Der maieutische Dialog als rhetorische Inszenierung

Walther Kindt

Der maieutische Dialog als rhetorische Inszenierung. Eine Analyse im Rahmen der Linguistischen Rhetorik

 

1. Zielsetzung und Kontext

Im vorliegenden Beitrag werden Ergebnisse der linguistischen und logischen Untersuchungs eines rhetorisch sehr interessanten maieutischen Teildialogs aus Platons fiktivem Gespräch  ›Menon‹ [1] (im Weiteren zitiert als ME) dargestellt. Auf diesen Teildialog (ME 39ff.) stieß ich, als ich im letzten Jahr beim Schreiben eines Handbuchartikels über Gesprächsrhetorik [2] beschloss, zumindest einen der berühmten sokratischen Dialoge auf seine spezifischen Strategen hin zu analysieren. Für diesen Zweck schien mir der Teildialog aufgrund der Beschreibung von Eckstein besonders geeignet zu sein.[3] Im ›Menon‹ diskutiert Sokrates mit einem jungen thessalischen Adligen namens Menon darüber, was man unter dem Begriff »Tugend« zu verstehen hat und ob Tugend lehrbar ist. In diesem Zusammenhang wendet Menon gegen den stets sein (angebliches) Nichtwissen betonenden Sokrates ein: »Und auf welche Weise wirst du […] die Untersuchung anstellen über einen Gegenstand, von dem du überhaupt nicht weißt, wer er ist.«(ME 33f.). Sokrates ordnet diesen Einwand als eine von den Eristikern aufgestellte Behauptung ein: »[…] dass es dem Menschen nicht möglich ist zu forschen […] nach dem, was er nicht weiß«(ME 35). Auf Rückfrage von Menon hin, weist Sokrates diese Behauptung als falsch zurück und beruft sich dabei auf die von bestimmten Priestern/innen und Dichtern vertretene sog. Anamneselehre, die in seiner Formulierung besagt:

ME 37: Da also die Seele unsterblich und oft wiederentstanden ist und […] alle Dinge Dinge geschaut hat, gibt es nichts, was ihr unbekannt wäre. Mithin ist es kein Wunder, wenn sie imstande ist, hinsichtlich der Tugend sowie anderer Dinge sich wiederzuerinnern an das, was sie ehedem ja doch wusste. […] so hindert nichts, dass man […] auch alles andere wieder auffindet, wenn man nur den Mut nicht verliert und die Mühe des Forschens nicht scheut. Denn das Suchen und Lernen ist eben durchweg Wiedererinnerung.

Zugleich präzisiert Sokrates, dass Wiedererinnerung bedeute, das Wissen aus sich selbst zu gewinnen, und dass man nicht durch Belehrung, sondern durch bloßes Fragen zum Wissen gelange (ME 49). Von der Anamneselehre distanziert sich Sokrates an einer späteren Stelle des Dialogs allerdings in gewisser Weise, und zwar mit den Worten: »Und im Übrigen möchte ich für das Gesagte nicht mit vollem Nachdruck einstehen.« Dabei zieht er sich auf die Position zurück, dass »die Wahrheit über die Dinge unserer Seele jederzeit innewohnt« und dass man versuchen müsse, dem, was man momentan nicht wisse, »nachzuforschen und die Erinnerung daran wieder aufzufrischen« (ME 51). In der philosophischen und theologischen Literatur werden diese Passagen sehr unterschiedlich interpretiert.[4] Für die nachfolgende Analyse ist aber nur wichtig, dass die Position von Sokrates zumindest folgende These beinhaltet.

