Wissenschaft als soziales Phänomen

 

Julia Siebert

Wissenschaft als soziales Phänomen

– eine rhetorische Analyse

 

Abstract

Die traditionelle Auffassung einer rein rationalen Wissenschaft offenbart immer wieder große Defizite und gerät schnell in Erklärungsnot, wenn zum Beispiel ein Nobelpreis für etwas vergeben wird, das über Jahre hinweg als irrationaler Unsinn abgetan wurde. Quasikristalle? Es gibt sie also doch.

Ereignisse wie diese stärken im Gegenzug der von Thomas S. Kuhn vertretenen wissenschaftstheoretischen Position den Rücken. Dieser betrachtet die Erkenntnisse und Entwicklungen in der Wissenschaft als ein Produkt der Gruppenstrukturen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und präsentiert damit eine Theorie, die der Tatsache Rechnung trägt, dass jede Art von Wissenschaft immer von Menschen betrieben wird. Menschen, die nicht wie Maschinen funktionieren, sondern an vielschichtige psychische Faktoren gebunden sind. Statt logischer Beweise und rationaler Argumente stehen hier Dynamiken innerhalb der Gruppe, persönliches Interesse und strategisch taktierende Wissenschaftler mit festen Überzeugungen im Mittelpunkt. Kuhn entwirft ein sozial fundiertes Bild der Wissenschaftsentwicklung, das eine erstaunliche Nähe zur Rhetorik und ihren Prinzipien offenbart. Tatsächlich scheint die Rhetorik seine Theorie nicht nur zu untermauern und zu bestätigen, sondern sogar ein wissenschaftliches Fundament für diese relativistische Position zu liefern.

1. Thomas Kuhns Theorie der Wissenschaftsentwicklung

Thomas Samuel Kuhn (1922-1996) ist ein amerikanischer Wissenschaftstheoretiker, der durch sein Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions [1] die Entwicklung der Wissenschafts-philosophie des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hat. Anders als sein bekanntester Kontrahent, Karl Popper, macht sich Kuhn für ein Wissenschaftsverständnis stark, das sich von dem Begriff der Falsifikation und einem kumulativen Fortschritt der Wissenschaft distanziert. Vor der Veröffentlichung von Kuhns Werk im Jahre 1962 wurde Wissenschaft meist als eine Ansammlung von Theorien, Daten und Methoden gesehen, als ein Verfahren, bei dem einzelne Erkenntnisse und Fakten wie kleine Puzzleteile zusammengetragen und zu einem großen Ganzen zusammengebaut werden, das sich im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts fortwährend entwickelt, ausdifferenziert und kontinuierlich an Umfang zunimmt. [2] Diese Sichtweise ist für Kuhn unplausibel, da er der Auffassung ist, dass ältere Theorien nicht zwangsläufig als weniger wissenschaftlich gelten sollten und grundsätzlich keine Linearität in ihrer Abfolge zu erkennen ist. Jede Theorie, jede Epoche hat ihre eigenen Anschauungen und Qualitäten, durch die sich manche Dinge erklären lassen und andere nicht.[3]

Kuhn unterteilt die wissenschaftliche Entwicklung in mehrere Phasen – eine präparadigmatische Phase, die normalwissenschaftliche Phase, die Krise und die wissenschaftliche Revolution, der sich die nächste normalwissenschaftliche Phase anschließt.[4]

„Ein Paradigma [5] ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen.“[6] Grundsätzlich sollte es zwei Merkmale in sich vereinen – zum einen sollte es attraktive Neuerungen mit sich bringen, um stetig Wissenschaftler für sich zu begeistern, die ihre Wissenschaft bisher noch an anderen Regeln festgemacht haben. Zum anderen sollte das Paradigma seiner neuen Anhängerschaft noch genügend ungelöste und spannende Problemfelder eröffnen, in denen sie sich betätigen können.[7] Um das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe zu stärken, wird außerdem eine Reihe von Werten vorgegeben, die für die Gruppe Gültigkeit besitzen.[8]

Solange es noch keine anerkannten Paradigmen gibt, stehen alle bisher gesammelten Fakten gleichberechtigt nebeneinander. Dieses Zusammentragen geschieht zunächst mehr oder weniger zufällig, da zu diesem Zeitpunkt weder eine Hierarchie noch Prioritäten auszumachen sind. Erst in dem Moment, in dem sich eine der Theorien oder Schulen durchsetzt, beginnt eine klare Strukturierung und Bewertung der Fakten. Die Forschung wird nun aus einem bestimmten Blickwinkel heraus betrieben und grenzt aus den bisher gesammelten Informationen und Methoden den für sie relevanten Bereich ein, mit dem sie sich in Zukunft beschäftigen möchte.[9] Wie für die gesamte Gemeinschaft der Wissenschaftler, so gilt in der normalwissenschaftlichen Phase auch für den Einzelnen, dass er nicht auf der Suche nach etwas Neuem ist, das ein fundamentales Umdenken erfordern würde – weder begrifflicher Natur noch als Phänomen. Ganz im Gegenteil werden ausschließlich die vom Paradigma aufgestellten Thesen untermauert und herausgearbeitet. Im Zuge dessen werden zwar durchaus verschiedene Lösungsansätze getestet und einander gegenüber gestellt, jedoch muss sich dabei niemals das Paradigma selbst beweisen.[10] Alles Neue muss sich gegen enorme Widerstände behaupten, da eventuelle Unstimmigkeiten oder spätere Gegenbeweise zunächst sehr erfolgreich verdrängt werden. Erst wenn die Unzulänglichkeiten der Theorie nicht länger zu unterschlagen sind, rücken die Anomalien langsam in das Bewusstsein. Dieser Prozess markiert aber schon den Übergang zur Krise, in der Begrifflichkeiten neu belegt und das zuvor Widersprüchliche zum Normalen wird.[11] In jedem Fall wird die wissenschaftliche Gemeinschaft zumindest so lange an ihrem Paradigma festhalten, bis sie einen würdigen Nachfolger gefunden hat. Und das gilt auch dann noch, wenn sie selbst bereits nicht mehr an die Gültigkeit des Paradigmas glaubt und schon aktiv nach einem Ersatz sucht. Das, was die Wissenschaftler dazu bringt, ein Paradigma zu verwerfen, hat nur wenig mit einer Überprüfung der Theorie an der Natur zu tun.[12]

 2. Wissenschaft als Gruppenphänomen

Wie andere soziale Gruppen, die sich aufgrund gemeinsamer Interessen zusammengeschlossen haben, stellt auch die wissenschaftliche Gemeinschaft eine solche Gruppierung dar. Ob sie auch den gleichen Mechanismen und Dynamiken folgt, gilt es zu untersuchen.

Gewöhnlich können einer sozialen Gruppe Eigenschaften wie Initialisierungsriten, gemeinsame Gepflogenheiten, eine der Gruppe eigene Sprache, positive Selbstbestätigung, Konsensbestreben, Selbstbezug, gemeinsame Vorbilder und ein klar definiertes Weltbild zugesprochen werden.[13] Im Falle der Wissenschaft definiert das Paradigma diese Gruppenstrukturen.

