Archiv für den Tag: 14. Juni 2016

2011 Satuer Rhetorik und Stilistik-02

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Rhetorik und Stilistik

Die kommenden SATÜR wollen sich dem Thema „Rhetorik und Stilistik“
widmen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man einerseits angewandte
Rhetorik gerne mit der gelungenen, wo nicht geschliffenen Formulierung
assoziiert, andererseits aber „bloße Rhetorik“ als eine Methode versteht,
mangelnden Inhalt durch eine gefällige Form zu kaschieren. Mit barocker Rhetorik gar ist eine überbordende Form gemeint, die durch Schwulst gewichtigen Inhalt vortäuscht.

Vorträge Satür 2011

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Einen Zeitplan der beiden sa|tü|r-Tage finden Sie hier

Inhalt der Vorträge
(in alphabetischer Reihenfolge)
Übersicht
Baur, Alexander
Alles nur ein Witz!
Überlegungen zum Zusammenhang von Humor, Stil
und Rhetorik


Gianvittorio, Laura
Erzählen als rhetorisches Handeln

Gutmann-Jungwirth, Ruth
„Speaklimbic!“ Verändern Erkenntisse der
Hirnforschung die Arbeit des Rhetoriktrainers?


Helbig, Bert
Überzeugen in 60 Sekunden – Stilmittel aus der
Radiokommunikation im rhetorischen Alltag


Kirchner, Baldur
Captatio benevolentiae – Berühren mit dem Wort

Kirchner, Roderich
Cicero und der Irrsinn seiner Gegner

Knape, Joachim
Stil als Botschaft im Brief

Koch, Nadia
Stil in der Rede, Stil im Kunstwerk. Zu den
Wechselwirkungen zwischen rhetorischer und
künstlerischer Formensprache


König, Jan
»Der Stil überzeugt!« Die Überzeugungskraft
persönlichen Stils am Beispiel der Rede Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche im Jahr 1989 und der Rede des Marquis von Posa in Schillers Don Carlos.

Kramer, Olaf
Eine Frage des Stils? Erfolgsbedingungen politischer
Rede in der Mediendemokratie

Müller-Höcker, Katrin
Die Wirkungsmacht vokaler Sprechstile

Schild, Hans-Jochen
Sprache in Verhandlungen:
Stil und Logos als Funktion von Verhandlungsstrategien


Schönherr, Felix
„Produktdesign“ – Werberhetorische Funktionen der
Warenästhetik


Schulze, Jan Hennig
Stilfiguren als Interaktion rhetorischer Tugenden

Stölzgen, Karsten
Der vir bonus als Selfmademann. Die
Trainingsmethode von Dale Carnegie


Ulrich, Anne
Augenkitzel im Fernsehen. Was die Ästhetik der
Nachrichten über den ‘Charakter’ der
Benachrichtigungsinstanz verrät


Wendenburg, Ulrike
Karl-Theodor zu Guttenbergs rhetorische
Schadensbegrenzung


Wieser, Andreas
Narration als identitätsstiftende rhetorische Strategie

Zinsmaier, Thomas
Stilbruch – rhetorisch

Zohner, Dominikus
Rhetorik in der Gerichtsverhandlung
– vom sachlichen Stil zum emotionalen Ausdruck
Navigation
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Vorträge Satür 2011 – Seite 4

