Von der Absenz des genus deliberativum im Parlament

 Karlheinz Töchterle

Von der Absenz des genus deliberativum im Parlament

 

In der Theorie gilt von der Antike bis heute die politische Rede, speziell innerhalb nicht autoritärer Verfassungen, als der genuine Ort argumentativer Auseinandersetzung. Für die Antike mag vorerst der schlichte etymologische Beleg genügen, dass die Lateiner das griechische génos politikón (γένος πολιτικόν) mit genus deliberativum übersetzten, weil man hier eben Argumente gegeneinander abzuwägen (lat. deliberare) pflegt. Für die Moderne verweise ich auf das Standardwerk von Fairclough/Fairclough 2012, wo diese Redegattung innerhalb der politischen Auseinandersetzung ebenfalls als „geradezu prototypisches … Genre“ [1] angesehen wird.

Die politische Praxis, wie ich sie in meinen Funktionen als österreichischer Bundesminister für Wissenschaft und Forschung (von April 2011 bis Dezember 2013) sowie als Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat im Anschluss daran erlebte und erlebe, zeigt ein völlig anderes Bild. Das deliberative Genus spielt darin, wenn überhaupt, nur in einer völlig erstarrten und  sinnentleerten Form eine Rolle. Desillusionierte mögen das immer schon gewusst haben, für mich ist diese Erkenntnis in ihrer Drastik neu und schmerzlich. Deswegen habe ich die Einladung, meine diesbezüglichen Erfahrungen vor dem Hintergrund meiner Kenntnisse zur antiken rhetorischen Theorie und Praxis einem Fachpublikum vorzutragen, gerne angenommen und bedanke mich bei meinen Tübinger Kollegen ganz herzlich, dass ich das an ihrem so renommierten Institut und vor einem so hochrangigen Publikum wie dem der International Society for the History of Rhetoric tun darf.

Der vormalige Redner und spätere Tragödiendichter Maternus hat bei Tacitus allen aufrechten Anhängern freiheitlicher Staatsverfassungen, denen auch die Beredsamkeit am Herzen liegt, aus der Seele gesprochen: Diese gedeihe nur, wo jene vorhanden seien.  So habe etwa Walter Jens „den Topos, dass Rhetorik und Demokratie zusammengehören, häufig bemüht“.[2] Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren in demokratischer Politik sammeln durfte, bestätigen diese schöne Engführung, wie bereits angedeutet, überhaupt nicht. Aber schon der „Dialogus de oratoribus“ des Tacitus, wo Maternus als einer der Teilnehmer am Gespräch über die Ursachen des Verfalls der Redekunst diesen Zusammenhang herstellt, eröffnet Spielräume der Deutung, die diesen Zusammenhang oder zumindest seinen eindeutig positiven Anstrich problematisch machen. Maternus unterscheidet zwischen bene constitutae civitates („gut verfassten Staatswesen“), in denen solche Redekunst nicht entstehe, und gegenteiligen. Für jene führt er als Beispiele Sparta, Kreta und dann die Makedonen und Perser an, für diese mit Einschränkung Rhodos, und dann vor allem Athen und Rom, donec erravit („solange es herumirrte“). Gemeint ist die Zeit vor dem Prinzipat, in der Rom zwar nie eine Demokratie, aber eben eine libera res publica mit der Möglichkeit zu freier Rede war, der Tacitus andernorts durchaus nachtrauert. Nun muss Maternus  nicht die Meinung des Autors widerspiegeln, seine sonstige Charakterisierung in diesem Dialog (er schreibt Tragödien, in denen er sich mit den Mächtigen anlegt, und nimmt insgesamt eine oppositionelle Haltung ein) steht zu den eben referierten Passagen und dem Tenor dieses Abschnittes aber in scharfem Widerspruch. Man kann diesen auflösen, indem man  Maternus hier Ironie unterlegt[3] und damit den einleitend referierten Zusammenhang rettet oder indem man versucht, die Diskrepanz stehen zu lassen und einen Bruch oder eine hintergründige Doppelposition in seinen Ausführungen zu sehen [4] und die Lage des Autors Tacitus dazu in Analogie zu setzen. In jedem Fall aber ist die Kraft der Stelle als Beleg für den eingangs erwähnten engen Zusammenhang von Redekunst und freiheitlicher Staatsverfassung geschwächt.

