Iudicium

Der griechische Begriff krísis, lateinisch iudicium stellt einen Grundbegriff der Rhetorik dar und wird, seit dem Aufklärer Immanuel Kant, in erster Linie mit dem deutschen Wort „Urteilskraft“ übersetzt. Darunter versteh man ein praktisches Einschätzungsvermögen hinsichtlich der angemessenen Auswahl und dem adäquaten Einsatz verschiedener Überzeugungsmittel. Ziel ist es, in einer konkreten Situation möglichst überzeugend zu agieren. Der Rhetor muss, um dies zu erreichen, auf die Empfänglichkeit beziehungsweise auf die bestimmte geistige Grunddisposition des jeweiligen Publikums Rücksicht nehmen. Das Erlernen allgemeiner Regeln ist aus diesem Grund nicht möglich, stattdessen die Fertigkeit nur durch wiederholtes Üben erlangt werden. Somit kann iudicium auch als „Aspekt der praktischen Klugheit“ gelten.[1] Ein Gedanke, der in diesem Zusammenhang vor allem im antiken Griechenland eine Rolle spielt, ist der des agon. Im rhetorischen Kontext bedeutet dies konkret, dass sich ein Redner gegen seinen Kontrahenten sprachlich durchsetzen kann. Der Wettbewerbsgedanke spielt demnach für das Einschätzungsvermögen eine bedeutende Rolle.[2]

Neben dieser mittlerweile primären Bedeutung gibt es noch drei weitere: Die erste lässt sich von der Etymologie her ableiten. Das Wort findet seinen Ursprung in der römischen Rechtssprache und umfasst das gesamte Rechtsfindungsverfahren, nicht nur den Abschluss desselbigen. Synonym zu gebrauchen  ist das aus dem Mittelalter stammende Wort processus. Ab dieser Zeit  ist iudicium auch gleichzusetzen mit einem aussagenlogischen Urteil. Zu guter Letzt hat der Begriff noch den Tenor „Meinung“ und zwar die der Mange, auch iudicium multitudinis genannt. Hierbei verdeutlicht der Redner sein eigenes Argument indem er die Ansicht anderer aufgreift. Die verschiedenen Arten des iudicium, wie sie in der Antike ausgeformt wurden, sind also im Mittelalter aufgegriffen und weiterentwickelt worden. Durch das Aufkommen der Wissenschaften erfährt es in der Neuzeit eine Bedeutungsverengung: Es wird eine Urteilsfähigkeit gefordert, die nicht von persönlichen Leidenschaften beeinflusst, sondern universell nachvollziehbar ist.

 

Hinsichtlich der Anwendung in den einzelnen Produktionsstadien der Rede oder der Frage, ob das iudicum selbst ein eigenes Produktionsstadium ist, teilen sich die Meinungen: Zunächst gibt es die Ansicht, es wäre mit der „Stufe Null“ gleichzusetzen, da man sich vor der inventio bereits zum Setting Gedanken machen muss. Cicero hingegen war der Auffassung, dass es direkt auf die inventio folgt und ein Teil der prudentia, der praktischen Klugheit, ist. Andere wiederum finden, dass es in der Nachbehandlung besteht, durch Selbst- oder Fremdkritik beim Korrekturlesen seines Werkes. Wegen seiner Wichtigkeit für das Gelingen einer überzeugenden Rede, wird das iudicium allerdings auch oft nicht als ein separates Stadium angeführt, sondern als eine Fähigkeit, die im gesamten Schaffensprozess ihre Anwendung findet, wie beispielsweise Quintilian.[3]

 

Verweise

Überzeugungsmittel

praktische Klugheit: prudentia/sapienta

Agonistik

Produktionsstadien

inventio

 

[1] Uedig, Gert (Hrsg.): Iudicium. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt 1998 (Band 4 Hu-K), S. 662-691.

[2] Uedig, Gert (Hrsg.): Agonistik. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt 1992 (Band 1 A-Bib), S. 261-284.

[3]Lausberg, Heinrich: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. Iudicium. S. 733

 

Quellen

  1. Uebig, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Darmstadt 1992.
  2. Uebig, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Darmstadt 1998.
  3. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik, Stuttgart 2008.