Wasser

Es ist Abend und das Wasser der Brunnen plätschert im Garten, während ich diese Zeilen schreibe. Wasser kann so erfrischend und kühlend sein, jetzt, wo der Sommer endlich gekommen ist. Die Goldfische drehen ihre Kreise und die Frösche schwimmen mit energischen Tempi durch das Wasser. Die ersten Badeausflüge und Ruderpartien liegen hinter uns mit dem beglückenden Gefühl, ganz und gar in ein anderes Element einzutauchen.

Am Wochenende war ich auf einer Hütte. Das wilde Rauschen des Wildbaches war die ganze Nacht zu hören. Herrlich, nach einer langen Wanderung  ein Bad im kalten Bach zu nehmen. Aber auch vorstellbar, wie der Bach zur Schneeschmelze wild und bedrohlich wird. Die Verwüstungsspuren der Muren aus vorangegangenen Jahren sind noch deutlich zu sehen.

Auch die Schäden der letzten Hochwasserkatastrophe werden noch lange nicht behoben sein. In der momentanen trockenen Sommerhitze scheint der nicht enden wollende schwere Regen jener ersten Junitage, der die Flüsse zum Überlaufen brachte und das Land in einen Ausnahmezustand versetzte, weit weg. Und doch: Weggespülte Dämme, nicht mehr vorhandene Gehwege, Gebäude, die sichtbar unter Wasser standen, bleiben als Zeugen der Unwetter zurück.

Zu Beginn war der Regen nur lästig. Ein geplanter Ausflug war nicht möglich, der Kongress bei Dauerregen nicht ganz so angenehm für die Besucher aus Nah und Fern. Dann spitzte sich die Lage zu, der Regen und das permanente Prasseln wollten nicht aufhören. Warnungen wurden ausgegeben, Vorsichtsmaßnahmen getroffen, Strategien für den Notfall überlegt. Das Wasser stieg immer mehr an, der Pegel der Gewässer wurde bedrohlich. Die Situation wurde stündlich dramatischer.

Am dritten Tag des großen Regens wollten wir eine Freundin von München abholen. Morgens wäre das noch problemlos möglich gewesen, allein sie versäumte den Flieger. So verbrachten wir das Wochenende damit zu warten und zuzuhören, wie die Lage immer prekärer wurde.

Am nächsten Tag zu Mittag hatte die Salzach den höchsten je gemessenen Pegelstand erreicht. Baumstämme tanzten wie Zahnstocher auf dem Fluss an den Augen des Betrachters vorbei, die Kaiwege waren von Strandgut übersät. Wenn die Stadt selbst auch vor größeren Katastrophen verschont blieb, so konnte man sich doch nur zu gut vorstellen, wie diese das Flussbett bis ganz oben hin ausfüllende und dahintobende Wassermenge in den umliegenden Gemeinden unglaublichen Schaden verursachen würde. Brücken wurden gesperrt, die Unterführungen abgeriegelt und vermeintlich selbstverständliche Verbindungen unterbrochen. Die Kanaldeckel verwandelten sich in Fontänen, die Straßen wurden zu Bächen, Keller und Tiefgaragen wurden überflutet.

Die auf 36 Stunden später vertagte Fahrt nach München war nicht mehr möglich. Mittlerweile war die Autobahn gesperrt und die Verkehrsstaus schier unendlich. Auf den gewohnten Wegen gab es kein Durchkommen mehr. Sinnlos, mitten in der Nacht jemanden abholen zu wollen, um gleich wieder die Rückreise durch das Chaos anzutreten. Also musste ein professioneller Transferservice gebucht werden, der über stete Funkverbindung die noch möglichen Schleichwege erfahren konnte. Was war das für ein Empfang am langen Ende der Reise! Ein durch Laternen beleuchteter Weg, da die Elektrizität durch das viele Wasser ausgefallen war.

Dabei war das alles eine recht harmlose Variante der großen Flut. Ein Bekannter berichtet aus Passau und Vilshofen. Die Städte waren nur mehr  Inseln in der Donau. Die Feuerwehr in Bayern hatte einen der größten Einsätze ihrer Geschichte. In 21 von 96 Landkreisen und Städten sei Katastrophenalarm ausgelöst worden. Die Feuerwehren seien mit 78 000 ehrenamtlichen Helfern über Tage, teils über Wochen an mehr als 25 000 Einsatzstellen im Einsatz gewesen und sicherten in mehr als 930 000 Einsatzstunden Dämme und retteten Menschen, füllten Hunderttausende von Sandsäcken und pumpten Tausende von Kellern und Tiefgaragen aus. In Salzburg forderte das Hochwasser drei Todesopfer, Muren rissen Menschen mit sich fort und richteten verheerende Verwüstungen an. Die Feuerwehr hatte 500 Einsätze in 14 Stunden zu bewältigen.

Ein anderer Freund wurde evakuiert. Von einem Moment auf den andren musste die Familie ihr Haus verlassen und sich bei Freunden einquartieren, da es zu riskant war, noch länger an der tosenden Saalach wohnen zu bleiben. Die Dämme hielten, und nach Tagen konnte man ins das Haus zurückkehren. Am Saalachspitz soll der Flusslauf jetzt verbreitert werden und der Saalach so im Falle eines Hochwassers Raum gegeben werden, um sich ausbreiten zu können.

Auch von unserem Ruderclub kamen erschreckende Bilder. Der Mondsee war völlig über die Ufer getreten. Der Mondseelauf wurde abgesagt, das Bootshaus in 50 m Entfernung vom Ufer stand unter Wasser. Die eleganten Boote mussten schnellstmöglich ins Trockene gebracht werden, wenn sie nicht in ihren Aufhängungen in Augenhöhe hingen. Die Veteranen des Clubs hatten niemals dergleichen erlebt. Keiner konnte sich erinnern, den Mondsee je so weit über die Ufer getreten gesehen zu haben. Das wöchentliche Training wurde abgesagt, See und Land waren ineinander übergegangen und keiner hätte gewusst, wo das Boot zu besteigen gewesen wäre.

„Panta rhei“ – „Alles fließt.“ Nichts bleibt gleich, alles verändert sich, das Gute wie das Schlechte. Die Situation hat sich beruhigt, das Ausmaß des Schadens ist für dieses Mal ermessbar. Die Hochwassermarkierungen sind gesetzt.

Aber wie wird es weitergehen? Wann kommt die nächste Katastrophe? Und wie soll man es durchsetzen, dass die Interessen der „Großen und Mächtigen“, wie des „Rhein-Main-Donaukanals“, der sich für eine noch weitergehende Begradigung der Flusssysteme einsetzt, nicht völlig mit den Bedürfnissen und dem Schutz des einzelnen Bürgers kollidiert, der sein Zuhause oder seine Lebensgrundlage durch solche Maßnahmen akut bedroht sieht? Wie viele werden die Mühsal des Wiederaufbaus auf sich nehmen, wie viele die Zelte abbrechen und in voraussichtlich sicherere Gefilde abziehen?

Denn letztendlich ist die Natur doch noch stärker als der Mensch.

Christina Hofer-Dückelmann, Juli 2013

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