Titel und Abstracts der Sa|tü|r 2016

Satür 2016 – Abstracts der Vorträge

(in alphabetischer Reihenfolge der Vortragenden)

Sine Carlsen, Roskilde

Showtime! Inszenierung als Höhepunkt des Rhetorikunterrichts

Der Saal ist vollgestopft, einige Studenten sitzen auch auf der Treppe. Ganz vorne sind etwa 15 Rhetorikstudenten, die bald auf der Bühne stehen werden, um Reden oder Erzählungen vorzutragen.

Die Kommunikationsstudenten der Roskilde Universität fangen mit zwei intensiven Workshops an. Jeden Tag für drei Wochen lang arbeiten sie in Gruppen von etwa 15 Teilnehmern, um unterschiedliche Produkte zu entwickeln. Zum Beispiel Plakate, Videofilme, Podcasts, Dialogspiele oder Brettspiele mit pädagogischen Absichten… In den Rhetorikworkshops wird Rhetorik in Theorie und Praxis erarbeitet, werden Reden entwickelt, geübt und gehalten. Oft entsteht in diesen Workshops eine ganz außergewöhnliche Lerngemeinschaft. Es steht ja etwas auf dem Spiel: Showtime!

Die drei Wochen werden immer mit einem „Showtime“ beendet, in dem alle Studenten sich treffen, um vorzuzeigen, was sie in den Letzen drei Wochen produziert haben. Die Rhetorikstudenten werden dann vor etwa 140-150 Mitstudenten stehen, um Reden zu halten. Meistens zum ersten Mal in ihrem Leben. In meinem Vortrag werde ich über diese Workshops mit konkreten Beispielen und Lernprozessen berichten.

 

Gabriele Danninger, Salzburg

Lehrerinnen und Lehrer sprechen und wirken. Systemische Rhetorik als Inszenierung von Unterricht

Lehrerinnen und Lehrer gestalten wirkungsvolle Kommunikationsschauplätze im Unterricht um effektive Lehr- und Lernprozesse anzuregen. Die rhetorische Praxis wird bewusst gestaltet und in Erklärung, Erarbeitung und Anleitung umgesetzt. Mit rhetorischen Mitteln wird das Klassenzimmer zur Bühne und in der Inszenierung der eigenen Person rufen die Akteurinnen und Akteure im interaktiven Raum eine konkrete Wirkung hervor. Dabei ist das Vorgehen ziel- und auftragsorientiert ausgerichtet. Unterrichtsprinzipien werden eingehalten und Kompetenzorientierung wird angestrebt, um die vorgegebenen Unterrichtsziele der Curricula miteinander zu erreichen. Die Haltung der Lehrenden gegenüber Schülerinnen und Schülern bestimmt das rhetorische bzw. kommunikative Verhalten und die systemische Sichtweise im Unterricht erweitert den Fokus auf Zusammenhänge und Wechselwirkungen. In dieser Betrachtung soll vor allem die systemische Rhetorik fokussiert und insbesondere die „systemische Haltung“, eine spezielle Inszenierung in der Interaktion, diskutiert werden.

 Frank Dürr, Tübingen

Wie überzeugt eine Ausstellung? Der ‚Gedankenscherz‘ Leibniz‘ und die Rhetorik der Inszenierung

Theatralische, spielerische, fast burlesk laute Inszenierungen wie man sie sonst nur aus Vergnügungsparks kennt, färben immer mehr auf die heutigen Ausstellungen ab. Es scheint, als sei der Gedankenscherz von Gottfried Wilhelm Leibniz, der Theater und Ausstellung sich verschmelzen sah, in Erfüllung gegangen. Dabei formt die Rhetorik der Inszenierung nach Leibniz ein beeindruckendes Erlebnis und gleichzeitig ein sinnreiches Instrument für die Vermittlung von Wissen. Die kuratorische Strategie zeigt sich dabei einerseits in der Objektauswahl und der bewussten räumlichen Setzung des Exponats. Andererseits wird die kuratorische Wirkungsabsicht durch inszenatorische Mittel verstärkt, welche wiederum konkreten rhetorischen Figuren zugeordnet werden können.

Diese Ausstellungsrhetorik lässt sich in textuelle, objektkombinatorische und szenografische Mittel aufgliedern und anhand der Leibniz’schen Ideen und aktueller Ausstellungsexperimente des Humboldt Lab Berlin exemplifizieren.

