Attizismus

Beim Attizismus handelt es sich in der antiken Rhetorik um eine konservative, dem Ideal der Schlichtheit zuneigende Stilrichtung. Er ist aus einer bewundernden Rückbesinnung (imitatio veterum) auf die Redner und Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts in Athen (z.B. Demosthenes, oder Thukydides) und ihren schlichten, klaren und bündigen Stil (genus humile) entstanden.

Diesem Stilideal wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. der aus den griechischen Städten Kleinasiens stammende Asianismus entgegengesetzt.[1] Der nach der römischen Provinz Asia benannte Asianismus galt als hochgestochen, schwülstig und pathetisch. Zur Illustration sei auf die beiden Reden verwiesen, die William Shakespeare Brutus einerseits und Antonius andererseits im Drama Julius Caesar halten lässt. Nach Curtius [2] handelt es sich dabei um die „erste Form des europäischen Manierismus“.

Man kann Attizismus und Asianismus als (konkurrierende) „Epochenstile“ betrachten, deren Auseinandersetzung die späte römische Republik und sowie die frühe Kaiserzeit beherrschte.

Der Attizismus ist gekennzeichnet durch eine sprachlich-stilistische Anlehnung an die als vorbildhaft empfundenen attischen Redner des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. Die Vertreter dieser Richtung (in Rom sind dies in erster Linie Brutus und Calvus) leugnen die Notwendigkeit eines situationsangemessenen Stilpluralismus und fordern die alleinige Verwendung des schlichten Stils (genus humile), der sich durch übersichtlich gebaute Perioden so wie eine rigide Beschränkung des Wortschatzes auszeichnet. Die Verwendung des Ausdrucks ‚Attizismus‘ ist in der Antike nur vereinzelt belegt, so etwa bei Alkiphron [3] oder bei Cicero in einem Brief an Atticus[4] ; im Übrigen ist von atticum genus oder von stilus atticus die Rede.[5]

Asianismus als Bezeichnung einer schwülstigen Rede- und Schreibart wird stets in Korrelation mit Attizismus verwendet. Als Begründer dieses Stils gilt Hegesias von Magnesia[6] , der indes von allen späteren Autoren negativ beurteilt wurde.[7]

Cicero, von seinen Kritikern häufig als Asianist bezeichnet,[8] nimmt eine vermittelnde und differenzierende Stellung ein. Er unterscheidet zwischen einer sentenzenreichen und scharfsinnigen (sententiosum et argutum genus) und einer schmuckvollen und leidenschaftlichen Variante (volucre atque incitatum genus).[9]

Vielfach wird auch ein zwischen Attizismus und Asianismus vermittelndes genus Rhodium angenommen. [10]

Johann J.Hagen

[1] Müller (2009) 1274

[2] (1993) 76

[3] Epistulae 2. 4 [τὸν ἐπιχώριον ἀττικισμόν]

[4] 4, 19 „ille [= Vestorius] Latinus ἀττικισμὸς“

[5] Cicero, Brutus 82 (284)

[6] Strabo Geographica 14. 648

[7] Z.B. von Dionysios v. Halikarrnass, De compositione verborum 4. 15ff.

[8] vgl. Tacitus, Dialogus de Oratoribus, 18; dazu Hendrickson (1926) 234-258

[9] Brutus 95 (325)

[10] Quintilian 12, 10, 18