Schulze, Jan Hennig
Stilfiguren als Interaktion rhetorischer
Tugenden
Als übergeordnete Tugend fordert das aptum-Prinzip, die Stiltugenden wie perspicuitas, brevitas, latinitas in möglichst hohem Maße zu erfüllen. Diese Stilforderungen stehen jedoch in Konflikt zueinander. So erfüllen Kürzungsfiguren zwar das Gebot der
brevitas, kommen jedoch gleichzeitig dem Gebot der perspicuitas nicht in vollem Maße nach. Wiederholungsfiguren dagegen können die perspicuitas erhöhen, verstoßen aber gegen die Forderung nach brevitas. Grundlage für die
Bestimmung der optimalen Stilfigur im konkreten Einzelfall ist eine Hierarchie der Stilforderungen. Diese Hierarchie variiert je nach historischem und gesellschaftlichem Kontext sowie den formalen Rahmenbedingungen und den verfügbaren
Kommunikationsmedien. Die Rekonstruktion der Hierarchie und ihre heuristische Funktion wird an einzelnen Beispielen vorgeführt.
Stölzgen, Karsten
Der vir bonus als Selfmademann. Die
Trainingsmethode von Dale Carnegie
Dale Carnegie (1888-1955) ist einer der Pioniere des modernen Trainingswesens. Der von ihm entwickelte Dale-Carnegie-Course wird bis heute in unveränderter Grundkonzeption in über 75 Ländern erfolgreich angeboten. Die zugrunde liegende Methodik ist auf
den ersten Blick unrhetorisch: Carnegie setzt nicht vor allem auf technische Anweisung, sondern auf Veränderung der inneren Haltung. Mit Empfehlungen wie „Versuchen Sie aufrichtig die Dinge aus der Sicht des anderen zu sehen.“ oder „Sprechen Sie vor allem
von Dingen, die die anderen interessieren.“ werden die Teilnehmer ermuntert, Haltungen einzunehmen, die rhetorischen Erfolg in Rede und Gespräch wahrscheinlicher machen. In diesem Vortrag werden die Vorteile und Grenzen des Ansatzes diskutiert.
Ulrich, Anne
Augenkitzel im Fernsehen. Was die Ästhetik
der Nachrichten über den ‘Charakter’ der
Benachrichtigungsinstanz verrät
Das Fernsehen setzt gerne auf stilistische Effekte, um den Zuschauern so gefällig die Augen zu ‚kitzeln‘, dass sie fasziniert am Ball bleiben und ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Programm richten. Besonders in den
1990er Jahren schwebten und glänzten Logos und Key Visuals auf der televisuell endlos bespielbaren Bildschirmfläche nur so um die Wette. Was aber erscheint für ein seriöses Format wie die Fernsehnachrichten als stilistisch angemessen? Worin
liegen die rhetorischen Potentiale der Nachrichten- Ästhetik? Der Beitrag befasst sich mit den Formen und
Funktionsmöglichkeiten des aktuellen News Designs. Dabei stellt sich heraus, dass die stilistische Oberfläche besonders wichtig für die Charakterisierung der Benachrichtigungsinstanz ist und damit weniger der Information als vielmehr der Imagekonstruktion
dient.

Wendenburg, Ulrike

Karl-Theodor zu Guttenbergs rhetorische
Schadensbegrenzung

Der ehemalige deutsche Minister für Verteidigung Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz
Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist über seine plagiierte summa cum laude Dissertation
gestolpert. Auf Druck der Medien und der Öffentlichkeit nimmt er zu den „Plagiatsvorwürfen“ Stellung. Zwei
Wochen lang, bis in die letzten Worte seiner
Rücktrittsrede am 1. März 2011, inszeniert sich der christlich-konservative Shootingstar als Politiker tadelloser Sittlichkeit, der zwar Fehler in seiner Dissertation einräumt, sich jedoch keiner absichtlichen Täuschung bewusst ist.
Wieser, Andreas
Narration als identitätsstiftende rhetorische
Strategie
Seit den 1990er Jahren werden in Unternehmen, mittlerweile aber auch in der Politik und in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, Erzählungen
strategisch eingesetzt. Gegenwärtig wird diese
Methode überall dort verwendet, wo es um
Kommunikations- und Veränderungsprozesse geht. Wie aber müssen solche Erzählungen beschaffen sein, damit sie wirksam werden können? Im Beitrag soll das Storytelling aus einer rhetorischen Perspektive beleuchtet werden. Die narrative Methode
bedarf, so die These, einer rhetorischen Strategie, um aus Unternehmen, Produkten und Personen eine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit zu
machen, die Zielgruppen effizient und langfristig zu binden vermag.
Zinsmaier, Thomas
Stilbruch – rhetorisch
Seit der Emanzipation der Ästhetik von der Rhetorik ist der Stilbruch in den autonomen Künsten zum Stilprinzip avanciert. Wie aber steht es heute um den Stilbruch in der heteronomen, seit je lizenzarmen
Redekunst? Nach einem kurzen Überblick über
Konzepte und Präzepte des Stilbruchs in der
klassischen Rhetorik wendet sich der Vortrag der Frage zu, ob dieses vitium elocutionis unter
Umständen auch eine persuasive virtus sein kann, und wenn ja, welches ihre Gelingensbedingungen sind.
Zohner, Dominikus
Rhetorik in der Gerichtsverhandlung
– vom sachlichen Stil zum emotionalen
Ausdruck
Wer an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt, kann unterschiedliche Formen des sprachlichen Stils
erleben: Auf der einen Seite regelt die Prozessordnung einen strengen Ablauf des Verfahrens und stellt den sachlichen Vortrag in den Vordergrund. Auf der anderen Seite wollen die Parteien und ihre Anwälte Recht haben oder zumindest Recht bekommen: eine
spannungsgeladene Redesituation mit emotionalen Wortgefechten.
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Vorträge Satür 2011 – Seite 3