Schwache Anamnesethese: Lernen ist das Auffinden eines beim Lernenden bereits vorhandenen, aber latenten Wissens.
Als Menon um einen Nachweis für die Anamneselehre bittet, fordert Sokrates Menon auf, irgendeinen von Menons Sklaven für ein Gespräch mit Sokrates herbeizurufen. Der von Menon ausgewählte Sklave ist im Haus von Menon aufgewachsen und nie von jemandem unterrichtet worden, also auch nicht in Geometrie (ME 49f.). In dem so zustandekommenden Teildialog konfrontiert Sokrates den Sklaven mit einem bestimmten geometrischen Problem und dabei soll sich erweisen, ob der Sklave das Problem aufgrund einer Belehrung von Sokrates löst oder gemäß der Anamneselehre durch Wiedererinnerung. Diesen Teildialog genauer zu analysieren, lohnt sich u.a. deshalb, weil er trotz seiner relativen Kürze sehr gut zeigt, welche Eigenschaften für einen maieutischen Dialog typisch sind und welche rhetorischen Strategien Sokrates dabei anwendet. Den Grundgedanken der Maieutik greift auch die in der modernen Didaktik propagierte Methodik des sog. fragend-entwickelnden Unterrichts wieder auf. Beispielsweise schreiben Becker-Mrotzek und Vogt unter Bezug auf den Teildialog im ›Menon‹: »Die Kunst des Lehrenden besteht darin, dem Lernenden durch Fragen zunächst sein Nichtwissen vor Augen zu führen, um ihm anschließend durch weitere Fragen zur selbständigen Erkenntnis zu verhelfen «[5] . An dieser Aussage wird deutlich, dass ein vollständiger maieutischer Dialog aus drei Teilen besteht. Nach Formulierung einer Aufgabenstellung sollen nämlich noch vor der Aufgabenlösung unzureichende Kenntnisse und falsche Sichtweisen der Lernenden bewusst gemacht werden. Die frühen sokratischen Dialoge von Platon enthalten allerdings nur Gesprächsbeiträge zu den beiden ersten Teilen[6] . Das gilt auch für die Tugenddiskussion im Menon; dagegen ist der Teildialog mit dem Sklaven maieutisch vollständig.

Angesichts der Anamnesethese und des besonderen methodischen Anspruchs maieutischer Dialoge ergibt sich die Zielsetzung, den Teildialog zwischen Sokrates und dem Sklaven genauer als bisher in der Literatur auf folgende fünf linguistische und logische Aspekte hin zu untersuchen.

– Stellt Sokrates wirklich nur Fragen und macht er keine belehrenden Äußerungen?

– Von welcher Art sind die Fragen von Sokrates und wie lässt sich die jeweilige Fragenwahl erklären?

– Auf welchem Wissen und auf welchen Fähigkeiten basieren die Antworten des Sklaven?

– Wie wird die richtige Lösung für das von Sokrates formulierte geometrische Problem gefunden?

– Bildet der Teildialog ein Belegbeispiel für die schwache Anamnesethese?

Teilweise sind diese fünf Aspekte durch die schon bei einer ersten Lektüre des Teildialogs naheliegende Vermutung motiviert, dass der Teildialog auf einer geschickten rhetorischen Inszenierung von Sokrates bzw. von Platon basiert. Dabei soll hier eine Kommunikation als inszeniert gelten, wenn sie von einem Akteur so geplant und gestaltet wird, dass bei den anderen Beteiligten in bestimmten Aspekten ein falscher Eindruck von der Kommunikation entstehen kann. Zum Beispiel sind die von Sokrates gestellten Fragen möglicherweise nicht alle so ›harmlos‹, wie sie vorgeben. Und entgegen seiner Inszenierung als Nichtwissender muss Sokrates die mit dem geometrischen Problem und seiner Lösung zusammenhängenden Sachverhalte im Detail gekannt haben, auch wenn das an keiner Stelle manifest wird. Genauer gesagt der Autor Platon kannte diese Sachverhalte offensichtlich und er konnte deshalb die Rolle von Sokrates entsprechend anlegen. Schließlich basiert die scheinbar mühelose Dialogführung von Sokrates vermutlich auf bestimmten ausgeklügelten und noch genauer zu identifizierenden Strategien.

