Walk of Modern Art 2014

Anthony Cragg – „Caldera“

G.J.

Wir haben unseren Walk of Modern Art durch die Salzburger Innenstadt beim 7. Kunstwerk des Projektes der Salzburg Foundation begonnen. Die 5 Meter hohe Bronze-Skulptur „Caldera“ des englischen Bildhauers Anthony Cragg wurde 2008 inmitten des kleinen Parks auf dem Makartplatz aufgestellt. Das Werk ist von innen begehbar und stellt einerseits eine Landschaft mit Vor- und Rücksprüngen dar, die sich ineinander wie tektonische Platten verschieben. Andererseits sieht man menschliche Gesichtszüge und erkennt mehrere Profile. Je nach Standort und Blickrichtung bietet sich dem Betrachter ein anderes Bild, man muss nur ein paar Meter zu Seite wechseln und schon hat man eine völlig andere Dimension vor sich. Genau diese zweiteilige Interpretationsmöglichkeit fasziniert mich.

„Caldera“ ist ein Begriff, der ursprünglich aus der Geologie stammt und einen kesselförmigen Vulkankrater bezeichnet. Der Künstler will damit auf die Kessellage von Salzburg hinweisen. Die Stadt ist eingebettet in eine Vielzahl von Bergen und wird durch die Salzach getrennt. Auf dem Makartplatz findet sich dieses Bild ebenso: Der flache kleine Park ist umgeben von einer hohen Kirche und einer hohen Häuserzeile links und rechts. Inmitten des Parks geht ein Fußgängerweg durch, der den Park wie einen Fluss teilt. Durch das Grün im Park, wirkt die bronzene Skulptur umso mehr, da sie farblich heraussticht. Außerdem liegt sie in einer kleinen Oase der Ruhe und man kann sie von einer der vielen Sitzbänke genau betrachten. Trotz des hohen Verkehrsaufkommens rundherum fühlt man sich im Park geschützt und hört den Trubel nicht sehr laut. Andere Kunstwerke, die ebenfalls sehr zentral inmitten der Innenstadt aufgebaut sind, bieten diese Möglichkeit einer ruhigen, zeitintensiven Begutachtung leider nicht (vgl. Nr. 12 „Beyond Recall“).

Als erstes habe ich bei der „Caldera“ allerdings nur menschliche Gesichter erkannt. Von einer bestimmten Seite sieht es so aus, als ob 2 Köpfe ineinander verschmelzen oder sich küssen. Auch wenn man in das kreisrunde Kunstwerk hineingeht und praktisch mitten in den Köpfen steht, bietet sich dieser Anblick. Anthony Cragg will damit eine „mentale Landschaft“ darstellen. Nicht nur eine vulkanähnliche wie bei der ersten Interpretation, sondern eine Landschaft, die von innen erlebbar und begehbar ist. Und diese Idee wurde perfekt umgesetzt. Wenn man in der Skulptur steht, hört man den Verkehr nicht, sieht keine anderen Gebäude und man kann sich nur auf das Werk an sich konzentrieren.

Der Text, der auf der roten Tafel neben der „Caldera“ angebracht ist, hilft sehr bei der Betrachtung. Es wird auf die kesselartige Lage von Salzburg hingewiesen, was einem vielleicht gar nicht so bewusst ist. Dadurch gewinnt man einen zweiten Einblick, da mir persönlich anfangs nur menschliche Formen aufgefallen sind. Die vulkanähnliche Landschaft ist mir erst durch das Lesen des Zusatztextes bewusst geworden. Genau das finde ich so interessant, dass die „Caldera“ zwei so unterschiedliche Interpretationen vereint und sich noch dazu geschmackvoll in die Salzburger Umgebung integriert.

Bei meinen vorherigen Spaziergängen durch die Salzburger Altstadt, ist mir die „Caldera“ immer wieder positiv aufgefallen, weshalb ich bewusst dieses Kunstwerk für meine Vorstellung im Rahmen unseres Walk of Modern Art ausgewählt habe. Ich habe mich immer gefragt, was es wohl zu bedeuten hat, aber hatte nie den Mut genauer hinzusehen. Nun hatte ich einen Grund, mich dem Werk zu nähern, hineinzugehen, es von unten und innen zu betrachten, mir den Beitext durchzulesen und eine Zeit dort zu verweilen, um es komplett auf mich wirken zu lassen. Als Tourist hat man eher die Ambitionen ein solches Werk genau zu betrachten. Einheimische schlendern oft daran vorbei, ohne wirklich hinzusehen.
Genau das habe ich auch bei den Menschen in meinem Umfeld erlebt. Einige Touristen sind nahe an die Skulptur herangekommen, haben sie berührt und Fotos gemacht. Die Einheimischen jedoch haben nur im Vorbeigehen einen kurzen Blick riskiert, auch wenn sie die Fotografen neugierig angeschaut und sich insgeheim wohl gedacht haben, dass sie das Werk auch gerne begehen würden.
Ich bin wirklich dankbar, dass ich die Chance hatte die „Caldera“ intensiv kennenlernen und verstehen zu dürfen. Wir haben bei unserem Rundgang noch einige weitere interessante Kunstwerke zu Gesicht bekommen, aber keines hat mich so beeindruckt wie das von Anthony Cragg. Die perfekte Lage der Skulptur (schöner kleiner Stadtpark), die doppelte Bedeutung (begehbare Vulkanlandschaft und menschliche Profile) und wie gut die Lage zu ihrer Bedeutung passt (kesselartige Form von Salzburg), haben mich überzeugt. Für mich funktioniert das Konzept des Künstlers vollkommen. Ich habe die Idee verstanden.B2_Cragg_2

Marina Abramovic – „Spirit of Mozart“

Susanne Bieregger

„Das ist er also? Der Geist von Mozart?“, frage ich mich als ich vor dem Werk von Marina Abramović ankomme. Schon von weitem ist mir ein sehr hoher Stuhl aus Edelstahl ins Auge gesprungen, nun sehe ich, dass er von acht weiteren ‚normalen‘ Stühlen umgeben ist. Diese befinden sich auf einem Beet aus Kieselsteinen am rechten Ufer der Salzach bei der Staatsbrücke, am Beginn der Schwarzstraße. Während ich die Stuhlgruppe umschreite, höre ich – neben dem Wegflattern der vielen Tauben, die hier scheinbar gefüttert werden und sich demnach heimisch fühlen – vor allem den Verkehrslärm der dreispurigen Straße, die sich in direkter Nähe befindet.

