem Name grüble, und wartet auf meine Reaktion. Teisias, der wird doch auch von Platon in seinem Werk Phaidros erwähnt rufe ich leicht überrascht aus. Ach, wenn er von deinem verehrten Platon erwähnt wird bist du plötzlich viel euphorischer. Das Theater kann sich einen leicht sarkastischen Unterton nicht verkneifen und fährt weiter fort, dass es mir, wo es schon einmal meine Aufmerksamkeit hat, auch gleich von ihren guten Verwandten in Leontinoi erzählen kann. Diese haben ihr von einem berühmten Sohn ihrer Stadt erzählt und vielleicht kenne ich diesen ja sogar, es handelt sich um einen gewissen Gorgias, einen Schüler von Teisias, und Platon hat einem Dialog zwischen Gorgias und Sokrates sogar ein ganzes Werk gewidmet. Ich nicke wissen, und mache dem Theater verständlich, dass sich dieses Werk in meinem Rücksack befindet, und ein Mitgrund ist warum ich überhaupt auf Sizilien bin. Das Theater möchte wissen warum ich dann so wenig Vertrauen in das soeben erzählte habe. Weil ich es nicht weiß, und es auch nicht nachprüfen kann seufzte ich.

    Ich werde im Gedanken unterbrochen, die Exkursionsleiter machen klar, dass der nächste Besichtigungspunkt ansteht und wir aufbrechen müssen. Nachdenklich blicke ich beim Abgang zum Theater zurück; Ob es wohl stimmen mag?

  2. Ein Dialog zum Dialog

    von Susanne Bieregger

    „Kennst du das? Du sitzt in einer Vorlesung oder einem Vortrag und das Einzige was du denkst ist: ‚Laaaaaaaangweilig‘?“ frage ich meine Freundin Anna, als wir mit einem leckeren Eis in der Hand durch den Mirabellgarten spazieren.
    Anna nickt mit dem Kopf und ich merke, dass sie mir zustimmt. „Weißt du was interessant ist? Wenn ich hingegen eine Diskussion oder einen Dialog mitverfolge empfinde ich dies meist als spannender und ich merke mir auch viel mehr von dem Gesagten. Wie kann das sein, dass etwas Vorgetragenes so monoton wirkt, während das Zuhören bei einem Gespräch lehrreicher und unterhaltsamer ist?“

    Nachdenklich schlecke ich an meinem Erdbeereis und wir setzen uns auf eine soeben frei gewordene Parkbank. Ich lasse meinen Blick durch den Park schweifen als Anna mich fragt: „Kannst du mir dafür ein Beispiel nennen – für einen Dialog? Die meisten der Veranstaltungen, die ich besuche, sind auf einen Frontalvortrag ausgerichtet.“ – „Ich weiß, das ist leider bei den meisten Veranstaltungen so. Aber ich besuche Montag Abends die Veranstaltung ‚Tatort Kultur‘, die einen Einblick in die praktische Arbeit von Kunst- und Kulturschaffenden gibt. Das Konzept dieser Vorlesungen sieht so aus: ein Experte zum jeweiligen Thema hält ein 20-30 minütiges Impulsreferat und anschließend findet ein Gespräch statt zwischen der Moderatorin, dem Experten und meist drei Kunstschaffenden (z.B. Regisseur/innen oder Schauspieler/innen).“

    Ich halte kurz inne und denke an die Veranstaltung zum Thema „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödon von Horvath. „Das Impulsreferat zu den ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘ etwa hat meine Aufmerksamkeit nicht sehr lange für sich beanspruchen können.“ – „Wieso das denn?“ – „Nun ja, der Experte ist sicherlich ein Fachmann auf seinem Gebiet, aber ich empfand seinen Vortrag als zu komplex für Außenstehende. Ich meine, der Fachbereich Wissenschaft und Kunst ist interdisziplinär und es kann nicht erwartet werden, dass alle Besucher der Veranstaltung mit diesem Thema vertraut sind.“

    „Ist es denn nicht auch ein Kennzeichen für einen wirklich guten Gelehrten, dass er komplexe Themen und Fragestellungen einfach und für alle verständlich erklären kann?“ werde ich energisch unterbrochen. „Da hast du absolut Recht! Wahre Könnerschaft zeigt sich in genau solchen Situationen.“

    Anna erkundigt sich, ob die Veranstaltung nach dem Impulsreferat denn interessanter geworden sei. Ich nicke zustimmend und erzähle etwas begeisterter: „Es ging dann darum, wie der Regisseur die Brutalität des Stückes inszenierte, wie das Konzept der Bühne aussah und ob die Schauspielerin den Text hätte verändern wollen. Die Befragten haben auf sympathische und gut verständliche Art und Weise geantwortet und es haben sich mir Zusammenhänge und Details erklärt, die ich beim Ansehen der Aufführung so nicht wahrgenommen habe. Besonders in Erinnerung blieb mir die Frage, ob die Schauspielerin die Szene im Nachtclub oben ohne habe spielen wollen – sie bejahte dies, und dann schaltete sich der Experte ein und meinte, dass das doch gar keine Frage sei und diese Szene so gespielt werden müsse, damit die Brutalität des Stückes wirklich zum Ausdruck komme. Es war wirklich eine lebhafte Diskussion!“

    Anna wirft ein: „Das erinnert mich an Platon. Er schreibt doch auch, dass ein Dialog eine lebendige Darstellung philosophischer Gedankengänge sein sollte – mit Rede und Gegenrede.“ – „Stimmt. Bei dem Gespräch war es zwar mehr Frage und Antwort, aber trotzdem hat sich uns gebildeten Laien dort durch Hinterfragen und das Gespräch die ‚Wahrheit‘ hinter dem Ganzen erschlossen. Auch das ist ja eine Forderung Platons an den Dialog.“
    „Ich bin der Meinung, dass man sich in einem direkten Gespräch, einem Dialog, sehr gut austauschen kann und man merkt sich viel mehr, weil einem das Wissen in kleinen Portionen ‚serviert‘ wird und nicht so kompakt wie bei dem Impulsreferat eben.“, führt Anna fort und nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens erkenne ich, dass es mir genauso geht.

    Mein Eis ist während unseres lebhaften Dialoges leider geschmolzen. Auf dem Weg um eine neue Kugel denke ich für mich: „Platon war schon ein weiser Mann, denn die Form des Dialogs funktioniert heute noch genauso gut wie vor 2000 Jahren!“

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