Der Vortrag wird sich in drei thematischen Bereichen verorten lassen: Rhetorische Momente in der Inszenierung: Theater, Oper, Film, Tanz oder Szene (im weitesten Sinne) als Ort rhetorischer Strategien oder Inszenierende Rhetorik: Die Rhetorik als Mittel und Prozess in Inszenierung aller Art.

 Arno Dusini, Wien

Schiller inszeniert Rhetorik. Zum Streitgespräch in ‚Maria Stuart‘

Noch bevor der Schimpfname ‚Bastard‘ Elisabeth schließlich dazu bewegt, Marias Todesurteil mit ihrem Namen zu unterschreiben (ihren königlichen Namen also wieder einzusetzen), kommt es nicht nur zum vielleicht berühmtesten Streitgespräch, sondern auch zu einer der rhetorisch anspruchs-vollsten Szenen der deutschen Literaturgeschichte. Rhetorisch ist die Szene indes nicht zu Ende zu denken: technisches Glanzstück, lässt sie sich – bestärkt durch den Gang der Handlung – als eine Exposition des Rhetorischen per se begreifen. Das auf Sprachgewalt gegründete Regime des Rhetorischen wird jedoch durch Fragen nach dem Wie der Rede (im Grunde also genuin poetische Fragen) herausgefordert und letztendlich einer Krise ausgesetzt, in der das Rhetorische seine Fassung verliert.

 

Renske Ebbers/Anne Pretzsch, Hamburg

How our bodies are being told about love (Lecture Performance)

Die Performance hinterfragt, wie wir zuhören und erzählen, beobachten und zuschreiben. Wir hören gerne Geschichten über Liebe – schöne, standfeste Liebe, tödliche, romantische Liebe, die uns verbindet oder bricht. Vielleicht erzählen wir auch gerne von ihr, teilen diese eine Geschichte, die uns gelehrt hat, was für uns Liebe ist. Welche Liebe stellen wir uns vor, wenn wir andere beobachten? Welche Körper lieben wir und wen finden wir liebenswert, unserer Liebe sehr wert? Als wer werden wir geliebt und welche Ansprüche haben wir an uns selbst, um uns liebenswert zu fühlen? Wann sind wir gute Töchter, brave Enkel und Enkelinnen, starke Männer, wann sind wir sexy, liebevoll oder in einer glücklichen Beziehung? Was, wenn uns all das überfordert und wir trotzdem geliebt werden wollen? Wem schenken wir mit unserem Blick Liebe, wem Hass – und warum? In dieser Performance tauchen Anne Pretzsch und Renske Ebbers mit dem Publikum ein in einen berührenden Austausch von Zuhören und Erzählen, Beobachten und Zuschreiben. Durch narrative und körperliche Forschung setzen wir uns gemeinsam mit den Fragen auseinander: Wer bin ich und wie liebe ich und wie beeinflussen die Erzählungen und die Blicke anderer uns und unsere Körper?

Renske Ebbers/Anne Pretzsch, Hamburg

Talk to bodies, talking bodies (Workshop)

Wir werden hier mit den TeilnehmerInnen untersuchen, wie Körper Text generiert und verarbeitet, wie wir körperlich Wörter erfahren und verarbeiten. Unser Fokus liegt auf der Schnittstelle zwischen Erzählung und Beschreibung, Bewegung und (Selbst-)Inszenierung. Die TeilnehmerInnen werden mit ihren eigenen Körpern und eigenen Texten erfahren, was Wort für Körper bedeuten kann, wie sich Material generieren lässt, aber auch, wie es Gefühle in Körpern schürt wie Liebe oder Hass. Durch performative Mittel und die Abwechslung von Körper- und Textarbeit wird völlig neues Material entstehen. Der Workshop schärft das Verständnis und die Achtsamkeit für Körper und Wort, wird herausfordernd, aber körperlich auf keinem hohen Belastungsniveau. Wir werden verschiedene Methoden und Techniken anleiten und den TeilnehmerInnen Wege zeigen, Gedankenmaterial innovativ zu erlangen.