„Nun gut“, denke ich mir, „was fällt mir zu Sesseln ein?“
„XXXLutz – Der mit dem roten Stuhl“ …
„Sessel … sind Sitzmöbel und somit – neben Behältnismöbeln und Tischen – eine der Grundformen der menschlichen Einrichtung“ …
„Auf diesen kann man Sitzen, was eine der Grundhaltungen des Menschen ist“ …
„Stühle können ein Herrschaftssymbol sein, wie der Sitz, der Thron eines Herrschers oder Richters.“
Einen Stuhl kann man demnach als etwas sehr altes, ursprüngliches, fast schon Archaisches betrachten, aber so richtig schlau werde ich nicht aus meinen Überlegungen. Ich beschließe mir das erklärende Schild des Kunstwerks zu Gemüte zu führen, welches sich einige Schritte hinter dem großen Stuhl befindet.
Die Erklärung der Künstlerin, welche 2004 dieses Kunstwerk entworfen hat, lautet wie folgt:
„Mitten im Herzen von Salzburg, wo Verkehr und hektisches Stadtleben pulsieren, wollte ich einen Ort der Besinnung schaffen und ihn dem Geiste Mozarts widmen.
Mozart und Salzburg verband eine spannungsreiche Beziehung. Von Salzburg aus unternahm er in seiner Jugend zahlreiche ausgedehnte Reisen nach Frankreich, England und Italien, aber gerade in seiner Heimatstadt komponierte er viele bedeutende Werke. Sein Geist ist in Salzburg geblieben, wo seine Musik immer lebendig war.
Die Arbeit Spirit of Mozart ist für mich eine Geste einer neuen und anderen Verständigung, auch eine Geste der Versöhnung.
Anweisungen für den Betrachter: Setze Dich auf den Stuhl, Schließe deine Augen, Kehre in dich, Verliere die Zeit.“

Der Edelstahl der Stühle, ein eher kühl wirkendes Material, glänzt im Sonnenlicht dieses angenehm sonnigen Tages. An sich ist das Kunstwerk sehr schlicht gehalten und es fügt sich in seiner Einfachheit optisch hervorragend in die Stadt ein.

Ich trete näher an das Kunstwerk, stelle mich neben den monumentalen Stuhl und sehe nun, dass dieser gar keine Sitzfläche aufweist, sondern nur die äußeren Formen eines Stuhles hat. Durch das Objekt hindurch sieht man die Stadt bzw. wenn man nach oben blickt, den Himmel. „Was will die Künstlerin mit diesem Stuhl ohne Sitzfläche, der nur ein Konstrukt – nur die Idee eines Stuhls – ist, aussagen oder erreichen?“
Obwohl mir bei dem Gedanken, mich auf ein Kunstwerk zu setzen, etwas unwohl ist, folge ich den Anweisungen der Künstlerin und nehme Platz auf ihrer interaktiven Skulptur. Mit geschlossenen Augen lausche ich der Umgebung. Ich höre … Autos, Autos, Menschen die an mir vorübergehen und sich unterhalten, und noch mehr Autos.
„Kunstwerke mitten in der Stadt, schön und gut – aber muss man diese direkt neben einer stark befahrenen Straße platzieren?“ Marina Abramović zufolge sei dies der geeignete Platz, um sich zu setzen, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken – über Mozart oder auch sein eigenes Leben. Es fällt mir schwer meine Gedanken auf etwas anderes zu fokussieren als die Geräuschkulisse und die vorbei eilenden Menschenmassen. Vielleicht gehört es ja zum Konzept, dass es eine Herausforderung an sich selbst sein soll und dass eine Person mit gutem Beispiel vorangehen müsse. Indem sie sich im öffentlichen Raum aus dem Stress und der Hektik herausnimmt, auf einem dieser Stühle Platz nimmt,ein paar Minuten abschaltet, nichts tut, nicht das Smartphone checkt. Vielleicht könnte diese Person auch die Mitmenschen dazu animieren, es ihm oder ihr gleich zu tun. Das heißt, eine private Entscheidung könnte auch das öffentliche Verhalten verändern. Der Zeit- und Besinnungsaspekt spielt sicherlich eine bedeutende Rolle. Ihn trifft man auch bei Mario Merz‘ „Ziffern im Wald“ und Christian Boltanskis „Vanitas“. Doch während bei „Vanitas“ die Zeit verrinnt, soll man bei „Spirit of Mozart“ Zeit für Mediation, für sich selbst bekommen.

Das Kunstwerk als Appell gegen die Beschleunigung unserer Zeit, gegen die Hektik des Alltags, gegen die Schnelllebigkeit – das ist einleuchtend, aber was hat es mit Mozart auf sich? Mozart trifft man in Salzburg an jeder Ecke, seien es das Mozart Wohn- bzw. Geburtshaus, die Souvenirstände, die Mozartkugeln, sogar diverse andere Mozartdenkmäler (am Mozartplatz, bzw. von Markus Lüpertz vor der Ursulinenkirche). „Mozart und Salzburg verband eine spannungsreiche Beziehung“, erklärte das Schild der Salzburg Foundation, und obwohl er viele Reisen unternahm, habe er in Salzburg bedeutende Werke komponiert und sein Geist sei in Salzburg geblieben. „Stehen sich der große und die kleinen Stühle aus diesem Grund ‚gegenüber‘? Um dieses Spannungsmoment zu verdeutlichen?“, frage ich mich selbst und widme mich wieder Abramovićs Erklärung. Ihr zufolge sei „der Geist“ etwas Unsichtbares, jedoch würde dieses Unsichtbare sichtbar, wenn man ihm einen Sitz errichtet und jeder der nur lange genug sitzt und nachdenkt, könnte eine Verbindung mit unsichtbaren Kräften eingehen. Da haben wir ihn wieder den Gedanken des Sitzens, des Nachdenkens, des zur Ruhe Kommens.
So langsam erkenne ich die Vieldeutigkeit dieses Kunstwerks. Es ist nicht zweckfrei, denn die Künstlerin will, dass es verwendet wird. Es fügt sich harmonisch in die Landschaft ein, ist aber andererseits aufgrund der Monumentalität beeindruckend. Es ist kein Denkmal für Mozart im ‚herkömmlichen Sinn‘, sondern sein zugrundeliegender Gedanke hebt es auf eine höhere Ebene. Abramovićs Arbeiten möchten oft Wirklichkeit, Konfrontation, Entzauberung und Präsenz bringen. Schafft sie das auch hier? „The Spirit of Mozart“ möchte dazu anregen über das eigene Leben zu reflektieren, die Schnelligkeit unserer heutigen Zeit zu erkennen und zu deren Entschleunigung beitragen. Wenn man sich darauf einlässt, schafft es das vielleicht.
Mit dieser Einsicht beende ich meine Meditation, erhebe mich, betrachte nochmals den überdimensional großen Stuhl und gehe meiner Wege in der Mozartstadt.

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Brigitte Kowanz – „Beyond Recall“

Miriam Molter & G. J.