Für eine Beantwortung der genannten fünf Untersuchungsfragen ist es zweckmäßig, auf eine theoretische und methodische Konzeption zurückzugreifen, wie sie in der Linguistischen Rhetorik [7] entwickelt wurde. Diese Konzeption kann ich hier nicht im Einzelnen darstellen. In den Abschnitten 2 und 3 sollen aber mit der Makrostrukturanalyse und der sequenziellen Handlungsanalyse zwei empirische Standardverfahren dieser Konzeption angewendet werden. Dabei lässt sich zumindest exemplarisch verdeutlichen, welche linguistischen Kriterien und welche sprachlichen Indikatoren in solchen Analysen herangezogen werden, um einschlägige Erkenntnisse zu gewinnen. Auf der Grundlage der Analyseergebnisse von Abschnitt 2 und 3 lassen sich dann in Abschnitt 4 auch die fünf Fragen genauer untersuchen. In Abschnitt 5 werden abschließend die wichtigsten Resultate zusammengefasst.

2. Makrostrukturanalyse

Beim Arbeitsschritt der Makrostrukturanalyse untersucht man, in welche i.Allg. satzübergreifenden Abschnitte eine Kommunikation zu unterteilen ist und welche kommunikativen, kognitiven oder praktischen Aufgaben in ihnen von den Beteiligten der Reihe nach mit welchem Ergebnis durchgeführt werden. Diesen Arbeitsschritt kennt die klassische Rhetorik zwar im Prinzip auch. Anders als in der Rhetorik besitzt man in der Linguistik aber dafür empirisch operationalisierte formale und funktionale Analysekriterien. Und zwar handelt es sich bei der Unterteilung i.W. um Kriterien auf der Grundlage der wahrnehmungspsychologischen Gestaltprinzipien und insbesondere der Prinzipien der Ähnlichkeit und der Nähe bzw. der Distanz.[8] Dagegen basiert die Aufgabenermittlung auf einer Auswertung spezieller sprachlicher Indikatoren. Dass man mithilfe dieser Kriterien genauere Resultate bei Strukturananalysen als in der Rhetorik erhält, habe ich unlängst an einem Vergleich mit der Analyse einer Videobotschaft der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Jahr 2007 im Buch ›Rhetorische Kompetenz‹ von Mayer[9] gezeigt.[10] Auf diesen Vergleich soll hier kurz eingegangen werden, um deutlich zu machen, welche Probleme mit Analysen ohne eine ausreichende empirische Grundlage verbunden sind.

