Aufgaben des Redners: docere, delectare, movere

Um die Absicht seiner Rede, die Meinung der Zuhörer entsprechend zu verändern, in eigenem Sinn zu beeinflussen und eine gewünschte Erkenntnis hervorzurufen, erfolgreich zum Ziel zu führen, hat der Redner 3 Hauptaufgaben zu erfüllen. Hierbei stehen ihm drei Vorgehensweisen zur Verfügung (officia oratoris).

Ein auf Argumentation und Belehrung beruhender, vernunftorientierter Prozess kann durch docere angestossen werden. Delectare hingegen setzt einen emotionalen Reiz auf der Basis mittelgradiger Affekte, movere arbeitet sogar mit leidenschaftlichen Reizen.

Neben der bloßen Argumentation liegt die eigentliche Kunst des Redners also im Bereich der emotionalen Überzeugung, im ethos und pathos, im delectare und movere. Gefühlsabhängige modi stehen im Zentrum der rhetorischen Beweismittel, wenn das certum bekannt oder nachvollziehbar ist, der Redner aber mehr erreichen will als die reine Wahrheit darzulegen.

Der allzu konzentrierte Fokus auf das certum führt zu Langeweile und Verminderung der Glaubwürdigkeit, was ethos und pathos so wichtig für eine erfolgreiche Rede macht.

Der in der Redekunst Geübte ist hierbei von Nöten, wenn es um delectare und movere geht.

So führt nur die Verbindung dieser drei officia oratoris zum gewünschten Erfolg, zur eigentlichen Absicht des Redners der Meinungsbildung und Meinungsänderung.

movere

Die höchste Stufe emotionaler Überzeugungsmittel stellt das movere dar. Hierbei bewirken durch Manipulation herbeigeführte Begeisterung und Überwältigung eine dem Redeziel zuträgliche Veränderung der Meinung und des Willens des Publikums. Das movere erregt starke Gefühle und führt nicht mehr zur argumentativen Überzeugung, sondern zur Überredung. Liebe und Hass, Freude und Leid und andere antagonisierende Affekte stehen in Vordergrund vor Belehrung, Argumentation und sanfter Emotion (docere und delectare).

Das Auditorium soll in eine spontane Stimmung versetzt werden, in der es sich der Meinung des Redners leichter neigt. Denn emotional aufgeheizt fällt Überzeugungs- und Überredungsarbeit auf fruchtbareren Boden und kommt leichter zum Ziel als bei moderater oder gar rein sachlicher Stimmung.

Ganz gleich, ob die Zuhörerschaft dem Redeziel geneigt begegnet, ihm sachlich und unvoreingenommen gegenübersteht oder gar Ablehnung vorherrscht, der Redner muss mit Hilfe dieser Emotionen energisch sein Ziel verfolgen und letztlich mittels des movere zum Erfolg der Überredung kommen.

Dieser Leidenschaftlichkeit zugehörig ist der pathetische, schwere Stil, der mit vielfältigen Mitteln, Figuren und Tropen arbeitet, in großer Menge oder sogar exzessiv. Entsprechend ihrer Wertigkeit als Höhepunkt einer Rede schöpft sie alle Möglichkeiten der Beeinflussung aus. Sie überzeugt nicht, sondern bewirkt Begeisterung und Hochgefühl. Damit kommt der Redner zu seinem erwünschten Redeziel und gewinnt das Auditorium gänzlich für sich.

Der Zeitpunkt des movere innerhalb der Rede ist von größter Bedeutung, denn nur punktgenau eingesetzt erzielt sie ihre ganze Wirkung.

Das zum movere gehörige pathos hat meist seinen Höhepunkt am Ende der Rede, wenn alle Überredungen und Einflussnahmen nochmals klimaxartig auf die Zuhörer einwirken sollen.

Diese Schlussstretta soll letztmalig in der Rede die Haltung formen, die das Auditorium vertreten soll und den Redner mit seiner Rede zum Erfolg kommen lassen.

Aber auch in anderen Teilen der Rede kann vom movere Gebrauch gemacht werden, wenn das Thema und der Zweck dem angemessen erscheinen.

Die größte Gefahr bei der Verwendung dieser großen Emotionalitäten ist der Verfall in Schwülstigkeit. Deshalb sind die Affekte trotz aller Extreme des Vortrags maßvoll und gezielt einzusetzen, um nicht wiederum das Gegenteil zu bewirken, nämlich Distanziertheit und Abneigung. Die Rede muss sich aller drei officia oratoris jeweils zur rechten Zeit bedienen, um erfolgreich beim Erreichen des Redeziels zu sein.

delectare

Eine weitere Möglichkeit neben dem docere, Überzeugung beim Auditorium zu erreichen, bietet sich dem Redner mit dem delectare. Hierdurch sollen mit rednerischen Mitteln sanfte, mittlere Emotionen hervorgerufen werden. Zugeordnet ist ethos als sanfte Affektstufe.

Solche Emotionen können Vergnügen und Spaß sein, aber auch ein inneres Wohlgefühl, welches angenehmes Wohlwollen nach sich zieht.