Um sich möglichst schnell und erfolgreich in die wissenschaftliche Gemeinschaft zu integrieren, bietet die intensive Auseinandersetzung mit den geltenden Paradigmen die beste Möglichkeit. Auf diese Weise wird ein Konsens unter den Mitgliedern der Gemeinschaft gefördert und eine feste Bindung an die Prinzipien der Gruppe erreicht. Das hat gleichzeitig zur Folge, dass grundlegende Meinungsverschiedenheiten in der späteren Zusammenarbeit von vorne herein als unwahrscheinlich gelten können.[14] Die Beschäftigung mit der jeweiligen Fachliteratur gleicht einem Initialisierungsritual, in dessen Verlauf diese Quellen verinnerlicht werden und als Referenz für die eigene Forschung dienen. Aufgrund dessen bilden sich innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgeprägte, aber weitgehend einheitliche Kommunikationsstrukturen heraus. Im Gegensatz dazu ist die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften häufig mühselig und von Missverständnissen begleitet, die zu ernsten Auseinandersetzungen führen können.[15] Diese Tatsache spiegelt sich auch in den wissenschaftlichen Arbeiten wider – solange sich der Forscher innerhalb seiner eigenen Gemeinschaft bewegt (und das wissenschaftliche Schaffen ist hauptsächlich auf diese Zielgruppe gerichtet), muss nicht jede einzelne Prämisse hinterfragt werden, sondern die meisten Grundprinzipien sind allgemein akzeptiert und bedürfen somit keiner weiteren Rechtfertigung. Der Wissenschaftler kann auf den Konsens innerhalb der Gemeinschaft vertrauen. Bei den Entscheidungen, die er dennoch in Anbetracht des begrenzten finanziellen, zeitlichen und materiellen Rahmens treffen muss, bietet wiederum das Paradigma Rückhalt und Gewissheit, dass das, worauf er sich in seinen Forschungen konzentriert, auch tatsächlich ausreichend relevant ist.[16]

Außerdem ist eine zunehmende Spezialisierung zu beobachten, die es mit sich bringt, dass die meisten Veröffentlichungen in etablierten Wissenschaften sich schon lange nicht mehr an eine Allgemeinheit richten, sondern einem engen Kreis von Experten aus derselben wissenschaftlichen Gemeinschaft vorbehalten sind. Bei ihnen ist sowohl die Akzeptanz des Paradigmas gesichert als auch das nötige Fachwissen vorhanden, um den Inhalt der Arbeit überhaupt zu verstehen. Durch dieses eingegrenzte Publikum entfällt die Rechtfertigung vor der Öffentlichkeit weitgehend, was dem Einzelnen die Freiheit lässt, sich gerade mit den Problemen zu beschäftigen, deren Lösung den größten Erfolg verspricht.[17]

Durch den wissenschaftlichen Ausbildungsweg, durch Literatur und Referenzen, kristallisieren sich Vorbilder heraus. Vorbilder, die innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft den Status eines Paradigmas erlangen und fortan im Hintergrund die Probleme, Arbeitsweisen und Lösungen legitimieren, die die Wissenschaftler ihren Forschungsarbeiten zugrunde legen. Es handelt sich um eine unausgesprochene Übereinkunft, ein stilles Einvernehmen über grundsätzliche Sichtweisen, deren Existenz im Alltag meist nicht bis in das Bewusstsein des Wissenschaftlers vordringt. Das ist für seine Arbeit auch gar nicht von Interesse.[18] Das Wissen über diese Grundsätze scheint dem schleichenden Eingliederungsprozess in die Gemeinschaft zum Opfer gefallen zu sein, wodurch der angehende Wissenschaftler vergessen hat, dass er viele Theorien, die ihm ursprünglich aus Lehrbüchern oder von Autoritäten des Fachs nahegelegt wurden, inzwischen als Tatsachen anerkannt hat, obwohl sie ihm jegliche Beweise dafür schuldig geblieben sind.[19] Was dem Wissenschaftler vielleicht schon eher präsent ist, ist die Tatsache, dass dieses Rätsellösen an klare Regeln geknüpft ist. Ebenso wie auch ein Puzzle gewöhnlich nicht nach beliebigen Kriterien zusammengesetzt und eine kreative Lösung präsentiert werden darf, gelten auch im Falle des Paradigmas Richtlinien für akzeptierte Lösungen und Ansätze. Im übertragenen Sinne schlägt Kuhn für diese Art von Regeln Begriffe wie „festgelegter Standpunkt“ oder „Vorverständnis“ vor.[20]

Ein weiterer Aspekt der Gruppendynamik zeigt sich, sobald es einem Wissenschaftler nicht gelingt, ein Paradigma zufriedenstellend zu bestätigen. In diesem Moment steht nicht die Güte des Paradigmas in der Kritik, sondern die Unzulänglichkeiten des Wissenschaftlers, auf die sich die Schuldzuweisungen der Gemeinschaft konzentrieren. Eine Verteidigung hätte ebenso wenig Glaubwürdigkeit, wie „der Zimmermann, der seinem Werkzeug die Schuld gibt“.[21] Der Forscher steht also auch insofern unter Zugzwang.[22] Wenn sich in der Wissenschaftsentwicklung dennoch ein neues Paradigma herauskristallisiert, so hat das zur Folge, dass die alten Schulen Stück für Stück verschwinden, da bisherige Verfechter des alten zu Anhängern des neuen Paradigmas werden. Diejenigen, die diesen Wandel nicht vollziehen, werden meist schon nach kurzer Zeit zu Außenseitern, deren Arbeit in der neu konstituierten wissenschaftlichen Gemeinschaft zukünftig keine Rolle mehr spielen wird.[23]

Bezug zu rhetorischen Konzepten

Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Kuhn in Zusammenhang mit den vom Paradigma diktierten Regeln Begriffe wie „festgelegter Standpunkt“ und „Vorverständnis“ vorschlägt. Diese Formulierungen stehen in gedanklicher Nähe zu dem von Lloyd Bitzer geprägten Schlagwort der ’spezifischen Beschränkungen‘ (constraints), denen sich jeder Redner gegenüber sieht und die sein strategisches Handeln bestimmen sollten. Bitzer betrachtet Rhetorik als eine pragmatische Art zu kommunizieren, bei der die hauptsächliche Interaktion zwischen Personen und ihrer Umgebung stattfindet. Durch diese Fokussierung gelangt man schnell zur Thematik der Situationsbedingtheit von Rhetorik. Jede Rhetorische Situation basiert demnach auf dem Zusammenspiel von einem dringlichen Problem (dem Bewusstsein, dass etwas anders ist, als es sein sollte), einem betroffenen Publikum (das dazu in der Lage ist, etwas zur Lösung des Problems beizutragen) und den schon erwähnten spezifischen Beschränkungen.[24]

Die Beschränkungen, die sowohl den Rhetor als auch das Publikum betreffen, können zum Beispiel in Form von Prinzipien, Erfahrungen, Emotionen, Überzeugungen, Argumenten und Interessen vorliegen. Die zentrale Aufgabe des Redners ist es, diese Beschränkungen einerseits zu erkennen und zum Ausgangspunkt seines eigenen Anliegens zu machen, andererseits selbst Beschränkungen einzuführen, die ihm dabei helfen, das vonihm gewünschte Ziel zu erreichen.[25] Dabei bewegt er sich folglich in einem Spannungsfeld zwischen spezifischen Möglichkeiten und Einschränkungen, in dem er seine Kommunikationsstrukturen gezielt aufbauen kann.[26] Erschwert wird dieser Prozess dadurch, dass die Beschränkungen nur in einigen Fällen direkt zugänglich sind und sich auf Fakten oder beobachtbare Sachverhalte beziehen. Vielmehr kann es sein, dass es nur diffuse psychische Dispositionen sind, die einer genaueren Beobachtung und der entsprechenden Erfahrung bedürfen, um sie richtig einzuschätzen. Die Rhetorische Situation, also gewissermaßen der gesamte Kontext in dem die Rede stattfindet und in den der Persuasionsprozess notwendigerweise eingebettet ist, stellt kein starres Gebilde dar, das einmal erkannt, immer wieder auf dieselbe Weise beeinflusst werden kann. Dem Persuasionserfolg liegt immer eine situationsabhängige Dynamik zugrunde, die eine ständige Aktualisierung der Analyse erforderlich macht. Dadurch hat er einen grundlegend anderen Charakter als eine logisch zwingende Argumentation.[27] Die Parallelen in der Auffassung von Kuhn und Bitzer sind hier deutlich zu erkennen. Auch Kenneth Burke betont, dass jedes Werk, jede schriftliche Arbeit an eine passende Rezeptionssituation gebunden ist, deren Eintreten nicht unbedingt im Einflussbereich des Autors liegt. Es ergeben sich zwei Möglichkeiten, wobei entweder das Werk zufällig zur vorherrschenden Situation passt und aus diesem Grund auf ein breites Interesse stößt oder das Werk bewirkt aus sich selbst heraus eine Veränderung der Situation, es wirkt als Korrektiv und begünstigt dadurch seinen Wirkungsradius.[28] Es überrascht kaum, dass Bitzer vor allem die zweite Wirkungsweise für höchst relevant hält. Denn genau das ist es, was in rhetorischen Situationen durch die Manipulation der Beschränkungen geschieht.[29]

