Salzburger Sommerkultur

von Klara Exner

Sommer in Salzburg? Festspiele! Sommerkultur in Salzburg? Festspiele!

Keine Frage, die Festspiele sind ein deutlich sichtbarer Teil der Salzburger Sommerkultur – nicht nur, wenn man das Internet durchforstet.

Verändert sich Salzburg und ihre Bewohner während der Festspielzeit oder ist Salzburg noch genau dieselbe Stadt wie vor und nach den Festspielen?

Wir laden Sie ein mit uns hinter den Kulissen der Festspiele zu schauen und dabei Neues zu entdecken.

Denn glauben Sie, dass es auch einen Sommer, eine Sommerkultur, ja überhaupt ein Leben abseits der Festspiele geben kann? Und, dass Salzburg auch noch etwas anderes für die Touristen bieten kann?

Aber noch viel wichtiger, was machen die, die gar kein Interesse an den Festspielen haben oder gar Gegner der Festspiele sind?

All diesen Fragen haben sich drei Studentinnen gewidmet und sich IHRE Gedanken zum Thema „Sommerkultur in Salzburg“ gemacht.

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8 Gedanken zu „Salzburger Sommerkultur

  1. von Klara Exner

    Die Salzburger und die Festspiele
    Es ist Sommer, und ich befinde mich gerade in Salzburg. Ich sitze im Cafe Tomaselli und beobachte die Menschenmassen um mich herum. Man merkt, dass gerade die Festspielzeit begonnen hat. Und ich stelle mir dir Frage, was sich in der Stadt verändert hat. Ist die Stadt noch dieselbe wie vor Festspielbeginn?
    Das Erste, was mir auffällt, sind die Leute, die sich an mir entlang bewegen. Es sind nicht die üblichen Salzburger und Salzburgerinnen, die mit ihren Einkaufstaschen oder mit ihren Aktenkoffern durch die Stadt marschieren, sondern es sind Touristen.
    Aber man darf mich jetzt nicht falsch verstehen, denn es sind auch nicht die üblichen Touristen mit Kamera um den Hals, Jesusschlapfen an den Füßen und übermäßig großem Rucksack am Rücken. Nein, das Wort Touristen wäre hier vollkommen falsch angebracht. Es sind eher Kulturgäste, die hier sind, um unsere Hochkultur genießen zu können.
    Diese Kulturgäste vermitteln der Stadt ein gewisses Flair, was auch auf die Salzburger übergeht. Es ist schwer diese Art von Stimmung zu beschreiben, aber ich versuche es trotzdem.
    Die Stadt verändert sich zu einer Bilderbuchstadt. Trachtenkleidung ist ab Beginn der Festspiele nichts Außergewöhnliches mehr, denn fast jeder Kulturgast zieht mindestens einmal sein Dirndl oder seine Lederhose an. Das Vorurteil, dass in Österreich alle Leute in Tracht herum rennen und jodeln, würde sich zur Festspielzeit fast bewahrheiten. Aber es gibt noch weitere Kleidungsstile, an denen man Salzburger Kulturgäste erkennen kann. Untertags entdeckt man sie in englischer Landstilmode und am Abend, wenn man einen Kulturgast zu einer Veranstaltung gehen sieht, dann bemerkt man sie dadurch, dass sie in Frack oder im langen Abendkleid durch die Gassen stolzieren. Haute Couture steht für diesen Anlass an der Tagesordnung.
    Während ich über unsere Kulturgäste nachdenke, frage ich mich, wie sich die Festspiele auf die Bewohner Salzburgs auswirken. Verändern sie auch mich?
    Ich muss wohl zugeben, dass man sich mit gelöcherter Hose und schmuddeligem T-Shirt etwas fehl am Platz vorkommt. Und ich bemerke nicht nur bei mir, sondern auch an meiner Umgebung, dass sich jeder etwas schicker als sonst kleidet. Sogar die alte Dame, die sonst immer in einem ausgeleierten Kostüm ihre Einkäufe erledigt, glänzt in neuer Tracht.
    Aber nicht nur der Kleidungsstil der Salzburger Bewohner verändert sich. Für viele Schüler und Studenten vermitteln die Festspiele gute Ferienjobs. In Museen, Restaurants, Reisebüros, als Statisten oder bei sonstigen Veranstaltungen, überall sieht man junge Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen und hin und wieder einen Blick auf die berühmten Kulturgäste werfen.
    Es passiert nicht selten, dass man Anna Netrebko einen Kaffee serviert oder Gloria von Thurn und Taxis die Tür aufhält. Die bekanntesten Restaurants sind mit Autogrammkarten von berühmten Persönlichkeiten an den Wänden zugekleistert und fast jeden Tag sieht man irgendwo mindestens einen Fotografen durch die Stadt huschen.
    Doch nicht nur in dieser Hinsicht verändern die Kulturgäste unsere Stadt, sondern sie verändern auch die Kultur. Veranstaltungen, Konzerte, Opern, Vernissagen, Museumsausstellungen werden konkret auf die Festspiele zugeschnitten. Es sollen nicht die üblichen Kulturveranstaltungen angeboten werden, sondern etwas Neues, ja etwas anderes soll angeboten werden. Das Wichtigste dabei ist, dass es ja nicht zu langweilig werden darf. Langeweile hat bei den Festspielen nichts zu suchen. Die Veranstaltungen müssen aber nicht alle Kulturgäste zufrieden stellen. Nein, es kommt mir sogar immer wieder vor, als ob man den Besuchern die Möglichkeit geben will, sich aufzuregen. Manche Veranstaltungen zielen direkt darauf ab, dass sich Kunstexperten und Journalisten gegenseitig die Meinung geigen. Hauptsache, die Festspielveranstaltungen sind in aller Munde und das Publikum hat etwas worüber es reden kann.
    Die meisten Salzburger, die, die nicht in das ganze Geschehen involviert sind, finden an den Festspielen nichts Interessantes mehr. Sie verschwinden aufs Land oder fahren in den Süden. Und wenn sie doch in der Stadt bleiben, dann nur, um sich die klassischen Veranstaltungen wie „Jedermann“ anzusehen. Denn für gebürtige Salzburger wäre es verpönt, noch nie den „Jedermann“ gesehen zu haben.
    Ich blicke auf meine Armbanduhr, es ist schon spät. Doch nicht nur die Zeit schreitet dahin, sondern es ist auch der letzte Tag, an dem die Festspiele Veranstaltungen anbieten. Dann, ja dann versinkt Salzburg wieder in ihrem alten Rhythmus. Die Schüler gehen wieder in die Schule anstatt Kaffees zu servieren, die Restaurantbesitzer behängen die Wände mit neu gewonnenen Autogrammkarten, und auch die alte Dame wird wieder in ihrem ausgeleierten Kostüm ihre Einkäufe erledigen.
    Doch bevor Salzburg wieder zu sich selbst findet, ist noch eine große Party im Festspielhaus angesagt. Eine Feier für all jene, die hinter den Kulissen arbeiten. Eine Feier für die kleinen Helfer. Denn das lassen sich die Salzburger nicht nachsagen, dass sie nicht wüßten, wie man Erfolge feiert.