Die Formulierungen, die Tacitus hier dem Maternus in den Mund legt, zitieren unverkennbar eine Passage aus Ciceros „Brutus“ und kehren sie teilweise ins Gegenteil. Zwar ist auch bei Cicero eine dominatio regum („Herrschaft von Königen“) der Redekunst abträglich, aber diese ist eine pacis … comes („Begleiterin des Friedens“) und oti socia („Genossin der Muße“) sowie eine alumna („ein Zögling“) einer bene constituta civitas („eines gut verfassten Staates“), in der sie nach Maternus eben gerade nicht gedeihe. Cicero referiert in der Folge den Bericht des Aristoteles, wonach man den Beginn der Redekunst im Sizilien des fünften Jahrhunderts ansetzt. Dort hätten sie Korax und Teisias nach dem Sturz der Tyrannis in Syrakus (466/5 v. Chr.) entwickelt, um in den nun aufbrechenden Besitzstreitigkeiten den Parteien entsprechende rhetorische Mittel an die Hand zu geben. Mit Demokratie und politischer Rede hätte dieser Beginn, trotz vielfacher Berufung darauf, also wenig zu tun, er wäre vielmehr im Bereich der Gerichtsrede angesiedelt. Nach anderer Version allerdings, die man auf den sizilischen Historiker Timaios (4./3. Jh. v. Chr.) zurückführt, habe Korax die Kunst der politischen Rede erfunden, allerdings in einem Nahverhältnis zu den Tyrannen Gelon und Hieron.

Es gibt nur noch einen weiteren antiken Text neben dem des Tacitus, der auf den behaupteten Zusammenhang von Rede und freiheitlicher Staatsverfassung eingeht, ihn aber zurückweist. Gegen Ende der anonymen Schrift „Vom Erhabenen“, einer nicht sicher, aber möglicherweise in das erste Jahrhundert n. Chr. zu datierenden poetologischen Abhandlung, wird die im „Dialogus“ (und anderen Texten gerade dieser Zeit[5] ) traktierte Frage nach den Ursachen für den Mangel an überragenden literarischen Persönlichkeiten aufgegriffen und im Verlauf der Überlegungen dann auf den „Redner“ (rhétora, De sublimitate 44, 4) zugespitzt. Der diese Frage traktierende Sprecher weist die Behauptung, dass der „Weltfriede“ die großen „Naturen“ verderbe, zurück und die Schuld der Geld- und Genussgier zu, die zu Bestechlichkeit und Oberflächlichkeit führten. Hier findet sich kein Anlass und auch keine Spur zu ironischer Deutung, denn es geht im Text insgesamt um die zu literarischer Größe fähige natürliche Anlage und die Bedingungen für ihre Entfaltung, und diese werden im ganzen übrigen Text (der uns wie der taciteische leider nur etwas lückenhaft überliefert ist) im innerliterarischen, psychologischen und moralischen Bereich, nicht aber im politischen angesiedelt.

Schon der antike Befund ist also, was den so gern beschworenen Zusammenhang von Redekunst und Demokratie anlangt, eher mager. Auch in meiner eingangs erwähnten eigenen politischen Praxis habe ich das vielfach als gegeben angenommene Zusammenwirken von Demokratie und deliberativer Rede selten vorgefunden. Das mag angesichts der dort ebenfalls angedeuteten, nahezu selbstverständlichen Engführung von Demokratie und Rhetorik überraschen und vor allem diejenigen irritieren, die Rhetorik auch in einen engeren Zusammenhang mit ethischen Kriterien stellen möchten und große Redekunst daher nur in moralisch integren Umgebungen gedeihen lassen. Adolf Hitler z. B. müsste sie dann abgesprochen werden.[6]

In der gegenwärtigen Praxis der parlamentarischen Demokratie in Österreich werden die zu Gesetzen führenden Entscheidungen nahezu nie im Anschluss an und als Folge von argumentativen Debatten der dafür zuständigen Abgeordneten gefällt. Bei der Gesetzwerdung reduziert sich die aktive Rolle des eigentlich obersten legislativen Organs in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auf spärliche Mitwirkungsmöglichkeiten im Vorfeld der ‚eigentlichen’ parlamentarischen Debatten, in diesen selbst, bereits in den vorbereitenden Fachausschüssen und noch wesentlich mehr im Plenum, dominieren etablierte Automatismen und reine Rituale. Ein sinnfälliges Beispiel für viele mögliche: Auf den zu Beginn der Plenarsitzungen verteilten, prall gefüllten Rednerlisten ist mit den Kürzeln „p“ und „c“ vermerkt, wer „pro“ und wer „contra“ reden wird. Schon das ist weit weg von jeder lebendigen Debatte. Und: Bei nicht kontroversen Gesetzen kann es mehr als zwölf pro-Reden ohne eine Gegenrede geben!