Vermittelt werden diese Emotionen insbesondere durch den Charakter des Redners, den er dem Auditorium mitzuteilen versuchen muss. Sittenhaftigkeit und Moral sind hierbei ebenso von Nöten wie Festigkeit und Unerschütterlichkeit des Charakters. Es kommt zudem nicht nur auf selbstverständlich nötige sprachliche Qualitäten, sondern auch auf den körperlichen Gesamtauftritt des Redners, seine Gestik, seinen Habitus und sein äußeres Wesen an. Der Redner muss sich aus Gründen des Erreichens des rhetorischen Ziels selbst positiv inszenieren. Dadurch ergibt sich dann die ihm eigene Glaubwürdigkeit. Wohlwollen kann aber auch die Schönheit der Rede und in ihr enthaltene Ornamentik hervorrufen.

So gelingt es dem Redner nicht nur, mit docere argumentativ zu überzeugen, sondern das Auditorium kommt durch diese positiven Emotionen, die durch die Rede erzeugt werden, zu dem Schluss, die dargestellten Fakten als richtig zu erkennen und sie darüber hinausgehend so haben zu wollen, wie sie sind und wie der Redner sie darstellen möchte. So führt der Redner das Publikum bewusst dorthin, wo er es mit seinem Willen haben möchte. Das Publikum darüber hinaus ist damit zufrieden, etwas zu glauben und zu wollen, was freilich vom Redner suggeriert worden ist.

Die dem delectare zugehörige Ausdrucksweise ist die entspannende, weil nicht in Extreme verfallende Art der Rede und stellt sich als Stil in die Mitte zwischen die Belehrung des docere und die leidenschaftliche Erregung des movere. So erlangt sie beim Zuhörer aufmerksame Sympathie für den Redner und das Thema der Rede und bleibt, wenn sie von den beiden anderen officia oratoris flankiert wird, unterhaltend und kurzweilig. Somit trägt es zum eigentlichen Ziel der Rede, dem persuadere, durch die Erweckung von Genuss an der Rede aktiv bei.

Das delectare verlässt die rationale Ebene der Rede und begibt sich in Regionen der nicht mehr nur argumentativen Emotionalität. Das Auditorium wird in die vom Redner gewünschte Richtung gelenkt und kann sich durch die Hingabe in sanfte Emotionen selbst in den Überzeugungsprozess der Rede einbringen. So gelingt es dem ethos seinen Willen zu lenken und dem Redeziel näherzukommen.

docere

Der eigentliche, notwendige Beweis des Inhalts einer Rede wird durch Belehrung und Argumentation geführt. Dies muss vernunftorientiert und sachlich erfolgen. Ist das nicht der Fall, bleibt die Rede rein gefühlsorientiert und kann letztendlich zur Propaganda werden.

Der Absicht der Belehrung entspricht der sachlich-nüchterne Realismus in der Äußerung, welcher an Tatsachen orientiert ist und die Vernunft nachvollziehbar, direkt und deutlich in den Vordergrund stellt.

Beim Auditorium werden freilich durch diese rationale Nüchternheit Emotionen ausgelöst, die im Gegensatz zur reinen Sachlichkeit des Vortrags stehen. Es handelt sich hierbei um schlichte aber dauerhafte Emotionen wie Vertrauen und Zustimmung.

Zu differenzieren ist beim Begriff docere zwischen einer Aufzählung unveränderlicher Fakten

und deren Darstellung im Rahmen der Argumentation durch den Redner. Ob die Fakten dem oder den Zuhörern bereits bekannt sind, oder ob es sich um etwas für sie Neues handelt, macht dabei keinen Unterschied.

Das docere erfolgt in der Rede innerhalb der narratio und der argumentatio. Erstere Erzählung ist orientiert am Streben des Auditoriums nach Wahrheit, indem sie sich auf feste Lebenserfahrungen und dadurch gegründete Erfahrungen beruft. Die Beweisführung hingegen ist die eigentliche Domäne des docere, indem sie mit intellektuellen Mitteln Schlüsse zwischen einzelnen Fakten zieht und damit Überzeugungsarbeit leistet.

Ist eine Rede aber lediglich am docere orientiert, droht nicht nur die Langeweile des Publikums, sondern auch eine Abwehrhaltung, die der eigentlichen Redeabsicht entgegengesetzt ist. Deshalb empfiehlt es sich bei Lastigkeit der Sachlichkeit und Belehrung mit Stilmitteln und sonstiger Ornamentik zu arbeiten.

Die Sachorientiertheit einer Rede entspricht dem dem docere assoziierten rhetorischen Überzeugungsgrund pragma, welches Erkenntnis einzig aus dem verum zu beziehen sucht und dessen Grundlage es ist, dieses von Seiten des Redners ohne Emotionen vorzutragen. Solche Affekte gilt es beim docere grundsätzlich zu vermeiden, sie sind den Redemodi delectare und movere vorbehalten. Dementsprechend ist der dem docere angemessene Stil der schlichte (genus subtile), einhergehend mit Kürze, Klarheit und Glaubwürdigkeit, um letztlich zur Überzeugung (persuasio) des Auditoriums zu gelangen.

Somit ist das docere einer der drei Wege zur Erlangung von Erkenntnis beim Publikum und für den Redner die Möglichkeit, mit reiner Sachlichkeit bereits erste Zustimmung zu erwerben.

Gernot Heinrich