In Zusammenhang mit den von Kuhn eingeführten Begriffen „Vorverständnis“ und „festgelegter Standpunkt“ könnte man auch an eine Parallele zum Begriff der endoxa bei Aristoteles denken. Die Eigenheit dieser dialektischen Schlüsse besteht bekanntlich darin, dass ihre Prämissen keine festen wissenschaftlichen Prinzipien, sondern anerkannte Meinungen darstellen. Sie folgen also wiederum keinen formallogischen Strukturen, sondern weisen eine ausgeprägte Dehnbarkeit auf. Die Frage, welche Meinungen denn nun als allgemein akzeptiert gelten können, beantwortet Aristoteles gleich zu Beginn seiner Topik wie folgt: „Anerkannte Meinungen […] sind diejenigen, die entweder von allen oder den meisten oder den Fachleuten und von diesen entweder von allen oder den meisten oder den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehalten werden.“[30] Das Glaubhafte, das die anerkannten Meinungen für sich geltend machen können, ist also auch bei Aristoteles immer sozial eingebunden zu verstehen. Die Anstrengungen, die unternommen werden müssen, um zu überzeugen, sind sehr viel geringer, wenn auf die vorherrschenden Meinungen Bezug genommen wird, beziehungsweise sie zum Ausgangspunkt der Argumentation gemacht werden.[31] Auch wenn er den Begriff nicht explizit verwendet, kann man Kuhns Ausführungen ebenfalls problemlos an den auctoritas-Gedanken aus der Rhetorik anschließen, der ja schon in Bezug auf die endoxa eine wichtige Rolle spielt (die bekanntesten und anerkanntesten Fachleute, siehe oben). Denn auch in Kuhns Wissenschaftsbild sind es die etablierten und anerkannten Mitglieder der Gemeinschaft, die als Autoritäten fungieren und in dieser Position die geltenden Grundsätze bestimmen, auf deren Basis dann wiederum die Arbeitsweisen und Lösungsansätze legitimiert werden können. Im Falle eines Paradigmenwechsels, der, wie zuvor beschrieben meist von jungen oder zumindest unerfahrenen Wissenschaftlern angestoßen wird, haben wir es letztlich mit nichts anderem als einem Wandel der auctoritas zu tun.[32]

Des Weiteren ist bei Kuhns Wissenschaftsbeschreibung so etwas wie ein Adressatenkalkül auszumachen. Denn in dem Moment, in dem die Wissenschaftler nur noch für die Kollegen in ihrer eigenen wissenschaftlichen Gemeinschaft publizieren, müssen die Grundsätze nicht jedes Mal erneut ausgeführt werden. Man wendet sich an diejenigen, deren Beifall man sich sicher sein kann und verhindert bereits durch die Form der Veröffentlichung, sich derKritik eines breiten Publikums stellen zu müssen, beziehungsweise überhaupt Anstrengungen unternehmen zu müssen, Argumente und Mittel zu finden, die die Allgemeinheit überzeugen. Rechtfertigungsgründe sind unnötig, denn es kann auf starken Prämissen aufgebaut werden. Der wissenschaftliche Elfenbeinturm erscheint als ein hermetisch abgeriegelter Raum, der nur seinen eigenen Gesetzen zu folgen hat. Diese Situation erinnert zurecht an den Ausspruch des Sokrates in Platons Menexenos, es sei leicht „Athener vor Athenern zu loben“, auf den sich auch Kenneth Burke bezieht „When you are with Athenians, it’s easy to praise Athenians, but not when you are with Lacedaemonians. […] You persuade a man only insofar as you can talk his language by speech, gesture, tonality, order, image, attitude, idea, identifying your way with his“.[33] Bei Burke kommt also der Begriff der Identifikation ins Spiel, für den die klassischen Formulierungen wie Überredung oder Überzeugung Platz machen sollen. Dadurch wird nochmals stärker betont, dass der Adressat die richtungsweisende Instanz ist, an dem sich jede persuasive Bemühung zu orientieren hat. Denn in jeder sozialen Gruppe kristallisiert sich mit der Zeit ein spezifischer Sprachgebrauch heraus, der mit einer ebenfalls spezifischen Bedeutungsaufladung einhergeht und bestimmte Assoziationen und Erwartungen nahelegt. Indem eine gewohnte Stilistik, bestimmte Textstrukturen, Metaphern und Stilmittel zum Einsatz kommen, kann die gewünschte Identifikation erreicht werden. Sprache wird durch diese symbolische Aufladung zu Handlung, da sie bei der Beschreibung von Wirklichkeit bereits selektiert. Der Rezipient kann sich auf diese Weise mit dem telos des Rhetors identifizieren. Und gerade hier setzt die Rhetorik an, denn die Tatsache, dass es der Orator nicht mit Wirklichkeit, sondern mit einer Interpretation von Wirklichkeit zu tun hat, eröffnet gleichermaßen Chancen und Risiken. Letztlich wird hier das aptum-Prinzip bedient, da im Einzelnen überprüft und analysiert werden muss, welcher sprachliche Ausdruck der angemessene ist. In diesem Zusammenhang kann auch auf den Substanzbegriff von Burke hingewiesen werden, der sich gerade mit dieser Mehrdeutigkeit von Sprache auseinandersetzt.[34]

Falls es doch einmal zu einer Rechtfertigungssituation vor der Öffentlichkeit kommt, soll sich der Redner laut Aristoteles auf Argumente verlassen, die eine möglichst breite Gültigkeit besitzen und bei denen es kaum Anknüpfungspunkte für Kritik gibt, die von der Öffentlichkeit entlarvt werden könnten. Oft reicht es aus, die Schilderungen so undurchsichtig zu halten (obscuritas), dass sie höchstens von Experten durchblickt werden könnten, während die Masse sie als wahr akzeptiert.[35] Ausgehend von dieser Perspektive wird der Redner sein Verhalten anpassen, er wird bestimmte Dinge zugestehen, andere unberücksichtigt lassen, einige besonders betonen, um auf diese Weise strategisch geschickt zu manövrieren.[36] Außerdem kann versucht werden, direkt auf die emotionale Verfassung des Zuhörers einzuwirken, „denn ganz unterschiedlich treffen wir Entscheidungen, je nachdem, ob wir traurig oder fröhlich sind, ob wir lieben oder hassen“.[37]