Ähnliche Inhalts- und Folgenlosigkeit kennzeichnet die Ausübung der sogenannten Minderheitenrechte von Seiten der Opposition, die sich durch deren unangemessene und extensive Nutzung an ihrer galoppierenden Inflation schuldig macht. Die bedeutendsten, heute zu blasser Routine herabgesunkenen Minderheitenrechte im Plenum, nämlich „dringliche Anfrage“, „Misstrauensantrag“ und „Sondersitzung“, laufen nach analogen Schemata ab: Großes Theater mit viel inszenierter Erregung, sodann Ablehnung von eventuell gestellten oppositionellen Anträgen durch die Regierungsparteien. Manchmal kostet dieses Theater nur ein paar Stunden Zeit, bei Sondersitzungen auch mehr als einen Tag für die aus dem fernen Westen  oder Süden Österreichs anreisenden Abgeordneten.

Eine konstruktive und substantielle Mitwirkung an der Gesetzwerdung kommt zwar nicht dem Parlament als Ganzem, aber zumindest einzelnen Abgeordneten üblicherweise in einer frühen Phase zu, wenn (in der gegenwärtigen Konstellation) die Bereichssprecher der beiden Regierungsparteien in die Diskussion einbezogen werden. Noch einmal mit der Materie können sie befasst werden, wenn die Begutachtung durch die Öffentlichkeit, vor allem durch besonders vom Gesetzesvorhaben Betroffene, zu größeren Abänderungsnotwendigkeiten geführt hat. Danach ist die Sache erledigt, die Debatten im vorbereitenden Fachausschuss und Plenum sind fast immer leeres Ritual: Die Abgeordneten der Regierungsparteien reden dafür, die der Opposition entweder dagegen oder auch (manchmal) ebenfalls dafür, dann wird in der von Anfang an vorgesehenen Weise abgestimmt und das Gesetz mit der dritten Lesung verabschiedet.

Noch um einiges drastischer stellt sich die Inhalts- und Entscheidungsarmut in der zweiten Kammer des österreichischen Parlaments dar, im „Bundesrat“. Gedacht als föderales Gegengewicht oder zumindest Ergänzungsstück zur ersten Kammer, dem „Nationalrat“, wird dieser Bundesrat von den Landtagen der neun Bundesländer beschickt und hat die Möglichkeit, gegen vom Nationalrat beschlossene Gesetze ein Veto einzulegen und sie damit nochmals an jenen zu weiterer Behandlung zurück zu verweisen. Insistiert der Nationalrat allerdings auf seinem ursprünglichen Beschluss, wird dieser, wie geplant, zum Gesetz und der Bundesrat hat keine weitere Mitwirkungsmöglichkeit mehr. Die über weite Strecken der jüngeren Geschichte analogen Kräfteverhältnisse in beiden Kammern führten dazu, dass der Bundesrat zum reinen Abnicken der in der ersten Kammer beschlossenen Gesetze zusammenkommt. Gleichwohl wird auch hier eifrig debattiert und so getan, als stünde irgendetwas zur Entscheidung an, was dezidiert nicht der Fall ist.

Nicht nur Erstaunen, sondern auch Misstrauen gegen die eben geschilderte eigene Einschätzung der parlamentarischen Praxis allerdings erregt in mir die Tatsache, dass diese offenbar kaum jemanden außer meiner wirklich zu irritieren oder zu belasten scheint. Ich kenne ja viele meiner Kollegen, nicht nur aus der eigenen Fraktion, recht gut und schätze viele von ihnen als kluge und motivierte Abgeordnete. Da drängt sich natürlich der Verdacht auf, dass ich selber an einer Idiosynkrasie litte und die geschilderte Praxis üblich und der Normalfall parlamentarischer Debatte sei. Man könnte die Drastik dieser Darstellung auch mit dem Hinweis schwächen, dass die eben geschilderte Praxis und das so geartete Funktionieren des österreichischen Parlaments denen in vielen anderen Demokratien der Welt entsprächen. Auch dort gibt es die oft beschworene Trennung von Legislative und Exekutive (die zwei Gewalten samt der dritten, der Judikative, finden sich bereits im vierten Buch der „Politik“ des Aristoteles) nicht, vielmehr werden die Gesetze auch dort von der Regierung gemacht. Und, richtig, „ein Parlament ist die zentrale Tribüne der Demokratie … In den Plenardebatten stellt sich die österreichische Demokratie selbst dar“, wie es Anton Pelinka kürzlich treffend formuliert hat.[7] In dem in obigem Zitat ausgesparten Satz allerdings täuscht sich Pelinka, wenn er behauptet, „der Nationalrat arbeitet … in Ausschüssen“. Nein, auch dort inszeniert er sich zumeist nur.