 

König, Jan
»Der Stil überzeugt!« Die Überzeugungskraft
persönlichen Stils am Beispiel der Rede
Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner
Frauenkirche im Jahr 1989 und der Rede des
Marquis von Posa in Schillers Don Carlos.
Stilistische Linguistik stellt sich in der Rhetorik vor allem immer dann als lohnenswertes Forschungsgebiet dar, wenn ein persönlicher Stil einen Kommunikationsakt beeinflusst und zur Überzeugung des Rezipienten entscheidend beiträgt. Die Ergebnisse, die hierzu aus Fallstudien gewonnen werden können, geben wertvolle Hinweise auf Ästhetik
und Verwendung von persönlichem Redestil in
Zusammenhang mit konkreten Redesituationen. Die analysierten Reden ermöglichen somit einen Rückschluss auf Formen, Beschaffenheit und Einfluss
von Stil als ein Überzeugung ermöglichendes oder Überzeugung maximierendes Wirkungselement von Rede.
Ein Problem persönlichen Stils ist die Gradwanderung zwischen Authentizität, Ehrlichkeit und emphatischer
Individualität auf der einen und unfreiwilliger Komik, Schwulst oder gar dilettantischer Peinlichkeit auf der anderen Seite, die natürlich auch durch die Darstellung
durch die Medien beeinflusst werden kann. Als ein wichtiges Indiz zur angemessenen Bewertung kann hier die unmittelbare Reaktion des Publikums gelten,
die die Überzeugungskraft einer Rede und eines bestimmten Stils reflektiert und kommentiert. In den beiden vorgestellten Reden, jener Helmut Kohls vor Ruine der Dresdner Frauenkirche aus dem Jahr
1989 und jener des Marquis von Posa aus Schillers Don Carlos, lassen sich persönliche Stilarten der Redner sehr genau bestimmen, die einzelnen Elemente destillieren und der Stil als überzeugendes Element der Reden beobachten. Die beiden Reden
können zudem aufzeigen, dass der persönliche Stil durchaus Risiken zur Fehlwirkung birgt, aber in Kombination mit einem bestimmten aptum das Erreichen eines bestimmten telos durchaus überhaupt erst möglich machen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich darüber hinaus typische Bestandteile persönlichen Stils definieren, die als
grundsätzliche Elemente einer wirksamen Rede zu betrachten sind und exemplarische Strategien für konkrete Kommunikationsanlässe bieten. Die präsentierten Ergebnisse sind ein Ausschnitt aus meiner Dissertation »Wie Reden gelingen oder misslingen können. Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag.«
Die Dissertation entstand am Fachbereich für
Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bern (Schweiz) und wurde von Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. h.c.
Ernest W. B. Hess- Lüttich betreut. Sie wird derzeit für die Publikation vorbereitet und wurde im September
2010 mit magna cum laude ausgezeichnet.
Olaf, Kramer
Eine Frage des Stils? Erfolgsbedingungen
politischer Rede in der Mediendemokratie
Die massenmediale Beobachtung von Politik hat die Rezeptionsbedingungen politischer Rede radikal verändert, in der Folge haben Politiker, Redenschreier, Kommunikationsberater den Stil politischer Reden angepasst. Zitierfähige sound bites sind an die Stelle differenzierter Argumentation und komplex strukturierter Reden getreten. Auf der Handlungsebene zählen eingängige symbolische Gesten, die brauchbares Material für die Medien liefern. Selbst die
Wahl der Themen und Botschaften folgt inzwischen oft
weniger politischen Anforderungen als rein
strategischen Überlegungen. Was aber zeichnet
symbolische Gesten und sound bites aus, die politisch erfolgreich sind? Wird der Stil des Redners wichtiger als der politische Gehalt seiner Handlungen? Solche
und ähnliche Fragen sollen im Vortrag an Hand von Beispielen erörtert werden.
 

