Ghana als persönliche Horizonterweiterung

Zu diesem Zeitpunkt war viel los in meinem Leben – ich war noch ein frisch gebackener Abiturient, hatte bereits mein erstes Studium nach wenigen Wochen und völliger Unzufriedenheit abgebrochen und wusste nicht, was passiert jetzt mit mir, was ist dein nächster Plan? Ich war davon überzeugt, dass mir eine Reise weiterhelfen würde, Hauptsache weit weg von Zuhause, um endlich wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ich glaubte, dass mir besonders ein Land mit einer anderen Kultur und Lebensweise in dieser Hinsicht sehr weiterhelfen könnte.

Daher beschloss ich ein Stückchen Afrika kennenzulernen und begab mich für 4 Monate auf eine Reise in das westafrikanische Ghana. Viele Vorstellungen hatte ich, aber als ich dort ankam, war alles anders.

Ich verließ aufgeregt die geschützten Räume des Flughafens und betrat zum ersten Mal afrikanischen Boden. Zwei Dinge erschlugen mich zugleich – eine scheinbar nicht zu durchdringende Hitzewand und die Blicke unzähliger Ghanaer. Eine leichte Überforderung spürte ich, als mich plötzlich jeder ansprach und irgendetwas von mir wollte – wohin gehst du? Woher kommst du? Kann ich dir helfen? Gib mir doch dein Gepäck. Ich war sehr erleichtert, als ich merkte, dass sich eine Person aus diesem Pulk von Menschen als mein Praktikumsbetreuer entpuppte, schon wenige Minuten später saßen wir in dem scheinbar nächsten geschützten Raum eines ghanaischen Minibusses – eines „TroTro“. Allerdings musste ich schnell feststellen, dass in diesem für maximal 8 Personen ausgelegten Fahrzeug gefühlte 20 Personen saßen und standen. Nie zuvor spürte ich derart viel Körperkontakt, mir fehlte fast die Luft, auch weil ich mit meinem Gepäck nicht gespart hatte. Das erste Abenteuer sollte nicht lange auf sich warten lassen – wir fuhren durch die Straßen einer Millionenstadt – Accra. Meine erste Unsicherheit und Überforderung vom Flughafen legte sich sehr schnell, als ich aus dem Fenster sah. Bezaubert von so viel Leben auf den Straßen um 6 Uhr morgens. Überall Menschen auf nicht enden wollenden Märkten, scheinbar alle am Arbeiten, so viele zufriedene Gesichter, diese ganzen Fahrradfahrer und Mopeds mit waghalsigen Aufbauten. Dazu kam in der ganzen glücklichen Hektik dieses ganze Grün – überall blühende Bäume und Palmen, soweit das Auge reicht. Die Luft, die durch das Fenster drang, fühlte sich angenehm an und roch nach nasser Erde. Plötzlich musste ich erschrocken feststellen, dass mich mein Betreuer fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Anscheinend sprach er schon eine Weile, ohne dass ich irgendeine Reaktion gezeigt hatte. Er begann mir alles zu erzählen, was mich in Ghana erwarten würde, wie mein Alltag aussehen wird.

Nach einer Stunde waghalsiger Fahrt erreichte ich mein neues Zuhause – ein Haus mit Wellblechdach in einer hübschen ruhigen Seitenstraße. Ich stieg aus, und wieder waren alle Blicke auf mich gerichtet – ich kam mir langsam vor, als leuchtete ich wie ein Glühwürmchen. Kinder rannten auf mich zu und rubbelten an meinen Armen herum – ich verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Alle Leute um mich herum fingen an zu lachen, mir war das sehr unangenehm und ich wurde verlegen. Als mir mein zukünftiger Nachbar erklärte, dass die Kinder meine weiße Haut nur abrubbeln wollen, da sie nicht glauben können, dass ein Mensch eine andere als schwarze Hautfarbe hat, war ich sehr erleichtert und freute mich über diese besondere Begrüßung der Kinder. Die nächste Zeit merkte ich, dass ich mich an diese Prominenz erst gewöhnen musste. Jeder war an mir interessiert, wollte mit mir reden – ein sehr ungewohntes Gefühl, das ich aus Deutschland nicht kannte.

Das Leben ging los in Ghana, und die Erlebnisse der folgenden Monate in einem Kindergarten und Waisenhaus bleiben für mich bis heute unvergesslich und prägend.

Ich bin derart vielen Menschen begegnet, die bitterarm waren, aber trotzdem sehr offen, freundlich und zufrieden. Bei uns in Europa habe ich oft den Eindruck, dass die Menschen sehr unglücklich und traurig wirken, obwohl sie sich doch an sich alles leisten können.

Ich wollte dieses seltsame Phänomen des Ungleichgewichts verstehen und überhaupt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im menschlichen Verhalten. Dies war sehr ausschlaggebend für meine Studienwahl Psychologie, mit der ich bis heute zufrieden bin. Meine Reise war für mich ein voller Erfolg und hat meinen persönlichen Horizont sehr erweitern können. Nach mittlerweile 5 Jahren kann ich sagen, dass die Gefühle, die ich mit dieser Zeit und diesem Land verbinde, nicht an Intensität verloren haben.

Christof Bochnoik

2 Gedanken zu „Ghana als persönliche Horizonterweiterung

  1. Ich finde dein Essay sehr gelungen. Nicht nur, weil ich Geschichte oder Erlebnisberichte über afrikanischen Kontinent sehr spannend finde, sondern weil ich mich durch deine Erzählung mich richtig in die Situationen einfühlen kann und nachvollziehen kann wie du dich in diesen kontrastreichen Tagen der Eingewöhnung gefühlt haben musst. Ich musste sehr über deine Geschichte mit den Kindern lachen, die dir die weiße Haut abrubbeln wollten oder über deinen Vergleich mit dir und einem Glühwürmchen.
    Ich finde es wirklich spannend mit welch einem Unwissen, oder sogar Unschuld, man eine solche Reise beginnt – und das hast du sehr schön reflektiert. Also mir hat es viel Spaß gemacht dein Essay zu lesen!

  2. Dein Essay über Ghana hat mir sehr gut gefallen. Es fängt sehr abrupt an und bildet so die Turbulenzen, die Dich zu der Reise gebracht haben, gut ab. Du erzählst sehr anschaulich, wie Du immer mehr in dieses Land hineingerätst, wie Du die „Hitzewand“ überwindest und mit dem Bus geradezu in das Land hineinfährst.
    Dann kommt die Episode mit den Kindern, die Deine Haut abrubbeln wollen. Erst der Körperkontakt im Bus mit der einheimischen Bevölkerung, jetzt beschäftigen sie sich bewusst mit Dir. Wieder hat man das Gefühl, dass Du immer tiefer in das Land hineinkommst.
    Und zuletzt ist es Dir wieder sehr gut gelungen, den Bogen zum Anfang zu schlagen, Deine neue Studienwahl zu erklären und aus dem Essay wieder auszusteigen.
    Schön zu lesen!

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