Ich sehe zwar ein und stimme zu: Das Parlament hat (wie wir alle) seine ‚Rolle’ zu ‚spielen’, also auch eine Inszenierungs- und Darstellungsaufgabe, es muss – auch in diesem Sinne – „repräsentieren“.  Trotz dieser Einsicht verbleiben aber zwei Fragen: Muss das Parlament als Vertreter des Souveräns und gesetzgebende Körperschaft sich in der Gesetzeswerdung wirklich mit einer so peripheren Rolle zufriedengeben? Und: Muss es seine Inszenierungs- und Darstellungsfunktion tatsächlich so in- und extensiv ausleben, dass – in Kombination mit dem in der ersten Frage angesprochenen Sachverhalt – seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sich nahezu darauf reduziert?

Beides kann man als problematisch und – wie noch auszuführen – auch als gefährlich ansehen, man kann es aber auch als folgerichtig und modernen demokratischen Gegebenheiten durchaus entsprechend nicht nur hinnehmen, sondern sogar begrüßen.

Die Antike hat in Theorie und Praxis bekanntlich den ‚Demos’ weithin geringgeschätzt und seine politische Mitwirkung oder gar Alleinherrschaft deswegen selten gutgeheißen. Das ist natürlich auch der Überlieferungslage und den zumeist aus der Oberschicht stammenden Autoren geschuldet, so schon in dem frühesten uns erhaltenen einschlägigen Text, einer anonymen „Athenaion politeia“ aus dem 5. Jahrhundert, wo der als „alter Oligarch“ titulierte Verfasser mit nahezu grimmiger Zustimmung die Folgerichtigkeit, aber für die Rreicheren eben auch abträglichen Einrichtungen der jungen athenische Demokratie schildert. Das setzt sich fort in Platons Staatsmodell, in dem nicht das Volk, sondern eine der menschlichen Seele analoge Vernunftinstanz, die Philosophen, zur Herrschaft bestimmt sind, und endet in Ciceros „De re publica“, wo die Demokratie die „am wenigsten zu billigende“ Einzelverfassung, die Monarchie hingegen die beste sei, am allerbesten allerdings eine aus den Einzelverfassungen (als dritte kommt noch die Aristokratie hinzu) gemischte, wie sie Rom im Laufe der Geschichte entwickelt habe.

Aber auch in der Moderne ist diese Geringschätzung nicht selten anzutreffen. Ein konkretes praktisches Beispiel lieferte jüngst der renommierte österreichische Romancier Michael Köhlmeier[8] mit einigen sehr harten Aussagen wie: „Unserer Demokratie droht nur eine Gefahr: das Volk. Der gegenwärtige Befund: Ein großer Teil der Menschen ist entweder an der Demokratie nicht interessiert oder lehnt die Demokratie gar ab“. Solche und ähnliche Auffassungen haben u. a. zur Entwicklung der sogenannten „Elitetheorie“ geführt, zu deren Hauptvertretern der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter zählt.[9] Er hat in seinem Werk „Capitalism, Socialism, and Democracy“ von 1942 (auf Deutsch 1947 erschienen, 8. Auflage von 2005) die Demokratie lediglich als einen Weg zu einer funktionsfähigen Regierung gesehen, die dann eben bis zur nächsten Wahlentscheidung dezidiert ohne die Mitwirkung des Volkes agiert. Ansonsten aber gehe von der Demokratie keine prägende Gestaltung der Gesellschaft aus, indem sie ihr etwa Gleichheit oder Freiheit oder wirkliche politische Teilhabe vermittle. Diese stehe immer nur einer Elite zu. Elitetheoretiker erklären mit dieser Konstellation auch das weitverbreitete Desinteresse an Politik und die niedrige und immer noch sinkende Wahlbeteiligung in entwickelten Demokratien und heißen sie als Zeichen von Zufriedenheit mit den je gegebenen Zuständen sogar gut.