3. Wissenschaft als Überredungsversuch

„Jede Gruppe verwendet ihr eigenes Paradigma zur Verteidigung eben dieses Paradigmas.“ Dieser eindeutige Zirkelschluss schwächt die vorgebrachten Argumente laut Kuhn aber nicht in dem Sinne, dass er sie entkräften würde. Es ist trotzdem möglich, für ein Paradigma zu werben und seine Plausibilität darzulegen. Jedoch kommt die Argumentation niemals über „den Status eines Überredungsversuches“ hinaus. Sie besitzt weder logisch zwingende noch probabilistische Elemente, die ihre Akzeptanz bewirken müssten. Statt dessen kann sie nur denjenigen erreichen, der schon zu Beginn dazu bereit war, die Prämissen des Paradigmas anzuerkennen und der sich der Gemeinschaft anschließen möchte. „Wie bei politischen Revolutionen gibt es auch bei der Wahl eines Paradigmas keine höhere Norm als die Billigung durch die jeweilige Gemeinschaft.“[38] Um besser verstehen zu können, warum die Entscheidung für ein Paradigma niemals durch logische Überlegungen und experimentelle Ansätze getroffen werden kann, soll das Verhältnis zwischen altem und neuem Paradigma näher untersucht werden. Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt von einem neuen und einem alten Paradigma sprechen können, ist das Auftreten von Fehlern. Erst wenn auf der Basis des alten Paradigmas die durchgeführten Experimente und Versuchsanordnungen nicht das erwartete Ergebnis liefern, kann von einer Neuheit, von einer Anomalie die Rede sein. Und gerade der Einbezug beziehungsweise die Erklärung dieser Anomalie wird es sein, die das neue Paradigma maßgeblich bestimmt. Von vorne herein herrscht also eine Konkurrenzsituation zwischen den Paradigmen, die keine Koexistenz innerhalb der gleichen wissenschaftlichen Gemeinschaft möglich macht – sie sind logisch nicht miteinander zu vereinbaren. Es kann nur eines der beiden Paradigmen Gültigkeit für sich beanspruchen, das andere wird notwendigerweise verdrängt.[39] Die Paradigmen implizieren ein unterschiedliches Weltbild, sie postulieren die Existenz unterschiedlicher Dinge mit unterschiedlichen Eigenschaften. Dadurch verändert sich auch die wissenschaftliche Norm, die angelegt wird, um Sinnvolles und Zielführendes von bloßer Spekulation zu trennen. Spätestens an diesem Punkt stehen die beiden Paradigmen als inkommensurable Theorien nebeneinander.[40] Es existiert keine neutrale Plattform, auf der die konkurrierenden Paradigmen direkt miteinander verglichen werden könnten. „Die Mitglieder einer gegebenen wissenschaftlichen Gemeinschaft [sind] das alleinige Publikum und die alleinigen Richter der Arbeit der Gemeinschaft“.[41] Auf beiden Seiten werden Prämissen in Form von nichtempirischen Bedingungen gemacht, die wechselseitig nicht zugestanden werden, aber eine zwingende Voraussetzung darstellen würden, um den anderen Standpunkt vollständig zu begreifen. Und diese Verständigung scheitert nicht etwa an der fehlenden Bereitschaft, sich auf eine gemeinsame Sicht zu einigen, sondern es gibt schlichtweg keine Möglichkeit, die Überlegenheit eines der Paradigmen zu beweisen. So haben zum Beispiel die gelösten Probleme der einen Seite für die andere unter Umständen überhaupt keine Relevanz. Sie bewegen sich auf einer anderen Ebene, sie sind inkommensurabel.[42] Zwar werden einige Begrifflichkeiten und Bezeichnungen über den Paradigmenwechsel hinaus beibehalten, doch das führt häufig nur zu noch größeren Missverständnissen, da die damit verbundenen Vorstellungen völlig andere sind. Der sprachlichen Verständigung zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften sind hier klare Grenzen gesetzt. Kein Mitglied der einen Partei kann Außenstehenden die Überlegenheit der eigenen Theorie beweisen. Die einzige Möglichkeit zur Verständigung stellt die Überredung dar.[43] Aus Kuhns Perspektive ist das nicht weiter erstaunlich, denn gerade der Sprachgebrauch ist Teil des geltenden Paradigmas und spiegelt dessen Prämissen und Möglichkeiten wider.[44] Ausgehend von diesen Ausführungen ist anzunehmen, dass auch die Wahrnehmung den Einschränkungen des Paradigmas unterworfen ist. Die menschliche Wahrnehmung wird im Laufe der Ausbildung gezielt geschult und auf eine bestimmte Selektionsleistung hin trainiert. Die angehenden Wissenschaftler lernen anhand von Musterbeispielen und Modellen, auf welche Aspekte sie ihre Aufmerksamkeit richten und welche Regelmäßigkeiten sie erkennen sollen.[45]

Es ist wichtig zu betonen, dass es bei einem Paradigmenwechsel nicht um eine argumentative Auseinandersetzung, sondern um die Annahme von Prämissen geht. In einer Diskussion über die Logik, Schlüssigkeit oder Gültigkeit von Argumenten kann man sich leicht verständigen, indem man nach Fehlern sucht, nach logischen Brüchen oder anderen Irregularitäten. Doch dazu muss zunächst die Basis geklärt sein. Es muss Einigkeit darüber bestehen, welche Grundannahmen über die Welt gemacht und akzeptiert werden können. Diese Schwierigkeit wird zum Beispiel auf eindrückliche Weise deutlich, wenn man Gelegenheit bekommt, ein Streitgespräch zwischen Evolutionsbiologen und Kreationisten zu verfolgen. Ganz gleich wie professionell und verständigungsbereit sich die Vertreter präsentieren, es wird ihnen nicht gelingen, auf argumentativem Weg eine gemeinsame Ebene zu finden. Das ist auf rein logische Weise nicht möglich. Stattdessen „bedient man sich der Überredung als Vorspiel zur Möglichkeit des Beweises“.[46] Jedoch schließt auch diese Einsicht nicht aus, dass die Entscheidungen am Ende fundiert und begründet getroffen werden. Ihr werden in den meisten Fällen trotzdem bekannte Prinzipien wie „Genauigkeit, Einfachheit, Fruchtbarkeit“ zugrunde liegen. Aber nicht als klar definierte Entitäten, sondern als Werte, die zunächst einer Interpretation durch die Gemeinschaft bedürfen.[47]

Letztendlich sind es immer subjektive und ästhetische Kriterien, die uns die Entscheidung für das neue Paradigma nahelegen.[48] Denn zu Beginn einer sich anbahnenden Krise, wenn der neue Kandidat zum ersten Mal zur Diskussion gestellt wird, bietet er wenig mehr als eine neue Idee. Zu diesem Zeitpunkt wird er noch keines der drängenden Probleme zufriedenstellend gelöst haben und sowieso höchstens Ansätze liefern können. Es spricht also zunächst wenig dafür, sich dem neuen Paradigma anzuschließen oder daran zu glauben. Das bisherige wird ihm zumindest in dieser ersten Phase wahrscheinlich in allen Belangen überlegen sein. Gingen die Wissenschaftler nach rein rationalen Kriterien vor und würden sie sich nur an der Anzahl gelöster Probleme orientieren, so wäre das Auftreten von wissenschaftlichen Revolutionen äußerst unwahrscheinlich. Allein diese Feststellung lässt vermuten, dass es bei solchen Revolutionen nicht um die gerne vorgeschobenen objektiven Vorzüge geht, sondern andere Mechanismen zum Tragen kommen. Die Begriffe, die sich dafür aufdrängen, können am ehesten mit Glauben, Sympathie und Faszination umschrieben werden. Der Wissenschaftler oder die wissenschaftliche Gruppe muss dem neuen Paradigma so viel Vertrauen entgegen bringen, dass sie ihm zutrauen, die anstehenden Probleme lösen und die gesamte wissenschaftliche Disziplin leiten zu können. Diese Entscheidung kann sich nicht auf Beweise oder komplizierte Experimente stützen, sondern stellt noch am ehesten eine Entscheidung für eine zukünftige Weltsicht dar, mit der sich der Wissenschaftler identifizieren möchte. Das Paradigma muss den Wissenschaftlern das Gefühl geben, eine gute Wahl zu treffen und den richtigen Weg einzuschlagen, auch wenn die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiter begründet werden kann, außer durch diffuse persönliche Vorlieben. Weil diese Wahl vor einem so persönlichen Hintergrund getroffen wird, ist für Kuhn auch klar, dass es kein Argument geben kann, das alle Wissenschaftler zwangsläufig überzeugen würde und somit eine universale Gültigkeit für sich beanspruchen könnte. Was zu beobachten ist, ist vielmehr eine „wachsende Verlagerung der fachwissenschaftlichen Bindungen und nicht die Abkehr einer ganzen Gruppe“.[49]

Bezug zu rhetorischen Konzepten

Der zuletzt beschriebene Aspekt lässt sofort an Johnstone denken, der Persuasion als einen Prozess der wirkungsunsicheren Steuerung beschreibt. Auch die Einführung eines neuen Paradigmas scheint ähnlichen Regeln zu folgen. Sie lässt sich nicht mit Gewissheit voraussagen, sondern trägt der Tatsache Rechnung, dass wir es mit einem vielschichtigen Phänomen zu tun haben, dem die Einstellungen und Entscheidungen der Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft zugrunde liegen. Es ist unmöglich, im Voraus zu bestimmen, welche Argumente tatsächlich Erfolg haben und eine Änderung bewirken werden. Ein plötzlicher Umschwung ist in keinem Fall zu erwarten.[50]

