Salzburg – Sonne statt Schnürlregen

“Salzburg, na klar, kennt doch jeder – Festung, Fluss, Getreidegasse und natürlich der omnipräsente Mozart. Was – studieren kannst du da? Ach, dann ja bestimmt Musik, oder?“

So in etwa reagiert die Mehrheit der Menschen, mit denen ich über meine Wahlheimat Salzburg spreche. Sie haben die Stadt meist nur aus den Augen eines Touristen gesehen, eingereiht in eine nicht enden wollende multikulturelle, meist fernöstliche Menschenschlange, im Marsch durch die ewig gleichen Bahnen der Stadt; an den stets überfüllten Sehenswürdigkeiten vorbei, bei denen man sogar froh sein muss, wenn man deren wahre Schönheit überhaupt wahrnehmen kann – die heißeste Tipp hierfür: Sei ein durchschnittlich großgewachsener Europäer mit klarem Größenvorteil gegenüber den zahlenmäßig deutlich überlegenen Asiaten, ferner bedarf es dazu noch ein wenig Sonne statt Schnürlregen.

Aus der Sicht eines Vogels muss dieses Gewusel einer Ameisenstraße zum Verwechseln ähnlich sehen – lauter brave, sich vorarbeitende Arbeiter, die ihrer Königin hinterherlaufen – einer Königin, die sich in diesem besonderen Falle als ein musikalisches Wunderkind entpuppt. Dieser Superstar, diese unheimliche Berühmtheit hat der Stadt bereits vor langer Zeit zu einem Synonym verholfen – Salzburg als die weltberühmte Mozartstadt.

Diese Menschen, die leider nicht die Möglichkeit hatten, die vielgesichtige Stadt besser kennenzulernen, sind nicht selten erstaunt, wenn ich ihnen dann mein ganz persönliches Salzburger Leben schildere:

Vor mittlerweile fast fünf Jahre, war mein Motiv hierher zu kommen nicht Mozart, nicht Sound of Music oder irgendeine einzigartige Sehenswürdigkeit – nein, es war das studieren zu dürfen, was ich wollte – die Psychologie – und das in einer für mich nicht zu übertreffenden landschaftlichen Umgebung. Das Beste war für mich damals, dass ich dafür gerade mal zwei Zugstunden von Zuhause fahren musste!

Ich stehe frühmorgens auf, genieße ein hektisches Frühstück mit dem süchtig machenden Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen in meiner Nase. Schwinge mich auf mein Fortbewegungsmittel Nummer eins, auf mein Fahrrad, und rase auf den Salzach-Fahrrad-Highway Richtung Downtown, den ich mit unzähligen anderen Drahtesel-Begeisterten teile. Das sind Menschen, die verstanden haben, wie man sich in dieser Stadt am schnellsten fortbewegt – vorausgesetzt, ihnen bedeutet der Zeitfaktor etwas. Die vielen anderen Salzburger Bürger hingegen stürzen sich augenscheinlich lieber in die Blechlawine rechts neben mir, die mit einem rekordverdächtigen Schneckentempo immer nur in eine Richtung rollt und dabei maximal Fußgängergeschwindigkeit erreicht. Ich frage mich jeden Tag aufs Neue – wie mächtig ist die Macht der Bequemlichkeit?

Ich düse weiter flussaufwärts in Richtung naturwissenschaftliche Fakultät im Süden Salzburgs und genieße die Freiheit eines Fahrradfahrers – die kleinen Wettrennen mit den vielen anderen Zuspätkommenden, den frischen Duft eines warmen Sommerregens, das Spiel der Schatten in einer Allee, das herrliche, unverwechselbare Knistern beim Durchbrechen einer unberührten Schneedecke und ganz besonders die Sicht auf die vertraute Bergwelt. Das sind Gefühle, dich ich liebe.

Nach knapp vier Kilometern habe ich meine Fakultät erreicht, wunderschön gelegen mit einem 360-Grad-Blick auf alles, was Salzburg zu bieten hat. Jedes Mal fällt es mir schwer, dieses warme Bild zurückzulassen und mich in die kontrastreichen kalten Räume eines x-beliebigen Hörsaals zu begeben. Meine Stimmung verbessert sich jedoch schlagartig, sobald ich von einer neuen spannenden psychologischen Theorie höre, die mich sofort fesselt. Ich bin dankbar für diesen vielseitigen theoretischen Input und tausche mich anschließend mit Freunden und Bekannten darüber aus. Nach Stunden andauernder Theorie kommt aber dann schließlich der Punkt, an dem mein Kopf raucht und streikt und nichts mehr aufnehmen kann. Ich merke, wie ich diese Passivität nicht mehr aushalte und wie mein Körper Aktivität einfordert. Zappelig und ungeduldig kann ich nur noch an das Eine denken: an diese fantastische paradiesische Natur direkt vor der Haustür, die nach mir ruft. Wenn es mein Zeitplan zulässt, erklimme ich direkt nach der Uni einen der vielen Salzburger Hausberge – entweder zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Skiern, mal allein, mal zu zweit oder in einer Gruppe. Es ist ein unbeschreibliches, erhabenes und vor allem beglückendes Gefühl, auf einem Gipfel zu stehen nach vollbrachter Anstrengung. Ich kann den Raum in zwei Dimensionen wahrnehmen – vertikal sowie horizontal. Dort ganz oben und unter einem diese kleine weltbekannte Großstadt – jedes bekannte Fleckchen so scharf erkennbar, alle alltäglichen Orte und Wege so perfekt auf ein Blickfeld zusammengeschrumpft. Alles erscheint mir so nah und doch so fern. Durch diese körperliche Anstrengung in der Natur können mein Gehirn und ich perfekt abschalten, entspannen und neue Kräfte für den morgigen Tag sammeln. Ich bin mir sicher – ohne diese sportlichen Möglichkeiten, die mir die Salzburger Umgebung bietet, wäre ich ein nur halb so zufriedener Student.

Abends freue ich mich dann je nach Jahreszeit auf ein kühles Radler oder einen warmen Glühwein an einem vertrauten gemütlichen Ort in der Altstadt.

Seit fünf Jahren schaut so mein perfekter studentischer Alltag aus, und ich bin damit so zufrieden wie am ersten Tag. Ich bin glücklich hier studieren zu können – für mich ist Salzburg mehr Sonne als Schnürlregen!

Jan-Christof Bochnik

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