Redeteile

prooemium

Der Begriff des prooemium leitet sich vom alt-griechischen Wort prooimion ab und stellt ursprünglich den Beginn nicht dramatischer antiker Dichtung dar. In der antiken Rhetorik wird das prooemium als Einleitung einer Rede bezeichnet. Der sophistischen Schulrhetorik folgend, liegt das Ziel hierbei bei der Vorbereitung der Hörer im Darlegen eines Anliegens, dem Bitten um Aufmerksamkeit und, wenn möglich, auch dem Erhaschen von Sympathie in der Zuhörerschaft.

Trotz differenzierter Deutung des prooemiums lehnt sie sich in ihrer Etymologie an ein musikalisches Vorspiel (praeludium, Lied vor dem eigentlichen Gesang) an.   Es stellt zum einen eine eigenständige Einleitung dar, kann aber zum anderen auch eine Einleitung mit starkem Bezug auf den Hauptteil sein. Nach Aristoteles wird das prooemium als Wegbereiter zu einer Rede definiert (Das was vor dem eigentlichen Weg liegt) und mit dem lateinischen Begriff exordium gleichgesetzt.

In der Textsorte Literatur  (bsp. Histographie) ist das prooemium, im Gegensatz zur Textsorte Rhetorik, weniger starren Regeln in Form und  Inhalt unterworfen. Gattungsbedingt lassen sich allerdings folgende Topoi in literarischen prooemia auffinden: captatio beneovolentiae (emotionale Beeinflussung der Zuhörer), invocatio (Anrufung an die Muse), Sphragis (eigene Vorstellung des Autors), excusatio (Wahrheitsbeteuerung), Legitimation des eignen Handelns, Empfehlung/Ermahnung, dedicatio (Widmung), Metaphorik, Übergang.

In der historischen Genese des prooemiums gilt Homers Ilias als entscheidender Ausgangspunkt.

„Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephaistos besänftigt beide.“ (http://www.gottwein.de/Grie/hom/il01.php)

Mit der stichwortartigen Nennung des Themas in den Eingangsversen der Ilias wird die Handlung bereits eingeleitet und die Verwandtschaft zur Dichtung Hesiods, welcher die erzählerische Ebene an die Realitätsebne verknüpft, dargelegt. Die unterschiedlichen Herangehensweisen bei dem prooemium zeigen die klassischen Geschichtsschreiber Hekataios, Herodot, Thukydides im Auslassen der captatio beneovolentiae oder die psychologische Intention in den Dialogen Platons. Nicht zuletzt stehen in  Ciceros Schriften die prooemia sowohl als eigenständiges Vorwort als auch in engerem Zusammenhang mit dem Hauptteil.

Im Laufe des Mittelalters lag die Schwerpunktsetzung des prooemiums in den epischen Grußformen bei der captatio beneovolentiae.

Anders als zu Zeiten des Aristoteles (Anfang und Ende einer Erzählung sind entbehrlich) ist das prooemium heutzutage nicht mehr wegzudenken und zum einem fixen Bestandteil in Rhetorik und Literatur geworden.[1]

Dominic Maier

[1] Gert Ueeding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, 247-257, Bd. 6, Darmstadt.

narratio

Bei der diégesies oder narratio handelt es sich um den zweiten Redeteil, um die Erzählung von Ausgangsereignissen. Sie wird in der klassischen Rhetorik noch nicht als selbstständiges Genre betrachtet, sondern bildet innerhalb eines komplexeren Textes, der Rede, ein wesentliches Teilelement, das die Basis der argumentatio ausmacht. Nimmt man als Beispiel die Gerichtsrede, so wäre die narratio die spezifische Schilderung des Tatherganges, auf die der Beweis aufbaut.

Somit ergibt sich, dass Klarheit und Glaubwürdigkeit wesentliche Kriterien bilden. Daher wird dem ethos des Erzählers, der in der Antike eins zu eins mit dem Redner gleichzusetze ist, bei Aristoteles ein wichtiger Stellenwert eingeräumt. Quintilian verlangt das Einfließen der charakterlichen Eigenschaften des Rhetors später geradezu, da die darzulegenden Ereignisse nach Auffassung vieler römischer Rhetoriktheoretiker nicht zwangsläufig tatsächliche Geschehnisse sein müssen, sondern auch erfunden sein können, solange sie überzeugend erscheinen. Der Redeteil dient also nicht nur dem Darlegen von Sachverhalten, sondern soll das Publikum ebenfalls von der Vertrauenswürdigkeit des Rhetors überzeugen, damit die persuasion gelingt.

Der Redeteil kann in drei Arten gegliedert werden: die fiktionale Erzählung, die parteiliche narratio vor Gericht und der Darstellung von Ereignissen, die mit dem Fall in Verbindung stehen. Vor allem der fiktionalen Erzählung wurde ein hoher Stellenwert beigemessen, wobei zwei Unterteilungen auszumachen sind: die Tatsachendarstellung, die die drei Gattungen fabula, historia und argumentum umfasst, und die Personendarstellung.

Um dieser Vielschichtigkeit her zu werden, gab es in der älteren rhetorischen Ausbildung sogenannte progymnasmata. Darunter sind Übungen zu verstehen, durch die das Verfassen narrativer Grundformen erlernt und die Fähigkeiten hinsichtlich der oben genannten Kriterien weiterentwickelt werden konnten.

