Vorträge Satür 2011 – Seite 3

 

König, Jan
»Der Stil überzeugt!« Die Überzeugungskraft
persönlichen Stils am Beispiel der Rede
Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner
Frauenkirche im Jahr 1989 und der Rede des
Marquis von Posa in Schillers Don Carlos.
Stilistische Linguistik stellt sich in der Rhetorik vor allem immer dann als lohnenswertes Forschungsgebiet dar, wenn ein persönlicher Stil einen Kommunikationsakt beeinflusst und zur Überzeugung des Rezipienten entscheidend beiträgt. Die Ergebnisse, die hierzu aus Fallstudien gewonnen werden können, geben wertvolle Hinweise auf Ästhetik
und Verwendung von persönlichem Redestil in
Zusammenhang mit konkreten Redesituationen. Die analysierten Reden ermöglichen somit einen Rückschluss auf Formen, Beschaffenheit und Einfluss
von Stil als ein Überzeugung ermöglichendes oder Überzeugung maximierendes Wirkungselement von Rede.
Ein Problem persönlichen Stils ist die Gradwanderung zwischen Authentizität, Ehrlichkeit und emphatischer
Individualität auf der einen und unfreiwilliger Komik, Schwulst oder gar dilettantischer Peinlichkeit auf der anderen Seite, die natürlich auch durch die Darstellung
durch die Medien beeinflusst werden kann. Als ein wichtiges Indiz zur angemessenen Bewertung kann hier die unmittelbare Reaktion des Publikums gelten,
die die Überzeugungskraft einer Rede und eines bestimmten Stils reflektiert und kommentiert. In den beiden vorgestellten Reden, jener Helmut Kohls vor Ruine der Dresdner Frauenkirche aus dem Jahr
1989 und jener des Marquis von Posa aus Schillers Don Carlos, lassen sich persönliche Stilarten der Redner sehr genau bestimmen, die einzelnen Elemente destillieren und der Stil als überzeugendes Element der Reden beobachten. Die beiden Reden
können zudem aufzeigen, dass der persönliche Stil durchaus Risiken zur Fehlwirkung birgt, aber in Kombination mit einem bestimmten aptum das Erreichen eines bestimmten telos durchaus überhaupt erst möglich machen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich darüber hinaus typische Bestandteile persönlichen Stils definieren, die als
grundsätzliche Elemente einer wirksamen Rede zu betrachten sind und exemplarische Strategien für konkrete Kommunikationsanlässe bieten. Die präsentierten Ergebnisse sind ein Ausschnitt aus meiner Dissertation »Wie Reden gelingen oder misslingen können. Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag.«
Die Dissertation entstand am Fachbereich für
Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bern (Schweiz) und wurde von Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. h.c.
Ernest W. B. Hess- Lüttich betreut. Sie wird derzeit für die Publikation vorbereitet und wurde im September
2010 mit magna cum laude ausgezeichnet.
Olaf, Kramer
Eine Frage des Stils? Erfolgsbedingungen
politischer Rede in der Mediendemokratie
Die massenmediale Beobachtung von Politik hat die Rezeptionsbedingungen politischer Rede radikal verändert, in der Folge haben Politiker, Redenschreier, Kommunikationsberater den Stil politischer Reden angepasst. Zitierfähige sound bites sind an die Stelle differenzierter Argumentation und komplex strukturierter Reden getreten. Auf der Handlungsebene zählen eingängige symbolische Gesten, die brauchbares Material für die Medien liefern. Selbst die
Wahl der Themen und Botschaften folgt inzwischen oft
weniger politischen Anforderungen als rein
strategischen Überlegungen. Was aber zeichnet
symbolische Gesten und sound bites aus, die politisch erfolgreich sind? Wird der Stil des Redners wichtiger als der politische Gehalt seiner Handlungen? Solche
und ähnliche Fragen sollen im Vortrag an Hand von Beispielen erörtert werden.
 