Wenn Aristoteles gleich zu Beginn der Zweiten Analytiken darstellt, dass jedes neue Wissen und jede neue Erkenntnis auf schon existierender Erkenntnis aufbaut – auf einer gewissen Vorkenntnis über die Dinge – dann ist mit anderen Worten ausgedrückt, was auch aus Kuhns schon beschriebener Konzeption hervorgeht: Die Existenz von Prämissen. Diese gelten auch für die Argumentation. Sie kann sich induktiv von Einzelfällen ausgehend dem Allgemeinen nähern oder sie kann über Syllogismen erfolgen, die sich allgemeiner Ansichten bedienen und diese auf Einzelfälle anwenden. In jedem Fall beginnt die Argumentation bei einem schon akzeptierten Sachverhalt, bei dem entweder geklärt sein muss, „daß es ist […] [oder] was es bedeutet“.[51] Mit Hilfe von Beweisen, die nichts anderes als wissenschaftliche Schlüsse sind, bauen wir unser Verständnis von Wissenschaft auf. Diesen Beweisen liegen aber Prämissen zugrunde, die noch vor der Wissenschaft selbst zu verorten sind. Nur durch ihren Einbezug kann Wissenschaft entstehen. Somit erteilt Aristoteles all denjenigen eine Absage, die meinen, dass auch diese ersten Prinzipien mit wissenschaftlichen Methoden erschlossen werden müssten oder auch nur könnten. Die Prämissen verschließen sich aber nicht nur gegen eine wissenschaftliche Beweisbarkeit, sondern sind grundsätzlich nicht beweisbar, vielmehr überzeugen sie aus sich selbst heraus und erfordern keine weitere Begründung. Die einzige Möglichkeit besteht darin, sie als gegeben und gültig anzuerkennen. Ist dieser Schritt erst einmal vollzogen, so kann auf der Basis der ersten Prämissen wissenschaftliche Arbeit geleistet werden.[52]

Des weiteren teilt Aristoteles auch Kuhns Verständnis der Inkommensurabilität von wissenschaftlichen Theorien, wenn auch selbstverständlich nicht unter diesem Schlagwort. Denn auch für ihn stellt es keinen gangbaren Weg dar, Sachverhalte oder Phänomene aus einer Wissenschaft mit den Mitteln einer anderen Wissenschaft zu beweisen. Diese müssen strikt voneinander getrennt werden und erlauben aufgrund der Beschränktheit ihres Zuständigkeitsbereichs keine wechselseitige Unterstützung. Stellt man einen Bezug zu den von Aristoteles dargestellten ersten Prinzipien her, so liegt der Verdacht nahe, dass diese Beschränktheit auf die Existenz eben dieser Prinzipien zurückzuführen ist.[53] Folgerichtig gibt es keine übergeordneten Prinzipien, die auf jede Wissenschaft anzuwenden wären. Denn das würde wiederum bedeuten, dass es eine Wissenschaft gibt, die über allen anderen steht. Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Somit gelangt man zu dem Ergebnis, dass keine Wissenschaft dazu in der Lage ist, ihre eigenen Prinzipien zu begründen oder zu beweisen, diese Aufgabe ihr aber auch von keiner anderen Wissenschaft abgenommen werden kann.[54]

Es scheint schlichtweg keinen archimedischen Punkt zu geben, den man einnehmen könnte, um Wissenschaften, Theorien und eben Paradigmen neutral miteinander zu vergleichen. Welche Entscheidung man trifft, kann somit keine Frage von logisch zwingenden, rationalen Abwägungen sein, sondern hängt davon ab, von welcher Position man sich überzeugen lässt. Alle Positionen gehen von starken Prämissen aus, die man akzeptieren muss, bevor man sich auf die jeweilige Forschung einlässt.

4. Betätigungsfelder für die Rhetorik

Ausgehend von Thomas Kuhns Darstellung der wissenschaftlichen Entwicklung ergibt sich ein vielfältiges Betätigungsfeld für die rhetorische Disziplin. Sie kann nicht nur im Nachhinein einiges zur Klärung und Aufdeckung der abgelaufenen persuasiven Prozesse beitragen, sondern sie kann auch präventiv manche Prinzipien liefern, durch die die Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Gemeinschaften und mit der Öffentlichkeit optimiert und das Auftreten von Missverständnissen reduziert werden kann. Zudem könnte sie einen Ausweg aus dem scheinbar grenzenlosen Relativismus anbieten, der sich aus Kuhns Ansatz ergibt, hält sie doch ein wissenschaftliches Theoriegebäude für diese Abkehr von der sicheren Erkenntnis bereit.

5.1 Analyse der abgelaufenen Prozesse

Die Forschungsrichtung innerhalb der Rhetorik, die sich damit beschäftigt, wie wissenschaftliche Texte aufgebaut sind und wie sie wirken, ist die Rhetoric of Science. Es sollen also gerade wissenschaftliche Texte, denen gewöhnlich eine große Neutralität zugesprochen wird, nach rhetorischen Methoden auf ihre persuasiven Elemente untersucht werden. Sie sind nicht nur Vehikel zur Vermittlung der wissenschaftlichen Inhalte, sondern in ihnen stecken bewusste Strategien, mit deren Hilfe die Akzeptanz erhöht werden soll. Es soll also gerade darum gehen, diese zugrundeliegenden Strukturen zu enttarnen und offen zu legen, wie Wissenschaftler sich selbst und andere überzeugen und die Texte als ein Produkt menschlicher Interaktionen zu verstehen.[55] „the basic prototype of scientific activity is not to be found in the realm of mathematics and logic but […] in the work of exegesis. Exegesis and hermeneutics are the tools around which the idea of scientific production has historically been forged.“[56] Gross unterstreicht ebenfalls, dass der Existenz der reinen Fakten, von denen die Wissenschaft so gerne spricht, letztlich ein Persuasionserfolg vorausgegangen sein muss. Er hat dazu geführt, dass gerade diese Sachverhalte als wichtig und bedeutend eingestuft wurden, dass die Tatsachen, denen man begegnet, immer eine Frage der Überzeugungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind.[57] „Scientists are not persuaded by logos alone; science is no exception to the rule that the persuasive effect of authority, of ethos, weighs heavily.“[58]

Zunächst kann man beobachten, dass in der wissenschaftlichen Prosa („scientific prose“), ganz im Gegensatz zu unserer Alltagssprache, Personen keine oder höchstens eine untergeordnete Rolle spielen. Sie werden gewissermaßen eliminiert und machen Platz für eine Vielzahl von physikalischen Objekten, die diese Position erst dadurch einnehmen können. Um diese Objekte und Ereignisse zu Subjekten des Satzes zu machen, wird meist das Passiv verwendet, wobei billigend in Kauf genommen wird, dass die Texte dadurch schwerfälliger und nur mühsam verständlich werden. Es wird suggeriert, dass wissenschaftliche Arbeiten sich selbst schreiben, als gebe es keine Autoren, die zuvor bewusste Entscheidungen getroffen haben. Ebenso ist es üblich, sämtlichen Experimenten und Beobachtungen Namen zu geben und sie dadurch zu sogenannten Wissenschaftsbegriffen zu machen, bevor sie schließlich zu Nominalphrasen abstrahiert werden, deren syntaktische Komplexität zunehmend ansteigt und ihnen den Weg in die Welt des theoretischen Wissens ebnet. Dies markiert zugleich den Wendepunkt, an dem Wissenschaftler es plötzlich für legitim halten, ihre höchst komplizierten Wissenschaftsbegriffe in griffige Verallgemeinerungen umzuwandeln, die deren vielschichtige Basis nicht einmal mehr erahnen lassen.[59] So wurden beispielsweise zunächst Forschungsergebnisse zum Stoffhaushalt terrestrischer Ökosysteme unter dem Einfluss anthropogener saurer Deposition geliefert, die später unter dem Begriff der Bodenversauerung subsumiert wurden, bevor sie schließlich im Zuge der Popularisierung mit dem Schlagwort ‚Waldsterben‘ belegt werden. Des Weiteren spielen auch Tabellen und Grafiken eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Wissenschaft. Zwar sollen sie in erster Linie die dem Versuch zugrundeliegenden Sachverhalte veranschaulichen, gleichzeitig täuschen sie aber auch idealisierte Kausalzusammenhänge zwischen den Objekten, die sie darstellen, vor. Auf diese Weise wird eine Vereinfachung in der Darstellung erreicht. Nur das, was sich normieren und quantifizieren lässt, wird erfasst, der Rest wird ausgeblendet. Tabellen und Grafiken kommt damit eine enorme Bedeutung bei der Erschaffung von theoretischen Entitäten zu, zielen sie doch darauf ab, die Plausibilität der dargestellten Sachverhalte zu erzwingen.[60] Bereits an anderer Stelle[61] wurde die Metaphorik der Sprache thematisiert, die selbstverständlich auch vor der Wissenschaft nicht Halt macht und insofern unumgänglich zu einer gewissen Verzerrung beiträgt. Kein Wissenschaftler kann seine Erkenntnisse in einer neutralen Sprache verfassen, die frei von Metaphern wäre und tatsächlich die natürlichen Verhältnisse widerspiegeln würde. Man denke nur an die unzähligen Analogien aus der Maschinen- und Computerwelt, die zum Beispiel Einzug in die Neurobiologie gehalten haben. Diese Tatsache wird aber häufig durch das energische Auftreten der Wissenschaftler verschleiert, die ihre Beobachtungen und Experimente als direkte Beweise für die natürlichen Gegebenheiten in der Welt sehen. Und sie werden dadurch in ihrer Haltung bestärkt, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft sie als eben solche feiert.[62] Die spätere Publikation der Experimente spiegelt genau diese Haltung wider: Meistens finden wir schon in der Einleitung der Publikation den Verweis darauf, dass die durchgeführten Versuche in einen größeren Kontext einzuordnen sind, in ein übergeordnetes Forschungsprogramm mit einem großen Ziel, innerhalb dessen die Versuche variiert und erweitert werden. Durch diese Einbettung werden die erhobenen Daten zu signifikanten Belegen für die Gültigkeit oder Existenz eines bestimmten Naturgesetzes. Im Rahmen des Abschnitts zu Material und Methoden soll sichergestellt werden, dass die betreffenden Experimente auf der Basis dieser Gesetze wiederholbar sind, denn schließlich soll nicht der Wissenschaftler als Ursache für die beobachteten Gesetzmäßigkeiten gelten, sondern die Beschaffenheit der Welt an sich. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, liefert der Wissenschaftler wesentlich mehr Informationen und Hintergründe, als notwendig wären, um das einzelne Experiment zu erklären. Laut Gross kann hier deshalb eine Verletzung der Kommunikationsmaximen der Quantität und der Relation ausgemacht werden. In Anlehnung an Francis Bacon, der als Pionier der experimentellen Wissenschaft gilt, werden im Diskussionsteil die Möglichkeiten der sinnlichen Wahrnehmung hochgehalten, die als einziges Mittel für den wissenschaftlichen Beweis zulässig sind. Es wird betont, dass den ermittelten Daten allgemeine Prinzipien zugrunde liegen, die aus den experimentellen Beobachtungen abgeleitet werden können, auch wenn dazu einige Unstimmigkeiten wegdiskutiert werden müssen. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Daten und die Schlussfolgerungen in wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus gänzlich verschiedenen Bereichen stammen – die Daten aus dem Labor, die daraus abgeleiteten Geltungsbereiche aus der Natur. Insofern erscheint es höchst zweifelhaft, ob von diesen Experimenten tatsächlich auf eine allgemeine Gültigkeit abstrahiert werden kann.[63]