Mayer unterteilt ihre Transkription von Merkels Botschaft in sieben Absätze und ordnet ihnen jeweils eine kommunikative (pragmatische) Funktion zu. Zugleich behauptet sie, diese Unterteilung entspreche exakt dem Schema einer rhetorischen Beweisführung in Kurzreden, das nach der Einleitung aus den vier Komponenten These, Begründung, Erläuterung (etwa durch ein anschauliches Beispiel) und Schlussfolgerung besteht. Offensichtlich basiert Mayers Gliederung auf ihrer intuitiven thematischen und pragmatischen Analyse; jedenfalls nennt sie keine dafür herangezogenen Kriterien. Zunächst fällt auf, dass Mayer keinem der sieben Absätze die Funktion der These zuweist. Der erste Absatz enthält jedenfalls keine These; er bildet eindeutig die thematisch eigenständige und für unsere Diskussion irrelevante Einleitung. Den zweiten nur aus einem Satz bestehenden Absatz stuft Mayer zwar zu Recht als Ankündigung des Themas der Botschaft ein, das einen im Bundeskabinett gefassten Beschluss zur Zahlung von Elterngeld behandelt. Diesen Absatz sollte man aber aufgrund seiner syntaktischen Zusammengehörigkeit mit dem dritten Absatz, dem Mayer die Funktion einer »Ankündigung der Neuerung« zuordnet, zu einer Strukturkomponente zusammenfassen. Das im ersten Satz des dritten Absatzes vorkommende Pronomen »es« knüpft nämlich an die Nominalphrase »das Elterngeld« im zweiten Absatz (also im vorausgehenden Satz) an und die Verwendung von Pronomina ist generell ein Indikator für die Zusammengehörigkeit von Äußerungen. Weiterhin beinhaltet der dritte Absatz nicht nur eine Ankündigung, sondern auch eine genauere Beschreibung der beschlossenen Maßnahme, weil Merkel schon ausführlich darüber informiert, wer zu welchen Konditionen Anspruch auf das Elterngeld hat. Jedenfalls wird auch hier keine These im Sinne des Kurzrede-Schemas formuliert. Das spricht schon dafür, dass Merkels Botschaft eher dem allgemeinen Aufgabenschema politischer Beratungsreden [11] folgt. Dieses Schema besteht abgesehen von der eventuellen Einleitung im Standardfall aus drei Teilen: Der erste Teil bildet eine Problemdarstellung und kann auch eine Klärung der Problemursachen beinhalten; der zweite Teil dient der Problembearbeitung mit der Angabe einer oder mehrerer möglicher Maßnahmen zur Problemlösung sowie mit mehr oder weniger ausführlichen Argumentationen zur Angemessenheit, Durchführbarkeit und Erfolgsaussicht der Maßnahme(n); und der Schlussteil enthält insbesondere einen Aufruf zur Umsetzung der jeweils präferierten Maßnahme. Tatsächlich wird im dritten Absatz der Videobotschaft eine Maßnahme beschrieben. Die normalerweise vorausgehende Problemdarstellung fehlt allerdings: Vermutlich setzt Merkel bei ihrem Publikum als bekanntes Kontextwissen voraus, dass das mit dem Elterngeld zu lösende Problem in der unzureichenden Möglichkeit für berufstätige Eltern besteht, ihre Kinder in den ersten Lebensmonaten persönlich zu betreuen. Den vierten Absatz stuft Mayer zu Recht als Begründung, also als eine Argumentation ein. Sie sagt jedoch weder, welche möglicherweise implizite These begründet wird, noch, woran erkennbar ist, dass eine Begründung vorliegt. Das wäre aber notwendig, weil Merkel dort hauptsächlich nur verschiedene mit dem Elterngeld angestrebte und typischerweise mit Modalverben wie »sollen« formulierte Ziele angibt. Diese Ziele werden sicherlich von vielen Menschen als gesellschaftlich positiv bewertet, also z.B die beiden Ziele, dass Eltern die Möglichkeit haben, sich ohne größere finanzielle Schwierigkeiten um ihr neugeborenes Kind zu kümmern, und dass sich auch Väter an der Betreuung beteiligen können. Wenn sich bestimmte positiv bewertete Ziele voraussichtlich mit einer vorgesehenen Maßnahme erreichen lassen, dann bilden sie besonders relevante positive Konsequenzen und somit wichtige Argumente für die Angemessenheit der Maßnahme. Legt man also den im Buch von Mayer gar nicht behandelten Schlusstopos der Konsequenz [12] zugrunde, dann wird klar, dass Merkel im vierten Absatz eine unvollständige Begründung für die implizit bleibende These einer positiven Bewertung des Elterngelds angibt. Den fünften und sechsten Absatz interpretiert Meyer im Sinne des Kurzrede-Schemas jeweils als Stützung bzw. Erläuterung, ohne jedoch diese Interpretation mit Äußerungen aus den beiden Absätzen zu rechtfertigen. In Wirklichkeit fordert Merkel im fünften Absatz die Unternehmen auf, dadurch die Voraussetzungen für das Erreichen der genannten Ziele zu schaffen, dass Mitarbeiter das Angebot des Elterngelds ohne Angst vor einem Karriereknick annehmen können; die vorausgehende Begründung wird also nicht gestützt oder erläutert, sondern Merkel formuliert eine notwendige Bedingung für den Erfolg der Maßnahme. Und im sechsten Absatz argumentiert sie, das geforderte Verhalten sei aufgrund verschiedener positiver Konsequenzen sogar vorteilhaft für die Unternehmen. Den siebten und letzten Absatz schließlich stuft Mayer zu Recht als Schlussfolgerung ein. Genauer besteht die Folgerung aber aus zwei Teilen. Eine Folgerung beinhaltet die jetzt explizit positive Maßnahmenbewertung, dass der Beschluss zum Elterngeld ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei. Und als zweite Folgerung formuliert Merkel den gattungsspezifischen Aufruf zum Handeln, man müsse gemeinsam dafür sorgen, dass möglichst viele Paare von der Chance des Elterngelds Gebrauch machen.