Pia Engel, Tübingen

Inszenierung als rhetorische Strategie im Dokumentarfilm. Von distanzierter Betrachtung zur Realitätsillusion

Inszenierung wird im Zusammenhang mit dem Dokumentarfilm häufig als Verzerrung der Realität angesehen, die den Film an Authentizität einbüßen lässt. Rhetorisch-theoretische Überlegungen zeigen jedoch, dass jeder Text das Ergebnis einer Verarbeitung durch einen Kommunikator ist, die notwendigerweise Komplexität reduziert. Hier wird Inszenierung als neutrale Verarbeitungsstrategie gefasst, der sich sowohl der Spielfilm als auch der Dokumentarfilm bedienen muss. Bereits Aristoteles stellt fest, dass die Art und Weise wie ein Text verarbeitet wird (ob in Versen oder Prosa) nichts mit seinem Gegenstand zu tun hat. In der Poetik unterscheidet er Dichtung von Geschichtsschreibung aufgrund ihrer Datenreferenz. Gegenstand der Kunst ist alles, was erdacht werden kann. Der Geschichtsschreiber hingegen muss das „wirklich Geschehene“ mitteilen. Dieses Material (sei es erdacht oder an die Realität gebunden) muss der strategische Kommunikator (Orator) zu einem Text verarbeiten. Die Inszenierung von dokumentarischem Material kann im Sinne des epischen Theaters nach Brecht stattfinden und Distanz vom Zuschauer fordern. Andere Inszenierungsstrategien kreieren eine Realitätsillusion, die dramatische Handlung zeigt, aber dokumentarischen Anspruch erhebt (sog. Reenactments). Bei letzterem wird durch die Dramatisierung die Faktengebundenheit des Dokumentarfilms in Frage gestellt. Der Vortrag untersucht an drei Beispielen die jeweilige Inszenierungsstrategie und wägt ihre Einsatzmöglichkeiten für den strategischen Filmemacher ab.

Tomma Galonska, München

Rhetorik im Widerstand. Oder: Freimütiges Nachdenken über das Inszenieren von Sprache in Kriegsstücken (Lecture Performance)

„Dein Vater schlug mir meinen, also stirb.“ Shakespeare, Heinrich VI

Reflektiert wird das In-Szene-Setzen von Texterbe, die theoretischen Ausführungen werden von Text-Körperchoreographien durchbrochen.

Kriegsstücke der klassischen und zeitgenössischen Literatur interessieren mich als Sprachmonumente und Indoktrinationen, in die wir eingebunden sind. (Herangezogene Textbeispiele: Aischylos: Die Perser, Shakespeare: Heinrich VI, Jelinek: Bambiland.) Grundthese meiner ‚Rhetorik im Widerstand‘: Raum schaffen für sprachliche Gewaltformeln, aber den Sätzen ihre Träger verweigern, der Sprache ihre Subjekte nehmen. Rekonstruiert werden nur noch Sätze, die konstitutiv für die Figuren (uns) gewesen sind. Dazu agieren Körper und Sprache nicht im gewohnten Koordinatensystem und hebeln so die Inhalte dialektisch aus.

Ein Versuch über das ‚In-Takt-Sein‘ der Gewalt-Gegengewalt-Kette, der auch die kritische Darstellung nicht entkommt. Mein Ansatz: Auf die Bühne gehen und – symbolisch – aus dem Spiel aussteigen.

Motto: Stell dir vor, ein Kriegsstück wird aufgeführt, aber keiner spielt es.

Ruth Gutmann-Beisteiner, Salzburg

Spannend wie ein Film – Die Inszenierung einer Rede im Wirtschaftsleben

Inwieweit ist eine Rede eine schauspielerische Aktion? Setzt der Hauptdarsteller seine gesamte Physis bewusst ein? Wieviel künstlerische Gestaltungsfähigkeit wird ihm abverlangt? Welche Bedeutung hat das Drehbuch? Die Antworten liegen in den Ressourcen, die dem Redner zur Verfügung stehen. Diese wiederum hängen von den Rahmenbedingungen und noch viel mehr von der Person des Redners ab.

Ein Erfahrungsbericht bezogen auf die Rhetorik in der Wirtschaft aus der Sicht einer Kommunikationstrainerin.

Nicole Haitzinger, Salzburg

Der rhetorische Körper: Zur Inszenierung von tragischen Figuren in den szenischen Künsten des 18. Jhdts.