Gleichgültig mit welchem Verkehrsmittel man in der Salzburger Innenstadt unterwegs ist – mit dem Auto, dem Fahrrad, dem Fiaker oder zu Fuß – die Staatsbrücke ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt und bildet eine Schnittstelle zwischen Alt- und Neustadt. Genau auf diesem Platz und mitten in unserem alltäglichen Blickfeld steht das außergewöhnliche Kunstobjekt „Beyond Recall“. Es wurde 2011 von Brigitte Kowanz entworfen, einer Professorin für angewandte Kunst in Wien, die bekannt ist für ihre Lichtinstallationen, auf der auch hier das Augenmerk liegt.
Über den Sockeln der vier Brückenköpfe der Staatsbrücke wurden passgenau semitransparente Spiegelkuben installiert. Über dem massiven, grauen Fels sind die modernen, sterilen Kuben aus zerbrechlichem Glas angebracht. Gerade diese Kombination aus altem und neuem Material finden wir sehr interessant. Drei Kuben davon sind gläsern und in ihnen leuchten Schriftzüge aus weißen Neonröhren.
Die vierte Kube auf Seiten der Neustadt (nahe dem Spirit of Mozart) ist vollkommen verspiegelt und besitzt keine leuchtenden Schriftzüge, dafür dieselbe Aufschrift wie auf der Gedenktafel auf dem Sockel unter ihr. Sie gilt den Hunderten von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern des zweiten Weltkriegs, welche die Brücke errichten mussten. Wenn man vor dieser besonderen Spiegelkube steht und sowohl das Spiegelbild der Neustadt hinter sich, als auch sein Selbstbild erkennt, welches nun im gleichen Rahmen wie der Gedenkspruch zu sehen ist, so wird die Absicht der Künstlerin unmittelbar deutlich: Sie lässt die Erinnerung an die damaligen Zwangsarbeiter in unserem Alltag der Gegenwart präsent werden und diese an der heutigen Gesellschaft teilhaben, anstatt die Entstehung der Brücke zu leugnen oder zu vergessen. Der „Schwellenraum Staatsbrücke“ wird nicht nur durch den Bau an sich zu einer örtlichen Verbindung zwischen Altstadt und Neustadt, sondern stellt durch die Kunstinstallation und die herbeigeführte Erinnerung auch eine zeitliche Verbindung dar. Durch die Salzach, welche unter der Staatsbrücke fließt, wird die Bedeutung der Schnittstelle und der Überquerung in räumlicher wie zeitlicher Dimension zusätzlich sehr deutlich untermalt. Eine sehr gelungene Interpretation, unserer Meinung nach.
In den drei weiteren Glaskuben sind Schriftzüge zu erkennen, welche nachts weiß oder rosa leuchten. Sie reflektieren das Neonlicht sowohl im Inneren als auch den äußeren Lichteinfall. Das Licht scheint die Schriftzüge unendlich fortzusetzen, wodurch die Neonröhren als raumbildendes Element fungieren und selbst die Informationsträger darstellen. Der Raum, der entsteht, kennt keine Grenzen, sondern auch hier wirkt eine dynamische Bewegung zwischen der Bildoberfläche und der

scheinbaren Tiefe. Die beiden Räume, die erzeugt werden, sind in diesem Augenblick auch sinnlich erlebbar. Einer auf Seiten der Altstadt trägt den Namen des Kunstwerkes: „Beyond Recall“. Aufgrund anfänglicher Übersetzungsschwierigkeiten schlugen wir die Bedeutung nach: unwiderruflich, unwiederbringlich, außer Rufweite. Unserer Ansicht nach ein inhaltlich äußerst geglückter Titel für das Gedenken der Entstehung der Brücke, weil es unwiederbringlich ist, was den Arbeitern genommen wurde. Mittlerweile sind sie wohl alle außer Ruf- und Reichweite, weil sie entweder bereits als Opfer der Torturen oder aus Altersgründen verstorben sind. Und trotzdem lässt dieses Kunstwerk Vergessen nicht zu.
Ein weiterer Schriftzug im Kubus, der auf der Straßenseite gegenüber der Gedenktafel liegt, lautet „Envision“, was soviel bedeutet wie „sich ausmalen, vorstellen/sehen als…“. Leider konnten wir dieses Wort kaum selbst entziffern, weil die Schrift so verschnörkelt und schlecht lesbar ist. Die Buchstaben entlarvt, waren wir uns nicht sicher, ob es englisch oder vielleicht französisch sei, dann hätte es auch mit „in Sicht“ übersetzt werden können.
Der Schriftzug in der dritten Glaskube auf Seite der Altstadt-Seite ist ebenfalls schwer erkennbar und lautet „Dedicated Secret“, was „geweihtes/gewidmetes Geheimnis“ bedeutet.
Alles in allem ist es bedauerlich, wenn ein Kunstwerk mitten in der Stadt, nicht nur für Touristen, sondern vielmehr für die Salzburger selbst, nicht in eben der Sprache gestaltet ist, die auch den Salzburgern zugänglich ist. Unserer Meinung nach ist die Sprache in diesem Kunstwerk sehr relevant, weshalb wir vorschlagen, dieses kreative Kunstwerk mit deutscher Sprache anstatt auf englisch oder französisch zu untermauern und es so den Einheimischen näher zu bringen.
Als wir uns im Zuge des Seminars näher mit dem Kunstwerk befassten, ist uns aufgefallen, wie wenig die Lage des Kunstwerks zum Verweilen einlädt. Neben dem Verkehrslärm der Autos rund um die Brücke klingeln ständig Radfahrer und Touristen drängeln. Man kann die Kuben nicht in Ruhe betrachten, da man genau auf dem Fahrradweg steht und sonst den Verkehr blockiert. Schade, dass auf einem so hoch frequentierten Platz keiner Kenntnis von der Installation nehmen kann. Vielleicht tut aber auch die Komplexität des Werks sein Übriges: Gäbe es nicht das Zusatzschild in rot, das neben einem der Kuben angebracht ist und Hintergrundinformationen liefert, was in der Neonschrift geschrieben steht und was die Absicht der Künstlerin ist, würde man „Beyond Recall“ überhaupt nicht verstehen. Das Werk erklärt sich leider nicht von selbst, es scheitert schon am unzugänglichen Titel. Eine an sich sehr interessante Idee mit viel Potential (die verspiegelte Gedenktafel, die erinnern soll und die 4-teilige Positionierung an den Brückenköpfen) ist leider nicht alltagstauglich umgesetzt worden, wie wir finden.

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Manfred Wakolbinger – “Connection”

Nadja Stimac

11 Meter Edelstahl… 1 Trichter… 1 Rechteck…

Anmutig steht die wellenförmige Skulptur des Künstlers Manfred Wakolbinger vor den alten Stadtmauern der Stadt Salzburg. In ihrer Parallelität zur Salzach erstreckt sie sich entlang des Rudolfskai. Ihr Erscheinungsbild ist zwiegespalten. Einerseits verschwindet sie in der hektischen Umgebung, andererseits stellt sie einen Kontrastpunkt aufgrund ihres schlichtgehaltenen modernen Materials in dieser sehr altertümlichen Umgebung dar. Das Kunstwerk hat daher auf den ersten Blick keine direkte Verbindungen mit der unmittelbaren Umgebung, eins ist aber jedoch sicher: Wer hierher kommt, hat bereits einen ersten Schritt gewagt, sich auf das neuartige Kunstwerk einzulassen. Erst der Betrachter selbst gibt dem Gebilde seine Sinnhaftigkeit.