    1. Mit diesem Beitrag wird eine umfangreiche Perspektive auf die Salzburger Festspiele gegeben: Die der SalzburgerInnen, der “Kulturgäste”, der Geschäftsbetreiber, aber ebenso auch die der Akteure im Hintergrund.
      Besonders sticht der persönliche Zugang heraus, wonach das Hintergrundwissen der Verfasserin bemerkbar ist. Für mich liest sich dieser Beitrag nahezu wie eine gelungene Verbindung verschiedener Kurzinterviews (verschiedenst Involvierter), eingebettet in eine persönliche Stellungsnahme zum Thema.

    2. Ich habe dein Essay sehr gerne gelesen. Als Wahlsalzburger habe ich die Salzburger Festspiele noch nicht miterleben dürfen. Aber eines ist mir auch aufgefallen, auch wenn der Startschuss für die Spiele noch nicht erfolgt ist, ist diese Veranstaltung in Salzburg allgegenwärtig und es wird ganzjährig darüber gesprochen. Was mir erzählt wurde deckt sich mit deinem Bericht. Unzählige Veranstaltungen, Horden von Besuchern und lauter prominente Menschen.
      Es muss eine wirklich tolle Zeit sein. Da Salzburg aber ohnehin von Besucherströmen überrand wird, denke ich mir, dass sich in diesem Punkt in Festspielzeiten nicht viel ändern wird. Noch mehr Leute kann diese Stadt doch nicht mehr verkraften, oder? Wann bzw. was ist in Salzburg schon normal..
      Irgendwie wünsche ich mir, dass es auch in meiner Heimatstadt eine ähnliche Zeit im Sommer geben würde.. Allerdings nicht auf Kosten unseres Altstadfestes 😉
      Viel Spass bei den heurigen Festspielen, leider kann ich nicht daran teilnehmen!

