La vie est belle… auch abseits des französischen Mainstreams?

Reisen, das bedeutet für mich weniger bestimmte Sehenswürdigkeiten abzuklappern, nur um dann meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten eine Masse an Fotografien zu zeigen, zu denen man oft kaum einen Bezug hat. Für mich machen das Flair, der Moment und somit auch das Einatmen der Lebensweise des Landes die ideale Art des Reisens aus. Am schönsten ist es dazu noch, wenn ich Menschen kennen lerne und somit in die reale Welt der dortigen Umgebung eintauchen kann und dabei nicht in einer touristisch verkitschten Atmosphäre verharre.

Meine letzte Reise ging nach Frankreich – ein europäisches Land, das ich besonders gerne besuche. Da ich schon einmal ein paar Tage in Frankreich verbracht habe, aber noch nie abseits von Paris, beschloss ich, die Normandie mit zwei Freundinnen zu erkunden.

Donnerstag, 17:30 Uhr – Flughafen München

Der eigentliche Anlass, sich in den Flieger von München nach Paris zu setzen und von dort aus weiter mit dem Zug in die Normandie zu reisen, war die eine Freundin. Sie war dort in einem kleinen idyllischen Ort gerade als Lehrassistentin für französische Gymnasien tätig, um den Schülern spielerisch die deutsche Kultur näher zu bringen.

Donnerstag – 22:00 Uhr – Paris, Montmartre

Als wir am Abend in Paris gelandet waren, haben wir uns sofort in das Nachtleben begeben: Unser Hostel lag mitten im Zentrum des nächtlichen Trubels von Paris – natürlich in Montmartre, dem wunderschönen Künstlerviertel der Stadt. In einer kleinen gemütlichen Bar namens „La fourmi“ – auf Deutsch „Die Ameise“ – knüpften wir auch schon erste Bekanntschaften. Obwohl Ivo und Jules direkt in Paris wohnten und arbeiteten, stammte der eine aus Korsika und der andere aus den Bergen Frankreichs. Ich glaube aus den Vogesen, wo die Quelle des teuren Mineralwassers Evian liegt.

Die Nacht war lang und voller philosophischer Gespräche – der Alkohol trug auch ein kleines bisschen zur Stimmung bei. Als wir um fünf Uhr mit der ersten und erstaunlich überfüllten Metro wieder in unser Hostel zurückkehrten, fiel es uns schwer keinen Radau zu machen; schließlich wollten wir die, uns eigentlich ganz unbekannte, Zimmergenossin nicht aufwecken. Nachdem sie sich zuerst geregt hatte, schien sie sich dann doch nicht von unserer beschwingten Laune aus dem Schlaf reißen zu lassen: Gott sei Dank!

Freitag – 10:00 Uhr – Paris, Montmartre

Kaum hatte ich die Augen geschlossen, läutete schon wieder unser Wecker, und wir hatten nur noch eine Stunde Zeit bis zum Auschecken. Ich hätte am liebsten einfach nur weitergeschlafen, da ich solch starke Kopfschmerzen von der kurzen Nacht hatte und mir auf den Beinen noch etwas schwindlig war. Noch entkräftet entschlossen meine Freundin und ich uns, die Treppe zur Rezeption hinunter zu stapfen, um eine weitere Nacht zu buchen, nur um noch etwas länger zu schlafen. Das Glück lag jedoch nicht auf unserer Seite – alle Zimmer waren ausgebucht. Natürlich, es war ja Freitag. Ich hätte laut losschreien und fluchen können, jedoch war ich einfach zu müde für einen solchen Wutausbruch. Außerdem hätte dies auch recht unreif gewirkt. Sichtlich enttäuscht gingen wir in unser Zimmer zurück, packten und verließen das Hostel.

Zuerst beschlossen wir, uns mit einem kräftigen Pizzaessen zu stärken und noch eine kleine Weile in Montmartre zu schlendern – bevor wir uns nach L’Aigle, dem kleinen Örtchen 142 km westlich von Paris, aufmachten. In den schmalen Gassen kamen wir an hübschen kleinen Restaurants und Straßencafés vorbei und stöberten in einem bunten und vollgestopften Second Hand Shop. Ich fand dort ein schickes, schwarz-rot gemustertes Kleid aus Satin, welches mir wie angegossen stand. Mit diesem Erfolgserlebnis fühlte ich mich mit Paris noch mehr verbunden als bei meiner ersten Reise in diese Stadt.

Von den vielen Eindrücken noch benommen, hatten wir keine bessere Idee als unglaubliche zwei Stunden in einem heruntergekommenen und schmutzigen Fast-Food-Restaurant namens „Quick“ zu verbringen. Sinnvoll war das Herumlungern in dieser versifften Bude nicht gerade, wie wir dann einsehen mussten. Also kehrten wir wieder in unser Hostel zurück, buchten noch eine Nacht für den Sonntag und schlenderten zum Bahnhof, um endlich in die Normandie zu reisen.

