Niveau der Textgestaltung

Demetrios

Im Gegensatz zu der in der Antike üblichen Dreistillehre kreierte ein gewisser, bis heute nicht identifizierter Demetrios im ersten Jahrhundert vor Christus ein System mit vier Charakteren: einem großartigen/erhabenen (charakter megaloprepes), einen schlichten/einfachen (charakter ischnos), einen eleganten/glatten (charakter glaphyros) und einen gewaltigen (charakter deinos).

Der großartige Stil zeichnet sich durch den Zusammenklang von Vokalen aus. Hierbei ist zu beachten, dass die wichtigsten Wörter am Ende des Satzes deutlich hervorgehoben werden sollen, die üblichen Regeln des schönen Sprechens, wie beispielsweise die Vermeidung des Hiats, sind daher zu missachten. Ebenfalls bezeichnend ist das Wahren des aptums und die spezifische Verfremdung, solange es nicht durch Übertreibung zu einer poetischen Sprache kommt.

Äußere Einfachheit der Mittel charakterisiert den schlichten Stil. Als oberstes Kriterium gilt das schnelle Verständnis. Demzufolge ist die Deutlichkeit von großer Bedeutung, erlangt soll diese durch eine eng am Sprachgebrauch orientierte Wortwahl werden.

Zwei Kennzeichen, die auf den eleganten oder auch glatten Stil hinweisen, sind Anmut  und Heiterkeit. Unter ersterem versteht man die genaue Bearbeitung sprachlicher Mittel unter zweiterem eine witzige, urbane Ausdrucksweise. Dieser Charakter soll bei den Rezipienten eine heitere Stimmung hervorrufen, selbst wenn die Handlung Schreckliches beinhaltet. Im Gegensatz zu den übrigen ist bei diesem Charakter die Analogie zwischen Inhalt (res) und Worten (verba) also nicht gegeben.

Als vierten und letzten gibt es noch den gewaltigen Charakter, beziehungsweise den der Eindringlichkeit. Ihn kennzeichnen kurze Sätze und knappe Dikta. Eine zu übertriebene Verknappung ist allerdings zu vermeiden, da sonst der Eindruck von Zusammenhangslosigkeit entsteht.

Erwecken die vier Stile im ersten Moment den Eindruck eines unabhängigen Nebeneinanders, so ist es dennoch möglich sie auf bestimmte Weise zu mischen: Der Orator kann den einfachen Stil mit dem eleganten oder gewaltigen verwenden, sowie den eleganten mit dem großartigen. Eine Mischung aus einfachem Charakter und großartigem ist jedoch nicht möglich, genauso wie der gleichzeitige Gebrauch von gewaltigem und elegantem untersagt ist. [1]

Verweise

Dreistillehre

aptum

Vera Eßl

Hermogenes

Hermogenes legt lediglich sieben Ideen zugrunde, im Gegensatz zu den zwölf des Ps.-Aristeides. Doch durch eine Ausdifferenzierung dieser sieben, erreicht er schlussendlich eine weit höhere Ideenanzahl. Seine sieben Grundideen sind:

 

  • Genauigkeit (sapheneia)
  • Größe (megethos)
  • Schönheit (kallos)
  • Vehemenz (gorgotes)

 

  • Charakter (ethos)
  • Wahrheit (aletheia)
  • Gewaltigkeit (deinotes)

 

Des Weiteren transportiert Hermogenes in seine Ideenlehre vollständig Dionysios von Halikarnass stiltheoretischen Schriften. Des Weiteren wählt Hermogenes für seine Theorie bewusst eine rationale Basis. Dadurch kann mangelnde Begabung einzelner Rhetorik Lernender rational kompensiert werden mit Hilfe der Technik der Nachahmung.

