Archiv für den Tag: 10. Juni 2013

Studieren in Salzburg

Nach fünf Jahren in Salzburg mache ich mir Gedanken über mein Studium in Salzburg. Gedanken, die ich mir schon lange nicht mehr gemacht habe, da mir dieses Städtchen schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist und ich schon nach kürzester Zeit „Heimweh“ nach Salzburg empfand. Eigentlich nicht meine Heimat, denn die liegt ja sechs Stunden entfernt im Süden Deutschlands, aber dennoch ist Salzburg meine Wahl-Heimat. Mittlerweile sehe ich mein Studium als selbstverständlich an, aber war es das immer? Schade eigentlich, dass ich manchmal vergesse, was für ein Glück ich habe, das studieren zu können, wofür ich mich interessiere – die Psychologie. In Deutschland ist es nicht so leicht, das zu studieren was man möchte… das wusste ich natürlich, als ich das Gymnasium beendete und schließlich mit meinem Abitur von 2,4 dastand. Mein Verstand sagte mir: „Caroline, du bist nur Durchschnitt. Vergiss es! Das schaffst du nie!“. Natürlich habe ich es trotzdem versucht. Insgesamt habe ich 40 Bewerbungen an deutsche Unis abgeschickt – ein Trauerspiel, denn es kamen auch 40 Absagen zurück. Ich hätte wohl mit 1,4 eine kleine Chance gehabt. Das war aber vielen Unis nicht genug der Absage und schrieben noch dazu, dass sie mir (wie z.B. die Uni Konstanz) 16 Wartesemester anbieten können. Was? Das ist Wahnsinn… man kann doch keine 8 Jahre auf einen Studienplatz warten. Ich war sauer – „Ist da nicht ein Fehler im System? Das ist so ungerecht“ – wie könnte ich mich bloß beweisen? Alle Hoffnung war verloren. Ich werde vermutlich nie Psychologie studieren, dachte ich.

Da mein Wille aber meistens länger hält als meine Hoffnung in etwas, war ich davon überzeugt, dass ich es trotzdem schaffe. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es auch durch. Da der direkte Weg mir versperrt war, plante ich also erst einmal ein einjähriges Praktikum in einer Psychiatrie in Freiburg ein. Der harte Psychiatriealltag überforderte mich in den ersten Tagen immer wieder. Suizidale, Borderliner, Depressive und Psychotische… alle auf einem Haufen, auf einer Station… auf meiner Station! Wie soll ich so viel lernen in so kurzer Zeit? Was sind diese Krankheiten eigentlich ganz genau? Wie verhalte ich mich am besten zu wem? Eine Borderlinerin ist in meiner Dienstzeit abgehauen. Wer ist Schuld? Hätte ich etwas tun können? Ich hatte so gehofft, sie würde sich nichts antun. Zwei Tage später wurde sie von der Polizei im angrenzenden Wald aufgegriffen: Bewusstlos, schlimme Schnittverletzungen, die Arme und Beine mit ihrem Feuerzeug verbrannt. Wir versorgten sie notdürftig, allerdings wurde ich auch angewiesen ihr keine Extraaufmerksamkeit wegen ihrer Verletzung zu schenken. Damals verstand ich nicht warum, und eines war mir klar… ich musste mehr darüber erfahren. Ich darf nicht aufhören mir Fragen zu stellen. Nach einem langen Tag mit vielen Fragen, die irgendwann müde machen und mit vielen Gesprächen mit den Patienten, gehe ich endlich in mein Zimmer und es passiert das Unerwartete.

Ich las meine Emails und verstand aber erst einmal nicht, was ich da las. Ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern, in dem ich begriff: Eine Mail der Uni Salzburg. Habe ich mich dort überhaupt beworben? Unfassbar, das muss ich nochmal lesen. Ich darf wirklich an dem Test teilnehmen? Das bedeutete für mich, dass wenn ich den Test bestehen will, dann tue ich das auch… das ist ein Traum! Studieren in Salzburg. Psychologie studieren. Was gibt es schöneres? Fragte ich mich an diesem Abend, als mir die Konsequenzen allmählich bewusst wurden und ich zum ersten Mal in den ersten Praktikumswochen den befremdlichen Klinikgeruch des Personalzimmers genießen konnte und das orangefarbene, warme Sonnenlicht durch die großen Fenster schien.

Bis heute konnte ich mir viele meiner Fragen von vor fünf Jahren beantworten. Ich, der NC-Flüchtling, wäre überall hingegangen und hätte alle Städte schön gefunden, und so bin ich in Salzburg gelandet und finde es bis heute wunderschön. Eigentlich ist die Stadt Salzburg an sich nicht so wichtig in meiner Geschichte vom „Studieren in Salzburg“, aber der Name „Salzburg“ hatte damals, ohne dass ich vorher von der Stadt Besonderes gewusst hätte, etwas Magisches und Abenteuerliches. Ein kleines Paradies am Rande der Alpen, das seinen Charme (trotz Schnürlregen und Touristen-Ameisenstraßen in der Altstadt) bis heute nicht eingebüßt hat.

Caroline Lenz

Studieren in Salzburg

Wenn man schon doppelt so alt wie die meisten Studenten ist und nach Jahren an die Universität – noch dazu zum ersten Mal in der eigenen Heimatstadt –  zurückkehrt, ist das eine ganz eigen Sache.