    3. “Kleider machen Leute!”
      Und das scheint auch das Spektakel um die Salzburger Festspiele zu ummanteln. Menschen versuchen sich für dieses große Ereigniss selbst in Szene zu setzen und dazu gehört auch die ‘angemessene’ (Ver-)Kleidung. Ich frage mich, ist das nicht alles schon etwas überzeichnet, machen sich diese Leute nicht selbst etwas vor? Viele versuchen in der Festspielzeit ‘einmal’ in die Rolle einer Prominenz zu schlüpfen um sich ‘einmal’ als etwas besonderes zu fühlen und natürlich auch bewundert zu werden, indem sie mit ihrem Kleidungsstil Blicke auf sich ziehen. Ich denke so verkleiden sich auch die ‘gewöhnlichen’ Salzburger/innen wärend den Festspielen. Der Name “Fest-Spiel” trifft den Nagel auf den Kopf. Salzburg wird zur Bühne der Festlichkeit und die Menschen werden wie kleine Marionetten Teil davon.

  2. 3 SZENEN AUS DEM ABSEITS

    Es deprimiert mich. Deshalb bin ich diesmal nicht mit im Café Tomaselli. Die Begeisterung für die sommerliche Festspiel-Stimmung in Salzburg kann ich nicht nachvollziehen. Mich deprimieren die Salzburger Festspiele! Nein… es ist vielmehr Zorn, der mich ergreift.
    Zorn gegen eine Festveranstaltung für die “Eliten” dieser Welt. Für die “Eliten”, die Hunderte von Euros für ein Konzertticket ausgeben können, sich die Bettler aber per Sicherheitszone und Bettelverbot vom Hals halten lassen. Für die “Eliten”, die kritische Worte gar nicht hören wollen und deshalb schon mal geladene Redner wieder ausladen. Wie letztes Jahr geschehen. Ausladen aus purer Angst davor, der Realität ins Gesicht blicken zu müssen. Eine Realität von der sie profitieren, während Andere darunter leiden. Eine Realität, der sie im Sommer nur all zu gut nach Salzburg entfliehen können.
    Bin ich ein Kulturmuffel, nur weil ich dieser Versammlung nicht beiwohnen will?
    Ich glaube kaum. Mir ist Kultur als eine der großen Genüsse der Menschheit und als wichtiges Menschen verbindendes Element ein wertvolles Gut.
    Gerade deshalb bin ich der Meinung, dass Kulturangebote ALLEN Menschen zu Gute kommen sollten und eben nicht nur einer gewissen “Elite”, die Kultur dazu missbraucht sich von anderen abzugrenzen.

    Ist also Flucht für mich die einzige Alternative im Sommer? Salzburg den Eliten überlassen? Was aber wenn ich die Stadt gerade im Sommer so liebe?
    Zugegebenermaßen, das Salzburger Kulturleben stellt im August, abseits der Festspiele regelmäßig den Betrieb ein. Als wären da plötzlich nur noch die Festspielbesucher. Aber muss Sommerkultur überhaupt immer Hochkultur heißen? Ist es nicht vielmehr auch die Kunst den Sommer zu genießen? Und auch wenn das angesichts des omnipräsenten Festspiel-Trubels, der die Stadt befällt, fast schon unwahrscheinlich wirkt, es ist möglich. Es IST möglich, den Sommer zu genießen, auch ohne Konzertkarte, auch ohne Interesse am Festival der Eliten.

    Ich blicke in den Himmel. Tiefes blau mit ein paar vereinzelten kuscheligen Wölkchen. Das Gras kitzelt im Ohr, der Fluss rauscht grau-braun vorbei, über mir höre ich die Stimmen der Spaziergänger, die unter den Platanen entlang schlendern. Der Festspiel-Trubel scheint weit entfernt, am anderen Ufer. Stattdessen rechts und links Studenten mit Büchern auf den Knien, Pärchen, die sich Händchen haltend von den Sonnenstrahlen verwöhnen lassen. In einiger Entfernung ein paar schräge Typen mit Gitarre, deren Klang mich immer wieder in Fetzen erreicht. Ich muss gleich los. Ich bin noch verabredet. Auf ein Feierabend-Jausn im Biergarten. Aber ich habe noch ein paar Minuten, schließe die Augen, höre den Fluss, die Vögel, das Gras, die Verliebten, die Gitarre und freue mich… freue mich am Sommer in Salzburg.

