Ferner in der Galerie
Nachtstück in der Galerei Ferner

Marathon

Der kleine Ort in Attika, wo in der Antike der Verwaltungsbezirk Aiantis (nach dem homerischen Helden Aias) eine seiner Küstentrittys hatte (eine komplizierte Einrichtung, nach der die Verwaltungsbezirke, Phylen genannt, immer aus drei Bereichen (daher Trittys), nämlich Stadt, Land und Küste zusammengesetzt waren, ist seit dem militärischen Erfolg in den Perserkriegen (490 vChr.) zum Inbegriff einer Ausdauerleistung geworden. Das rührt aber nicht daher, dass die Griechen sich als Durchhalter in einem schier endlosen Konflikt bewiesen hätten, sondern aus einer besonderen kommunikativen Leistung: Die Botschaft des Sieges nämlich soll, so berichtet Plutarch, von einem Kämpfer im Lauf nach Athen getragen worden sein. Wir möchten eher glauben, dass der wenigstens seine Rüstung ablegen konnte, mochte er auch noch so warm vom Kampf gewesen sein, wie Plutarch uns in De gloria Atheniensium versichert, freilich war ein Hoplit mit stattlicher Kondition ausgestattet, um die 40 km von Marathon nach Athen zu bewältigen. Aber die Strapazen (man musste ja auch erst noch von Athen nach Marathon, dort kämpfen – und siegen!) waren dann doch zu viel und so wurde „Der Sieg ist unser” νικῶμεν sein letztes Wort, denn “er hauchte gänzlich aus” (ἐκπνεῦσαι).

Es hat den Anschein, als ob diese übermenschliche Leistung seitdem den Menschen einen Aufgabe stellt, über sich hinauszuwachsen. Dazu jedenfalls hat sich vielfach die Bedeutung von Marathon heute verändert. Dieses Größer-als-man-selbst-Werden, wie es der Grieche gerne ausdrückt, vollzieht sich zumal durch Ausdauer. Aus dem 5 km-Lauf wird ein 10km-Lauf wird ein 20km-Lauf und sogar ein 100km-Lauf. Immer ist es die Widerlegung des geschundenen Körpers, der ganz sicher ist, dass nun das Limit erreicht ist, nein: nur ein neues Ziel gesetzt, entgegnet der Geist, frohlockt der Ehrgeiz. Also triumphiert die Disziplin über den Schlendrian und die Gewissheit über die strauchelnden Füße.

Man ahnt schon, was ein Mal-Marathon ist: Michelangelo, so wird berichtet, habe beim Ausmalen der Sixtinischen Kapelle keine Nacht durchgeschlafen, sondern habe sich nur halbstündig aufs Ohr gelegt; das genüge, so versichert mancher Hypnologe, denn dann fallen wir sofort in den erholsamen Tiefschlaf, netto hatte der Künstler also genauso viel Tiefschlaf. In Salzburg hat der Maler der bekannten Hirschkrah einen Mal-Marathon absolviert. Er nahm die lange Nacht der Museen zum Anlass, den Pinsel in der Nacht nicht aus der Hand zu legen, sondern 30 Stunden am Stück zu malen. Dazu lud er in sein Atelier zwar nicht, aber in seine Galerie, die er für diesen Zweck auch zu einem solchen machte und führte vor, wie er malt.

Dem Rhetoriker musste beides, nein, alles imponieren: Zunächst einmal überhaupt die Idee, die künstlerische Produktion zum Thema zu machen, dann darauf zu verweisen, dass auch hier vor allem Disziplin nötig ist, den inneren Schweinehund, nämlich: Trägheit, Einfallslosigkeit, Einfältigkeit, Eingebildetheit und was da an solchen Ein-heiten mehr ist, zu überwältigen und sich gegen solche Widrigkeiten zu stellen. Bekanntlich ist Kunst ja schön, macht aber viel Arbeit – und müde; sich als Produzent dem Leichten des verlockenden Schlafes zu entwinden und sich dem Schweren der durchgeführten Idee zu widmen: Das ist Großes, das Großes schaffen kann. Michael Ferner wollte so auch auf einen anderen Marathon hinweisen, den ein Bewerber für das höchste Amt zu absolvieren hat. Auch da ist Agrypnia zu Zeiten nötig – zur Bekämpfung der obengenannten Einheiten.

ThS

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