Das Kunstwerk sticht durch seine für den Menschen überdimensionalen verspiegelten Öffnungen hervor. Die eine der beiden Öffnungen ist trichterförmig, die andere ist rechteckig. Beide sind innerhalb des Kunstwerkes nicht miteinander verbunden, somit ist jede Öffnung eine Attrappe, was aber ohne genaueres Betrachten nicht sofort ersichtlich ist. Was sich nun in dem wellenförmigen Stahlabschnitt befindet, bleibt unbekannt.

Das Spiel zwischen Drinnen und Draußen

Das Kunstwerk wirkt nicht als ein Teil der Stadt: Ein hochmodernes Gebilde, welches sich nicht dem alten Kern der Stadt fügt. Vielleicht soll keine Modernität innerhalb der Stadtmauern kommen, da die Symbiose aus der Stadt selbst und dem Stil des Künstlers nicht miteinander harmoniert. Der lärmende Verkehr neben dem Kunstwerk lädt ebenfalls nicht zu einem Ort des Verweilens ein, sondern zeigt eher sehr kritisch das neuzeitliche Verhalten des Menschen: Hast, Unruhe und Schnelligkeit. Vielleicht ist das Kunstwerk so platziert, dass es in der Schnelllebigkeit untergeht. Das Neue kann die Stadtmauern nicht durchdringen, die Frage bleibt hierbei, ob es denn überhaupt so angedacht ist: Ist die Stadt denn nicht ein Kunstwerk der Vergangenheit schlechthin, welches nicht durch Neuartiges zerstört werden soll?
Das Kunstwerk muss daher in sich wirken. Die Öffnung erfolgt allein durch den Menschen selbst: es drängt sich nicht direkt auf, da es sich auch außerhalb der Stadtmauern befindet, sondern es muss aufgefunden werden. Die Connection kann auch als eine Verbindung des einzelnen Menschen zur Kunst beziehungsweise zum Kunstwerk gesehen werden. Den tieferen Sinn, also das Zwischenstück, welches nicht durchschaubar ist, ist die eigene Interpretation des Kunstwerkes. Das Kunstwerk öffnet sich dem Betrachter folglich nur zum Teil wie es auch meist der moderne Mensch gegenüber der Kunst macht. Etwas schnell konsumieren ohne es im Detail zu genießen. Man kann das Kunstwerk nur für sich persönlich verstehen lernen, wenn man es genauer betrachtet, dort verweilt und die Atmosphäre wirken lässt.
Daher ist ebenfalls die Beschreibung über die Connection irreführend, da es die eigenen Gedanken zum Kunstwerk hemmt und somit nur „eine richtige“ Entschlüsselung bietet.
Das Spiel zwischen Drinnen und Draußen bietet aber weitaus mehr Möglichkeiten der Annäherung. Die Verbindung dazu passiert nämlich durch jeden Einzelnen auf ganz individuelle Weise.

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Christian Boltanski – „Vanitas”

Miriam Molter

Das achte Kunstprojekt in der Reihe des zwölfteiligen Kunstparcours stammt von Christian Boltanski aus dem Jahr 2009. Es handelt sich um die Vanitas. „Was heißt das denn, Vanitas?“ Es bedeutet Vergänglichkeit und auch Schein. Meiner Meinung nach ein äußerst treffender Name für dieses besondere, in der Chorkrypta des Doms platzierte Kunstwerk. Was dargestellt wird, ist ein moderner Totentanz, welcher unter dem Altar stattfindet. Nicht nur die Dreiteiligkeit dieses Totentanzes, die verschiedene Sinne wie den visuellen aber auch akustischen anspricht, erinnert an ein Triptychon, das im Christentum weit verbreitet ist. Auf diese Weise schafft der Künstler eine Verbindung zwischen Religion und moderner Kunst.
Ein visueller Teil ist das erste, was einem ins Auge fällt, betritt man diesen ehemaligen Kirchenraum. Seine Form ist außergewöhnlich und erfordert ein genaueres Hinsehen: Man kommt durch einen schmalen Gang, der es dem Raum erst spät erlaubt, sich wirklich zu öffnen. In Verlängerung des Ganges wurde eine weiße Gipswand aufgestellt entlang derer in regelmäßigen Abständen zwölf skizzenhafte, feingliedrige Figuren aus Metallblech den Blick auf sich ziehen. Befestigt sind diese mit ebenfalls metallenen Winkeleisen, an deren vorderen Ende ein kleines Teelicht steht, das dafür sorgt, dass diese zarten Figuren große Schatten an die weiße Wand werfen. Diese Schatten erscheinen furchteinflößend, ein Grauen welches mitten in einer tobenden Bewegung festgehalten wird. Mancher mag bei diesen sogar an eine Geisterbahn erinnert sein: Gesichter von Geistern, Skizzen mit Sensen Dreizack. Und zugleich wirkt die Zahl der Figuren als Zahl der Vollkommenheit, durch welche eine weitere Verbindung zur Religion geschaffen wird, denke man nur an die zwölf Apostel.
Der zweite visuelle Teil findet sich ganz am Ende des Raumes in einer Art Höhle, welche noch düsterer, dunkler und niedriger ist als der Rest dieser Gruft. Mit einem Beamer wird ein starrer Schatten an die halbrunde Wand geworfen und das Bild wird langsam gedreht, sodass dort schließlich ein Totenengel seine Kreise zieht.
Der dritte und dem Künstler wohl wichtigsten Teil, ist ein akustischer. Alle paar Sekunden ertönt aus einem kleinen versteckten Lautsprecher eine Frauenstimme, die ansagt, dass in zwei Sekunden der nächste Ton ertönen wird. Und dann erklingt ein Pieps. Elektronisch. Fremd. Hoch. Die Wirkung dieser Ansage ist enorm: man fühlt sich zeitlich völlig unter Druck, wird nervös und ist neugierig, was das bedeutet und wofür es ist; man kann diesen Raum ohne Nachdenken gar nicht sofort wieder verlassen, bekommt jedoch zugleich den Eindruck, seine Zeit dort zu verschwenden und nicht genug zu nutzen.
Wie ich im Nachhinein las, war eben dieser Moment des Nachdenkens über die Zeit das Ziel des Künstlers. Er macht uns darauf aufmerksam, dass wir keinerlei Macht haben über die Entwicklung der Zeit und wie sie uns davon zu rinnen scheint manchmal. Auch hier wird eine weitere Verbindung zur Religion geschaffen: Gott ist der Herr der Zeit und wir Menschen können nichts dagegen tun, wir haben keinen Einfluss.
Als unwissender Betrachter geht zunächst davon aus, dass wie üblich die visuellen Teile das Hauptaugenmerk des Kunstwerkes darstellen, doch genau das Gegenteil ist der Fall: sie dienen ausschließlich der Untermauerung des akustischen Teiles. Sie tragen bei zu einem gewissen Unbehagen, zu einem Gefühl der Angst und Unsicherheit. Auch ist die Ansage so monoton, dass man erst gar nicht hinhört oder vielleicht sogar denkt, es seine eine Durchsage im Dom, die aus organisatorischen Gründen stattfindet.
Mich hat Christian Boltanski mit Vanitas mitten ins Herz getroffen, seine persuasive Absicht ist geglückt und beschäftigte mich so sehr, dass ich auch nach drei Monaten des ersten Besuches gerne davon erzähle und Mitmenschen von der unglaublichen direkten Wirkung eines Kunstwerkes vorschwärme, die genau so beabsichtigt war. Ich konnte mir zuvor gar nicht vorstellen, dass mich ein einziges Kunstwerk so lange beschäftigen würde.
Ich bin beeindruckt, wie der Künstler darauf abzielt, die Zeit hören und spüren zu können. Auch fasziniert es mich, wie Boltanski es schafft, diesen kalten, düsteren Raum mit dem großen Felsbrocken in der Apsis und Säulen, die einem keineswegs das Gefühl des Überblicks erlauben, mit warmem Kerzenlicht zu füllen und damit eine innere Bedrängnis zu bewirken, die einen nachdenklich stimmt. Mancher mag anfangen darüber nachzudenken, wie auch seine Zeit verrinnt und was er dagegen machen kann. Nichts. Wie nutzt er sie? Und dann werden Pläne geschmiedet und man bekommt einen unerwarteten, grandiosen Impuls, wieder mehr im Jetzt zu leben und nicht nur an Zukunft oder Vergangenheit zu denken. Keine andere Station des Walk of Modern Art hat es geschafft, mich so mitzureißen wie die Vanitas.

