Natura

Natura, auf Griechisch φύσις; phýsis lässt sich als „natürliche Anlage“ ins Deutsche übersetzen. Durch sie erlangt ein Mensch die Fähigkeit das Reden zu gestalten. Des Weiteren ist die natura die individuell ausgeprägte Basis für das kunstvolle Reden, das durch die lehrbare Redekunst (docrina, ars) und Übung (exercitatio, usus) erworben wird.[1]

Der griechische Naturbegriff φύσις, phýsis kann bereits in der mythischen Dichtung (im vorphilosophischen Denken) nachgewiesen werden und umfasst begrifflich die Bedeutungen: Beschaffenheit, Wesen[2] sowie Wuchs, Werden, Wachstum[3]. Mit den Sophisten verschwand der phýsis-Begriff als alleinige Bezeichnung für die natürlichen Funktionen des Organismus. Er machte einem Begriffsverständnis Platz, das den Mensch als Ganzen miteinschließt, aber hauptsächlich seine/ihre inneren Anlagen meint.[4]

In der Adelsethik Pindars wurden bestimmte wünschenswerte Eigenschaften allein durch die Geburt vererbt und konnten nicht erlernt oder erworben werden.[5] Später ersetzen die Sophisten diese Vorstellung durch jene der natura, die formbar ist. So wurde nun der natura durch praktische sowie theoretisch Ausbildung etwas hinzugefügt.[6]

Vor allem die Ausführungen von Cicero und Quintilian haben das Verständnis von natura geprägt.[7] Cicero äußert sich als der erste der großen Theoretiker zur Natura.[8] Nach ihm und Quintilian ist sie von entscheidender Bedeutung für RednerInnen.[9] Für Quintilian entsteht die Redegabe im Zusammenspiel zwischen Kunst, Übung und Natur. Gegebenenfalls kann noch die Nachahmung berücksichtigt werden.[10] Quintilian warnt vor einer Überbewertung der natura. Er ist entschieden gegen das Ideal einer rein natürlichen Redeweise, die in keiner Weise gelehrt/geformt wurde.[11]

Das Einverständnis darüber, dass die Begabung zum Sprechen bei Personen individuell ausgeprägt ist, führte zu einer gleichbleibenden Bewertung der natura. Diese überdauerte bis in die frühe Neuzeit. Die Aufmerksamkeit die der natura geschenkt wird, ist jedoch einer geschichtlichem Wandel unterworfen.[12]

Gegen Ende des 16. Jh. sowie im 17. Jh. veränderte sich das Verständnis der natura. Dies betraf vor allem das igenium, bezogen auf inventio.[13] Im 18. Jh. hat sich im Zuge der Aufklärung vom igenium ausgehend der Geniegedanke herausgebildet[14].

Sarah Grabler

[1] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[2] z.B. Heraklit VS I, 22 B 1, 112, 123; zit. n. G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[3] z.B. Parmenides VS I, 28 B 10; auch Empedokles VS I, 31 B 8; zit. n. G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[4] W. Jäger, Paideia. Die Formung des griechischen Menschen Bd. 1, Berlin 1989.

[5] Pindar Isthmia 4, 53; Nemea 6, 5; φυά: Olympia 1, 67; Pythia 4, 235; Isthmia 46, 47; Nemea 6, 5; ferner (andere Ausdrücke): Olympia 10, 20; 11,19 u. 13, 13; Nemea 1, 28; Isthmia 3, 14.

[6] M. Fuhrmann, Die antike Rhetorik. Eine Einführung, München/Zürich 1995.

[7] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[8] Cicero de oratore I, 113; G. Ueding, Aufklärung über Rhetorik. Versuche über Beredsamkeit, ihre Theorie und praktische Bewährung, Tübingen 1992.

[9] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[10] Quintilian III, 5, 1.

[11] ebd. IX, 4, 3.

[12] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[13] G. Marzot: L’ingegno e il genio del Seicento (Florenz 1944); K.-P. Lange: Theoretiker des lit. Manierismus. Tesauros und Pellegrinis Lehre der ‹acutezza› oder von der Macht der Sprache (1968).

[14] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.