    Ich blicke hinunter, unter mir der Abgrund. Zwanzig, eher dreißig Meter Luft. Ich schlucke und wende mich wieder dem Fels zu. Gleich bin ich oben, jetzt also keine unnötigen Gedanken an die Gefahr verschwenden. Außerdem bin ich ja gesichert. Achja, wenn man dieser Gedanke nur auch mal vom Kopf in den Bauch gelangen würde. Denn im Bauch sitzt mir das ungute Gefühl im Nacken. Ein paar wohlüberlegte Griffe noch, ein paar vorsichtig platzierte Tritte noch … geschafft! Ich blicke mich wieder um. Der Abgrund ist immer noch da. Aber hinter dem Abgrund liegt mir plötzlich Salzburg zu Füßen. Winzig klein, die Festspielbesucher scheinen von hier oben gar nicht zu existieren. Die Stadt liegt still und friedlich in den letzten weichen Strahlen des sonnigen Tages am grau-braunen Band, das die Salzach durch die Stadt zeichnet. Hinter dem Untersberg färbt sich der Himmel schon langsam rötlich. Der Berg steht mächtig und erhaben dunkel davor. Die Anspannung lässt langsam nach. Ich fühle mich sicher, per Seil mit dem Gaisberg verbunden. Der Atem wird ruhiger, Wind fährt mir durch die Haare, die Bäume rascheln, sonst nichts. Ein Zeichen – und schon bin ich wieder auf dem Weg abwärts, runter in die Stadt, die ich so liebe im Sommer.

    Die Bässe senken sich in meinem Magen, die Menge reißt mich mit. Ich tanze. Über mir weiß ich die wankenden Baumwipfel, unter meinen Füßen spüre ich das saftige Gras. Ich öffne die Augen und schaue mich um. Um mich herum die unterschiedlichsten Leute. Punks, junge Familien, Neo-Hippies, ein paar Typen im Anzug. Vor den mächtigen schwarzen Lautsprechern tanzen sie. Weiter hinten am Teich macht eine türkische Familie Picknick. Daneben haben ein paar Burschen mit nacktem Oberkörper die Slackline aufgespannt. Auf der anderen Seite steht ein Grüppchen von Krawattenträgern zusammen, das Feierabendbier in der Hand. Ein paar Mädls jonglieren ein Stückchen weiter mit Keulen, Bällen und bunten Ringen. Der Volksgarten lebt. Lebt und vibriert: vibriert dank der Musik – und dank der vielen, unterschiedlichen Leute, die hier aufeinander treffen. Ich schließe die Augen wieder, spüre den Bässen in meinem Magen nach und bin glücklich, dass es dieses Salzburg auch noch gibt, das Salzburg abseits der im wahrsten Sinne des Wortes exklusiven Festspiel-Gesellschaft. Hier fühle ich mich wohl, hier liebe ich den Sommer in Salzburg. Hier, mittendrin im Abseits!

    1. Ich war vor dem Lesen deines Essays gespannt, was man im Sommer in Salzburg erleben kann – ganz abseits der Festspiele – und ich wurde nicht enttäuscht. Dein Essay verdeutlicht in den drei von dir gewählten Szenen sehr gut, dass es Orte und Möglichkeiten gibt den Sommer ohne den Trubel der Festspiele zu genießen.

      Die Passage, in der du schreibst, dass du in den Abgrund blickst, musste ich zweimal lesen. 😉 Ich empfinde dies als sehr gelungenes Stilmittel, weil es kurz “erschreckend” wirkt und somit die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt.

      Dank deiner bildhaften Sprache konnte ich mir die Szenen und die dort herrschende Atmosphäre vor meinem inneren Auge richtig vorstellen und man merkt, dass du die Stadt und das Erleben des Sommers hier wirkliche gerne hast! 😀

    2. “3 Szene aus dem Abseits” lässt sich so schön lesen und macht Lust auf Sommer in Salzburg. Ich selbst bin kein großer Fan des oberflächlichen Treibens der Sommerfestspiele in Salzburg, habe aber auch einsehen müssen, dass es nichts bringt, sich darüber aufzuregen. Als Wahlsalzburgerin habe ich dazu nicht einmal das Recht. Aber in den vergangenen Jahren habe ich den Sommer in dieser Stadt ebenso zu schätzen gelernt wie du.

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