Was hier als eigene Erfahrungs- und Leidensgeschichte präsentiert wurde, benötigte natürlich eingehendere wissenschaftliche Betrachtung, um intersubjektive Gültigkeit zu erlangen. Zusätzlich wären vertiefte Blicke in andere parlamentarische Demokratien wünschenswert. Für Österreich kann ich auf die jüngst erschienene Arbeit von Helmut Gruber verweisen, der die Parlamentsdebatten im Anschluss an die Regierungserklärungen in den Jahren 2000 bis 2010  in Hinblick auf das Vorkommen ihrer „rhetorisch-argumentativen Funktionen“ untersucht hat. Seine Erkenntnisse decken sich präzise mit meinen Erfahrungen: Als „Debatten“ seien diese „Sprechereignisse“[10] gar nicht zu bezeichnen, der argumentative Anteil darin ist verschwindend gering („Argumentation“: ein Prozent, „Gegenargumentation“: sechs Prozent, es dominieren „Lob“ auf Seiten der Regierungs- sowie „Kritik“ und „Vorwurf“ auf Seiten der Oppositionsparteien), es seien also lediglich „Scheindebatten“, in denen „deliberative Textsorten“ kaum vorkommen.[11] Ähnliche Befunde vermeldet Roger Willemsen aus dem deutschen Bundestag, dessen Sitzungen er ein Jahr lang regelmäßig beiwohnte. Auch er erlebt die „Simulation einer entscheidenden Debatte“[12] und konstatiert: „Etwas an diesen parlamentarischen Reden ist ein Schwindel, auf den sich alle geeinigt haben.“[13]

Eine ähnliche Entwicklung der politischen Rede weg vom genus deliberativum konstatieren auch andere Untersuchungen, wobei deren Blick häufig über den auf Parlamente hinausgeht. Hier in Tübingen darf ich zwei aktuelle Arbeiten von hiesigen Rhetorikforschern herausgreifen: Olaf Kramer schiebt die Schuld für diese Entwicklung der „Kolonisierung der Politik durch die Medien“[14] zu, weshalb Inszenierung und Symbolisierung dominierten. Ohne Zweifel hat es hier zuletzt Verschärfungen gegeben, allerdings sind solche Phänomene zu allen Epochen feststellbar und in ihren Grundzügen nicht nur zeitlos[15] , sondern dem Geschäft der Politik inhärent. Sie muss sich eben immer auch darstellen, um in der sie betreffenden Gesellschaft wirksam zu werden, und keine Verfassung bedarf der Kommunikation und damit der Medien mehr als gerade die Demokratie. Weil sie damit immer und heute zunehmend in Gefahr läuft, das Anpreisen ihrer Ware über diese selbst zu stellen, schwindet das Vertrauen in ihr Funktionieren.[16]

Manfred Kraus hat die internationale Debatte zu dem im Wachsen gesehenen Phänomen des „deep disagreement“ eines „dialogue des sourdes“ zusammengefasst, in dem man einander nicht mehr zuhöre, daher aneinander vorbeirede und nur bestrebt sei, der „eigenen Position Gehör“ zu verschaffen.[17] Kraus begnügt sich nicht mit dem Aufzeigen einer international bedenklichen Entwicklung, sondern sucht auch nach einer Lösung aus diesem Dilemma. Er findet sie in den Antilogien des Protagoras, die auf der Skepsis des Gorgias ruhen, dass es eben keine sicher ermittelbare Wahrheit, sondern nur mehr oder weniger wohl begründete Meinungen (δόξαι dóxai) gebe, zwischen denen eine Zuhörerschaft entscheiden kann. Dieser Vorschlag ist in Zeiten zunehmender ideologischer und fundamentalistischer Verwerfungen wichtig, wohl aber auch sehr optimistisch, und er führt mich zu abschließenden Überlegungen, ob der aufgezeigte Befund von der Abwesenheit des genus deliberativum in der parlamentarischen Debatte als Manko gelten und daher behoben werden müsse.