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Stephan Balkenhol – „Sphaera“

Sarah Grabler

Die Sphaera stellt im eigentlichen Sinne nur ein halbes Kunstwerk dar. Ursprünglich wäre gedacht gewesen ihr gegenüber die „Frau im Fels“ zu platzieren, die aus Platzmangel andern Orts aufgestellt wurde. So besahen wir auf unserem „Walk of modern Art“ nur die Skulptur „Sphaera“ und konnten ihr Zusammenspiel mit der „Frau im Fels“ nicht beobachten.

Das Kunstwerk hat in etwa eine Gesamthöhe von neun Metern. Sie besteht aus einer großen, vergoldeten Kugel, die von einem schwarzen, dreibeinigen Gestell gehalten wird. Auf der Kugel steht ein Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd. Die Haare sind schwarz. Er lässt die Arme hängen und blickt auf den Kapitelplatz hinaus. Seine Mimik ist emotionslos.
Die mit Gold beschichtete Kugel leuchtet, nein strahlt, im Sonnenlicht. Wird sie im richtigen Blickwinkel betrachtet, so ist hinter ihr der tiefblaue Himmel zu sehen (so wie am jenem Tag, an dem wir den Walk of Art durchführten). Dieser goldgelbe Glanz hebt sich wunderbar von dem tiefen Blau ab und ergibt nicht zuletzt deswegen, weil es sich bei der Kombination gelb-blau um sich komplimentierende Farben handelt, ein herrlich schönes und glamouröses Bild ab.
Die Skulptur wurde auf dem Kapitelplatz installiert und steht in einem Eck des weiten Platzes. Sie ist dicht gedrängt an ein, am Asphalt aufgemaltes, Schachspiel und Sitzbänke. Dahinter sind Marktstände aufgebaut und zumeist tragen MusikerInnen ihre Stücke in diesem Eck, unter einem Bogen vor. Das alles liegt hinter dem Mann. Vor ihm erstreckt sich die Weite des Platzes. In diese Richtung blickt er auch.
Doch stellt sich die Frage: Gelingt Stephan Balkenhol die Persuasion? Die Persuasion von was eigentlich? Er selbst lässt ja die Frage, was genau mit dem Kunstwerk gemeint ist, im Informationstext zum Kunstwerk, offen. Fest steht allerdings, dass es etwas mit Nähe und Distanz, Fremde und doch Bekanntem, zu tun hat. Es spiegelt ein Spannungsverhältnis wider. Ich persönlich vermisse etwas die Frau im Fels, vor allem, um den Begriff des „Spannungsverhältnisses“ in dem Kunstwerk wiederzufinden. Ein übergroßer Mann (9 m mit samt der Kugel und dem Gestell) und eine 1,40m große Frau, hätten zu vielen Gedanken und Mutmaßungen zum Gender-Thema veranlasst. Doch genau diese Frau fehlt nun.
Die männliche Figur von Balkenhol auf der Kugel wirkt für mich bei der ersten Betrachtung, nicht zuletzt aufgrund des Goldes, sehr ästhetisch. Balkenhols Intension ist, den Betrach-ter/die Betrachterin mit seinem offen lassen der Bedeutung seines Kunstwerks, auf sich selbst zurückzuwerfen. Doch als ich in mich hineinhorchte und hineinhorchte und hineinhorchte, sagte mir die Figur nichts. Ich konnte mit dem Kunstwerk, ihrem Nähe- und Distanzthema, nicht bei mir selbst anschließen. Dieser Mann, der mir doch fremd und trotzdem irgendwie bekannt sein soll, regte mich nicht zum Denken an. Ich versuchte Gedanken zu finden und es kamen keine, außer: „Was will er nur damit sagen?“ Für mich ist die Persuasion an dieser Stelle nicht geglückt.