In der Modellierung von tragischen Figuren im 18. Jahrhundert manifestiert sich die Trias Maschinenglaube, Antikensehnsucht und die Seelenformung unmittelbar körperlich. Im Theater und im Tanz wird die Kunstfigur Mensch in dreifacher Weise perspektiviert und konstruiert: als Maschine, als Skulptur wie als Sinneskörper. In einem übergeordneten Sinn geht es um einen großangelegten Versuch der Herstellung von Illusion über Körperlichkeit. Die Erscheinung des Körpers als rhetorische Figur (eloquentia corporis) bestimmt den Diskurs, doch konkrete Techniken zur Pathosdarstellung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelten heute als verschüttetes Wissen. Eine Ausnahme aus dem frühen 18. Jahrhundert ist die Dissertatio de actione scenica (Abhandlung über die Schauspielkunst) des Jesuiten Franciscus Lang (1727), die eine Sammlung von theatralischen Rhetorikübungen darstellt und als Engführung von Rhetorik und Schauspielkunst im Sinne eines theatrum mundi gilt. Auf Basis einer vertieften Quintilian‐Rezeption und mit Referenz zur römischen Bildhauerkunst entwickelt Lang ein differenziertes Posen‐Repertoire, das im Vortrag in Hinblick auf die Modellierung des tragischen Körpers in den szenischen Künsten vorgestellt werden soll.

Herbert Kapplmüller, München/Berlin

Exaltationen

ICH und ICH, auf ein- und derselben Spielkarte, zeichnen die weltweit praktizierte Tradition des theatralen Vortrags von Bildergeschichten mit Blick auf die Darstellung der Welt, als sei der Betrachter ein Zyklop mit feststehendem Auge.

ICH: Der Systemraum, teilweise mit Hilfe der camera obscura, ermöglicht ein neues wissenschaftliches Kennzeichnen der Genauigkeit – die Phantasie ist ausgeschaltet.

ICH: Das Bewusstsein wurde (und wird) zu einem Aufnahmeapparat umgestaltet – der Systemraum beseitigt die schöpferische Freiheit in der Wahrnehmung und in der Darstellung.

ICH: Dreihundert Jahre später hielt die Maschine in vollkommener Gestalt Einzug in der Erfindung der Fotografie.

ICH: Fotos haben zwar Ähnlichkeiten mit perspektivischen Zeichnungen, die Fotografie aber ist ein Element eines homogenen Territoriums des Konsums und der Verbreitung, auf dem der Betrachter angeordnet wird.

ICH: War es die Vorstellungskraft, die die Maschine in ihren Dienst nahm und nicht die Maschine, die die Vorstellungkraft vertrieb?

ICH: Der Betrachter wird auf schnelles Sehen und auf gieriges Reagieren/Konsumieren eingestellt.

Walther Kindt, Bielefeld

Der maieutische Dialog als rhetorische Inszenierung

In dem Beitrag soll exemplarisch demonstriert werden, inwiefern Platons sokratische Dialoge aufgrund bestimmter Strategien eine inszenierte Kommunikation bilden. Als instruktives Beispiel wird ein viel diskutierter Teildialog aus dem „Menon“ gewählt. Dort versucht Sokrates, Menon zu beweisen, dass selbst ein zufällig ausgesuchter ungebildeter Sklave zu korrekten geometrischen Erkenntnissen gelangen kann, die er deshalb bereits in seiner präexistenten Seele besessen zu haben scheint. Konkret geht es in dem Teildialog darum, dass der Sklave für ein Quadrat Q mit einer vorgegebenen Seitenlänge angeblich selbständig und nur aufgrund der Fragen von Sokrates herausfinden soll, wie groß die Seitenlänge eines Quadrats sein muss, dessen Flächeninhalt doppelt so groß wie der von Q ist. Einerseits zeigt sich, dass entgegen der Darstellung von Sokrates bzw. Platon doch ein bestimmtes empirisches geometrisches Vorwissen des Sklaven als Ausgangspunkt der Argumentation vorausgesetzt wird. Andererseits lassen sich verschiedene rhetorische Strategien identifizieren, die Sokrates einsetzt, um den Erkenntnisprozess des Sklaven zu steuern und so das gewünschte Ergebnis zu erreichen.

Joachim Knape, Tübingen

Inszenierung als theoretisches Problem (Abendvortrag)

Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich das Phänomen ‘Inszenierung’ theoretisch beschreiben und einordnen lässt. Damit soll Abschied von einem umgangssprachlichen Verständnis von Inszenierung genommen und wenigstens im Ansatz versucht werden, ein terminologisches Begriffsverständnis im Rahmen der Rhetorik als Kommunikationswissenschaft auszuarbeiten.