Mit Platon kann man alles, was sich vom ‚Eigentlichen’ entfernt, als minderwertig betrachten. Die menschliche Sehnsucht nach dem Eigentlichen, nach ‚Präsenz’ betrifft alles Zeichenhafte, damit aber auch unser primäres Mittel der Kommunikation, die Sprache, und ist sohin letztlich unstillbar.[18] Ungeachtet dieses Bruchs in unserer Kommunikation, den wir mit verschiedenen ontologischen oder semiotischen Mitteln zu überbrücken suchen, neigen wir dazu, offensichtlich Mimetisches gegenüber seinem (der Authentizität häufig nur näheren) Ausgangspunkt abzuwerten und werden daher eine echte einer Scheindebatte vorziehen oder das Symbolische, Ritualisierte, Inszenierte als solches entlarven und seine Leere demonstrieren wollen, sogar wenn wir sowohl die Konstanz solcher und anderer Mechanismen über lange Zeiträume hinweg als auch ihre Unvermeidlichkeit gerade auf dem Feld der Politik im Auge haben. In den parlamentarischen Debatten entfernen wir uns eben (ganz in Analogie zu Platons ontologischer Kunstkritik im zehnten Buch seines „Staates“) noch um eine Stufe weiter vom Eigentlichen als in einer ‚realen’ Debatte. Wenn das Parlament aber als Scheinwelt und ‚reines Theater’ denunzierbar wird (vestigia terrent!), gerät unser ganzes demokratisches System in Gefahr, zumal heute, wo dieses ohnehin auch von anderer Seite, insbesondere durch die Schwächung seiner Hauptakteure, nämlich der etablierten politischen Parteien, attackiert wird.[19]

Ein Gegenmittel könnte in der Besinnung auf die Wurzeln und das Wesen dieser Staatsform liegen. In ihrer attischen Ausformung, in der sie immerhin etwa eineinhalb Jahrhunderte Bestand hatte, sollen ja in der Tat alle wichtigen Entscheidungen nach ausgiebigen Debatten in der allen Vollbürgern zugänglichen Volksversammlung gefallen sein. In dieser Hinsicht wäre also die attische Demokratie ‚eigentlich’ gewesen, weil sie keiner Repräsentanten bedurfte.  Auch die Einjährigkeit der Funktionen, der vielfach übliche Losentscheid, der zu einem Amt führte, und die grundsätzliche Offenheit aller Ämter für alle Bürger konnte den Eindruck des „Nicht beherrscht Werdens“ (τὸ μὴ ἄρχεσθαι tò mè árchesthai) erwecken, den Aristoteles als ein Hauptmotiv der in dieser Verfassung Befindlichen ausmachte. Wir kennen allerdings auch die Krisen Athens, die Macht der Demagogen, die hermetische Auslegung von Bürgerschaft usw. Nicht nur, aber auch deswegen genoss diese Staatsform in der antiken Debatte kein großes Ansehen.  Und vor allem ist sie kaum von einer Polisstruktur auf einen größeren Flächenstaat umzulegen, auch wenn etwa die Schweiz das vielfache Gelingen solch direktdemokratischer Ansätze erweist.

Wollte man die Debatten in den Gremien der repräsentativen Demokratie und damit diese selbst aufwerten, müsste man ihnen Bedeutung durch Entscheidungsmacht zubilligen. Dies aber zöge eine Reduktion derselben woanders nach sich, könnte also nur gelingen, wenn man die derzeitigen Macht- und Entscheidungsträger (und das ist in Österreich nicht nur die Regierung!) von der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einer solchen Maßnahme überzeugen könnte. Vielleicht ist dieses Referat ein kleiner Beitrag dazu.

Literatur

Bartsch, Shadi: Praise and Doublespeak. Tacitus’ Dialogus. In: Rhiannon Ash (Hg.), Tacitus. Oxford 2012: 119-154.

Fairclough, Isabela / Fairclough, Norman: Political Discourse Analysis. A Method for Advanced Students. London 2012.

Göttert, Karl-Heinz: Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik. Frankfurt am Main 2015.

Gruber, Helmut: Formen und rhetorisch-argumentative Funktionen von Bezugnahmen auf vorherige Äußerungen in den Debattenbeiträgen österreichischer Parlamentsabgeordneter. In: Peter Anreiter / Elisabeth Mairhofer / Claudia Posch (Hgg.), Argumenta. Festschrift für Manfred Kienpointner zum 60. Geburtstag. Wien 2015: 125-138.