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Jaume Plensa – „Awilda“

Gerald Trapp

In der Ditrichsruh ragt ein Frauenkopf aus weißem Marmor aus dem Boden. Fünf Meter ist er hoch dieser anmutige, imposante Kopf samt Hals. Die Skulptur besteht aus 20 übereinander liegenden Marmorscheiben mit zahlreichen blaugraulichen Adern, die mehr oder weniger parallel zu den Scheiben verlaufen. Jede dieser Scheiben scheint gleich hoch zu sein.
Bei näherer Betrachtung scheint es sich, um eine junge Frau zu handeln. Ihre Augen sind geschlossen. Sie ruht wohl in der Ditrichstruh. Wenn man um den Kopf herum geht, erkennt man auf der Rückseite langes zusammen geflochtenes Haar. Die in den Marmor gearbeiteten Konturen sind sehr klar. Die Steine wurden auch feinsäuberlich geschliffen und bilden somit eine reine und glatte Oberfläche.
Das anziehende, faszinierende an dieser Skulptur ist ihre Anmut. In dem erhabenen Material ist der Kopf, mit einem sehr schönen Gesicht, gewissermaßen realistisch herausgearbeitet. Gleichzeitig streckt sich der Kopf der jungen Edlen aber eigenwillig in den Himmel. So sind wir das nicht gewöhnt von unseren Schönheitsnormen! Vor allem der Stirn sieht man an, dass sie sich nach oben besonders verjüngt. Dies weckt Erinnerung an Darstellungen, eigentlich Vorstellungen, von außerirdischen Schönheiten. Jedenfalls erzeugt diese Gestaltungsweise eine Irritation. Etwas ist uns fremd in diesem Gesicht! Da die Skulptur dabei gleichzeitig eine großartige Anmut, auch eine gewisse Klarheit vereint, bin ich angetan und will sie mehrmals sehen, vielleicht sogar kennen lernen und verstehen.
Also lese ich den Text den die Salzburg Foundation diesbezüglich zur Verfügung gestellt hat: Die Skulptur heißt Awilda, der Künstler, Jaume Plensa. Er gibt im Text seine Gedanken zur Skulptur wieder. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Immigration. Ein Mensch sucht seinen Weg ins Abendland und hofft hier auf ein besseres Leben. Die Geschichte der Stadt Salzburg sieht der Künstler als zeitlich übereinander gelegte „Schichten von Menschlichkeit“. Er meint damit wohl Epochen und die damit verbundenen Vorstellungen und Werte der Menschen. Ähnlich Sedimenten sind diese geschichtet und in Folge Geschichte. Den Einwanderern will er Mut zusprechen und zeigen, dass jeder diese Schichtungen mitbeeinflussen kann und somit über eine hohe Kapazität verfügt. Es sind nicht nur die „Mächtigen“ die über diese Kraft verfügen.
In Verbindung mit diesen Gedanken erscheint die Wahl des Materials logisch. In der Kunst wurde Marmor immer wieder für die Darstellung von Macht eingesetzt. Die Immigrantin Awilda erhält somit auch ihre Machtposition. Auch die monumentale Größe der Skulptur unterstreicht diesen Anspruch. Sie strahlt darüber hinaus Ruhe und Selbstsicherheit sowie Standfestigkeit aus. Sie hat also ein überzeugendes Ethos beziehungsweise Pathos. Der Logos überzeugt auch. Die Übertagung von Geschichte in geschichtete Marmorblöcke wurde zusätzlich, durch eine sorgfältige Auswahl der Marmorblöcke hervorgehoben. Die meist Adern laufen mehr oder weniger parallel dazu. Das Bild der „geschichteten“ Geschichte somit verstärkt.
Der Ort für diese Skulptur erscheint mir weniger angebracht. Die Aufstellung des großen Kopfes in der Ditrichsruh, beim Eingang zur Universität, soll auf Offenheit, Erkenntnis und Forschung verweisen. Eigentlich sieht Awilda in diesem Hof eher eingesperrt aus. Es ist für mich kein Platz der Offenheit, sondern vor allem ein Platz der Abgeschlossenheit, der Begrenzungen. In Zusammenhang mit der vermittelten Grundidee ist hier also nicht der beste Platz für Awilda gefunden worden. Vielleicht hätte man einen passenderen Platz am Ufer der Salzach finden können. Schichtungen findet man hier in der Natur wieder und ein Fließen beziehungsweise ein sich ständiges heraklitsches Verändern des Gegebenen, hätte metaphorisch auf die Anknüpfungspunkte für die Neuangekommene Awilda verwiesen.
Trotzdem. Das Kunstwerk hat mich überzeugt. Zum einen die Idee und deren Relevanz. Es liegt in der Natur des Menschen an althergebrachtem festzuhalten. Die Offenheit gegenüber Neuem lässt immer wieder zu wünschen übrig. Es verhindert Kreativität, Erkenntnis und führt im schlimmsten Fall zur Ausgrenzung von Immigranten, also Menschen. Zum anderen hat mich die Ausführung mittels Ethos, Pathos und Logos wie oben beschrieben überzeugt. Wenn wir an die Kunst auch die Erwartung heran tragen können, dass sie uns tröstet, dass sie uns aufbaut, dann kann Awilda den Immigranten auch ein Trostgeber sein. Nicht nur Ihnen, sondern allen die neue Ideen haben, Fremdes denken und sich wagen, Geschichte mitzugestalten.

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Anselm Kiefer – „A.E.I.O.U.“

Magdalena Golser

Anselm Kiefers „A.E.I.O.U.“ wurde im Jahr 2002 als erstes Kunstwerk in einer Reihe von mehreren geplanten Kunstprojekten in Salzburg verwirklicht. Inzwischen wird das Kunstobjekt gerne auch als „Kiefer-Pavillon“ bezeichnet, vielleicht – und das ist eine Vermutung meinerseits – weil A.E.I.O.U. etwas holprig in der Aussprache ist. Es sei allerdings angemerkt, dass das Wort „Pavillon“ eher zu unpassenden Konnotationen einlädt. „A.E.I.O.U.“ befindet sich im Herzen Salzburgs also inmitten von schmucken – alles andere als schlichten – Häuserfassaden. Und hier genau wurde der quaderartige „Pavillon“ errichtet: bereits das Äußere des Kunstwerkes hebt sich von der Umgebung ab, denn es handelt sich um einen sehr schlichten, modernen Bau aus Beton. Das Dach ist ganz Flach, wie mit der Beschreibung „quaderartig“ bereits angedeutet. Nach den vor kurzem abgeschlossenen Renovierungsarbeiten erstrahlt die Außenfassade des Gebäudes wieder ganz in weiß, der Innenraum ebenso. Auch wenn das Kunstwerk gerade nicht besichtigt werden kann, ermöglichen die hohen Flügeltüren aus Glas auch in geschlossenem Zustand Einblicke in das Innere des Bauwerks. Bei geöffneten Flügeltüren ist das Gebäude zu begehen. Befindet man sich im Innenraum so bemerkt man, dass Tageslicht durch ein Dachfenster in den Raum fällt. Linksseitig im Gebäude angebracht ist ein großformatiges Gemälde. Sofort fallen die tafelartigen kleinen Plättchen auf, die reliefartig auf einer großen Fläche des Gemäldes angebracht sind. Die Farbtöne braun, beige und rostrot sind dominant. Rostiger, spitzer Draht ist auf einem großen Teil des Bildes angebracht. Im oberen Bereich des Bildes steht ein Satz geschrieben: „Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den Haaren (…)“. Der Satz ist ab diesem Wort leider unlesbar, bis auf manche isolierte Wörter. Gegenüber ist ein mächtiges, schweres Regal aus Blei aufgestellt, das den Raum nach oben hin fast zur Gänze ausfüllt. In dem Regal sind bleierne Bücher abgestellt, und aus dem Bücherregal stehen spitze Dornenhecken heraus. Geht man in den Kunstraum hinein, so tritt man der glatten weißen Stirnwand entgegen, die mittig mit der titelgebenden Buchstabenfolge „A.E.I.O.U.“ versehen ist. Die Schrift lässt vermuten, dass es sich um eine Handschrift handelt, möglicherweise mit einem schwarzen Kohlestift geschrieben.

