Exercitatio

Im griechischen ἄσϰησις; áskēsis; μελέτη; melétē; γυμνασία; gymnasía. In die deutsche Sprache lässt sich exercitatio als „Übung“ übersetzen.[1] Dieser Begriff beinhaltet sowohl die selbstständige praktische Einübung des rhetorischen Regelsystems, als auch jene unter Anleitung einer Lehrperson.[2] Die exercitatio ist im Rhetorikunterricht ein fester sowie obligatorischer Bestandteil[3] und ist eine der drei Grundvoraussetzungen (neben ars und natura) für die Ausbildung zum/zur perfekten Redner/in.[4] Erlernt werden ein sicherer Umgang mit der Technik[5] sowie ein erweiterter und abrufbarer rednerischer Bestand an sprachlichen Ausdrucksmitteln und Gedanken.[6] Um dieses Ziel zu erreichen wird stetige Übung empfohlen.[7] Unterschieden kann die exercitatio von der ars werden, durch durch die praktische Anwendung. Von der rhetorischen ernsthaften Praxis unterscheidet sich die exercitatio jedoch durch die Risikolosigkeit und spielerische Art von Übungen.[8] Nach Quintilian wirkt die exercitatio korrigierend und fördernd im Gegensatz zur natura durch intensive Übung kann über die Macht der Gewöhnung eine zweite Natura entstehen.[9] Die exercitatio kommt bei allen Aufgaben (officia) der Redenden zur Anwendung (inventio, dispositio, elocutio, memoria, actio/pronuntiatio).[10] Des Weiteren wird die exercitatio in die Realisierungsweisen Lesen und Hören (legendo/audiendo), mündliche (dicendo) und schriftliche Übung (scribendo) unterteilt.[11]

 

In Griechenland gehörte die Erziehung zum überzeugenden Redenden seit jeher zum Fixprogramm der adeligen Jugend.[12] Der erste nachweisbare förmliche Rhetorikunterricht fand im späten 5. Jh. v. Chr. in Athen bei den Sophisten statt. Sie hatten den Anspruch die Redekunst durch Schulung lehren zu können.[13]

 

Die exercitatio ist ein Thema, das geschichtlich seine Bedeutung sowohl in der Antike, wie auch im Mittelalter, der Renaissance, Humanismus, Reformation, Barock, der Aufklärung des 18. Jh., dem 19. und 20. Jh. fand.[14]

 

Sarah Grabler

 

[1] G. Ueding, Aufklärung über Rhetorik. Versuche über Beredsamkeit, ihre Theorie und praktische Bewährung, Tübingen 1992

[2] Platon, Phaidros, 269 d; Isokrates, orationes XIII, 14f.; XV, 187; Aristoteles bei Diogenes Laertios, De clarorum philosophorum vitis V, 18; Cicero, de inventione I, 1, 2; Brutus. 6, 25; Quintilian III, 5, 1; Iulius Victor, Ars rhetorica c. 25, in: Rhet. Lat. Min. 443.

[3] G. Ueding, Aufklärung über Rhetorik. Versuche über Beredsamkeit, ihre Theorie und praktische Bewährung, Tübingen 1992.

[4] Platon Phaidros 269 d; Isokrates orationes XIII, 14f.; XV, 187; Aristoteles bei Diogenes Laertios, De clarorum philosophorum vitis V, 18; Cicero de inventione I, 1, 2; Brutus. 6, 25; Quintilian III, 5, 1.

[5] Quintilian X, 1, 1; 5, 1; 7, 8; XII, 9, 20; Plinius, Epistulae II, 3, 4.

[6] Cicero De inventione II, 15, 50; Quintilian X, 1, 5; VIII prooem. 28.

[7] Cicero De oratore I, 32, 147.

[8] Cicero De oratore I, 32, 147.

[9] Quintilian II, 10, 4; Iulius Victor [1] 444.

[10] ebd. 443.

[11] Quintilian X, 1, 1; I prooem. 27; vgl. Cicero Brut. 89, 305.

[12] Homer, Ilias IX, 442f.

[13] Aristoteles, Sophistici elenchi 183b–184a; Platon Phaidros 228a–b.

[14] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.