Güngerich, Rudolf: Kommentar zum Dialogus des Tacitus. Aus dem Nachlaß hg. von Heinz Heubner. Göttingen 1980.

Heldmann, Konrad: Antike Theorien über Entwicklung und Verfall der Redekunst. München 1982 (= Zetemata 77).

Köhlmeier, Michael, Was wir meinen, wenn wir von Demokratie reden. In: Der Standard 6.12. (2014): 47.

Kramer, Olaf: Politik zwischen Gegenwart und Zukunft. Das genus deliberativum in der Mediokratie. In: Gert Ueding / Gregor Kalivoda (Hgg.), Wege moderner Rhetorikforschung. Klassische Fundamente und interdisziplinäre Entwicklung. Berlin / Boston 2014: 681-701.

Kraus, Manfred: Aneinander vorbeigeredet? Zur Rolle von Dissens und polemischer Debatte in der pluralistischen Gesellschaft. In: Gert Ueding / Gregor Kalivoda (Hgg.), Wege moderner Rhetorikforschung. Klassische Fundamente und interdisziplinäre Entwicklung. Berlin / Boston 2014: 353-372.

Mair, Peter: Ruling the Void. The Hollowing of Western Democracy. London / New York 2013.

Pelinka, Anton: Anspruch und Wirklichkeit. In: Tiroler Tageszeitung 30. 8. (2014): 18.

Sarcinelli, Ulrich: Politische Inszenierung im Kontext des aktuellen Politikvermittlungsgeschäfts. In: Sabine R. Arnold / Christian Fuhrmeister / Dietmar Schiller (Hgg.), Politische Inszenierung im 20. Jahrhundert. Zur Sinnlichkeit der Macht. Wien / Köln / Weimar 1998: 146-157.

Schumpeter, Joseph Alois: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Einführung von Eberhard K. Seifert. 8. Auflage. Tübingen / Basel 2005.

Töchterle, Karlheinz: Politische Symbolik bei antiken Akteuren – ein Teilaspekt des politischen Schau-Spiels. In: Heinrich Schmidinger / Clemens Sedmak (Hgg.), Der Mensch – ein „animal symbolicum“? Sprache – Dialog – Ritual. Darmstadt 2007: 287-300.

Töchterle, Karlheinz: Emphase des Politischen, Emphase der Politik. In: Thomas Köhler / Christian Mertens (Hgg.), Jahrbuch für politische Beratung 2012/2013. Wien 3013: 17-21.

Willemsen, Roger: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. Frankfurt am Main 2014.

Zur Person:

Geb. 1949, Studium der Klassischen Philologie und Germanistik. Habilitation 1986 für das Fach Klassische Philologie in Innsbruck, Gastprofessuren an den Universitäten Graz und München; seit 1997 ordentlicher Professor für Klassische Philologie an der Universität Innsbruck. 2007–2011 Rektor der Universität Innsbruck. 2011 bis 2013 (parteifreier) Wissenschafts- und Forschungsminister der Republik Österreich. Seit 1/2016 Präsident der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG). Abgeordneter zum Nationalrat.

Die vorstehende Rede eröffnete unter dem Titel „The Narrative of the Decline of Rhetoric between Ancient and Modern Topoi, or: Of the Absence of the genus deliberativum in Parliament“ den 20. Kongress der ISHR, der vom 28.– 31. Juli 2015 in Tübingen stattfand und unter dem Thema „Rhetoric across Cultures“/“Rhetorik transkulturell“ stand.

[1] Gruber 2015, 125.

[2] Kramer 2014, 681.

[3] Güngerich/Heubner 1980, 207 ff.

[4] Vgl. zuletzt Bartsch 2012.

[5] Vgl. Heldmann 1982, passim.

[6] Vgl. Göttert 2015, 111 ff.

[7] Pelinka 2014.

[8] Köhlmeier 2014.

[9] Schumpeter 2005.

[10] Gruber 2015, 126.

[11] Gruber 2015, 136.

[12] Willemsen 2014, 112.

[13] Willemsen 2014, 157.

[14] Kramer 2014, 681.

[15] Vgl. Töchterle 2007.

[16] Vgl. Sarcinelli 1998.

[17] Kraus 2014, 360.

[18] Vgl. Töchterle 2013 zum Zusammenhang mit der aktuellen Politikverdrossenheit.

[19] Vgl. Mair 2013.