Reisen – ein Abenteuer

Besonders spannend finde ich Orte, an denen ich mich so unterscheide von allen anderen Menschen, die mich umgeben. Natürlich fand ich die Natur und Umgebung immer wunderschön… sogar überwältigend, ob es die Reis-Terrassen in China, die wilden Küstengebiete in Mozambique oder die Tempel in Kambodscha waren. Aber sind es nicht gerade die Menschen, die dort leben, die die Reise interessant machen? Ich versuche mir vorzustellen, wie es ist immer am Meer zu leben, wie es ist, nicht seine Meinung in seinem eigenen Land äußern zu dürfen. Wie ist es, so abgeschieden von der Außenwelt zu leben? … Schon allein finde ich es interessant, wann die Menschen gewöhnlich essen und was… viele Fragen drängen sich mir auf – aber nie werde ich alle beantworten können. Sich in Menschen, vor allem mir so kulturell fremde Menschen, hineinzuversetzen, ist abenteuerlich – das große Abenteuer beim Reisen. In gewisser Weise bin auch ich damit konfrontiert, wer ich selbst bin; wo ich an eigene Grenzen stoße, die für andere Menschen noch nicht einmal das geringste Problem darstellen.

Das fiel mir besonders auf, als ich von Johannesburg (Südafrika) nach Maputo reiste. Die Hauptstadt von Mozambique ist nicht eine Hauptstadt, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, ich müsse schnellstmöglich weg von Johannesburg, aber das einzige Mittel sich fortzubewegen sind die Chappas. Das sind die afrikanischen Kleinbusse, die eigentlich für ungefähr 9 Personen ausgelegt sind und in jedem afrikanischen Land anders heißen. Ich saß nun in einem besonders klapprigen Chappa mit fehlender Schiebetür auf dem Weg nach XaiXai und dachte mir in Stillen: Es wird immer wahrscheinlicher, dass ich die Tour nicht überlebe. Das legte sich aber nach einer Weile, obwohl ich merkte, dass der Bus wohl noch lang nicht die Grenze seiner Kapazität erreicht hatte: In jedem Dorf stiegen mehr Leute ein und aus. Tendenziell mehr ein als aus. Nach mehreren Stunden hatte es gefühlte 40 Grad, und der Bus war besetzt mit etwa 23 Passagieren, zwei Hühnern, einem Baby und entsprechend viel Gepäck. Natürlich war das nur eine Schätzung, da ich nicht unbedingt einen freien Blick nach vorne hatte. Am Ende der Fahrt waren es zwischen 30-35 Mitfahrer und mindestens zwei Menschen auf meinem Schoß. Das brachte mich nur leicht an meine Grenzen, aber was wirklich dramatisch war, war die Luft, die wir atmeten. Es roch so furchtbar nach vielem, das ich aus meinem europäischen Leben gar nicht kenne… nach lebenden Hühnern, nach toten Fischen, nach Rauch und Abgasen, und vor allem extrem säuerlich nach menschlichem Schweiß. Diese zehnstündige Fahrt empfand ich als unfassbar belastend, aber interessant ist doch, dass man sich an wahrscheinlich alles gewöhnen kann. Viele machen das jeden Tag und pendeln von Dorf zu Dorf. Ich frage mich warum? Welche Berufe üben sie aus… wo wohnen sie? Wenn ich so über diese gewaltigen Unterschiede nachdenke, bekomme ich Gänsehaut. Das war eine anstrengende Reise, aber für mich sehr wertvoll, um mich immer wieder zu vergewissern, dass es außer meiner Welt noch eine andere Welt gibt.

Ich hatte mir das Land eigentlich zivilisierter vorgestellt mit Häusern und richtigen Straßen, aber das war nur seltene Ausnahme. Man sah dem Land den Bürgerkrieg an, der noch keine 20 Jahre vorbei war. In den Feldern liegen vereinzelt noch immer Landminen, und fast die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 16 Jahre. Ich fragte mich oft warum, aber merkte schnell, dass ich vielleicht dieser harten Realität nicht gewachsen bin. Was haben die Leute hier schon ertragen müssen? Es gab keine Bettler, es schien kaum Kriminalität zu geben, und ich fühlte mich so sicher wie schon lang nicht mehr. Wenn ich an die Zeit in Südafrika zurückdenke, kommt mir das Land bezüglich seiner Kriminalität und seinen sozialen Abgründen abartig vor. Was macht den Unterschied?

Ich hatte den Eindruck, die Menschen in Mozambique sind sehr ehrliche Menschen. Ich fühlte mich gut aufgehoben… es passierte nichts, und jeder schien seiner Aufgabe nachzugehen. Niemand lag am Straßenrand, allein und hilflos oder betrunken. – Sie sind aber auch ehrlich in dem Sinne, dass sie mich wie Luft behandelten, nicht Hallo sagten oder je lächeln würden. Sie erschienen verbittert, diese jungen Menschen, die so früh Verantwortung übernehmen (müssen), und als hätten sie ihr Schicksal angenommen. Was sie wohl über mich dachten? Warum ist es auf den Straßen so un-afrikanisch ruhig? Warum sah ich kaum jemanden lachen, tanzen oder sich aufregen? Wo sind die Emotionen? Ist das eine besondere Mentalität, oder kann es sein, dass ein Volk noch so flächendeckend traumatisiert ist?  So schien es mir fast. Doch als ich abends von meiner beschaulichen Hütte über den Strand zum Markt lief, sah ich, wie die Jungs (wie am Vorabend) wieder im Sand Fußball spielten, bis es dunkel wurde. Ein komischer Gedanke, aber es kam mir so vor als wäre die Welt schon wieder in Ordnung.

Nach so vielen großen Fragen und fremden Situationen, hatte ich das dringende Bedürfnis danach, Ruhe zu finden, um meine Gedanken zu sammeln. Mir gelingt das immer besonders gut, wenn ich von Natur umgeben bin. Also ging ich zu einem Tauchclub, der auch am Strand lag. Ein plötzlicher Schlag westlicher Vertrautheit: Bücher, ein Computer… Fotos hingen an der Wand. Ich wunderte mich, dass Mozambique‘s Hütten und dieses europäisch eingerichtete Haus auf so dichtem Raum stehen und sich scheinbar überhaupt niemand an den Gegensätzen stört.

Der Tauchgang war fantastisch, diese andere Welt ist ebenso unbeschreiblich wie die Welt der Menschen in Mozambique. Allerdings vergleiche ich nicht, und ich frage mich auch nicht, wie dieser Fisch oder Wal den Bürgerkrieg erlebt hat. Ich bewundere sie nur wegen ihrer Schönheit. Bei den Menschen ist es nicht nur die Schönheit, es ist ihre Persönlichkeit, ihre Kultur und ihre Geschichte, von der ich hören möchte und die das Reisen für mich zu einem Abenteuer machen.

Caroline Lenz

Ein Gedanke zu „Reisen – ein Abenteuer

  1. Deine Geschichte finde ich sehr spannend und was mir besonders gut gefällt, ist, dass du die vorhandenen Klischées mit den realen Gegebenheiten gegenüberstellst und deine Gefühle und Gedanken dazu sehr detailliert schilderst.
    Du beschreibst zwar, dass du dich dort sehr aufgehoben gefühlt hast trotz der Ignoranz und der ruhigen Atmosphäre der Bewohner Mozambique’s. Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob du dort noch einmal hinreisen würdest, da ich bei dir gemischte Gefühle und eine Art Verwirrtheit während des Lesens vernommen habe. Soll dies deinen emotionalen Zustand noch weiter unterstreichen?

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