Studieren in Salzburg

Nach fünf Jahren in Salzburg mache ich mir Gedanken über mein Studium in Salzburg. Gedanken, die ich mir schon lange nicht mehr gemacht habe, da mir dieses Städtchen schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist und ich schon nach kürzester Zeit „Heimweh“ nach Salzburg empfand. Eigentlich nicht meine Heimat, denn die liegt ja sechs Stunden entfernt im Süden Deutschlands, aber dennoch ist Salzburg meine Wahl-Heimat. Mittlerweile sehe ich mein Studium als selbstverständlich an, aber war es das immer? Schade eigentlich, dass ich manchmal vergesse, was für ein Glück ich habe, das studieren zu können, wofür ich mich interessiere – die Psychologie. In Deutschland ist es nicht so leicht, das zu studieren was man möchte… das wusste ich natürlich, als ich das Gymnasium beendete und schließlich mit meinem Abitur von 2,4 dastand. Mein Verstand sagte mir: „Caroline, du bist nur Durchschnitt. Vergiss es! Das schaffst du nie!“. Natürlich habe ich es trotzdem versucht. Insgesamt habe ich 40 Bewerbungen an deutsche Unis abgeschickt – ein Trauerspiel, denn es kamen auch 40 Absagen zurück. Ich hätte wohl mit 1,4 eine kleine Chance gehabt. Das war aber vielen Unis nicht genug der Absage und schrieben noch dazu, dass sie mir (wie z.B. die Uni Konstanz) 16 Wartesemester anbieten können. Was? Das ist Wahnsinn… man kann doch keine 8 Jahre auf einen Studienplatz warten. Ich war sauer – „Ist da nicht ein Fehler im System? Das ist so ungerecht“ – wie könnte ich mich bloß beweisen? Alle Hoffnung war verloren. Ich werde vermutlich nie Psychologie studieren, dachte ich.

Da mein Wille aber meistens länger hält als meine Hoffnung in etwas, war ich davon überzeugt, dass ich es trotzdem schaffe. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es auch durch. Da der direkte Weg mir versperrt war, plante ich also erst einmal ein einjähriges Praktikum in einer Psychiatrie in Freiburg ein. Der harte Psychiatriealltag überforderte mich in den ersten Tagen immer wieder. Suizidale, Borderliner, Depressive und Psychotische… alle auf einem Haufen, auf einer Station… auf meiner Station! Wie soll ich so viel lernen in so kurzer Zeit? Was sind diese Krankheiten eigentlich ganz genau? Wie verhalte ich mich am besten zu wem? Eine Borderlinerin ist in meiner Dienstzeit abgehauen. Wer ist Schuld? Hätte ich etwas tun können? Ich hatte so gehofft, sie würde sich nichts antun. Zwei Tage später wurde sie von der Polizei im angrenzenden Wald aufgegriffen: Bewusstlos, schlimme Schnittverletzungen, die Arme und Beine mit ihrem Feuerzeug verbrannt. Wir versorgten sie notdürftig, allerdings wurde ich auch angewiesen ihr keine Extraaufmerksamkeit wegen ihrer Verletzung zu schenken. Damals verstand ich nicht warum, und eines war mir klar… ich musste mehr darüber erfahren. Ich darf nicht aufhören mir Fragen zu stellen. Nach einem langen Tag mit vielen Fragen, die irgendwann müde machen und mit vielen Gesprächen mit den Patienten, gehe ich endlich in mein Zimmer und es passiert das Unerwartete.

Ich las meine Emails und verstand aber erst einmal nicht, was ich da las. Ich kann mich noch ganz genau an den Moment erinnern, in dem ich begriff: Eine Mail der Uni Salzburg. Habe ich mich dort überhaupt beworben? Unfassbar, das muss ich nochmal lesen. Ich darf wirklich an dem Test teilnehmen? Das bedeutete für mich, dass wenn ich den Test bestehen will, dann tue ich das auch… das ist ein Traum! Studieren in Salzburg. Psychologie studieren. Was gibt es schöneres? Fragte ich mich an diesem Abend, als mir die Konsequenzen allmählich bewusst wurden und ich zum ersten Mal in den ersten Praktikumswochen den befremdlichen Klinikgeruch des Personalzimmers genießen konnte und das orangefarbene, warme Sonnenlicht durch die großen Fenster schien.

Bis heute konnte ich mir viele meiner Fragen von vor fünf Jahren beantworten. Ich, der NC-Flüchtling, wäre überall hingegangen und hätte alle Städte schön gefunden, und so bin ich in Salzburg gelandet und finde es bis heute wunderschön. Eigentlich ist die Stadt Salzburg an sich nicht so wichtig in meiner Geschichte vom „Studieren in Salzburg“, aber der Name „Salzburg“ hatte damals, ohne dass ich vorher von der Stadt Besonderes gewusst hätte, etwas Magisches und Abenteuerliches. Ein kleines Paradies am Rande der Alpen, das seinen Charme (trotz Schnürlregen und Touristen-Ameisenstraßen in der Altstadt) bis heute nicht eingebüßt hat.

Caroline Lenz

Ein Gedanke zu „Studieren in Salzburg

  1. Ich finde es klasse, dass du die Problematik bezüglich des Aufnahmeverfahrens an den deutschen Universitäten ansprichst. Das ist auch für mich ein Grund von vielen gewesen, für das Studium nach Salzburg zu ziehen.
    Ebenso kann man hierbei sehr stark nachvollziehen, was dich letztendlich bewegt hat, das Psychologie-Studium anzutreten. Aber es wäre noch schön zu wissen, warum jetzt Salzburg zu deiner neuen Wahl-Heimat geworden ist. Du hast das zwar schon angerissen, aber du hättest hierbei noch etwas mehr von der derzeitigen Studiensituation in Salzburg schreiben können.

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