Der Mensch und das Wasser

Eigentlich eine recht natürliche Kombination sollte man meinen. Der Mensch lebt mit dem Wasser im Gleichgewicht, welches in Sonderfällen kippt – wie bei einem Hochwasser – und erschreckende Konsequenzen mit sich zieht. Das Wasser sprudelt einem, im übertragenen Sinn, so heftig über den Kopf, dass man erst nach einer Weile durchatmen kann.

Das Hochwasser Anfang Juni ist so ein Beispiel, dessen Konsequenzen mich für eine kurze Weile weggespült hatten. Ich frage mich heute, in wie weit ich hilfsbereit sein sollte? Darf ich Hilfsbereitschaft bereuen? Und warum war ich überhaupt so hilfsbereit zu einem mir so fremden Menschen? Also eigentlich sollte dieser Essay besser heißen: „Dieser Mensch und dieses Wasser!“

Aber ich glaube, ich muss erst mal erzählen, wie es zu diesen Zweifeln überhaupt kam. An jenem Sonntagmorgen wachte ich von Straßenlärm au,f und weil es nach einer Stunde Weiterdösen nicht aufhören wollte, beschloss ich dann doch aufzustehen. Die Nachbarn und noch viele weitere Helfer füllten große Abfalleimer mit Wasser, das sie mit Eimern aus den Häusern trugen. Es lagen Feuerwehrschläuche auf der Straße, die mit Hochdruck Wasser von Kellern auf die Straße pumpten. Gerade hatte ich mich entschieden, mich anzuziehen und den Leuten im strömenden Regen zu helfen, da kam blitzartig die Angst in mir hoch, dass unser Keller im Haus auch betroffen sein könnte. Ich spurtete ins Treppenhaus und traute meinen Augen nicht. Wo ist unser Keller? Gestern Abend habe ich noch vorsorglich mein Fahrrad in den Keller geparkt, damit es nicht nass wird. Und heute versteckt sich der Keller ganz selbstverständlich im graubraunen Kanal-„Mischwasser“ als hätte es nie einen gegeben. Zweiter Schockmoment: Mir fällt auf, dass bei diesem hohen Wasserstand von über einem Meter doch eigentlich der Mieter der Kellerwohnung (ich hatte bislang nicht allzu viel mit ihm zu tun) sich schon längst hätte melden müssen. Zum Glück stellte sich später heraus, dass er über Nacht nicht zu Hause gewesen war. Das ganze Haus hat mit angepackt und Eimer getragen und die Nachbarn Schläuche und Pumpen verlegt. Erst zehn Stunden später war die Wohnung wieder begehbar… es bot sich uns ein katastrophaler Zustand. Daniel tat mir leid, es war alles wie erwartet kaputt, aufgeweicht oder verdreckt. Es roch stechend nach Kanalisation und feuchten Wänden. Alles Vertraute war plötzlich fremd, nichts wollte man mehr anfassen. Die Festplatte, alle Erinnerungen, Dokumente, Schuhe und Klamotten waren zerstört und wir halfen ihm es wegzuschmeißen.

So selbstverständlich, wie wir ihm halfen, war auch mein Angebot, er könne erstmal bei meinem Freund und mir übernachten und duschen – ich dachte da an ein oder zwei Nächte, wenn überhaupt. Plötzlich stand die Wohnung komplett voll mit seinem geretteten Hab und Gut. Das Wohnzimmer, ein Durchgangszimmer, war nun zu seinem geworden, mit Luftmatratze und PC-Ecke. Es ging drunter und drüber, aber noch machte es nichts aus, ihm zu helfen. Nach der fünften Waschmaschine Klamotten, die bei uns gewaschen hatte, war unser kleiner Lebensraum völlig unzugänglich. Nach kurzer Zeit stellte ich mit Erschrecken fest, wie wenig er seine Umwelt wahrnehmen kann, sehen kann, wie es uns dabei geht, so belagert zu werden. Zu echten Unterhaltungen kam es nicht, stattdessen hielt er nur endlos lange Monologe über seine eigene Herrlichkeit. Mich wundert es, wie ein Mensch so wenig Interesse am anderen zeigen und dabei so wenig Empathie aufbringen kann. Allmählich machte mich seine Anwesenheit immer wütender. Ich zweifelte an mir: Gibt es solche Menschen, die so wenig Feingefühl aufbringen, oder sind sie sich ihrer Bosheit vielleicht bewusst? Bin ich empfindlich? Nein, es kann nicht sein, dass jemand in meiner Wohnung bis drei Uhr morgens Computer spielt und sich dabei lautstark per Headset über künftige Spielzüge mit seinen Zocker-kollegen berät, ohne zu bemerken, dass mich das stören könnte. Ich stehe eigentlich schon für meine Bedürfnisse ein, doch in diesem Härtefall war ich sprachlos und fühlte mich wie gelähmt. Ich ging ihm großräumig aus dem Weg, mein Freund rettete so manche Situation. Nach über zwei Wochen zog Daniel endlich aus unserem Wohnzimmer aus, da die Gutachter seine eigene Wohnung wieder für beziehbar hielten. Ich hätte nie gedacht, dass er so lange da bleiben würde. Er hat ein ungutes Gefühl hinterlassen: Eine Unzufriedenheit mit seiner Person, mit seiner Invasion in unseren Lebensraum und eine Unzufriedenheit mit mir selbst, wie ich mit der Situation umgegangen bin. Es gibt nämlich auch ein zwischenmenschliches Gleichgewicht, eine Balance von Geben und Nehmen. Dabei hat mich seine erstaunliche Rücksichtslosigkeit tatsächlich aus der bahn werfen können.

Jetzt im Rückblick und mit dem nötigen Abstand frage ich mich, wie ich wieder mit einer solchen Situation umgehen würde. Heute kommt mir sogar lächerlich vor, in dieser misslichen Lage gewesen zu sein. Es ist verwunderlich, in welchen Situationen und Verstrickungen man sich plötzlich befinden kann. Mittlerweile kann ich sogar über die beiden Wochen im Juni und ihr Chaos lachen… und vor allem erst mal wieder durchatmen.

Eine Teilnehmerin

Print Friendly, PDF & Email