Müller-Höcker, Katrin
Die Wirkungsmacht vokaler Sprechstile
Unter Bezugnahme auf neurobiologische und
wahrnehmungspsychologische Grundlagen soll die rhetorische Wirkungsmacht vokaler Sprechstile veranschaulicht werden.
1. Wie lassen sich vokale Sprechstile erfassen,
wie entstehen sie und wie lassen sie sich
verändern?
2. Welche Wirkung erzielen verschiedene
sprechstildefinierende prosodische Parameter
beim Hörer?
3. Existieren vokale rhetorische Figuren?
Diesen Fragen soll in einem interdisziplinären Streifzugnachgegangen werden, in dem Theorie und Praxis der vokalen Rhetorik ineinander greifen.
Schild, Hans-Jochen
Sprache in Verhandlungen:
Stil und Logos als Funktion von
Verhandlungsstrategien
Die dyadische Verhandlungsstruktur unterscheidet sich von der Situation von Reden vor Gericht oder in Gremien und prägt Sprache und Stil. Verhandlungsaufbau, Dramaturgie und strategische Optionen in Form von Zielvorstellungen sind relevant. Der Entscheidungsfindung dienen pragmatische und
materiel- und machtgestützte vertrauensbildende gegenseitige Andeutungen, Hinweise, Moves oder sonstige Angebote, die in Form von „trial and error“
gemeinsam erkundet, erstritten und erarbeitet werden. Subjektive Glaubwürdigkeit verdrängt normative Geltungsansprüche als Entscheidungsgrund. Stillschweigende Verabredungen vermeiden störende
Diskussion. Rhetorik dient weniger der Entscheidung als ihrem Verkauf. Die Irrelevanz der sprachlichen Funktion als Entscheidungsmedium gleicht der
Ästhetisierung von Botschaft in den visuellen Medien.
Schönherr, Felix
„Produktdesign“ – Werberhetorische
Funktionen der Warenästhetik
Produktdesign ist im wettbewerbsgeprägten Werben um Kunden moderner Marktwirtschaften unerlässlich. Da in sämtlichen Produktsparten durch automatisierte
Herstellung, gesetzliche Regulierung und
betriebswirtschaftliche Konkurrenz qualitativ und funktional vergleichbare Waren von verschiedenen Herstellern auf den Markt gebracht werden, vollzieht sich eine Abkehr der Kaufentscheidung vom Funktionalen zum Ästhetischen. Kaufentscheidungen
werden, dem Zwang einen bestimmten Anbieter
wählen zu müssen entledigt, zu Geschmacksfragen und somit zur Frage erfolgreicher Produktwerbung.
Aus rhetoriktheoretischer Perspektive ergibt sich damit die Aufgabe, festzustellen, welche Funktion Produktdesign – die ästhetisch-stilistische Verarbeitung von Waren – im erfolgsorientierten Kommunikationsprozess zwischen Unternehmen und Kunden einnimmt. Auf Oratorebene ergibt sich zum
einen die Funktion, dem Unternehmen durch einen einheitlichen Produktstil eine individuelle Corporate Identity zuzuweisen, zum anderen das Produkt durch ästhetische Codierung auf bestimmte Konsumentengruppen zuzuschneiden. Auf Text-und Medialebene ist zwischen intrinsischer und extrinsischer Funktion zu unterscheiden. Die intrinsische Funktion betrifft die Herstellung des Produkts
selbst, also die Verknüpfung von funktionalen Eigenschaften und der ästhetisch-stilistischen Struktur des Produktdesigns. Hier hebt die Texturierung bestimmte Eigenschaften des Produkts hervor. Ebenso kann der ästhetische Eigenwert des Produkts als zusätzliches Verkaufsargument inszeniert werden. Die extrinsische Funktion betrifft die Einbettung des Produktdesigns in Werbekampagnen. Die stilistisch erkennbare Zusammengehörigkeit von Produktreihen verleiht Kampagnen auch unter veränderten Produkteigenschaften Kohärenz. Ferner können Einzelprodukte hierdurch mit der individuellen Corporate Identity des
Anbieters verknüpft und vom Adressaten der Reklame von Produkten anderer Hersteller zweifelsfrei unterschieden werden. Auf Persuasionsebene kann Produktdesign, dem
Elaborationswahrscheinlichkeitsmodell (Petty/Cacioppo) folgend, die Funktion
eines peripheren Signals einnehmen. Dieses beeinflusst die Bereitschaft zu
einer möglichen Kaufentscheidung dahingehend, dass das kognitive Prozessieren von Kaufvorteilen und -nachteilen durch Herstellung eines Affekts angeregt, verstärkt und reaktualisiert werden kann.
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