 

5.2 Anwendung rhetorischer Prinzipien

Die Kommunikation zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Gemeinschaften ist geprägt von Missverständnissen und fehlender Vergleichbarkeit. Doch die Situation scheint nicht ganz aussichtslos zu sein, zieht man Kuhns Vorschlag im Postskriptum in Betracht, der einem Aufruf zur interdisziplinären Arbeit gleichkommt: „Was die von einer Kommunikationsstörung Betroffenen tun können, ist, kurz gesagt, einander als Mitglieder verschiedener Sprachgemeinschaften erkennen und Übersetzer werden.“[64] Übersetzer werden? Dieser Appell ruft die Rhetorik auf den Plan, stellt sie doch ein „unverzichtbares Element wissenschaftlicher Selbstreflexion“ dar und kann durch ihre Richtlinien für Sprachgebrauch und Angemessenheit einiges zur Verständlichkeit der Wissenschaft beitragen, wovon nicht zuletzt die Kommunikation innerhalb einer Disziplin, aber vor allem auch zwischen den Disziplinen enorm profitieren dürfte.[65]

Wenden wir uns zunächst kurz der antiken Rhetorik zu, um einige dieser Richtlinien darzustellen, wie sie zum Beispiel von Quintilian vertreten werden. Im Bereich der elocutio sollte es vor allem der Anspruch auf perspicuitas, auf inhaltliche, strukturelle und sprachliche Klarheit sein, den sowohl andere wissenschaftliche Gemeinschaften als auch die Öffentlichkeit einfordern könnten.[66] In Verbindung mit einer verbesserten illustratio und evidentia könnte das bereits zu einem deutlichen Rückgang der unverständlichen Strukturen innerhalb der Wissenschaftssprache führen, die man vielleicht unter dem Schlagwort der obscuritas subsumieren könnte.[67] Insgesamt wird die Forderung nach einem angemessenen Sprachgebrauch (consuetudo) laut, der sich vorrangig am Sprachgebrauch der Gebildeten zu orientieren hat, aber auch die Gewohnheiten der Adressaten nicht außer Acht lässt.[68]

Auch modernere Forschungsrichtungen, wie die New Rhetoric bieten Ansätze, um zum Beispiel den oben genannten Missverständnissen entgegen zu wirken. Nach I. A. Richards soll sich die Rhetorik mit den Missverständnissen auseinandersetzen, die dadurch entstehen, dass Sprache immer metaphorisch ist, und sich mit übergeordneten Fragen nach der allgemeinen Funktionsweise von Sprache befassen. Der Ausgangspunkt der Problematik liegt darin, dass die Worte die Dinge nicht sicher bezeichnen. Die Metaphorik der Sprache ergibt sich daraus, dass sich der Rhetor, um dem Adressaten bestimmte Konzepte und Vorstellungen verständlich zu machen, darum bemüht, eine bestimmte Konnotation (tenor) zu erzeugen und zu diesem Zweck zu bestimmten sprachlichen Mitteln (vehicle) greift. Auch Kuhn hatte bereits von einem Vehikel gesprochen, durch das die Überzeugungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft transportiert werden sollen.[69] Für seine persuasiven Bemühungen stehen dem Rhetor zwei Ebenen zur Verfügung: eine logisch-referentielle (logos) und eine emotionale (ethos/pathos). Trotz dieser mikroskopischen Analysen auf der Wortebene ist es aber immer noch der Kontext, der die entscheidende Rolle spielt. Denn jede Bedeutung ist für einen ganz bestimmten Kontext erlernt und bestimmt dadurch das Verstehen, das immer adressatenabhängig bleibt.[70]

5.3 Das rhetorische Schlussverfahren

Einer der schärfsten Kritikpunkte, der immer wieder gegen Kuhns Wissenschaftsverständnis vorgebracht wird, bezieht sich auf seinen ausgeprägten Relativismus. Er steht in einem eindeutigen Kontrast zum Selbstverständnis der Wissenschaftler, so dass es nicht weiter verwundern sollte, dass Kuhn eine enorme Ablehnung begegnete. Der Rhetorik ist dieser Kritikansatz nicht fremd, muss sie doch seit der Antike ihren Wahrscheinlichkeitsbegriff gegenüber der Philosophie rechtfertigen. Dies legt den Schritt nahe, bei der Rhetorik nach Unterstützung für Kuhns relativistische und vielleicht realistischere Sicht zu suchen.

Die Wissenschaft betrachtet nach Aristoteles keine Einzelfälle, sondern allgemeine Gesetzmäßigkeiten.[71] Dabei kommt die Rhetorik immer dann ins Spiel, wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, wenn eben nicht von vorne herein klar ist, wie sich ein Sachverhalt oder ein Phänomen erklären lässt, sondern darüber beraten werden muss. Die Schlüsse, die gezogen werden, sprechen zwar mit einer gewissen Plausibilität für sich, könnten aber auch anders ausfallen, da das rhetorische Schlussverfahren mit Enthymemen als Überzeugungsmitteln arbeitet.[72] Dadurch, dass der Mensch dazu in der Lage ist, das Wahrscheinliche zu erkennen beziehungsweise diese Erkenntnisfähigkeit zu schulen, erreicht er gleichzeitig eine Annäherung an die Wahrheit, die dem Menschen nach aristotelischem Verständnis durchaus zugänglich ist. Denn „zu sehen, was wahr ist und was der Wahrheit nahekommt, entspringt derselben Fähigkeit“. Dem Redner kommt außerdem zugute, dass das Wahre (sofern man seine Existenz im aristotelischen Sinne akzeptiert) grundsätzlich mit einer höheren Glaubwürdigkeit für sich spricht. Durch diese Annahme rechtfertigt Aristoteles letztlich auch den gekonnten Einsatz der rhetorischen Möglichkeiten, helfen sie doch den Menschen dabei, das Wahre deutlicher hervorzuheben. Erst wenn man akzeptiert, dass „Wahrheit und Gerechtigkeit von Natur aus stärker sind als deren Gegenteile“, kann man mit gutem Gewissen zu rhetorischen Strategien greifen. Denn dann läuft man nicht länger Gefahr, irgendeinen Standpunkt zum Überzeugenden zu machen, sondern kann auf das Korrektiv der menschlichen Urteilskraft vertrauen.[73]

