Elenchos des Rhetorik-Testers

Im Rhetoriktester von Johannes Schmoldt findet sich unter Zeitreise Nr. 8 ein Referat von Aristoteles, Rhetorik 1,1 1355a20-55b7, mit dem für die Rhetorik geworben werden soll. Schmoldt zählt 4 Gründe, tatsächlich aber sind es eigentlich 5; auch bei den einzelnen Argumenten sollte man etwas genauer hinschauen:

  1. “Die Wahrheit zustimmungsfähig machen”: Grundsätzlich zwar nicht falsch, aber  der erste der vier Gründe sollte laut Schmoldt Rhetorik als unvermeidlich erweisen, wenn es an Evidenz fehle. Das wäre das bekannte Argument für Rhetorik als Plausibilisierungsmaschine, wo die Wahrheit nicht zu haben ist. Das Zitat belegt aber das Gegenteil: Wahrheit und Gerechtigkeit seien an sich schon überzeugender; wenn sie nun in einem konkreten Falle nicht überzeugen,  so ist das dem anzulasten, der die Wahrheit zu vertreten hat. Implizit könnte gemeint sein, man hätte mangelnde Plausibilität durch geeignete rhetorische Mittel beheben können, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen.
  2. Das zweite Argument von Schmoldt wirkt plakativ; denn auch wenn es zutrifft, dass Aristoteles die Rhetorik als Kunstlehre gegen kommunikative Widerstände (denen etwa ein Sokrates erlag) empfiehlt, so gibt er doch hier schon Hinweise auf die Topik, mit der man die Menge überzeugen kann, die keine wissenschaftlichen Kenntnisse mitbringt. Er sagt nicht einfach: “daher braucht es Rhetorik”. – Die Topik ist überhaupt das Modell der aristotelischen Argumentationstheorie in der Rhetorik und die Beispiele, die der Rhetoriktester selbst seinen Lesern & Hörern offeriert, sind genau solche (allerdings materialen und so eher sophistischen) Topoi, daher verwundert es durchaus, dass Schmoldt hier diese Praxis des eigenen Bloggens außer Acht lässt.
  3. Die Gründe 3 und 4 bei Schmolders sind falsch einsortiert. Bei Aristoteles erscheint der dritte Grund als der der rhetorischen Analyse der Gegenpartei. Rhetorik und Dialektik gehören zu den einzigen Technai, so der Stagirit, die auch immer das Gegenteil im Blick haben und so auch Schlüsse mit gegenteiliger  conclusio machen können. Das ist sehr knapp ausgedrückt, ‘entpackt’ bedeutet dies: Während etwa die Heilkunst die Gesundheit herstellen soll, aber nicht Krankheit produzieren kann (jedenfalls nicht, insoweit sie Heilkunst ist), sind Dialektik und Rhetorik in der Lage, jeweils pro und contra plausibel zu machen, aber nur damit sie den Gegnern auf die Schliche kommen. Aristoteles ist hier weit entfernt von der sophistischen Lehre und verwahrt sich vor jedem Missbrauch. Gerade dieses Argument 3 wäre also unter 4 bei Schmoldt (“Rhetorik durchschauen”) einzuordnen. Außerdem: Nicht jede Sache hat ein Für und Wider, sondern nur solche, über die man dialektisch diskutieren kann, oder solche, die im Bereich der Kontingenz liegen (z.B. Politik). Und selbst da gibt es Bereiche, in denen nur mangelndes Wissen oder moralisches Defizit eine von der Wahrheit abweichende Position zu empfehlen scheinen.
  4. Argument 4 dagegen versteht Schmoldt nicht ganz. Hier wird noch einmal  implizit an Sokrates erinnert, der sich vor Gericht nicht helfen konnte und so der Wahrheit nicht zum Siege verhalf. Wenn aber der Geist/vernünftige Rede (logos) wertvoller als der Körper ist, man aber auch seinen Körper trainiert, um sich zu schützen, um wie viel mehr wäre der Geist rhetorisch zu trainieren, um gegen kommunikative Widerstände anzugehen! (s. Argument 1)
  5. Aristoteles beschließt diese argumenta pro rhetorica mit der Diskussion des möglichen Missbrauches der Rhetorik. Das hätte durchaus noch erwähnt werden können, denn das Argument, dass man auch Reichtum, Stärke und Strategenkunst missbrauchen kann, ist auch schon wieder ein Argument für die Rhetorik.

 

Fazit

Man freut sich, wenn man liest, dass die Rhetorik mit Aristoteles empfohlen wird; aber gerade deswegen möchte man auch auf die komplexere Argumentation verweisen.

 

 

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