Vorträge Satür 2011 – Seite 4

Schulze, Jan Hennig
Stilfiguren als Interaktion rhetorischer
Tugenden
Als übergeordnete Tugend fordert das aptum-Prinzip, die Stiltugenden wie perspicuitas, brevitas, latinitas in möglichst hohem Maße zu erfüllen. Diese Stilforderungen stehen jedoch in Konflikt zueinander. So erfüllen Kürzungsfiguren zwar das Gebot der
brevitas, kommen jedoch gleichzeitig dem Gebot der perspicuitas nicht in vollem Maße nach. Wiederholungsfiguren dagegen können die perspicuitas erhöhen, verstoßen aber gegen die Forderung nach brevitas. Grundlage für die
Bestimmung der optimalen Stilfigur im konkreten Einzelfall ist eine Hierarchie der Stilforderungen. Diese Hierarchie variiert je nach historischem und gesellschaftlichem Kontext sowie den formalen Rahmenbedingungen und den verfügbaren
Kommunikationsmedien. Die Rekonstruktion der Hierarchie und ihre heuristische Funktion wird an einzelnen Beispielen vorgeführt.
Stölzgen, Karsten
Der vir bonus als Selfmademann. Die
Trainingsmethode von Dale Carnegie
Dale Carnegie (1888-1955) ist einer der Pioniere des modernen Trainingswesens. Der von ihm entwickelte Dale-Carnegie-Course wird bis heute in unveränderter Grundkonzeption in über 75 Ländern erfolgreich angeboten. Die zugrunde liegende Methodik ist auf
den ersten Blick unrhetorisch: Carnegie setzt nicht vor allem auf technische Anweisung, sondern auf Veränderung der inneren Haltung. Mit Empfehlungen wie „Versuchen Sie aufrichtig die Dinge aus der Sicht des anderen zu sehen.“ oder „Sprechen Sie vor allem
von Dingen, die die anderen interessieren.“ werden die Teilnehmer ermuntert, Haltungen einzunehmen, die rhetorischen Erfolg in Rede und Gespräch wahrscheinlicher machen. In diesem Vortrag werden die Vorteile und Grenzen des Ansatzes diskutiert.
Ulrich, Anne
Augenkitzel im Fernsehen. Was die Ästhetik
der Nachrichten über den ‘Charakter’ der
Benachrichtigungsinstanz verrät
Das Fernsehen setzt gerne auf stilistische Effekte, um den Zuschauern so gefällig die Augen zu ‚kitzeln‘, dass sie fasziniert am Ball bleiben und ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Programm richten. Besonders in den
1990er Jahren schwebten und glänzten Logos und Key Visuals auf der televisuell endlos bespielbaren Bildschirmfläche nur so um die Wette. Was aber erscheint für ein seriöses Format wie die Fernsehnachrichten als stilistisch angemessen? Worin
liegen die rhetorischen Potentiale der Nachrichten- Ästhetik? Der Beitrag befasst sich mit den Formen und
Funktionsmöglichkeiten des aktuellen News Designs. Dabei stellt sich heraus, dass die stilistische Oberfläche besonders wichtig für die Charakterisierung der Benachrichtigungsinstanz ist und damit weniger der Information als vielmehr der Imagekonstruktion
dient.

Wendenburg, Ulrike

Karl-Theodor zu Guttenbergs rhetorische
Schadensbegrenzung

Der ehemalige deutsche Minister für Verteidigung Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz
Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist über seine plagiierte summa cum laude Dissertation
gestolpert. Auf Druck der Medien und der Öffentlichkeit nimmt er zu den „Plagiatsvorwürfen“ Stellung. Zwei
Wochen lang, bis in die letzten Worte seiner
Rücktrittsrede am 1. März 2011, inszeniert sich der christlich-konservative Shootingstar als Politiker tadelloser Sittlichkeit, der zwar Fehler in seiner Dissertation einräumt, sich jedoch keiner absichtlichen Täuschung bewusst ist.
Wieser, Andreas
Narration als identitätsstiftende rhetorische
Strategie
Seit den 1990er Jahren werden in Unternehmen, mittlerweile aber auch in der Politik und in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, Erzählungen
strategisch eingesetzt. Gegenwärtig wird diese
Methode überall dort verwendet, wo es um
Kommunikations- und Veränderungsprozesse geht. Wie aber müssen solche Erzählungen beschaffen sein, damit sie wirksam werden können? Im Beitrag soll das Storytelling aus einer rhetorischen Perspektive beleuchtet werden. Die narrative Methode
bedarf, so die These, einer rhetorischen Strategie, um aus Unternehmen, Produkten und Personen eine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit zu
machen, die Zielgruppen effizient und langfristig zu binden vermag.
Zinsmaier, Thomas
Stilbruch – rhetorisch
Seit der Emanzipation der Ästhetik von der Rhetorik ist der Stilbruch in den autonomen Künsten zum Stilprinzip avanciert. Wie aber steht es heute um den Stilbruch in der heteronomen, seit je lizenzarmen
Redekunst? Nach einem kurzen Überblick über
Konzepte und Präzepte des Stilbruchs in der
klassischen Rhetorik wendet sich der Vortrag der Frage zu, ob dieses vitium elocutionis unter
Umständen auch eine persuasive virtus sein kann, und wenn ja, welches ihre Gelingensbedingungen sind.
Zohner, Dominikus
Rhetorik in der Gerichtsverhandlung
– vom sachlichen Stil zum emotionalen
Ausdruck
Wer an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt, kann unterschiedliche Formen des sprachlichen Stils
erleben: Auf der einen Seite regelt die Prozessordnung einen strengen Ablauf des Verfahrens und stellt den sachlichen Vortrag in den Vordergrund. Auf der anderen Seite wollen die Parteien und ihre Anwälte Recht haben oder zumindest Recht bekommen: eine
spannungsgeladene Redesituation mit emotionalen Wortgefechten.
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