Rhetorik tatsächlich als eine Erkenntnistheorie zu verstehen, scheint insofern schwierig, da sie in weiten Teilen unbrauchbar für eine objektivierbare und allgemeingültige Perspektive ist. Daher ist es eher angebracht, sie genau die Stärken ausspielen zu lassen, die sie definitiv besitzt. Rhetorik wird niemals zufriedenstellend logische Beweise liefern können, ihr Hoheitsgebiet liegt in der Topik, mit deren Hilfe sie Wahrscheinlichkeiten begründen und Glaubhaftes definieren kann. Die Argumente, die durch die Topik ausfindig gemacht werden können, kommen jedoch auch nicht ohne die entsprechende Fachkenntnis aus. Eine kritische Urteilskraft (iudicium) ist notwendig, um in der Vielzahl von Argumentationsmöglichkeiten nicht den Überblick zu verlieren, sondern die beste zu erkennen. Jedoch kann auch die Urteilskraft nur vordergründige Arbeit leisten, da es, wie schon an anderer Stelle dargestellt, keine Möglichkeit gibt, die Prinzipien, die den Beweisen zugrunde liegen, zu prüfen. Es würde zu einem unendlichen Regress führen, da jeder Versuch eines Beweises mit neuen Prinzipien einhergeht. Der logos stößt hier also an die Grenzen seines eigenen Vermögens und muss Beweise als letzte Instanz akzeptieren.[74] Dies soll kein Plädoyer für eine willkürliche, rein subjektive Beliebigkeit in der Wissenschaft sein, sondern vielmehr die Wichtigkeit des Zusammenspiels von Rhetorik, logischer Prüfung und Erfahrungswerten unterstreichen, die man aus diesen Betrachtungen schlussfolgern kann.[75]

6. Zusammenfassung

Es werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um den Eindruck zu erwecken, dass der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn ein rationales Produkt der Wissenschaft selbst sei. Doch diese Fassade kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Wissenschaft immer in einen sozialen Kontext eingebettet ist. Ebenso wie die traditionellen Redesituationen in der Rhetorik – die Gerichtsrede und die politische Rede – findet auch Wissenschaft in ganz speziellen Kommunikationssituationen statt: an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, zu einem bestimmten Thema und mit bestimmten Personen. All diese Faktoren bringen spezifische Beschränkungen mit sich, denen man gerecht werden muss, möchte man als Wissenschaftler akzeptiert werden, überzeugen und wirken. Der Wissenschaftler begegnet uns also als ein strategisch handelnder Mensch, der seine Arbeit gekonnt zu platzieren weiß. Erst wenn ihm das gelingt, kann er sich ernsthaft in den wissenschaftlichen Diskurs einbringen. Dabei ist es oft hilfreich, die aktuell relevanten ‚Tasten‘ zu kennen und zu bedienen. Im Falle der Biowissenschaften können das zum Beispiel Schlagwörter wie ‚Klimawandel‘ oder ‚Biodiversität‘ sein. Der subjektive Einfluss wirkt ausgehend vom einzelnen Wissenschaftler, zieht sich durch das Forscherkollektiv und macht auch vor dem System der Wissenschaft nicht Halt.

In der gesamten Wissenschaft können Persuasionsvorgänge beobachtet werden, durch die in vielen kleinen Schritten versucht wird, Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Ähnlich wie auch in anderen Bereichen ist nicht mit einem plötzlichen Umschwenken von einer Position zur anderen zu rechnen, sondern es handelt sich um einen graduellen Prozess. Man ist nicht gleich beim ersten Gegenbeweis überzeugt, wirft nicht gleich alle bisherigen Prinzipien über Bord, sondern beginnt höchstens, sich langsam auf eine Gegenposition einzulassen und erste Zweifel an der alten Sichtweise zuzulassen. Gleichzeitig hat die Gültigkeit eines Paradigmas wohl sehr viel mit dem zu tun, was von Burke als Identifikation beschrieben wird. Oder allgemeiner gefasst, mit dem uneingeschränkten Glauben der wissenschaftlichen Gemeinschaft an ihr Paradigma. Dadurch erhält die Normalwissenschaft stark dogmatische Züge. Es gibt keine wertfreie Erkenntnis – um überhaupt (wissenschaftlich) arbeiten und denken zu können, muss man sich für eine bestimmte Sicht auf die Welt entscheiden und gewisse Grundannahmen unhinterfragt als Arbeitsbasis akzeptieren.

7. Ausblick

Wenn Alan G. Gross das Vorgehen der Wissenschaftler anklagt, ihre Experimente und Theorien direkt auf die Wirklichkeit zu übertragen, kann man doch berechtigter Weise fragen, was die Alternative sein könnte. Welche andere Wahl haben sie, als sich für ihre Wahrnehmungen und für ihren Zugang zur Welt zu entscheiden?

Eventuell sollte man sich zur Klärung dieser Frage zunächst von dem irreführenden Gegensatz zwischen Objektivität und Subjektivität distanzieren. Eine objektive, das heißt, eine vom Betrachter unabhängige Position, die vielmehr vom Betrachteten, dem Ding an sich ausgeht, scheint eine unmögliche Perspektive zu sein, da es zu einer unzulässigen Vermischung der aktiven und der passiven Dimension kommen müsste. Also bleibt nur noch die subjektive Position übrig. Diese gibt es zweifellos und sie scheint die einzig mögliche Perspektive auf die Welt zu sein.

Die Suche nach einer Antwort könnte bei den schon erwähnten „Erfahrungswerten“ beginnen, durch die die Rhetorik und die logische Betrachtung ergänzt werden sollen.[76] Denn bietet nicht gerade die Erfahrung ein Regulativ im Kampf gegen die Beliebigkeit der Theorien und Deutungen?

In Anlehnung an den hypothetischen Realismus[77] kann eine real existierende Außenwelt angenommen werden. Davon ausgehend ist auch der menschliche Erkenntnisapparat nicht isoliert zu betrachten, sondern als ein Stadium der biologischen Evolution. Er hat sich als eine Anpassung an die reale Welt und als Voraussetzung für das Überleben in fast vier Milliarden Jahren entwickelt, wobei er ständig den herrschenden Umweltbedingungen ausgesetzt war und unter dem Druck von Selektion und Mutation, den Triebkräften der Evolution, steht. Um in der Welt erfolgreich leben zu können, scheint eine möglichst adäquate Wahrnehmung den größten Erfolg zu versprechen. Die vielleicht keine Entsprechung liefert, aber eine verlässliche Transduktion, also eine konstante Übersetzung zwischen Außenwelt und innerer Wahrnehmung. Es scheint nicht möglich und vor diesem Hintergrund auch gar nicht erstrebenswert, das Leben ohne Vorannahmen über die Welt zu bestreiten. Auch in Bezug auf seine Wahrnehmung muss der Mensch auf ein vielseitiges Repertoire an Ansichten, Erfahrungen und Einschätzungen zurückgreifen, die er nicht hinterfragen kann, möchte er in irgendeiner Weise handlungsfähig bleiben.[78] Das gilt für den Alltag ebenso wie für die Wissenschaft. Ist dieses Vertrauen in die eigene Wahrnehmung erst einmal hergestellt, stehen tagtäglich Erfahrungen zur Verfügung, mit deren Hilfe die Plausibilität einer wissenschaftlichen Theorie an der Realität überprüft werden kann. Es ist nicht länger eine beliebige Entscheidung für etwas, sondern für das Glaubhafte.[79]

Und welche Rolle kann die Rhetorik bei all diesen Prozessen spielen? Sie kann Bewusstseinsveränderungen bewirken. Denn wie wir gesehen haben, besitzt sie das Rüstzeug, um die persuasiven Strukturen in der Wissenschaft offenzulegen und dadurch gleichzeitig die Legitimation eines jeden Paradigmas in Frage zu stellen. Sobald die Rhetorik ins Spiel kommt, darf nichts unhinterfragt bleiben, sondern jede Position hat sich zu erklären. Dadurch wirkt der Einsatz der rhetorischen Möglichkeiten auch einer „blinden Autoritätsgläubigkeit“[80] entgegen. Mit Hilfe dieser Eigenschaften unterstützt die Rhetorik einen Perspektivenwechsel vom passiven Rezipienten zum kritisch-reflektierten Beobachter. In Anlehnung an Goffman könnte der Einsatz der Rhetorik bei der Beurteilung und Rekonstruktion der Wissenschaftsentwicklung dem Unterschied entsprechen, ob man sich in der eigenen Disziplin als aufrichtiger oder als zynischer Darsteller sieht, der sich seiner Rolle wohl bewusst ist.[81]

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[zitiert als Aristoteles: Anal. post.]