Olaf Kramer, Tübingen

TED-Talk, Slam und Science Notes – Techniken zur Inszenierung öffentlicher Rede im Wandel

In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Formen öffentlicher Rede entstanden. TED Talks und Science Slams etwa sind Beispiele für neue Formate, die Informationen und aktuelle Forschung in der Öffentlichkeit rednerisch zugänglich machen, auch die in Tübingen entwickelten Science Notes gehen in diese Richtung. Dabei setzen die neu entstandenen Formate gezielt Social Media und das Internet ein, um über die unmittelbar anwesenden Zuhörer hinaus einen größeren Kreis von Adressaten zu erreichen. Im Vortrag werden ich verschiedene neue Redeformate analysieren und dabei vor allem die Inszenierungsstrategien untersuchen, die im Vorfeld der Veranstaltung, aber auch situativ und über Crossmedia-Strategien umgesetzt werden. Der Erfolg dieser Formate erweist sich dabei als das Ergebnis zielgerichteter Inszenierung von Anlass, Redner und Thema.

Gero Nievelstein/Frances Pappas, Salzburg

Musiktheater als soziales Werkzeug. Die Community-Oper ‚Noahs Flut‘ in Salzburg

Wie lässt sich der Begriff Theater angesichts der neuen Horizonte, die die Community-Art eröffnet, neu definieren? In einem Rückblick auf die Oper ‚Noahs Flut‘ von Benjamin Britten, die wir 2015 in Salzburg inszeniert haben, möchten wir zeigen, welche Möglichkeiten der Kommunikation sich ergeben, wenn man schon in der Vorbereitung eines Bühnenwerkes die Menschen, für die es gemacht wird, auch mit einbezieht. In einer besonderen Durchdringung von Mitwirkenden und Zuschauern wird die Idee des Theaters um neue Aspekte der Identifikation, Transparenz und kulturellen Bildung bereichert.

Sylvie Polz/Tomma Galonska, München

Zur Rhetorik der handelnden Sprache (Workshop)

Im Fokus steht die Beziehung zwischen Körper und handelnder Sprache. Ausgehend von Gesten, ‘die wir am Leib haben‘, beleuchten wir die rednerische Praxis von ihrer Physis her: Packen Sie die Zuhörer, während Sie die These darlegen, dabei Argumente elegant verknüpfen und auf etwas anspielen, um es im nächsten Satz vom Tisch zu fegen? All das sind bildliche Ausdrücke, die auf handelnde Bewegungsmuster verweisen, die der Stimmführung und dem Rededuktus zu Grunde liegen. Sie interessieren uns als Elemente der Performanz. Handelndes Sprechen wird im Sprachgestus sichtbar und kann umgekehrt durch die Arbeit mit Gestus und Stimme gesteuert werden. Diese Ebene hinter dem Redefluss zu erkennen, ist hilfreiches Werkzeug für die Erweiterung der eigenen rhetorischen Stilmittel, den Aufbau eines Spannungsbogens und nicht zuletzt für die Analyse einer Rede.

Wir geben Einblick in die Arbeitsweise und spielerische Angebote für die ‚Läuterung‘ des natürlichen Materials.

Bernd Rex, Stuttgart

Erzählen statt aufzählen … Storytelling als Quelle für mitreißende Reden?

Die Kunst des Geschichtenerzählens, die im Theater ein zentrales Element darstellt, soll im Hinblick auf ihre Nutzbarkeit im Vortrag untersucht werden. Dabei möchte ich weniger die Performanz als die Struktur des Erzählens in den Mittelpunkt stellen. Der Beitrag möchte einen Erfahrungsbericht bieten, in dem ich meine eigenen Methoden in der universitären Lehre und im Coaching miteinander vergleichen und zur Diskussion stellen möchte.

 

Juliane Rink, Tübingen

Die Welt gestalten – Brecht als Rhetoriker

Brecht fasziniert und polarisiert von je her mit seinem epischen Theater. Doch kann er auch für die Rhetorik fruchtbare Erkenntnisse liefern? Dieser Vortrag antwortet mit einem entschiedenen: Unbedingt!

Anhand Brechts später Theatertheorie soll die Rhetorizität seines dramatischen Konzeptes nachgewiesen werden. Neben grundlegenden Gedanken werden einzelne Aspekte, wie der Verfremdungseffekt und das Arbeiten mit Emotionen, in der Umsetzung Brechts herausgestellt und auf ihren rhetorischen Charakter untersucht. Im Anschluss daran soll im Plenum die Frage diskutiert werden, wie Brecht es schafft, durch die Besetzung mehrerer Oratoren-Rollen (Autor, Intendant, Dramaturg, Regisseur), im künstlerischen Prozess sein Telos durchzusetzen und dabei kommunikative Wiederstände möglichst gering zu halten. Exemplarischer Untersuchungsgegenstand ist das Drama Der kaukasische Kreidekreis in einer Inszenierung Brechts von 1954.