Müller-Höcker, Katrin
Die Wirkungsmacht vokaler Sprechstile
Unter Bezugnahme auf neurobiologische und
wahrnehmungspsychologische Grundlagen soll die rhetorische Wirkungsmacht vokaler Sprechstile veranschaulicht werden.
1. Wie lassen sich vokale Sprechstile erfassen,
wie entstehen sie und wie lassen sie sich
verändern?
2. Welche Wirkung erzielen verschiedene
sprechstildefinierende prosodische Parameter
beim Hörer?
3. Existieren vokale rhetorische Figuren?
Diesen Fragen soll in einem interdisziplinären Streifzugnachgegangen werden, in dem Theorie und Praxis der vokalen Rhetorik ineinander greifen.
Schild, Hans-Jochen
Sprache in Verhandlungen:
Stil und Logos als Funktion von
Verhandlungsstrategien
Die dyadische Verhandlungsstruktur unterscheidet sich von der Situation von Reden vor Gericht oder in Gremien und prägt Sprache und Stil. Verhandlungsaufbau, Dramaturgie und strategische Optionen in Form von Zielvorstellungen sind relevant. Der Entscheidungsfindung dienen pragmatische und
materiel- und machtgestützte vertrauensbildende gegenseitige Andeutungen, Hinweise, Moves oder sonstige Angebote, die in Form von „trial and error“
gemeinsam erkundet, erstritten und erarbeitet werden. Subjektive Glaubwürdigkeit verdrängt normative Geltungsansprüche als Entscheidungsgrund. Stillschweigende Verabredungen vermeiden störende
Diskussion. Rhetorik dient weniger der Entscheidung als ihrem Verkauf. Die Irrelevanz der sprachlichen Funktion als Entscheidungsmedium gleicht der
Ästhetisierung von Botschaft in den visuellen Medien.
Schönherr, Felix
„Produktdesign“ – Werberhetorische
Funktionen der Warenästhetik
Produktdesign ist im wettbewerbsgeprägten Werben um Kunden moderner Marktwirtschaften unerlässlich. Da in sämtlichen Produktsparten durch automatisierte
Herstellung, gesetzliche Regulierung und
betriebswirtschaftliche Konkurrenz qualitativ und funktional vergleichbare Waren von verschiedenen Herstellern auf den Markt gebracht werden, vollzieht sich eine Abkehr der Kaufentscheidung vom Funktionalen zum Ästhetischen. Kaufentscheidungen
werden, dem Zwang einen bestimmten Anbieter
wählen zu müssen entledigt, zu Geschmacksfragen und somit zur Frage erfolgreicher Produktwerbung.
Aus rhetoriktheoretischer Perspektive ergibt sich damit die Aufgabe, festzustellen, welche Funktion Produktdesign – die ästhetisch-stilistische Verarbeitung von Waren – im erfolgsorientierten Kommunikationsprozess zwischen Unternehmen und Kunden einnimmt. Auf Oratorebene ergibt sich zum
einen die Funktion, dem Unternehmen durch einen einheitlichen Produktstil eine individuelle Corporate Identity zuzuweisen, zum anderen das Produkt durch ästhetische Codierung auf bestimmte Konsumentengruppen zuzuschneiden. Auf Text-und Medialebene ist zwischen intrinsischer und extrinsischer Funktion zu unterscheiden. Die intrinsische Funktion betrifft die Herstellung des Produkts
selbst, also die Verknüpfung von funktionalen Eigenschaften und der ästhetisch-stilistischen Struktur des Produktdesigns. Hier hebt die Texturierung bestimmte Eigenschaften des Produkts hervor. Ebenso kann der ästhetische Eigenwert des Produkts als zusätzliches Verkaufsargument inszeniert werden. Die extrinsische Funktion betrifft die Einbettung des Produktdesigns in Werbekampagnen. Die stilistisch erkennbare Zusammengehörigkeit von Produktreihen verleiht Kampagnen auch unter veränderten Produkteigenschaften Kohärenz. Ferner können Einzelprodukte hierdurch mit der individuellen Corporate Identity des
Anbieters verknüpft und vom Adressaten der Reklame von Produkten anderer Hersteller zweifelsfrei unterschieden werden. Auf Persuasionsebene kann Produktdesign, dem
Elaborationswahrscheinlichkeitsmodell (Petty/Cacioppo) folgend, die Funktion
eines peripheren Signals einnehmen. Dieses beeinflusst die Bereitschaft zu
einer möglichen Kaufentscheidung dahingehend, dass das kognitive Prozessieren von Kaufvorteilen und -nachteilen durch Herstellung eines Affekts angeregt, verstärkt und reaktualisiert werden kann.
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Vorträge Satür 2011 – Seite 2

