Elenchos des Rhetorik-Testers, 2. Folge

Der hurtige Tester aus Erfurt kann es offenbar nicht lassen; statt zu lesen, was unser Elenchos ihm zu sagen hat (erst lesen, dann nachdenken, dann selbst schreiben), hat er schnell wieder eine weitere Folge  geschrieben,  und auch dieser folgte gestern bereits eine neue. Es mag verwegen erscheinen, in diesen Hagel von Beiträgen eine korrigierende Hand zu strecken, doch Wissenschaft hat auch ihr Ethos und das gebietet eben manchmal auch eine riskante Aktion zur Wahrung wissenschaftlicher Kenntnisse. Auch und gerade im Internet.

Denn was im Beitrag Nr. 9 der Zeitreise behauptet wird , muss allerdings doch einmal richtig gestellt werden, so sehr wir uns natürlich freuen, wenn Rhetorik auch in ihren antiken Quellen aufgesucht wird – nur sollten diese auch verstanden und nicht idiosynkratisch verbogen werden.

  1. Aristoteles stellt in seiner Pragmatie zwar selbst Betrachtungen an und in der berühmten Definition von 1,2 heißt es von der Rhetorik, sie seine eine “Fähigkeit (δύναμις), bei jeder Sache dasjenige zu betrachten, das Aussicht auf Überzeugung bietet.” (τοῦ θεωρῆσαι τὸ ἐνδεχόμενον πιθανόν). Wichtig ist hierbei allerdings, dass Aristoteles der Rhetorik nicht den Status einer Episteme verleiht, da es nur eine Dynamis ist, während die Episteme dadurch ausgezeichnet ist, dass sie einem festen Gegenstandsbereich zugeordnet ist. Rhetorik ist aber, wie Dialektik auch, eine Generalkompetenz ohne fachliche Grenze. Dessen ungeachtet aber ist es für Aristoteles unproblematisch, die Rhetorik als Techne anzusprechen, was er ohnehin laufend affirmiert, indem er von der rhetorike (techne) spricht. Vor allem aber erkennt er im gestaffelten Gebrauch rhetorischer Fähigkeiten, nämlich sowohl aufs Geratewohl als auch aus Gewohnheit aufgrund von Habitualität, dass man dort, wo man Erfolg gehabt hat, nach der Ursache forschen kann, und das ist dann doch einhellig bereits Sache der Techne. Also ist Rhetorik auch für Aristoteles eine ‘Kunstlehre’ im Sinne der Techne, allerdings ohne Episteme.  Dass  Aristoteles danach fragt, worin das Proprium dieser Kunstlehre bestehe, zeichnet ihn als Theoretiker aus, aber deswegen wird nicht die Rhetorik selbst zu einer Theoria, zumal nicht im Sinne des Stagiriten. Gegenstand der Theoria kann nämlich nur solches sein, das sich nicht bald so bald anders verhält, wie es gerade das Kernproblem der Rhetorik auszeichnet: Kontingenz der rhetorischen Situation.
  2. Weiter heißt es “Wo im Deutschen das Wort „glaubenerweckend“ steht, heißt es im griechischen pitanon. Das Wort pitanon ist wiederum mit pistes verwandt, welches im griechischen für überreden steht. Dieses Wort ist uns schon bei der Rhetorik der Sophisten begegnet, die Rhetorik als Überredungskunst verstanden hatten.” Kann man wenigstens das transliterierte Griechisch korrekt schreiben? πιθανόν sollte auch mit Aspirat transliteriert werden: pithanon, es leitet sich direkt von πείθω bzw. πειθώ ab, also vom Verbum ‘überzeugen’ und dem Nomen actionis ‘Überzeugung’; etymologisch hängt zwar auch πίστις / pistis damit zusammen, aber dieses “steht” gerade nicht für “überreden”, sondern bedeutet ‘Beweis’, und zwar auch als pars orationis. Und dann: Wo steht denn im Deutschen das Wort? Stellenangabe und auch andere Übersetzungen wären durchaus anzugeben.
  3. Die Pistis-Trias aus Logos, Ethos und Pathos ist Kernbestand der Rhetoriklehre des Aristoteles und die entscheidende Innovation gegenüber der Sophistik. Nur ist zu beachten, dass Aristoteles das Rednerethos  nicht wiederum mit dieser Pistis-Trias verbindet, sondern im Redner-Ethos drei Eigenschaften zu performieren sind, nämlich Klugheit (φρόνησις), Tugend (ἀρετή) Wohlwollen (εὔνοια) (Rhet. 2,1).  Aus der Ethik erhellt, dass Klugheit die leitende dianoetische Tugend ist, um im Bereich des Handelns die richtigen Entscheidungen zu fällen; Tugend soll sicherstellen, dass man nicht wider besseres Wissen argumentiert und ist hier ein unspezifischer Begriff, Wohlwollen soll die Akzeptanz der Zuhörer sichern, wenn sie nämlich glauben, der Redner wolle ihnen wohl. All dieses aber muss durch die Rede selbst performiert werden und nicht auf außerhalb dieser liegende Argumente wie lauterer Lebenswandel etc. verweisen, sondern in der konkreten Situation und nur durch die Rede vermittelt werden. Das widerspricht deutlich anderen rhetorischen Lehren der Antike, erklärt sich aber aus der Lehre von den drei Pisteis. Hier widerspricht sich Schmoldt selbst, wenn er selbst dies zwar zuvor betont, dann aber schließt, die Glaubwürdigkeit des Redners nehme den ganzen Menschen in den Blick. Nach Aristoteles gerade nicht: “Es ist aber nötig,” betont Aristoteles, “dass dieses (Vertrauen) durch die Rede selbst sich einstellt, aber nicht weil man eine vorher gewonnene Ansicht über die moralische Qualität des Redner hat .”(1356a8–10) 
  4. Die Rhetorik der Evangelien sieht von dieser Überzeugungstheorie gerade ab, am meisten aber Johannes, der als gnostisch beeinflusster Autor im Logos gerade nicht menschliche Rede, sondern ein durch die Stoa vermitteltes positives Prinzip im Kosmos selbst  erkennt. Schon gar nicht hat es mit der logischen Pistis des Ethos zu tun.
  5. Natürlich ist die Definition von Pathos bei Schmoldt unscharf, wenn er damit “die Stimmung” des Publikums meint. Vielmehr regelt das vom Redner eingesetzte Pathos die affektive Disposition der Zuhörer. Stimmung ist hier zu vage. Stimmung wäre sogar eher die Sympathie, die dem Redner als einem moralisch integer erscheinenden Orator entgegen gebracht wird, wenn er sich entsprechend präsentiert. (siehe γ)
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