Ars

Griechisch: τέχνη; téchnē. Zu Deutsch ist unter dem Begriff der ars die „Kunst, Kunstlehre“ zu verstehen. Die ars bezeichnet jenes Können, das durch die Ausbildung von Fähigkeiten entstanden ist. Dieses Können dient der Verwirklichung eines Zwecks. Es handelt sich also um ein lehrbares Können bzw. eine Kunst im technisch-handwerklichen Sinn. Der Begriff ars meint sowohl das Lehrbuch, als auch die Kunstlehre. Ausgenommen ist jedoch das, durch die Kunst entstehende, Produkt, sowohl in der griechisch-lateinischen Literatur als auch in dem aus ihr entstandenen europäischen Humanismus.[1] Dieser ars-Begriff soll nicht mit dem der Ästhetik verwechselt werden, der seit der zweiten Hälfte des 18. Jh. unter ars auch das Produkt des schöpferischen Prozesses versteht.[2]

Aristoteles unterschied in seiner Wissenschaftslehre zwischen drei Arten von Können: 1) das hervorbringende (poietische) Können aus einem Stoff[3] 2) das handelnde (praktische) Können in Situationen 3) das betrachtende (theoretische) Können[4] . Dieses theoretische Können wird mit der Wissenschaft gleichgesetzt. Als Gegensatz zur ars lässt sich die natura (Naturzustand, Naturwüchsigkeit) sehen. Durch die ars baut auf der natura auf und entwickelt sie weiter. Die ars fördert somit besonders das ingenium (Talent).[5]

Quintilian gliedert die Rhetorik in Kunst (Lehrfach), KünstlerIn (RednerIn), Kunstwerk (die gute Rede).[6] Cicero möchte sich in jungen Jahren nicht darauf festlegen, ob eine gute Redefähigkeit sich nun aus einer Neigung/Interesse (studium), einer Kunst (ars), einer Naturanlage (natura profecta) oder der Übung (exercitatio) entsteht.[7] Des Weiteren macht Cicero eine Unterscheidung zwischen den Arten der Rede (Beratungsrede, Festrede, Gerichtsrede) sowie ihren Bearbeitungsstadien, bzw. zwischen materia sowie partes artis.[8]

Das römische Bildungssystem teilte die ars in sieben freie Künste (septem artes liberales) ein.[9] Diese blieben im lateinischsprachigen Westen über das Ende des römischen Reiches sowie des Altertums hinweg erhalten. Die artes weiter zu pflegen und auszuarbeiten wurde zur allein die Aufgabe der Kirche. Diese vermittelte den germanischen Völkern ihre Lehre und die antike Sprache als das neue Weltbild.[10] Im Mittelalter fand eine weitere Aufteilung der ars der Rhetorik statt. Mit dem 16. Jh. ging die Verbindlichkeit der artes lierales verloren. Die bildenden Künste ersetzten sie schließlich im Zuge der Aufklärung.[11] Im 18. Jh. kommt im Zuge der Genieästhetik ein neues Natürlichkeitsideal auf. Nun verschwindet der Kunstcharakter von Schönem und stattdessen soll die Kunst eine zweite natura schaffen.[12]

Sarah Grabler

 

[1] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[2] ebd.

[3] Aristoteles EN 1140a 4; vgl. dazu: E.M. Cope, An Introduction to Aristotle’s Rhetoric, London/Cambridge 1867; ND 1970.

[4] Aristoteles, Metaphysik E 1.

[5] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[6] Quintilian II, 14, 5.

[7] Cicero, de inventione. I, 6.2.

[8] ebd. I, 9.7.

[9] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[10] J. Dolch, Lehrplan des Abendlandes, 3. Aufl. Ratingen 1971.

[11] G. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Tübingen 1992.

[12] Kant, Kritik der Urteilskraft, Königsberg 1790, 1793 § 45.