Baur, Alexander
Alles nur ein Witz!
Überlegungen zum Zusammenhang von
Humor, Stil und Rhetorik
Schon in der antiken Rhetorikliteratur bei Cicero und Quintilian begegnet Lachen und Witz als rhetorisches Instrument. Neben Hinweisen darauf, wann Humor als rhetorische Strategie Sinn haben kann, findet man hier
auch schon erste Ansätze einer Klassifikation von „Humorstilen“, an deren Spitze bei Quintilian der „Witz des vir bonus“ steht, die urbanitas. Der Vortrag nimmt die antike Theorie zum Ausgangspunkt, gleicht sie sorgsam mit modernen Forschungsergebnissen ab und versucht, folgende Fragen zu beantworten: Wann kann Humor als Teil rhetorischen interpersonalen Agierens sinnvoll sein?
Wann ist Humor keinesfalls als Persuasionsinstrument zu verwenden? Welche „sozialen Schutzräume“ gibt es
für Humor und welche „sozialen Schutzräume“ schafft Humor? Wie steht es um Humor als Kunst- und Kritikform? Welche Erscheinungsformen von Humor
(„Humorstile“ der Rede) gibt es überhaupt bzw.
inwiefern ist Humor „stilvoll“? Welche Konsequenzen folgen aus der „humoristischen Argumentation“ für das Ethos des Redners?
Die vorzustellende Thematik gibt einen Einblick in die gemeinsame Lehrveranstaltung der Vortragenden am Seminar für Allgemeine Rhetorik, Eberhard Karls Universität Tübingen im SoSe 2011 (Proseminar:
„Kleiner Scherz…“ – Humor als rhetorische Strategie).
Gianvittorio, Laura
Erzählen als rhetorisches Handeln
Die rhetorische Auswirkung des Erzählens wird schon von den Rhetorik-Theoretikern der griechisch klassischen Zeit erkannt, und dihegesis bzw. narratio ist ein häufig vorkommender Bestandteil von überzeugenden Reden. Erstaunlicherweise werden jedoch heute pragmatisch orientierte Untersuchungen
der Erzählung weder in den speech act theories noch in der post-strukturalistischen Erzähltheorie systematisch geführt. Doch auch das Erzählen ist ein Sprachspiel, das mit den unterschiedlichsten illocutionary points verknüpft werden kann: etwa belehren, einschüchtern, prahlen, und eben auch
überzeugen. Wie die Erzählung Vorstellungen,
Meinungen und Handlungen der Rezipienten zu
beeinflussen vermag, möchte ich in meinem Beitrag zu zeigen versuchen.
Gutmann-Jungwirth, Ruth
„Speaklimbic!“ Verändern Erkenntisse
der Hirnforschung die Arbeit des
Rhetoriktrainers?
Abhängig von Auftrag und dem damit verbundenen Ziel vermittelt der Rhetoriktrainer die entsprechenden Vorübungen und Techniken. Mediative Rhetorik,
Kampfrhetorik, Überzeugungsrede, usw. verlangen verschiedene Methoden. Inwieweit hier die Erkenntnisse der Hirnforschung eine Rolle spielen, soll Inhalt meines Beitrages sein. Erfahrungen und Fallbeispiele.

Helbig, Bert
Überzeugen in 60 Sekunden – Stilmittel aus der
Radiokommunikation im rhetorischen Alltag
In seinem Vortrag »Überzeugen in 60 Sekunden« stellt Helbig stilisitische Mittel der Radiokommunikation einfach und verständlich vor und überträgt deren Wirkungsweisen in den rhetorischen Alltag der Zuhörer. Stilmittel der Markenkommunikation vermischen sich in
einem pragmatischen Ansatz mit den »Klassikern des rhetorischen Handwerkszeug«. Im Vordergrund steht der klare Nutzwert und die Ermutigung der Teilnehmer intensive und starke stilisitische Mittel selbst anzuwenden.
Zu diesem speziellen Thema referierte Helbig u.a. im Rahmen des Studiums Generale der Universität Stuttgart und für Dokotaranden der Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering.
Kirchner, Baldur
Captatio benevolentiae – Berühren mit dem
Wort
Die meisten rhetorischen Stilfiguren sind aus einem vorwiegend emotionalen Anliegen des Redners heraus entstanden. Sie lassen spürbar erkennen, mit welcher Intention und Intensität der Sprechende seinen Inhalt vermitteln will. Stets jedoch ist es sein unverrückbares
Ziel, den Zuhörerkreis geistig oder emotional zu
erreichen.
Unter den rhetorischen Stilfiguren nun nimmt die „captatio benevolentiae“ eine besondere Rangordnung