Sarah Grabler

Cicero: Orator

Cicero steht ebenfalls in der aristotelischen Tradition der drei Stilebenen. Er behandelt in diesem Dialog die Stilfrage im Lichte der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Attizismus und Asianismus und sieht sie im Zusammenhang mit den officia oratoris (docere, delectare movere). So dient das genus subtile der Unterweisung (in docendo), das genus modicum der Unterhaltung (in delectando) und das genus vehemens der affektivischen Beeinflussung (in flectendo; entspricht dem movere). Für den Redner kommt es im konkreten Fall darauf an, Situation, Gegenstand der Rede und Erwartungen seiner Zuhörer richtig einzuschätzen. Der einfache Stil wird weitgehend mit dem attizistischen Stil gleichgesetzt, ohne dadurch allerdings abgewertet zu werden. Denn für Cicero ist klar, dass auch einfaches Sprechen eine rhetorische Leistung ist, und spricht in diesem Zusammenhang in Form einex Oxymorons von neglegentia diligens (sorgfältige Sorglosigkeit). Aber auch im einfachen Stil sind tropische Ausdrücke, Metaphern und sogar Witze erlaubt, allerdings stets sparsam angewandt. Dabei kann Cicero auf typische Vertreter des attizistischen Stils verweisen, wie z.B. auf Lysias oder Demosthenes. Der mittlere Stil wird duch die Steigerung aller bisherigen Stilmittel charakterisiert. Dabei spielen sogenannte Übertragungen eine wichtige Rolle, von denen Cicero transferre [Katachrese] und mutare [Metonymie] unterscheidet. Im ersten Fall wird auf die Ähnlichkeit (similitudo) abgestellt, Cicero empfiehlt diesen mittleren Stil im besonderen für die philosophischen Diskurs. Das genus grande verlangt vom Redner die größte Leistung und hat zugleich auf die Rezipienten die höchste Wirkung (im Sinne von movere). In diesem Stil ist der Einsatz affektivischer Mittel besonders wichtig, allerdings ebenfalls wiederum vom analogen Gemütszustand des Publikums abhängig. Aus der Verknüpfung von Redegenera und officia oratoris ergibt sich für Cicero, dass der orator perfectus jener ist, der alle drei Stilarten beherrscht.

Verweise: Katachrese; Metonymie

J.J. Hagen

Rhetoric ad Herennium

Diese Schrift wurde ursprünglich unter dem Namen Ciceros überliefert; inzwischen ist man sich jedoch sicher, dass dies nicht zutrifft. Da man den wahren Autor nicht ermitteln kann, benennt man üblicherweise die Schrift nach dem Namen der Person, welcher sie gewidmet ist, also als „Auctor ad Herennium“ oder als Rhetorica ad Herennium.

Dieser (unbekannte) Autor unterscheidet ganz im Sinne der traditionellen Dreistil-Lehre zwischen figura gravis (schwerer Stil),  figura mediocris (mittlerer Stil) und figura attenuata (einfacher Stil). Die einzelnen Stile werden durch Beispiele illustriert: Der schwere Stil bedient sich besonderer Ausdrücke, und zwar in ihrer eigentlichen oder ihrer übertragenen Bedeutung, außerdem kommen Sentenzen zum Einsatz. Im mittleren Stilbereich werden diese sprachlichen Mittel auf ein Mittelmaß und im einfachen Stil noch weiter reduziert; die Grenze bildet dabei die latinitas (Sprachrichtigkeit).

Zu allen Stilarten gibt es Entartungen, so etwa wenn der schwere Stil zum „aufgeblasenen“ (sufflatus) Stil wird, oder beim mittleren Stil, wenn die einzelnen Satzteile unverbunden nebeneinander stehen, oder beim einfachen Stil, wenn dieser sozusagen austrocknet (aridum et exsangue genus). Die verschiedenen Stilniveaus, die als figurae bezeichnet werden, können und sollen nach dem Grundsatz der varietas in der einzelnen Rede abwechselnd gebraucht werden.

J.J. Hagen

Dionysios von Halikarnassos

Dionysios (54 v. Chr – 8 n. Chr.) klassifiziert Lysias und Thukydides als diametral entgegengesetzte Autoren an. In der Mitte zwischen deren beiden extremen Stilen ordnet er einen weiteren an. Charakteristika des dem Thukydides, wie auch dem Gorgias zugeordneten aufwendigen Stils sind vor allem eine Abweichung vom normalen Sprachgebrauch sowie viel Wortschmuck. Die Sprache des Lysias hingegen ist schlicht und ungekünstelt, an der alltäglichen Rede des Menschen orientiert. Diese beiden unterschiedlichen Wirkungsweisen werden auf die Begriffe Pathos bei Thukydides und Ethos bei Lysias gebracht. Den dazwischen liegenden mittleren Stil verkörpert der Sophist Thrasymachos von Chalkedon, von dem wir leider nichts überliefert haben (Demosthenes). Rezipientenorientiert ist die Anmut, die Gefälligkeit und auch die Schlichtheit. Entscheidend für die Stiltheorie des Dionysios ist die Auseinandersetzung mit Vorbildern  und der Wetteifer.  Beide Begriffe zusammen erklären das Vorgehen, aus mustergültigen Werken Merkmale herauszuarbeiten und daraus dann die Tugend der Stilistik und optimierter Reden zu formulieren.

