Satür 2016 Rhetorik der Inszenierung in Salzburg

Thomas Schirren

Sa|tü|r 2016: Rhetorik der Inszenierung. 27.–28.5.2016

Einige bebilderte Marginalien

Das Tübinger Rhetorikforum hat eine positive Bilanz gezogen und schreibt im Newsletter #03-2016:

Die Salzburg-Tübinger-Rhetorikgespräche in Salzburg zum Thema Rhetorik der Inszenierung waren sehr anregend. Vor allem das neue Konzept, das Prof. Dr. Schirren und PD Dr. Koch in diesem Jahr präsentiert haben, hat überzeugt: Die wissenschaftlichen Vorträge wurden von Lecture Performances gerahmt und von Workshops begleitet. Herzlichen Dank!

Diese wohlwollenden Worte wärmen natürlich das Herz und wir freuen uns, dass unser Konzept aufgegangen ist. Salzburg & Tübingen sind ja die weithin einzigen Universitäten, in denen die Rhetorik gepflegt wird … da kann es natürlich keine Konkurrenz geben,aber geschwisterlicher Wettbewerb stachelt natürlich an. Daher besonderer Dank!

Olaf Kramer sprach in der Abschlussrunde am Samstag von einer Vitalisierung der Rhetorikgespräche. Nicht dass diesen Gesprächen die Luft ausgegangen wäre, aber nach den über 10 Jahren ihres Bestehens und der Metamorphose zu den Sa|tü|r 2008 in Tübingen, muss man natürlich immer wieder nach den geeigneten Formen fragen, in denen wir zusammenkommen und sprechen wollen.

Nun ist Performance, das wir als neue Beitragsmöglichkeit in die Gespräche eingeführt haben, nicht Schauspiel, es kann aber zum ‚Theater‘ im schlechten Sinne werden. Aber auch Vorträge können langweilig, schlecht vorbereitet – sogar schlecht vorgetragen sein – natürlich nicht und niemals bei Satür – aber man kennt das ja von anderen Kongressen. Verfallsformen fordern aber zum Bessermachen und Korrigieren des Verfallenden auf. Auch ein Experiment ist hilfreich, selbst wenn es verbesserungswürdig ist, da es neue Perspektiven vermitteln kann.

Die rahmenden Performances von Renske Ebbers, Anne Pretzsch und Tomma Galonska gaben jedem der zwei halben Tage einen gewissen Ton vor, sehr unterschiedlich, aber für den halben Rhetoriktag hatte man im besten Falle eine Stimmung, die es so sonst nicht gibt. Die Rhetorik muss sich diesen ’Performanzen‘ öffnen, sie muss sie analysieren und den rhetorischen Gehalt prüfen. Deshalb schien es uns sinnvoll, diese Beiträge aufzunehmen und wir dachten auch nachher darüber nach, ob sich das ziemlich starre Muster wissenschaftlicher Kongresse überhaupt nicht durch solche Einlagen lockern und die Teilnehmer  mit anderen Erfahrungen konfrontieren ließ.

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Anne Pretsch: »How our bodies are being told about love«
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Renske Ebbers: »How our bodies are being told about love«
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Pretzsch/Ebbers: »How our bodies are being told about love«
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Renske Ebbers
Tomma Galonska: "Rhetorik im Widerstand"
Tomma Galonska: »Rhetorik im Widerstand«

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Tomma Galonska: "Rhetorik im Widerstand"
Tomma Galonska: »Rhetorik im Widerstand«
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Tomma Galonska:»Rhetorik im Widerstand«

Joachim Knape machte mit seiner dezidiert theoretischen Frage den öffentlichen Abendvortrag. Er selbst gab zu bedenken, dass der Abendvortrag nicht graue Theorie sein sollte, sondern bunter Unterhaltung und Erbauung dienen sollte. Nach den Performanzen jedoch waren die Zuhörer vorbereitet und auch durchaus interessiert, neben diesen praktischen Schaustücken und einzelnen thematischen Vorträgen einmal das ganze Problem der Inszenierung in theoria präsentiert zu bekommen. Theoria ist ja schließlich die Schau. Aber eine die weiter sehen lässt, als das Auge reicht.