Die Erkenntnisse, welche durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Redeteil in der Antike entstanden, bildeten bis in die frühe Neuzeit die theoretische und praktische Grundlage. Erst im 18. Jahrhundert entstand durch das Aufkommen moderner Romanformen ein neuer Ansatz, der der literarischen Prosaerzählung.[1]

Verweise

übrige Redeteile

Gedegattungen

ethos, pathos, logos

persuasion

progymnasmata

Vera Eßl

[1] J. Knape: Narratio. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Hg. Gert Ueding. Darmstadt 2002 (Band 6 Mus-Pop), S. 98-105.

Quelle

  1. Uebing, Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt 2002.

argumentatio

Entsprechend dem Vorbild der Gerichtsrede bildet die argumentatio (oder probatio) den Hauptteil der Rede. Die dabei angeführten Argumente dienen der Beweisführung im positiven (confirmatio) oder im negativen (refutatio) Sinn, also der Untermauerung der eigenen Positionen oder der Widerlegung der gegnerischen Standpunkte. Entsprechend der bereits von Aristoteles getroffenen Unterscheidung von ἐπαγωγή / Epagogē und σύλλογισμος / Syllogismus kann diese Beweisführung induktiv, also durch die Verwendung von Beispielen, oder deduktiv, also durch logische Begründungen, erfolgen.

Dementsprechend unterscheidet diese auf Aristoteles zurückgehende Tradition zwei Arten des Beweisens, nämlich den rhetorischen Schluss, das ἐνθύμημα / Enthymem, und die Verwendung von Beispielen (παραδίγματα / Paradigmata). Damit hängt die Differenzierung innerhalb der Beweise zusammen, die ebenfalls auf Aristoteles [1] zurückgeht, aber von Cicero [2] und Quintilian [3] übernommen wird, nämlich zwischen technischen (πίστεις ἔντεχνοι / Pistes entechnoi, probationes artificiales) und untechnischen (πίστεις ἄτεχνοι / Pistes atechnoi, probationes inartificiales) Beweisen. Während die „untechnischen Beweise“ bereits vorliegen und darum keiner rhetorischen Technik bedürfen, bedürfen die Beweise der zweiten Kategorie einer rhetorischen Technik. Dazu Cicero [4] prägnant: „ita in superiore genere de tractandis argumentis, in hoc autem etiam de inveniendis cogitandum est“ (So muss man bei der ersten Kategorie darüber nachdenken, wie man die Beweise behandeln soll, bei der letzteren aber, wie man sie auffinden kann“, Übers. Th. Nüßlein). [5]

J.J.Hagen

[1] Rhetorik 1. 1 – 5.

[2 ]De oratore 2. 116 – 117.

[3] Institutio oratoria 5. 1, 1.

[4] De oratore 2, 117.

[5]Th. Nüßlein (Hrsg.), M. Tullius Cicero. Ausgewählte Werke, Bd IV: De Oratore – Über den Redner, Düsseldorf 2008, 143.

peroratio

Peroratio auch conclusio genannt, griechisch: epílogos, bedeutet im Deutschen Schluss, Redeschluss.[1] Platon bildete die Grundlage für die Etablierung der peroratio in die Rhetorik.[2] Aristoteles betrachtet den Schluss als fakultativen Redeteil. Dieser dient zur Verstärkung des Gesagten und besitzt vier Funktionen[3]:

  • Zuhörende werden positiv auf den/die Redende/n eingestellt
  • Die Bedeutsamkeit der Beweise wird gesteigert und Beweise widerlegendes wird herabgewürdigt
  • Einwirken auf Affekte der Zuhörenden
  • Zusammenfassung des Vorgetragenem[4]

Im Schlussteil kommen pathos und ethos zum Tragen.[5] Betreffend das ethos fragen sich die Zuhörenden, ob der/die Vortragende eine Person ist die glaubwürdig ist und aufgrund deren Aussagen vertrauensvoll Entscheidungen getroffen werden können. Mit Hilfe von pathos versucht die Vortragsperson die Affekte und Emotionen der Zuhörenden zu regen, da bei emotionaler Betroffenheit die Zuhörenden eher überzeugt werden können.

Sie wird einerseits in Reden, aber andererseits auch in Briefen, Aufsätzen, Urkunden, literarischen Texten, Predigten mit einbezogen.[6] Bei kurzen Reden oder schlichten Sachverhalten darf die peroratio, nach Aristoteles, auch fehlen.[7] In der Antike wird peroratio als der wirkungsvollerste Redeteil im genus iudiciale gehandelt. Im Mittelalter wird mit Hilfe von Ermahnungen und einem formalhaften Schlussgebet versucht, in der peroratio von Predigten, die Zuhörenden affektiv stark zu beeinflussen.[8]

In der rhetorischen Praxis soll der Schluss als solcher innerhalb der Rede gekennzeichnet werden, z.B. durch Pause, Einteilung, Veränderung des Sprechtempos oder Phrasen (wie: Ich komme jetzt zum Schluss). Nach Cicero ist die peroratio besonders gut geeignet um auf die Zuhörenden beeinflussend (commovere) bzw. überredend (persuadere) einzuwirken[9]. Der Schluss soll einen appellativen Charakter aufweisen, der ein Urteil bei den Zuhörenden herbeiführen soll.

Sarah Grabler

[1] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[2] Platon Phaidros 267 d; M. Fuhrmann, Das systematische Lehrbuch. Ein Betreitag zur Geschichte der Wissenschaft in der Antike, 1960.

[3] T. Schirren, Textaufbau und Redeteilschemata (partes orationis), 2009, in: U. Fix, A. Gardt & J. Knape (Hrsg.), Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung, Berlin/New York 2009.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[7] Aristoteles Ars rhetorica III, 1414 b 4-9.

[8] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[9]  Cicero de oratore. II, 80; 311.

 

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