Gernot Heinrich

Quintilian

Quintilian (35 – 96 n. Chr. war ein römischer Rhetoriklehrer. Er gibt an, dass Cicero zu seinen Lebzeiten von den Attizisten wegen seines, ihrer Meinung nach nicht rein attischen Redestils angegriffen wurde. Ferner sei der schriftliche Teil komplecer als der mündliche Teil. Schriftlicher Teil darf aber dennoch nicht zu weit entfernt vom mündlichen sein. Viele Redner seien nur durch ihre schriftlichen Reden bekannt und überliefert worden, ihre Reden quasi monumenta orationis habitae. Hinsichtlich der Dreistillehre lehnt er sich an die von Cicero eingeführte Konvergenz der officia oratoris  (Aufgaben des Redners) und der tria genera orationis (drei Arten der Rede) an. Er ordnet dem homerischen Helden Menelaos das genus subtile, dem Nestor das genus medium und dem Odysseus das genus grande zu, wobei er das genus grande für das Erfolg versprechendste hält. Der Stil solle jedoch nach Situation und Sachlage angewendet werden.  Neben den drei Hauptstilen gäbe es ferner unzählige von Mischformen. Als wie gelungen eine Rede empfunden werde, läge auch an den Kenntnissen von Vergleichbarem, so dass eine weniger gelungene Rede als gelungen empfunden werden kann, wenn die Rezipient noch keine eines versierten Redners gehört hätte.

Gernot Heinrich

Ps.-Longin

Bei Ps.-Longins Lehre vom Hypsos handelt es sich um ein ästhetisches Konzept sui generis, das sich weder in die Stiltheorie der Antike als Redestil, noch als Idee integrieren lässt. Inhaltlich beschäftigt sich die Lehre mit dem „Erhabenen“. Dieses erhabene Sprechen, das die Zuhörenden in eine Ekstase versetzt, ist nicht jedem/jeder zu jederzeit möglich. Sondern es handelt sich dabei um eine Ausnahmeerscheinung, die ebenfalls nur von Ausnahmennaturen

herbeigeführt werden kann.

Sarah Grabler

Aristeides: Über die politische Rede

Von vielen Sophisten wird Aelius Aristeides, der im 2.Jhdt n.Chr. in Rom wirkte, eine rhetorische Techne über die politische Rede, bestehend aus zwei Büchern, zugeschrieben. Das erste Buch behandelt die Stilistik einer politischen Rede, wobei der genus causae als eine beratende Rede zu verstehen ist. Abseits der Hauptstile werden dabei Stilphänomene beschrieben und bewertet. Im Hinblick auf den Inhalt, die Figuration und die sprachlichen Ausdrucksform werden im Traktat (2. Buch) 14 Ideen der Stile behandelt. Diese 14 Ideen erfüllen, der Konzeption der  genera discendi folgend, die Merkmale der einzelnen Stile und entwickeln sich zu eigenständigen Konstituenten. Zum Zwecke höherer Variabilität in Beschreibung und Nachahmung werden dabei den Rhetorikschülern mit den 14 Ideen der Stile konkrete Textbausteine am Beispiel des Musterautors Demosthenes vermittelt. In den Paragraphen 2 bis 34 behandelt Aristeides die Wichtigkeit der Lexis (Sprache) und betont dabei die Bedeutung einzelner Worte und Begrifflichkeiten. In den folgenden Paragraphen 89 bis 108 erfolgt ein Blick zurück zu Aristoteles und dem rhetoriktheoretischen Begriff der Glaubwürdigkeit sowie den möglichen Formulierungen um Vertrauen in der Zuhörerschaft zu erwecken. Die folgenden zwei Abschnitte behandeln die Ideen der Emphase, der Heftigkeit und der Harschheit. Aggressive Ausdrucksformen, die sich der Repetitio, der Tatologie (Wiederholung) und der commoratio una in re (inhaltliche Wiederholung) widmen werden dem Erfolg und der Überzeugungskraft einer Rede vorausgesetzt. Zudem sind die Heftigkeit einer Rede, mit dem Mittel der Übertreibung, und das Erwecken eines wohlvorbereiteten Redners einem rhetorischen Erfolg sehr zuträglich.

Im zweiten Buch des Aristeides wird im Traktat auf das Stilmittel der Einfachheit näher eingegangen. Als wichtigster Referenzautor wird dabei Xenophon genannt, an Hand dessen wird die Apheleia (Einfachheit) der politischen Sprache gegenübergestellt wird. Darüber hinaus wird auch auf den Sprachrhythmus eingegangen, welcher nicht nur höchste Einfachheit produzieren soll sondern auch beruhigend auf die Zuhörerschaft wirken soll.

Maier Dominic

[1] Thomas Schirren: Niveau der Textgestaltung. In: Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung. Hg. Ulla Fix, Andreas Gardt, Joachim Knape. Berlin, S. 1428-1434.

 

Quelle

Thomas Schirren, Rhetorik und Stilistik, Berlin.

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