Zentrale These des Vortrages: Nicht nur Brechts Theaterkonzept ist ein rhetorisches, sondern auch die dominante Besetzung der Oratoren-Rolle(n) im ‚hauseigenen‘ Theaterbetrieb legt nahe, dass Brecht Rhetoriker reinster Couleur ist.

Lisa Stumpfögger, München/Berlin

Inwendig-Auswendig. Geste und Gestus auf der Bühne des musikalischen Dramas

Ausgangspunkt der Überlegungen ist Richard Wagners theaterästhetisches Konzept des musikalischen Dramas als Gesamtkunstwerk aus Sprache, Musik und Szene. Die Gebärde und das Gestische sind das ‚connecting link‘ zwischen äußerer, sichtbarer Bühnenhandlung und der komplexen inneren Handlung, die sich mittels Gestik „szenisch verwirklicht“. Wagner sieht die Gestik der Sänger als „idealische Form des Tanzes“. Dies gilt es wörtlich zu nehmen. Übersetzt in die Kunst der Darstellung, der Inszenierung, bewegt sich der Körper des Schauspielers immer zugleich in der Spannung von reiner Präsenz und bedeutungsbefreitem Spiel, dem tänzerischem Aspekt der Geste und dem Als-ob der Geste, ihrer Bildseite und Kraft als „sprechende“ Geste.

Am Beispiel von Heinrich von Kleists Essay ‚Über das Marionettentheater‘, dessen theaterpraktische Bedeutung erläutert wird, soll die fatale Rolle des eingreifenden Bewusstseins in den natürlichen Ablauf einer Bewegung aufgezeigt werden; und in einem Streifzug durch Merleau-Pontys Überlegungen zur Eingetauchtheit des Bewusstseins in Sinnlichkeit, zum Phänomen der Wahrnehmung sowie zum Sichtbaren und Unsichtbaren werden nicht nur Fragen der Kunst berührt.

 

Gabriela Wacker, Tübingen

Inszenierte Rhetorik zwischen Pathos und Gelassenheit am Beispiel von Schillers Dramenfiguren

In Schillers Dramen finden sich nicht nur herausragende Höhepunkte einer glanzvollen Rhetorik, sondern es lässt sich auch ein Experimentierfeld zwischen einer pathetischen Rhetorik und einer zunächst gleichsam antirhetorisch anmutenden Figur der Gelassenheit und Apathie ermessen, die wiederum der Rhetorik zu ihrer dramatischen Darstellung bedarf. Maria Stuart beispielsweise ist eine exemplarische Figur, die einen extremen Wandel vom übersteigerten Pathos zur Apathie, genauer zur christlich-mystisch konnotierten Anaisthesis respektive Gelassenheit durchläuft. Im berühmten ‚Königinnen-Streitgespräch’ kritisiert Maria Elisabeths Apathie und redet sich jedoch gleichzeitig in Rage. Wenn Schillers Figuren sich im Pathos verlieren, verabschieden sie sich oftmals zunächst mithilfe einer pathetischen Rhetorik von ihrer Gelassenheit, so etwa Maria in Maria Stuart und Karl in den Räubern. Die pathetisch aufgeladene Rhetorik gerät dabei in Kollision mit der Schönheit und der Erhabenheit der Figuren. So gewinnt Maria ihre Schönheit dann zurück, als sie dem übersteigerten Pathos entsagt und den Habitus der Gelassenen wieder einnimmt, ja sogar zur Märtyrerin in der Nachfolge Christi stilisiert wird. Anstatt die Rhetorik mit ihrer Nähe zum Pathos zurückzulassen, wird diese Haltung der Gelassenheit und Erhabenheit der dramatischen Anlage entsprechend wiederum rhetorisch inszeniert. Schillers Aussage „Pathos muss da sein, damit das Vernunftwesen seine Unabhängigkeit kundtun und sich handelnd darstellen“ kann, lässt sich erweitern: Pathos und Rhetorik muss da sein, damit das Vernunftwesen seine Unabhängigkeit kundtun und sich handelnd darstellen kann. Während Lessing die Nähe der Gelassenheit und Besonnenheit zur Dramatik und Rhetorik problematisch einstuft, lässt sich bei Schiller eine Rhetorik der Gelassenheit im Spannungsbezug zum Pathos ermessen.