ein.
Dies deshalb, weil sie zum einen in den letzten Jahrzehnten eine funktionale und damit eine Bedeutungserweiterung erfahren hat, nämlich: Ihr Auftrag, das Wohlwollen des Publikums zu gewinnen,
ist nicht mehr nur auf die Einleitung, auf das
Prooemium, begrenzt, sondern er erstreckt sich auf die generelle Bindungsabsicht gegenüber dem Zuhörerkreis. Zum anderen wird die Verwendung der captatio
benevolentiae von einem skeptischen und intellektuell autonomen Publikum eher kritisch betrachtet, weil dem Redner zunächst eine manipulativ-persuasive Absicht
unterstellt wird. Umso mehr wird es daher die Aufgabe des Redners sein, das sprachliche Profil seiner Darbietung so zu gestalten, dass sein Wunsch nach Nähe als echt erkannt und ihm auch deshalb geglaubt wird.
In Platons Dialog „Phaidros“ lesen wir, dass die
Redekunst eine Seelenführung (psychagogia) sei. Mit dieser Bewertung wird dem Redner nicht nur die sittliche Verpflichtung auferlegt, das Publikum in moralisch verantwortungsvoller Weise anzusprechen,
so dass seine Rede nicht zu einer Ver-Führung werde! Diese sittliche Haltung des Redners beantworten die Zuhörer wiederum dadurch, dass sie ihm gern und freiwillig die überzeugend wirkende Authentizität
bestätigen. Hierbei spielt das Berührtwerden mit dem Wort die entscheidende Rolle. Seine empathisch gewählte Sprache und seine persönlichen Identifikationsangebote werden dem Sprechenden den Zugang zum Publikum öffnen, von dem er sich schließlich Zuwendung und Zustimmung erhofft. Damit
wird die captatio benevolentiae über ihren methodisch stilfigürlichen Status hinausgehoben und zu einem emotionalen Begegnungsraum erweitert, in dem sich
die Intention des Redners mit den Erwartungen des Publikums zu einer menschlich gelungenen Synthese vereinigt.


Kirchner, Roderich
Cicero und der Irrsinn seiner Gegner
Die Reden des M. Tullius Cicero gelten mit Recht als Höhepunkt der römischen Beredsamkeit. Wie vereinbart sich damit die Beobachtung, dass Cicero seine Gegner (unter ihnen Catilina, Clodius und Antonius) gerne mit dem Attribut verrückt (furiosusu.ä.) versieht und sich einer Strategie bedient, die nach heutigen Maßstäben zumindest die Regeln des
politischen Anstands verletzt? Das Referat skizziert an einigen Beispielen Ciceros Vorgehen und fragt nach dessen Rechtfertigung.
Knape, Joachim
Stil als Botschaft im Brief (Mozart, Einstein,
Bernhard)
In dem Vortrag geht es um die Frage, wie Stil als
Kommunikationsfaktor in berümhten Briefen wirksam wird. Als Beispiele werden Briefe des Komponisten Wolfang Amadeus Mozart, des Physikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein und des österreichischen Dichters Thomas Bernhard gewählt.“
Koch, Nadia
Stil in der Rede, Stil im Kunstwerk.Zu den
Wechselwirkungen zwischen rhetorischer und
künstlerischer Formensprache
In der Stilkritik der klassischen Rhetorik spielen
Vergleiche mit künstlerischen Phänomenen eine große Rolle; läßt sich doch mit Verweisen auf allgemein bekannte, klassische Kunstwerke die komplexe Eigenheit eines vergangenen Orators auf anschauliche, leicht eingängige Weise veranschaulichen. Dieser Beitrag wird die Gegenprobe vornehmen: So
soll an Statuen des 1. Jhs. v. Chr. gezeigt werden, wie die zeitgenössischen stilkritischen Fragestellungen ihrerseits wieder neue Stile generieren, die uns heute zunächst ästhetisch fremd scheinen. Tatsächlich verbirgt sich hinter den meist als ‘eklektisch’ abgetanen
Werken aber eine im damaligen Kunstbetrieb höchst erfolgreiche Formensprache, die eher als eine ästhetische Aktualisierung klassischer Formenideale zu werten ist denn als bewusst eklektisches Verfahren.
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