Ich erlebe Salzburg nach wie vor und noch immer und immer wieder aufs Neue als wunderschöne Stadt, und am Morgen ohne die Hektik des Berufsalltags mit dem Fahrrad über Residenz- und Kapitelplatz in die Kaigasse zu fahren und in einem geschichtsträchtigen Gebäude in ein Seminar mit einer Handvoll Kommilitonen zu gehen: das erscheint mir als wahrer Luxus. Man trifft sich, um gemeinsam zu denken und zu philosophieren. Ich frage mich, ob das wohl repräsentativ ist oder ob ich nur mit der Auswahl meiner Fächer Glück gehabt habe.

Ein bis zum letzten Platz gefüllter Hörsaal, ein Chemielabor im Anschluss, alles schäbig und kurz vor der Schließung des Institutes, ein verschultes Curriculum – das sind meine Erinnerungen an mein Pharmaziestudium vor vielen Jahren in München. Mein Aufbaustudium in Schottland war sehr praktisch orientiert und spielte sich vor allem in Krankenhäusern ab, sodass es nicht wirklich mit dem Studieren eines geisteswissenschaftlichen Faches vergleichbar ist. Und auch mein Dissertationsstudium mit seinen gedrängten Vorlesungen zwischen Salzburg und Wien, wo wir uns an die Auswertung der Blutproben machten, um die Nächte in Salzburg mit dem Zusammenschreiben zuzubringen, entspricht nicht meinen eigentlichen Vorstellungen vom Studieren.

Ganz anders mein spätes Studium in Salzburg. Von Anfang an war alles sehr persönlich, die Inskription, die Absprache der Kurse mit den Zuständigen in den verschiedenen Instituten, die Kurse selbst. Liegt es daran, dass alles nur ein kurzer Ausnahmezustand von ein paar Monaten sein darf und ich deswegen ganz bewusst auswähle, um es ebenso bewußt zu genießen?

Als neuer alter Student muss man sich erst wieder im System zurechtfinden. Wo bekomme ich meine Informationen? Wie kann ich hier Bücher ausleihen? An welchem der vielen Standorte verschiedener Institute sind sie zu finden? Die einen sind selbst mitzunehmen, auf die anderen muss gewartet werden.

Alles ist im Computer ersichtlich. Das Ausleihen und Vorbestellen der Bücher erfolgt per Computer. Man immatrikuliert auch per Computer, man hat seine ID im Computer, das „blackboard“ und die Emailadresse halten einen auf dem Laufenden. Die Studenten haben ihre „smartphones“ stets bereit und sind jederzeit erreichbar und online.

Ich kann nicht beurteilen, wie das Studentenleben in Salzburg so ist, wo und wie man in dieser Stadt lebt und isst und sich vergnügt, wenn man Anfang 20 ist, da ich neben dem Studium mein gewohntes Leben fortsetze, in dem viele Entscheidungen schon gefallen sind. Aber es ist schön, wieder mit den so viel Jüngeren zusammenzukommen, sich vorzustellen, wie sie noch so vieles vor sich und zu entscheiden haben; frei sind und die Gelegenheiten, die sich bieten, problemlos ergreifen können. Auslandssemester, Jobangebote, neue Beziehungen, alles scheint noch offen zu sein. Aber eben auch erlebt werden zu müssen …

In Salzburg als junger Mensch zu studieren stelle ich mir schön vor, weil alles nahe beieinander liegt. Man braucht kein Auto, alles ist mit dem Fahrrad zu erreichen. Es muss sehr reizvoll sein, hier neu herzukommen und alles für sich zu entdecken. Ob und wie einfach oder schwer ein finanzierbares und hübsches Quartier für einen Studenten aufzutreiben ist, lässt sich für mich, die ich ja in dieser Stadt aufgewachsen und im Beruf zu leben gewohnt bin, nicht beurteilen. Inwieweit braucht und findet man einen Zusatzjob, um sein Studium zu finanzieren oder sich etwas mehr leisten zu können? Ich habe aber den Eindruck, dass zumindest meine Kommilitonen ganz gut zurechtkommen.

Es scheint sehr nette Kollegen zu geben, nicht in so überwiegender Zahl wie in großen Universitätsstädten mit allen nur erdenklichen Studienrichtungen, aber doch genügend. Die Lehrenden sind den Studenten sehr nahe und immer für ein Gespräch zu haben. Natürlich, mein Altersunterschied zu ihnen ist jetzt auch ein anderer. Ähnlich wie in meinem Studium in München bin ich von Deutschen umgeben – hier hat sich mit der EU wohl einiges verändert.

Ist die Stadt interessant und abwechslungsreich, wenn man jung ist und alles ausprobieren möchte? Oder viel zu eng, teuer und borniert? Die Sportler werden sich wohl fühlen, denn Berge, Seen und die Natur überhaupt sind nie weit weg. Kunst- und Kulturinteressierte werden auch auf ihre Rechnung kommen. Und die wirklichen Großstadtmenschen werden sich hoffentlich nie für eine kleine Stadt wie Salzburg entscheiden.

Christina Hofer-Dückelmann, Juni 2013