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[1] Veröffentlicht 1962 durch die University of Chicago. Deutscher Titel: „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“.

[2] Kuhn, S.T. (1973): S. 15-16.

[3] Kuhn, S.T. (1973): Postskriptum. S. 218.

[4] Siehe auch: Carrier, M (2007)

[5] Der Begriff des Paradigmas hat aufgrund seiner Unschärfe für einige Verwirrung und Kritik gesorgt. Im Rahmen dieser Arbeit soll das folgende Zitat eine Arbeitsdefinition liefern, so dass zur detaillierteren Auseinandersetzung mit diesem schillernden Begriff auf entsprechende Fachliteratur verwiesen werden kann. Zum Beispiel auf: Rose, U.: Thomas S. Kuhn: Verständnis und Mißverständnis. Zur Geschichte seiner Rezeption. Dissertation, Universität Göttingen oder Lakatos, I.; Musgrave A.: Kritik und Erkenntnisfortschritt.

[6] Kuhn, S.T. (1973): Postskriptum. S. 187.

[7] Kuhn, S.T. (1973): S. 25.

[8] Kuhn, S.T. (1973): Postskriptum. S. 196-198.

[9] Kuhn, S.T. (1973): S. 30, 32.

[10] Siehe auch: Kuhn, S.T. (1973), S. 37-38 und 50.

[11] Kuhn, S.T. (1973): S. 76.

[12] Kuhn, S.T.: (1973): S. 90.

[13] Siehe auch: Myers, D.G.: Psychologie. Kapitel 15.

[14] Kuhn, S.T. (1973): S. 26

[15] Kuhn, S.T. (1973): Postskriptum. S. 188-189.

[16] Kuhn, S.T. (1973): S. 18 und 39-40.

[17] Kuhn, S.T. (1973): S. 34 und 175-176.

[18] Kuhn, S.T. (1973): S. 60-61.

[19] Kuhn, S.T. (1973): S. 92-93.

[20] Kuhn, S.T. (1973): S. 52-53.

[21] Kuhn, S.T. (1973): S. 92.

[22] Siehe auch: Kuhn, S.T. (1973), S. 50 und 52.

[23] Kuhn, S.T. (1973): S. 33.

[24] Bitzer, L. (1980): S. 21 und 23-25.

[25] Bitzer, L. (1980): S. 23.

[26] Arnold, C.C. (1974): S. 28-29.

[27] Siehe auch: Bitzer, L. (1980): S. 24-25.

[28] Burke, K (1931): Counter Statement S. 184.

[29] Siehe auch: Bitzer, L. (19080): S. 37-38.

[30] Aristoteles: Top. I, 1, 100b.

[31] Siehe auch:. Aristoteles: Rhet. I, 1, 10-12, 1355a.

[32] Siehe auch: zum auctoritas-Begriff in der Rhetorik z.B. Quint. I, 6, 1-3 und 42 oder X, 2 oder López, J.F.: The concept of authority in the Institutio Oratoria Book I. In: Tellegen-Couperus, O.E. (Hrsg.): Quintilian and the law: the art of persuasion in law and politics. S. 29-36.

[33] Aristoteles, Rhet. I, 9, 29-35, 1367b und Burke, K.: A Rhetoric of Motives. S. 55.

[34] Siehe auch: Burke, K.: A Rhetoric of Motives.

[35] Aristoteles: Top. VIII, 2, 158a.

[36] Aristoteles: Rhet. I, 3, 1, 1358a und I, 3, 6, 1358b.

[37] Aristoteles: Rhet. I, 2, 2, 1355b und I, 2, 3-7, 1356a und II, 1, 1378a.

[38] Kuhn, S.T. (1973): S. 106.

[39] Siehe auch: Kuhn, S.T. (1973): S. 107, 109-110.

[40] Kuhn, S.T. (1973): S. 115-116.

[41] Kuhn, S.T..(1973): S. 220.

[42] Kuhn, S.T. (1973): S. 159 und 220.

[43] Kuhn, S.T. (1973): S. 160 und 210.

[44] Kuhn, S.T. (1973): S. 139.

[45] Kuhn, S.T. (1973): S. 205 und 70.

[46] Kuhn, S.T. (1973): S.210-211.

[47] Kuhn, S.T. (1973): Postskriptum. S. 210-211.

[48] Kuhn, S.T. (1973): S. 164-166.

[49] Kuhn, S.T. (1973): S. 166-169.

[50] Siehe auch: Johnstone, (1965), S. 1-9.

[51] Aristoteles: Anal. post. I, 1, 71a.

[52] Siehe auch: Aristoteles: Anal. post. I, 2, 71b-72a; Anal. post. I, 10, 76a; Anal. post. I, 3, 72b. und Top. I, 1, 100a-100b.

[53] Aristoteles: Anal. post. I, 7, 75a-75b.

[54] Aristoteles: Anal. post. I, 9, 76a.

[55] Gross, A.G: The Origin of Species, S. 91-92.

[56] Latour, B.; Woolgar, S. (1986): S. 261.

[57] Gross, A.G. (1990): The Rhetoric of Science. S. 4-7.

[58] Gross, A.G. (1990): The Rhetoric of Science. S. 12-13.

[59] Gross, A.G. (1990): The Rhetoric of Science. S. 69-71 und 73.

[60] Gross, A.G. (1990): The Rhetoric of Science. S. 74-75.

[61] Vgl. Fußnote 8 und 34.

[62] Gross, A.G (1990): The Rhetoric of Science. S. 80-82.

[63] Gross, A.G. (1990): The Rhetoric of Science. S. 85-91. Siehe zu den Gesprächsmaximen Grice, P.H.: Logik und Gesprächsanalyse. In: Kussmaul, P.: Sprechakttheorie. Ein Reader. S. 109-126.

[64] Kuhn, S.T. (1973): S. 213.

[65] Siehe auch: Fröhlich, S. (2008), S. 448, 452-453.

[66] Siehe auch: Quint. VIII, 1, 1-2.

[67] Quint. (1988): VI, 2, 32 und VIII, 2, 2.

[68] Quint. (1988): I, 6, 43-45.

[69] Siehe auch: Kuhn, S.T. (1973): S. 148 und 151.

[70] Siehe auch: Richards, I.A. (1965), S. 2, 21-26, 36-42.

[71] Aristoteles: Rhet. I, 2, 11, 1356b.

[72] Aristoteles: Rhet. I, 2, 12 und 14, 1357a.

[73] Aristoteles: Rhet. I, 1, 11-12, 1355a.

[74] Fröhlich, S. (1008): S. 446-447.

[75] Siehe auch: Fröhlich, S. (2008), S. 448 und Aristoteles Top. I, 2, 101a -101b.

[76] Vgl hierzu Fußnote 75.

[77] Siehe auch: Russel, B (1967)

[78] Zu dieser Perspektive der Evolutionären Erkenntnistheorie siehe z. B. Vollmer, G.: Was können wir wissen? Band 1.

[79] Diese Annahmen erscheinen gerade deshalb relevant, da Kuhn bei der Wahl eines Paradigmas ebenfalls an eine Art evolutiven Selektionsprozess denkt. Vgl. Kuhn, S.T.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. S. 30, 32.

[80] Fröhlich, S. (2008): S. 452.

[81] Siehe auch: Goffman, E. (1976), S. 19-20.