An der Diskussion über Merkels Videobotschaft zeigt sich auch, dass man die kommunikative Aufgabe einer bereits identifizierten Makrostrukturkomponente teilweise erst dann präzise angeben kann, wenn die Funktion bestimmter Äußerungen von ihr schon im Rahmen der sequenziellen Handlungsanalyse untersucht sind. Insofern lassen sich die beiden Arbeitsschritte von Makrostrukturanalyse und Handlungsanalyse nicht immer eindeutig voneinander trennen. Auch in der nachfolgenden Analyse werden wir zum besseren Verständnis des Dialoggeschehens vorgreifend schon die  Handlungsfunktion einiger Äußerungen angeben.

Der Teildialog zwischen Sokrates und dem Sklaven (im Weiteren abgekürzt als TD) bildet genauso wie Beratungsreden eine Problemlösungskommunikation und seine Makrostruktur sollte deshalb wieder die beiden, jetzt allerdings dialogisch realisierten Komponenten von Problemdarstellung und Problembearbeitung umfassen. Anders als bei solchen Reden besteht das Problem bei maieutischen Dialogen aber nicht in einer negativen Situationseigenschaft, die durch eine Maßnahme geändert werden soll, sondern in einem unzureichenden Situationswissen mindestens eines Beteiligten, das, wenn möglich, bei der Problembearbeitung mithilfe einer mehr oder weniger komplexen Argumentation zu korrigieren und/oder zu ergänzen ist. Somit wird der Schlussteil des zu maieutischen Dialogen gehörigen Aufgabenschemas i.Allg. keinen Aufruf zum Handeln enthalten. Außerdem kann man im Sinne des unterrichtlichen Aufgabe-Lösungsmusters von Ehlich und Rehbein [13] als zentrale Aktivität der Problemdarstellung die Handlung »eine Aufgabe stellen« ansetzen und als Teil der Problembearbeitung die Handlung » einen Lösungsversuch machen« ; im Aufgabe-Lösungs-Muster der beiden Autoren fehlt allerdings die für Problembearbeitungen wichtige Argumentationskomponente mit der Ableitung von Lösungsversuchen und mit der Begründung einer positiven oder negativen Bewertung dieser Versuche.

TD lässt sich nach dem Distanzprinzip formal  in drei Abschnitte zerlegen. Der erste Abschnitt ist dadurch vom zweiten abgegrenzt, dass zwischen ihnen eine Dialogpassage liegt, in der sich Sokrates und Menon über das Geschehen im ersten Abschnitt unterhalten (ME 41). Analoges gilt für die Abgrenzung des zweiten vom dritten Abschnitt (ME 45f.). Wie sich noch zeigen wird, realisieren diese Abschnitte gerade die die drei für maieutische Dialoge einschlägigen Komponenten, also die Aufgabenstellung als eine spezielle Problemformulierung, die Bewußtmachung von Nichtwissen als Teil der Problembearbeitung und die für Problembearbeitungen wünschenswerte Problemlösung. Bei einer Analyse des ersten Abschnitts fällt zunächst auf, dass Aufgabenstellungen im engeren Sinne häufig zwei, im Muster von Ehlich und Rehbein ebenfalls nicht berücksichtigte vorbereitende Komponenten vorausgehen können, nämlich die Konstruktion und Beschreibung eines externen Modells der thematisierten Referenzsituation. Dementsprechend zeichnet Sokrates in TD zuerst als Modellobjekt ein Quadrat Q1 [14] mit der angenommenen Seitenlänge von 2 Fuß in den Sand. Und dann lässt er den Sklaven mithilfe geeigneter Fragen verschiedene Aussagen über bestimmte unmittelbar an der Zeichnung ablesbare oder zu folgernde Eigenschaften von Q1 machen, nämlich Aussagen über bestimmte Längenverhältnisse in Q1 und über den Flächeninhalt von Q1. Ein generelles mathematisches Problem der Flächenberechnungen in TD besteht darin, dass Sokrates und der Sklave die Maßeinheit »Quadratfuß« nicht kennen. Stattdessen verwenden sie wieder die Einheit »Fuß« und deshalb sagen sie, der Flächeninhalt von Q1 betrage 4 Fuß. Um Mißverständnisse zu vermeiden sollen die Resultate dieser Berechnungen hier aber in Quadratfuß angegeben werden. Erst nach Abschluss der erwähnten Vorbereitungsschritte formuliert Sokrates als zentrale Aufgabenstellung von TD die Frage, wie lang die Seiten eines Quadrats QX sein müssen, dessen Fläche doppelt so groß wie die von Q1 ist , also  8 Quadratfuß beträgt. Diese Frage beantwortet der Sklave bereits am Ende des ersten Abschnitts mit der Behauptung, dass die Seiten von QX jeweils doppelt so lang seien wie die von Q1, also 4 Fuß. Funktional würde dieser Lösungsversuch eigentlich in den nachfolgenden Abschnitt der Problembearbeitung gehören. Daran sieht man, dass die formal und die funktional konstituierte Makrostruktur einer Kommunikation manchmal punktuell divergieren.