Das Kunstwerk „A.E.I.O.U.“ erzeugt bereits bevor man sich auf die Kunst im Innern einlässt eine gewisse Stimmung. Dadurch, dass sich das Kunstwerk in seiner äußeren Gestalt bereits vom Alltäglichen distanziert, kann eine gewisse Spannung zwischen dem Betrachter und dem Kunstobjekt entstehen. Eine Spannung, die eine bewusste Entscheidung FÜR oder GEGEN das Eintreten in den Kunstraum provoziert. Und hat man sich für das Eintreten entschieden, so bringt man dem Kunstwerk auch die nötige Achtsamkeit entgegen. Nur der, der sich dafür entscheidet, tritt ein. Das ist es auch, was „A.E.I.O.U.“ in meinen Augen so besonders und spannend macht: es drängt sich dem Betrachter nicht auf, vielmehr lädt es ihn ein, einen Augenblick im Inneren zu verweilen.
Im Inneren ergibt sich ein Zusammenspiel von Eindrücken, die der Betrachter von den drei unterschiedlich gestalteten Kunstwerken bekommt. Erst fällt der Blick vielleicht auf das großflächige Gemälde und dann auf das bleierne Bücherregal mit den Dornenhecken, also auf die monumentalen Elemente im Kunstraum. Durchaus düster und bedrückend ist die Stimmung bei der Betrachtung dieser beiden Objekte. Eine melancholisch-anmutende Zeile und Draht auf der einen Seite und spitze Dornenhecken, die aus bleiernen, schweren Büchern hervorwuchern auf der anderen: ein recht düsterer Anblick. Streift nun der Blick auf die Stirnwand mit der Aufschrift „A.E.I.O.U.“, so löst sich die Düsternis doch wieder ein wenig dadurch auf, dass die Buchstabenfolge sehr viel Raum gibt, um über die Sinnhaftigkeit der Zeichenfolge nachzudenken. „A.E.I.O.U.“ ist ein einladendes Kunstwerk, das sich jenen zuwendet, die mit Neugier und Interesse an es herantreten und sich dem Trilog der Kunst im Inneren gegenüberstellen.

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Erwin Wurm – „Gurken“

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Markus Lüpertz – „Mozart – Eine Hommage“

Elena Chugunova & Sarah Grabler

Eine Skulptur, 2,95m hoch und aus Bronze. Es handelt sich um die Figur eines Menschen, der halb verstümmelt ist. Es fehlt der linke Arm und der rechte scheint ebenfalls eine Fehlbildung aufzuweisen. Teile des Körpers weisen weibliche Formen auf (Beine, breite Hüften). Der Oberkörper wirkt mit dem Sixpack sehr männlich. Es ist nicht eindeutig zu sagen, ob bei der Skulptur weibliche Brüste angedeutet sind, oder ob es sich um eine sehr durchtrainierte männliche Brust handelt. Auf dem Kopf ist eine Perücke zu sehen, wie sie zur Zeit Mozarts getragen wurde. Ihre Grundfarbe ist schwarz und es ist zu erkennen, dass manche Körperstellen mit anderen Farben bemalt sind, diese Farbgebung jedoch schon sehr verblasst ist. Die Augen sind noch als blau erkennbar. Die ganze Figur wirkt sehr stückelhaft, zerrissen, missgestaltet und dennoch nicht grimmig, eher wohlwollend.
Dieses recht eigenwillig wirkende Objekt befindet sich auf dem Ursulinenplatz aufgestellt mit dem Blick zur Markuskirche. Auf der einen Seite befindet sich eine Häuserfront im Altstadtstil und auf der anderen, eine Straße und dahinter das Salzachufer mit Bäumen. Für den Fall, dass man sich über das Kunstwerk näher informieren möchte, befindet sich ein Informationstext darunter, welcher teils sachlich-, teils interpretativ-beschreibend gehalten ist. Schon zu Beginn des Textes fließen ein Paar Pinselstriche Interpretation mithinein.
Die ersten Anzeichen der Interpretation zu Beginn des Textes werden in dem zweiten Abschnitt fortgesetzt und verstärkt („der Künstler belässt seinen Mozart im bewussten Widerspruch“, „Hierin drücken sich Genialität, Virtuosität und Zerrissenheit aus“). Doch drücken sie auch den tatsächlichen Eindruck, den das Kunstwerk hinterlässt. Die Interpretation wirkt nicht aufdringlich, sondern unterstreicht die eigene Empfindung.
Der spontane Gesamteindruck des Textes ist ein positiver. Durch die Umschreibung des Kunstwerkes wird der Leser dazu verleitet, die Interpretation, die ihm durch den Verfasser in die Wiege gelegt wird, zu akzeptieren.
Die visuelle Rhetorik und die Betitelung des Kunstobjekts stellt eine Provokation dar. Damit möchte uns Herr Lüpertz vielleicht sagen, dass die Kunst alles darf, sowohl zu provozieren, als auch zu inspirieren, sowohl die schönen Seiten als auch die hässlichen Seiten eines Kunstobjekts zu präsentieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Persuasion des Kunstobjekts an sich nicht funktioniert. Das Kunstwerk ist aus sich selber nicht begreifbar. Nicht nur die Wahl des abgelegenen, wenig begehbaren Ortes spielt darin eine Rolle, auch die Figur selber ist aus sich selbst nicht begreifbar. Eine Dekodierungshilfe in Form einer Begleittafel ist nötig, um das Werk zu erschließen.
Beim ersten Betrachten würde man nicht auf die Idee kommen, es könnte sich um einen Mann und schon gar nicht um ein Musikgenie, wie Mozart es war, handeln. Markus Lüpertz bedient sich zwar aller 3 Überzeugungsmitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Doch werden ohne die Begleittafel weder Logos, noch Ethos, noch Pathos dem Betrachter ersichtlich. Die Begleittafel gibt uns erst den Haltpunkt, worum es geht (Sacherschließung – Logos), welche innere Haltung die Statue annimmt (Grundhaltung – Ethos) und zu guter Letzt welche emotionale Intention der Betrachter anstrebt (Gefühle – Pathos). Doch wie zu Beginn – ohne die Zuhilfenahme der Begleittafel – so auch am Ende der Betrachtung bleibt der Zuschauer in Ratlosigkeit und kann nur Mutmaßungen anstellen, was die tatsächliche Intention des Künstlers war.