Joachim Knape: Inszenierung theoretisch betrachtet
Joachim Knape: »Inszenierung theoretisch betrachtet«

Ein Rhetoriktheoretiker macht das aber auch zu einem anregenden Schaustück und Hörstück seiner Profession, mit Witz und Scharfsinn und einer Prise Spott brachte er das Tagungsthema in eine Perspektive, die den ersten Tag zusammenfasste und Leitlinien für den nächsten aufzeigte, auch dann, wenn man sich der Theorie von Erst- und Zweitheit nicht anschließen wollte.

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Joachim Knape: »Inszenierung theoretisch betrachtet«

Denn es war nun insbesondere die Kunst, die sich mit der Rolle der Zweitheit nicht zufrieden geben wollte. Die These von Joachim Knape ist schließlich, dass die Inszenierung die kommunikative Zweitheit ist, die aber immer von der Erstheit (die Welt als was der Fall ist) ihren Ausgang nimmt. Also keine Zweitheit ohne Erstheit?!

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Herbert Kapplmüller: »Exaltationen«

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Der Bühnenbildner geht mit dem Theater durch die Welt. Erstheit – Zweitheit?

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Und wie steht es mit Brechts Formel der Desillusionierung? Ist das die Möglichkeit, aus der Illusion in die Wirklichkeit umzusteigen, einzusteigen?

Juliane Rink: "Die Welt gestalten – Brecht als Rhetoriker"
Juliane Rink: »Die Welt gestalten – Brecht als Rhetoriker«

Frank Dürr fragte nach den Persuasionsstrategien der Ausstellungsmacher. Das Objekt steht im Mittelpunkt, und das muss ins rechte Licht gerückt, kontextualisiert und auch wieder dekontextualisiert werden, damit es eine ästhetische Erfahrung werden kann. Und damit es anregend bleibt.

Frank Dürr: Wie überzeugt eine Ausstellung?
Frank Dürr: »Wie überzeugt eine Ausstellung?«
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Frank Dürr: »Wie überzeugt eine Ausstellung?«

Aber die Übermacht der Filme und Photos hatte Kapplmüller schon problematisiert. Man kann den Eindruck gewinnen, die vom Bilderkonsum Geschädigten brauchen auch in der Begegnung mit den Exponaten (Erstheit!) zunächst wieder die vertraute Bildwelt ihrer Photos (Zweitheit?). Ob das Leibniz gefallen hätte? Nur weil es attraktiv ist?

Olaf Kramer untersucht die Inszenierung des modernen Redners, in unterschiedlichen Bereichen, zumal wenn es um das genus docendi geht.

Olaf Kramer: "TED-Talk, Slam und Science Notes – Techniken zur Inszenierung öffentlicher Rede im Wandel"
Olaf Kramer: »TED-Talk, Slam und Science Notes – Techniken zur
Inszenierung öffentlicher Rede im Wandel«

Auch in Salzburg werden regelmäßig Science Slams aufgeführt und unsere Universität ermuntert die Wissenschaftler dort aufzutreten. Auch das Wissen will also performiert werden. Es genügt nicht, dass man etwas weiß, man möchte das auch sehen und erleben. Der Rhetorik wachsen so neue Aufgaben zu: Sie ist die Sachwalterin und Kennerin aller performativen Strategien, wenn es darum geht, etwas ins richtige Licht zu setzen. Apropos ‚Licht‘: bei Herbert Kappelmüller konnte man auch lernen (wenn man es nicht schon wusste …), dass Licht nicht Licht ist:

Herbert Kapplmüller: "Exaltationen"
Herbert Kapplmüller: »Exaltationen«

Das wissen alle diejenigen, die bewusst mit Farbe umgehen, z.B. Farbforscherinnen und Expertinnen der actio:

Nadia Koch: Begrüßung
Nadia Koch: Begrüßung

Und die philologischen Fachwissenschaften? Schiller darf natürlich nicht fehlen und dessen dramatisches Werk Maria Stuart wurde gleich doppelt beleuchtet:

Arno Dusini: Schiller inszeniert Rhetorik. Zum Streitgespräch in ‘Maria Stuart’
Arno Dusini: »Schiller inszeniert Rhetorik. Zum Streitgespräch in ‘Maria Stuart’«
Gabriela Wacker: Inszenierte Rhetorik zwischen Pathos und Gelassenheit am Beispiel von Schillers Dramenfiguren
Gabriela Wacker: »Inszenierte Rhetorik zwischen Pathos und Gelassenheit am Beispiel von Schillers Dramenfiguren«

Wie sich das alles körperlich auswirken kann, vor allem wie Schauspielkunst und Rhetorik sich gegenseitig unterstützen können (die Geschichte zeigt beide eher als Kontrahentinnen mit einigen verhängnisvollen Affären), zeigt am Beispiel des 18. Jh. Nicole Haitzinger von der Tanzwissenschaft in Salzburg:

Nicole Haitzinger: Der rhetorische Körper: Zur Inszenierung von tragischen Figuren in den szenischen Künsten des 18. Jhdts
Nicole Haitzinger: »Der rhetorische Körper: Zur Inszenierung von tragischen Figuren in den szenischen Künsten des 18. Jhdts«

Aber zwischen all diesen geistigen Genüssen durfte man auch die materiale Grundlage nicht außer Acht lassen, bei welcher Gelegenheit freilich auch eifrig weiterdiskutiert und theoretisiert werden konnte:

 

Joachim Knape, Herbert Kapplmüller
Joachim Knape, Herbert Kapplmüller: Erst- oder Zweitheit? – Zwei Erstheiten?

Ein Novum waren aber auch Workshops für Studierende, die für glückliche Studentische TeilnehmerInnen sorgten:

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Es meldeten sich aber auch andere TeilnehmerInnen, die gerne solche Workshops besuchen würden. Also sollten wir solche Angebote in Zukunft immer machen. Jedenfalls hatten wir so viel studentisches Interesse wie nie bei den Satür.

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Das abschließende Plenum gaben zwei Salzburger Künstler, die sich mit ‚Noahs Flut‘ in die Stadtgeschichte eingeschrieben hatten:

Franzes Pappas & Gero Nievelstein: Musiktheater als soziales Werkzeug. Die Community-Oper ‘Noahs Flut’ in Salzburg
Franzes Pappas & Gero Nievelstein: »Musiktheater als soziales Werkzeug. Die Community-Oper
‘Noahs Flut’ in Salzburg«

Der überwältigende Erfolg dieser Inszenierung, die ganz auf private Initiative zurückging (und das bedeutet immer ein erhebliches finanzielles Risiko), zeigt, wie wichtig die Bühne für das öffentliche Leben ist. Eine der Erfahrungen war, dass die Bühne selbst ein Emergenzphänomen ist und ebensolche bei allen Beteiligten hervorrufen kann. Wer sich die Timeline anschauen möchte, in der dieses Projekt entstand, schaue hier.

Die traditionelle Abschlussrunde nach 24 h Satür mit 20 Vorträgen begann mit einer verstörenden Frage nach der Weiblichkeit der Inszenierung:

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Lisa Stumpfögger auf dem Podium der Abschlussrunde: Psychologie und Persuasionsforschung wäre mal ein Thema!

Dabei war zunächst an Performancekünstler wie Marina Abramović gedacht, aber auch an die Fragen zum Körper, die die Performancekünstlerinnen stellten. Kann sich in der Performance eine überhörte oder unterdrückte Stimme Gehör verschaffen? Schwierige Frage:

Abschlusspodium mit Dürr, Galonska, Koch in Beantwortung einer schwierigen Frage
Abschlusspodium mit Dürr, Galonska, Koch beim Nachdenken über eine schwierige Frage

 


 

Olaf Kramer lädt zu den nächsten Satür 2017 nach Tübingen
Olaf Kramer lädt zu den nächsten Satür 2017 nach Tübingen …

… denn dort bei den Satür 2017 soll es zum 50-jährigen des Seminars für Allgemeine Rhetorik um den Logographen, also den oder die RedenschreiberIn gehen.  Rhetoriktheoretisch oder rhetoriksystematisch geht es also von der actio zu den ersten Schritten: Inventio, Dispositio, Elocutio. Auf Wiedersehen in Tübingen!