Immerhin beginnt der zweite Abschnitt damit, dass Sokrates den Sklaven fragt, ob er bei seiner Behauptung bleibt. Das bestätigt der Sklave. Also macht er einen zur Problembearbeitung gehörigen initialen Lösungsvorschlag. Weil Sokrates schon weiß, dass die Behauptung des Sklaven falsch ist, könnte er ihr, wie in einer dialogischen Argumentation um eine strittige quaestio üblich, eigentlich sofort widersprechen und danach würde jeder der beiden Kontrahenten versuchen, seine Position zu verteidigen. Stattdessen möchte Sokrates mit seiner Fragetechnik erreichen, dass der Sklave seine Behauptung selbst widerlegt. Dazu werden wieder bestimmte Aktivitäten der Modellkonstruktion und –beschreibung unternommen. Sokrates ergänzt nämlich seine Zeichnung von Q1 so zu einem Quadrat Q2 mit der Seitenlänge von 4 Fuß, dass Q2 neben Q1 drei gleichartige Quadrate mit der Seitenlänge von 2 Fuß umfasst. An der erweiterten Zeichnung kann der Sklave dann ablesen, dass die Fläche von Q2 vier mal so groß ist wie die von Q1; folglich beträgt sie 16 Quadratfuß und ist entgegen seiner Behauptung doppelt so groß wie die Fläche des gesuchten QX. Zugleich kann der Sklave für einen neuen Lösungsversuch schon folgern, dass die Seitenlänge von QX größer als die von Q1 sein muss und kleiner als die von Q2. Deshalb vermutet er als Nächstes, dass die Seiten von QX jeweils 3 Fuß lang sind. Diese Vermutung wird anschließend wieder anhand eines erweiterten Modells widerlegt. Dazu konstruiert Sokrates durch Verlängerung zweier Seiten von Q1 ein Quadrat Q3 der Seitenlänge 3 Fuß und  lässt den Sklaven die Folgerung ziehen, dass der Flächeninhalt von Q3 mit 9 Quadratfuß noch größer ist als der von QX. Am Ende des zweiten Abschnitts fordert Sokrates den Sklaven dann auf, entweder durch eine Berechnung oder durch Zeigen an der Zeichnung zu sagen, wie lang die Seiten von QX sind; »[…] ich weiß es nicht« gesteht der Sklave daraufhin ein.[15] Somit realisiert der zweite Abschnitt von TD die Komponente der Bewußtmachung von Nichtwissen und zugleich ist das erste Hauptziel maieutischer Dialoge erreicht: Der Zustand des Nichtwissens, der sog. Aporie, beim Lernenden wird nämlich als günstiger eingeschätzt als der Zustand irrtümlicher Auffassungen, weil dadurch gleichzeitig der Wunsch nach wahren Erkenntnissen geweckt werde.[16] Diese Einschätzung formuliert Sokrates auch explizit zwischen dem zweiten und dem dritten Abschnitt in seinem Kommentar gegenüber Menon (ME 45).

