Romantisiere Dein Leben! – Ein Aufruf

Du da! Ja genau du, der du da in der letzten Reihe sitzt und heimlich in dein Handy schaust. Der du immer auf die Uhr blickst und auf etwas wartest, nur weißt du nicht worauf genau.

Der du durch die Schulgänge trottest, gleich wie jeder andere hier und gar nicht weißt, was du wirklich willst.

Setz dich auf. Schalt dein Handy mal auf lautlos. Und lass‘ dich von mir romantisieren, individualisieren –und inspirieren.

Schau dich um! Schau dich um in der Klasse und versuche nicht das zu sehen, was uns zu einer großen Masse macht, sondern was uns speziell und anders macht. Du willst nicht aus dieser Masse herausstechen, nicht gegen den Strom schwimmen, nicht eigene Statements machen? Dann wärst du sonderbar und eigenartig – aber sind das nicht Synonyme für besonders und einzigartig?

Wenn du dich im Mathematik Unterricht wieder mit Formeln, Normen, Regeln und Denkrastern beworfen siehst. Wenn du dich in der Englisch-Schularbeit ermahnen musst, mit genau vier Wörtern zu antworten und ja nicht mehr! – spürst du da nicht den Rebellen in dir erwachen? Der sich gegen die Gitter der Gesellschaft wirft, der nicht wie jeder andere auf dieser globalisierten Welt gleich sein und reguliert, sondern frei sein und provoziert sein will? Schließ das Gefängnis auf, das diesen Revoluzzer beherbergt, und lass ihn frei. Frei nur für einen Tag!

Steh‘ auf, geh aus diesem Raum, und schau dich um. Sieh‘ nicht das Alltägliche, sieh‘ das sich ständig Verändernde.

Schließ die Augen und atme tief ein und wieder aus. Hörst du das Rauschen der Blätter, wie sie sich mit murmelnden Gesängen im Wind wiegen? Obwohl sie fest verankert sind, haben sie mehr Freiheitssinn als du, verzweigen sich, wie es ihnen gefällt und lassen sich nicht regulieren.

Und jetzt spitze deine Ohren noch einmal, hörst du das fröhliche Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Baches gleich links von dir?

Und lass‘ dich treiben in dieser Welt der Gerüche, der Harmonie und Sinneseindrücke. Und lass‘ deinen Gedanken freien Lauf, sie wie den Wind durch die Blätter rauschen und schütte alles Vernünftige von dir ab.

Und lass‘ dich ein auf das Abenteuer Leben. Werde zum Ja-Sager, zum Neu-Ausprobierer. Denn wie dröge wäre die Welt, wenn sie sich nicht romantisieren ließe? Wenn sich nicht Doppeldeutigkeiten, Sinneinheiten in dem Alltäglichen finden lassen würden?

Bevor du es bemerkst, wirst du alt sein und auf dein Leben zurückschauen und bemerken: Die fetten Jahre sind vorbei!, und bereuen, dein Leben nicht gelebt zu haben. Lass‘ deine Konjunktive Indikative werden, aus deinen Träumen Taten.

Und lass‘ dich romantisieren!

ES

Die obenstehende Rede ist im Deutschunterricht der Klasse 7e des Akademischen Gymnasiums in einer Schulaufgabe als ‚Meinungsrede‘ verfasst worden.

Die Schülerin hatte auch ein Rhetorikmodul belegt, in dem die Salzburger Rhetorik wiederum einen Workshop veranstaltet hatte. Der Redaktion scheint dies ein ermutigendes Ergebnis von Rhetorik in der Schule zu sein.