MH2011

Wie genau kennen Sie Ihre Stimme und Ihre Sprechweise? Sie alle können exakt beschreiben, wie Sie aussehen: Sie besitzen unzählige Photos von sich, betrachten sich täglich im Spiegel und kennen Ihre Größe, Gewicht, Haarlänge, Haarfarbe, Augenfarbe, Schuhgröße etc.. Aber können Sie auch Ihre Stimme und Ihre Sprechmuster beschreiben?

Wie klingt Ihre Stimme? Hoch, tief, belegt, klar, hell, dunkel, hauchig, gepresst? Neigen Sie zu aktivierendem oder beruhigendem Sprechstil, wie ist Ihre habituelle Satzmelodik und wie gehen Sie etwa mit Pausen und Betonungen um? Sprechen Sie eher langsam oder schnell?

Ist Ihnen bewusst, warum Sie so sprechen, wie Sie sprechen? Die Ursachen für unsere Sprechmuster sind vielfältig – psychisch, kulturell überformt und durch Sozialisation bedingt.

Sich mit der eigenen Stimme und Sprechweise auseinanderzusetzen bedeutet Begegnung mit sich selbst, bedeutet Erweiterung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten, heißt Bewusstwerdung über das enorme Wirkungspotential des eigenen Sprechstils in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Nietzsche hat die Wirkungskraft des Sprechstils wunderbar beschrieben: „Das Verständlichste an der Sprache ist nicht das Wort selber, sondern Ton, Stärke, Modulation, Tempo, mit denen eine Reihe von Worten gesprochen wird – kurz die Musik hinter den Worten, die Leidenschaft hinter dieser Musik, die Person hinter dieser Leidenschaft: alles das also, was nicht geschrieben werden kann.“

Ihr Sprechstil, Ihre Stimme sind unmittelbarer Ausdruck Ihrer Person, ein akustischer Fingerabdruck. Wenn wir jemandem das erste Mal am Telefon begegnen, erhalten wir jenseits von verbalen Inhalten binnen Sekunden unzählige Informationen über unseren Gesprächspartner: Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand, evtl. Herkunft, Stimmung, Persönlichkeitsgrundzüge, Absichten. Innerhalb kurzer Zeit stellt sich Sympathie oder Antipathie, Wohlgefühl oder Unwohlsein, Interesse oder Desinteresse ein.

Unser Sprechstil gibt nicht nur Auskunft über uns selbst, er wirkt direkt auf unser Gegenüber ein. Sie können dies anhand eines kleinen Experiments ausprobieren.

Sprechen Sie einmal mit Ihrem Gesprächspartner aufeinanderfolgend in zwei extremen Sprechstilen: zunächst in einem sehr hastigen, pausenarmen Sprechstil mit sehr hohem Sprechtempo;

  • Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Konnten Sie Ihre Gedanken klar formulieren? Wie deutlich war Ihre Aussprache? Hatten Sie Zeit zu atmen?
  • Wie hat sich Ihr Gegenüber dabei gefühlt? Entspannt oder eher angespannt? Wohl oder eher unwohl?

Anschließend wechseln Sie in das andere Extrem, in einen sehr ruhigen Sprechstil, wie Sie ihn vielleicht von Entspannungs-CDs kennen: sehr langsames Sprechtempo, viele und lange Pausen, geringe Lautstärke, Wohlfühllage der Stimme, vielleicht sogar monotone Melodiemuster von oben nach unten…

  • Wie haben Sie sich selbst dabei erlebt?
  • Wie hat Ihr Gegenüber sich dabei gefühlt?

Sie werden bemerken, dass Sie über Ihren Sprechstil direkt auf das psychische und physische Befinden Ihres Gesprächspartners einwirken konnten – denn durch unseren Sprechstil beeinflussen wir Entspannung und Aktivierung, Wohlsein und Unwohlsein, die Grundstimmung, die Herzfrequenz, den Körpertonus, das Atemmuster unserer Zuhörer. Wie kommt es, dass Stimme und Sprechweise ein derart tiefgreifendes rhetorisches Wirkungspotential haben?

Sie alle kennen folgende Situation: Sie sehen, wie jemand gähnt und auch Sie müssen unmittelbar gähnen. Selbst wenn Sie nun über das Gähnen lesen und es sich dabei plastisch vorstellen würden, müssten Sie irgendwann vielleicht auch gähnen.

Zurückzuführen ist dieses Phänomen auf das neurobiologische Prinzip der Spiegelneuronen. Ihre Neuronen spiegeln unwillkürlich die neuronale Aktivität der Person, der Sie zuhören oder die Sie beobachten. Wenn wir mit einer unterspannten Stimmgebung sprechen, überträgt sich diese Unterspannung direkt auf unser Gegenüber. Ist Ihr Gegenüber angespannt, können Sie es mit Ihrer Stimme und Sprechweise beruhigen. Ist Ihr Gesprächspartner müde und uninteressiert, können Sie durch einen aktivierenden Sprechstil Aufmerksamkeit erzeugen.

Ihr Sprechstil hat die Macht, unterbewusst auf das psychische und physische Befinden Ihres Gegenübers einzuwirken. Schon in der antiken Rhetorik wurde dieses enorme rhetorische Wirkungspotential thematisiert. Obwohl bei Cicero die pronuntiatio-Lehre (Lehre vom stimmlichen Ausdruck) noch einen untergeordneten Platz hatte, schrieb er in De oratore: Ohne den wirkungsvollen Vortrag „gilt auch der größte Redner nichts, ein mittelmäßiger, der ihn beherrscht, kann aber oft die größten Meister übertreffen.“(Cicero, De or. 3,213)

Die heutige empirische Forschung bestätigt dies. Die Wirkungskraft eines dargebotenen Inhalts hängt tatsächlich in hohem Maße vom Sprechstil ab. Bei sachlich-informativem, eher monotonem Sprechstil wird derselbe Inhalt als signifikant weniger interessant und bedeutsam eingestuft als bei aufrichtig engagiertem, lebhaftem Sprechstil. Studien zeigen auch, dass die Merkfähigkeit Ihres Gegenübers von Ihrem Sprechstil abhängt.(s. Baldur Neuber)

Sich mit Ihrem eigenen Sprechstil zu befassen bedeutet wirkungsmächtige rhetorische Möglichkeiten kennen zu lernen, bedeutet Erweiterung Ihres Ausdrucksrepertoires. Authentizität ist dabei oberste Maxime. Sie entsteht dort, wo unsere innere Haltung, unsere Intentionen, unser Erleben sich unmittelbar stimmlich äußern. Kann man das lernen?

Ein erster Schritt ist Wahrnehmen: Wie genau kennen Sie Ihre Stimme und Sprechweise? Wie genau kennen Sie sich? Eine Tonaufnahme wird Ihnen viel verraten… – über sich selbst, über Ihre Stimme, über Ihre Kommunikationsmuster, über Ihre Lebensgeschichte…

Das eigene Ausdruckspotential im Stimm- und Sprechtraining weiter zu entwickeln bedeutet ein Zurück-zu-den-Wurzeln und dabei über sich hinauswachsen.

„Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.“ (Friedrich Hölderlin)

 

Katrin Müller-Höcker