Figur

Da der Sklave am Ende des zweiten Abschnitts keine neue Idee mehr für die Lösung der gestellten Aufgabe hat, muss Sokrates ihn im dritten Abschnitt mit seinen Fragen zu einer Lösung hinführen. Dazu zeichnet Sokrates als letzte Modellerweiterung im großen Quadrat Q2 in jedes der vier Teilquadrate mit der Seitenlänge 2 Fuß eine Diagonale ein und zwar so, dass die vier Diagonalen die Seiten eines weiteren Quadrats QD im Inneren von Q2 bilden; wahrscheinlich hatte er die Diagonale in Q1 auch schon vorher eingezeichnet (s.u.). Zunächst lässt sich Sokrates vom Sklaven bestätigen, dass die vier Diagonalen alle gleich lang sind. Danach bejaht der Sklave die Frage, ob jede der vier Diagonalen das zu ihnen gehörige Teilquadrat in zwei gleich große Flächen halbiert. Die anschließende Frage, wieviele dieser Flächen QD enthält, beantwortet der Sklave korrekt mit »vier«. Hieraus kann er dann auf  entsprechende Fragen von Sokrates hin die für eine Problemlösung noch fehlenden Folgerungen ziehen: Die Fläche von QD ist doppelt so groß wie die von Q1, d.h. sie beträgt 8 Quadratfuß; außerdem ist QD identisch mit QX und die in Q1 eingezeichnete Diagonale hat also gerade die gesuchte Seitenlänge. Damit ist der Sklave also – wie von Sokrates beabsichtigt – zu einer Erkenntnis gelangt, die er vorher nicht besaß. Wie diese Erkenntnis aber im Einzelnen zustande kommt und ob der Sklave nicht doch teilweise indirekt von Sokrates belehrt wird, das muss noch genauer überprüft werden.

3. Sequenzielle Handlungsanalyse

Ziel dieses Arbeitsschritts ist es, im Prinzip für jede eigenständige Äußerung der jeweils untersuchten Kommunikation der Reihe nach zu ermitteln, welche Struktur, welche Bedeutung und welche Handlungsfunktion sie hat. Diesen Schritt für den Teildialog TD vollständig durchzuführen, ist im vorliegenden Beitrag weder möglich noch erforderlich. Deshalb soll nur am ersten Abschnitt von TD gezeigt werden, wie man bei dieser Analyse vorgeht. Besonders wichtig ist, dass die Struktureigenschaften der jeweils zu untersuchenden Äußerung, die sprachlichen Indikatoren in ihr und der zugrundeliegende Kontext systematisch ausgewertet werden, um eine adäquate Interpretation zu ermöglichen. Speziell auf die besondere Relevanz entsprechender Indikatoren ist aus Sicht der Linguistik hinzuweisen. Ein Standardbeispiel dafür bildet der Toposindikator »selbst« in der Anfangsposition von Nominal- oder Präpositionalphrasen. Wenn z.B. ein Journalist in Österreich sagt: »Selbst die die Mitglieder der ÖVP waren nach der ersten Runde der Präsidentenwahl erleichtert, dass nicht Hofer gewählt wurde«, dann deutet das schon darauf hin, dass eine bestimmte Schlussfolgerung mit dem Mehr-Minder-Topos [17] gezogen werden soll und zwar etwa in dem Sinne, dass weniger konservativ eingestellte Österreicher umso mehr erleichtert waren.