Nach anstrengenden 2 Stunden in einem überfüllten Zug von Paris nach L’Aigle kehrten wir schließlich im riesigen und zugleich auch verlassen wirkenden Appartement unserer Freundin ein. Sie wohnte dort ganz allein, obwohl es für noch zwei weitere Lehrer gedacht gewesen wäre. Sie empfing uns mit einer schlechten Nachricht, die uns zunächst frösteln ließ, nämlich dass die Heizung an diesem Herbstwochenende nicht funktioniere. Es gelang uns aber, indem wir uns in flauschige Decken wickelten und Unmengen an heißem Tee tranken, der Kälte zu trotzen. Nach einer französischen „Brotzeit“ – frisches Baguette, Frischkäse aus Ziegenmilch und buntgemischter Blattsalat – sahen wir uns noch französisches Reality-TV an, bis uns die Müdigkeit übermannte.

Samstag – 11:00 Uhr – Étretat und L‘Aigle

Am nächsten Tag besichtigen wir das raue Meer in Étretat. Während der langen Autofahrt dorthin machten wir einen kurzen Halt in Lisieux, der zweitgrößten Pilgerstadt in Frankreich. Die beeindruckende, im neobyzantinischen Stil gehaltene Basilika stimmte uns friedlich und hinterließ große Bewunderung für diese Architektur.

Als wir den Strand erreichten, war ich fasziniert von der Kraft des gewaltigen Atlantik. Obwohl das Wetter alles andere als warm und heiter war – immerhin war es Mitte November – ließ ich mich von den großen, tosenden Wellen und dem kiesigen Strand in eine andere Welt tragen. Das schwappende Geräusch der ankommenden dunkelblauen Wellen beruhigte mich auf Anhieb. Ich fand ebenso Gefallen an den glatten, runden Steinen, welche es in den verschiedensten Grau- und Brauntönen gab. Sie fühlten sich in der Hand sehr schmeichelhaft an, aber wollte man auf ihnen den Strand entlangwandern, sank man mit den Füßen in dieses steinerne Meer regelrecht ein. Als Andenken nahm ich eine Hand voll von diesen so unberechenbaren und zugleich wunderschönen Kostbarkeiten mit.

Am Abend begaben wir uns wiederum ins französische Nachtleben – diesmal jedoch in einem kleinen knapp 8.000 Einwohner umfassenden Seelenort namens L’Aigle, was übersetzt „der Adler“ bedeutet. Als wir die einzige wirkliche abendliche Bar der Kleinstadt besuchten, kannten wir noch niemanden. Nach kurzer Zeit jedoch begannen uns die Einheimischen einer nach dem anderen anzusprechen: Einer zeigte uns verblüffende Zaubertricks, ein weiterer machte uns, kaum hatte er unsere Sprache gehört, sogleich mit seiner Freundin bekannt, die ganz zufällig aus Salzburg stammte wie wir. Mit dieser witzigen Truppe gingen wir schließlich, als die Bar um Mitternacht schließen wollte, in den einzigen Club im Ort – ins „Le Moulin“ – die Mühle.

Sonntag – 12:00 Uhr – L’Aigle

Nach einer heiteren, wenn auch ungewöhnlichen Nacht in dieser kleinen Stadt verbrachten wir den nächsten Tag damit, die Ortschaft mit den historischen Gedenkstätten aus dem zweiten Weltkrieg und den kleinen geschwungenen Gassen noch ein wenig zu erkunden. Am Abend kehrten wir wieder nach Paris in unser Hostel zurück und verbrachten den letzten Abend wiederum in der Bar „La Fourmi“. An diesem Sonntag war kaum etwas los. Als wir uns gerade wieder auf den Weg machen wollten, winkte uns ein bärtiger Mann zu. Wir winkten zurück, und drei Männer kamen an unseren Tisch. Diesmal waren es kanadische Künstler aus Montréal, die mit ihrer Indie-Band namens „Canailles“– auf Deutsch „Schurken“ – auf Europa-Tournee waren. Ich unterhielt mich mit dem Bärtigen, obwohl er recht schwer zu verstehen war, denn sein Französisch hatte für meinen Geschmack einen zu starken amerikanischen Einschlag. Als wir um ein Uhr die Bar verlassen mussten, kehrten wir in unser Hostel zurück, wo auch die Bandmitglieder nächtigten. Im Aufenthaltsraum zeigten sie uns noch viele verblüffende Kartenzaubertricks, die wir einfach nicht entschlüsseln konnten.

Montag – 10:00 Uhr – Paris, Montmartre und München

Die letzte Nacht war wiederum kurz. Meine Freundin, die Lehrassistentin, musste nach L’Aigle zurückkehren. Und meine andere Freundin und ich konnten auch nicht mehr lange in Paris bleiben. Bei einem selbst zusammengestellten Mittagessen aus dem Supermarkt – erfrischender Couscoussalat, frisches Baguette und in Öl marinierte Oliven mit Schafskäse –  ließen wir unter dem monströsen Eiffelturm unseren aktiven Kurztrip gemütlich ausklingen. Gegen 22:00 Uhr kamen wir dann im verschneiten und eisigen München an. Beim Anblick der dicken Schneeflocken wünschte ich mich wieder in die Normandie zurück. Doch ich freute mich schon riesig darauf, meinen Liebsten wiederzusehen, weswegen ich übers Heimkommen doch sehr glücklich war.

Auch wenn diese Reise kurz und auch sehr anstrengend war, war sie authentisch wie keine zuvor. Dass man in so kurzer Zeit so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden wirklich kennenlernen kann, habe ich nie wieder erlebt. Dies macht mir die Reise unvergesslich. Von diesen Erlebnissen werde ich immer wieder Neues erzählen können.

Stefanie Spitzendobler

 

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