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Mario Merz – „Ziffern im Wald“

Susanne Bieregger & Nadja Stimac

Einfach und doch so mystisch. Vergänglich und doch so beständig. Dunkel und doch so hell. Gebrechlich und doch so stabil. Wie das Leben des Menschen aus Leid und Freud.

Allein – um Gedanken schweifen zu lassen. Allein – um sich den Dingen des Alltages zu entfremden. Allein – um den eigenen Weg im Leben zu finden. Solch einen Ort des Nachdenkens und der eigenen Besinnung bietet das Himmelszelt von Mario Merz hoch oben auf dem Mönchsberg- erhoben von der Stadt Salzburg.

Das Kunstwerk ist sehr schlicht gehalten und wurde in seiner Einfachheit und seinem Rohmaterial in die Reinheit der Natur „eingebaut“. Im Mittelpunkt steht die Verbindung von Himmel und Erde. Der Himmel ist hierbei der zentrale Punkt, während die Erde die Festigkeit bringt. Das Kunstwerk stellt eine Verbindung der beiden Kräfte dar.
Die allseitig offene Konstruktion fügt sich harmonisch in die Landschaft ein, bildet eine Symbiose aus künstlerischer und natürlicher Kreation.

Ein Spiel zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit

Das Kunstwerk kann als abstraktes Abbild einer Gegebenheit gesehen werden, man könnte hierbei folglich von einer Vorstellung sprechen. Die natürlichen Gegebenheiten an diesem Ort, also die Blätter, die Bäume und die Erde bilden zusammen eine natürliche Einigkeit. Das Gerüst stellt eine Abstraktion dar, sozusagen eine Skizze. Es birgt etwas Geheimnisvolles, gar etwas Mystisches. Der Betrachter ist daher selbst dazu angehalten, dieses Gerüst mit seinen eigenen Gedanken zu füllen. Folglich ein Kunstwerk im Kunstwerk. Man könnte hierbei von einem Gedankenanstoß zu einer zweiten modernen Art und Weise der Aufklärung des Menschen sprechen.
Das allzeit leuchtende Kunstwerk kommt vor allem nachts zur vollen Geltung: Die 12 Stahlstangen und die Ziffern wirken wie ein Zelt und ein schützendes Dach. Sowohl von außen als auch von innen betrachtet bietet die moderne Elektrizität der heutigen Lebensweise in dieser abgeschiedenen und recht unbeleuchteten Waldlage einen Lichtpunkt. Die Menschen werden in ihren Häusern und in den Städten vor dem Dunkel der Nacht und dem Unbekannten draußen beschützt. Die vielleicht noch unbekannte Natur kann somit abgehalten werden und Grenzen werden gezogen. Das Kunstwerk befindet sich außerhalb der Stadt und bildet somit einen erhöhten Zufluchtsort außerhalb

der Stadt selbst. Vielleicht mag hierbei die Bedeutung darin liegen, dass jegliche Urbanisierung genau in diesem Ausmaß angefangen hat. Der Mensch grenzte sich dabei immer mehr von der Natur ab, indem er sie natürlich auch zu seinem Vorteil zerstörte. Der Mensch denkt folglich die Natur beherrschen zu können, aber im Grunde versteht er sie nur nicht. Er lebt zwischen Himmel und Erde und kann den tieferen Sinn seines Daseins nicht verstehen. Sein Lebenszyklus findet genaue hier zwischen diesen beiden Polen statt. Anstelle sich dieser Zeit, diesem Zyklus, zu stellen, baut sich der Mensch seine eigenen Himmelszelte, seine eigene Auffassung des Daseins.
Die Zahlen können als Zeit gesehen werden, denn fast überall in der Öffentlichkeit werden wir heutzutage mit einer Uhr konfrontiert (z.B. Bahnhof, Kirchen, neuerdings Handys…). Die Zeit ist ein wichtiger Faktor des geregelten menschlichen Zusammenlebens. Zumal es 12 Eisenstangen sind, welche für die Anzahl der Ziffern auf einer Uhr stehen könnten.
Man könnte das Erleuchten im Dunkeln als gesellschaftskritisch betrachten. Tagsüber sind wir meist draußen unterwegs und werden von der öffentlichen Zeit (Terminen, Stress, Arbeit, …) geleitet und leben hierbei nach einem strikten Plan. Die Zeit an sich als wertvollstes persönliches Gut, welches wir für unsre eigene menschliche Natur besitzen, ist unwichtig geworden, genau wie die Natur an sich in Zeiten der Industrialisierung. Nachts rückt die private Zeit jedoch in den Vordergrund, da wir sie zur Rast und zur Ruhe benötigen. Dennoch fühlen wir uns auch hierbei nicht mehr mit der Natur verbunden und brauchen unser Dach über dem Kopf und die Abgrenzung nach Außen.
Die einbezogene Zahlenfolge ist die des Mathematikers Fibonacci, der darin den Gradmesser für die Geschwindigkeit der sich fortpflanzenden Kräfte erkannte. Ohne die Beschreibung des Kunstwerks und der Äußerung des Künstlers selbst ist die Verbundenheit der Zahlen für den normalen Betrachter nicht augenblicklich bei der ersten Betrachtung ersichtlich. Merz macht damit noch deutlicher, dass der Mensch einer unbehaglich schnellen Entwicklung ausgesetzt ist. Er bewirkt diese aber aus seiner eigenen Kraft und kann nicht länger die Natur dafür verantwortlich machen. Vielleicht mag dies heute in der realen Welt schon angekommen sein, betrachtet man hierbei die weltweite Diskussion über den Klimawandel.

Zusammenfassend kann man das Kunstwerk als ein Spiel zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Himmel und Erde, Logik und Unlogik des Menschen, betrachten. Die Endlichkeit ist allen Dingen vorherbestimmt, dennoch liegt die Sehnsucht meist in der Unendlichkeit, so wie der Mensch über die Natur zu herrschen versucht. Die Botschaft dieses Werkes ist nicht sofort ersichtlich und, nur derjenige, welcher sich auf dieses mystische Konstrukt einlässt, kann die Gedanken schweifen lassen. Es ist eine Einladung,

aber kann auch schlichtweg als schönes Konstrukt aus Zahlen, welche besonders nachts den Weg erhellen, betrachtet werden. Es versteckt sich in der Natur, nicht direkt in der urbanen Menschenmenge. Nur, wer es wirklich sehen will, kommt hierher um es zu betrachten. Der Betrachter entscheidet selbst, welche Bedeutung er dem Kunstwerk zukommen lässt. Die Gedanken bleiben dabei ebenso frei in der Gestaltung.

Ein Gedanke zum Abschluss:

Ich wünsche dir Zeit von Elli Michler

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit – nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedenseinkönnen.

Ich wünsche dir Zeit – nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit auf der Uhr nur zu schaun.

Ich wünsche dir Zeit, nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen, das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit, neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn, diese Zeit zu verschieben.

Ich wünsche dir Zeit, zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit, auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit zu haben zum Leben!

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