Insgesamt gesehen ist eine Handlungsanalyse von TD relativ unproblematisch, weil dort als Sprechhandlungen hauptsächlich nur unterschiedliche Arten von Fragen, die zugehörigen Antworten und bestimmte Folgerungen vorkommen. Außerdem werden die Frage-Antwort-Paare (FA) i.Allg. nicht mit anderen Sprechhandlungen zu größeren Handlungskomplexen verknüpft. Trotzdem muss natürlich untersucht werden, wie die aufeinander folgenden Paare zusammenhängen und evtl. aufeinander aufbauen. TD beginnt mit solchen Äußerungen von Sokrates (SO) und dem Sklaven (SK), die sich auf unmittelbar an der Zeichnung von Sokrates ablesbare Eigenschaften der Figur Q1 beziehen.

(FA1) SO: »Sage, mein Junge, siehst du dieser […] Fläche an, dass sie ein Viereck ist?« – SK: »Ja.«

In (FA1) habe ich in der Nominalphrase »dieser Fläche« das Adjektiv »viereckigen« ausgelassen, weil die vom Übersetzer gewählte Formulierung eine tautologische Aussage macht. Dass in (FA1) eine Frage vorliegt, kann man in der deutschen Übersetzung zwar an der Wortstellung erkennen, im Original aber nur am abschließenden Fragezeichen; für dieses Zeichen wird im Altgriechischen das Semikolon verwendet. Außer dem Semikolon weisen auch Fragewörter und bestimmte Partikeln auf das Vorliegen von Fragen hin. Grundsätzlich muss man zwei Arten von Fragen unterscheiden: offene Fragen, in denen Fragewörter wie z.B. »wer« vorkommen, und Entscheidungsfragen, die möglichst mit »ja« oder »nein« beanwortet werden sollen, die aber auch eine Reaktion wie »ich weiß es nicht« zulassen. Die Frage in (FA1) ist also eine Entscheidungsfrage; und weil sie zu bejahen ist, kann man sie eine »Ja-Frage« nennen. Ein besonderes semantisches Problem von (FA1) ihr besteht darin, dass die Aussage »sie ist ein Viereck« eine sog. Präsupposition von bildet, die unabhängig davon als wahr unterstellt wird, ob der übergeordenete Satz positiv oder negativ formuliert ist. Die Geltung dieser Aussage würde man also auch im Satz »Du siehst dieser Fläche vielleicht nicht an, dass sie ein Viereck ist« voraussetzen. Trotzdem wollen wir annehmen, dass der Sklave weiß, was ein Viereck ist, und dass er die Frage in (FA1) daher nicht nur wegen der Präsupposition bejaht. Jedenfalls ist mit seiner Antwort eine erste Kategorisierung von Q1 erreicht.

(FA2) SO: »Es ist doch eine viereckige Fläche mit lauter gleichen Seiten – diesen da -, vieren an der Zahl.« – SK: »Jawohl.«

Die Übersetzung in (FA2) ist insofern nicht adäquat, als Sokrates im griechischen Original eine mit dem Semikolon markierte Ja-Frage formuliert. Außerdem sollte man die von Sokrates verwendete Partikel nicht mit »doch«, sondern besser mit »nun« übersetzen. Hätte Sokrates nämlich eine zum deutschen »doch« äquivalente Partikel benutzt, dann wäre für die Frage »Es ist doch eine viereckige Fläche …?« eine bejahende Antwort erwartbar und das könnte den Sklaven im Prinzip verleiten, zu bestätigen, dass die Seiten des Vierecks gleich lang sind, obwohl das an der Zeichnung von Sokrates vielleicht gar nicht eindeutig ablesbar ist. Entscheidungsfragen mit einer Bejahungserwartung sollen nachfolgend Bestätigungsfragen heißen. Gravierend wird das Problem der suggestiven Wirkung solcher Fragen erst im weiteren Verlauf des Dialogs. Bei (FA2) wird Q1 mit der Aussage, gleich lange Seiten zu besitzen, eine für Quadrate wesentliche, nämlich eine notwendige Eigenschaft zugeschrieben. Sie ist aber noch nicht hinreichend.

(FA3) SO: »Sind nicht auch diese durch die Mitte […] gezogenen Linien gleich?« – SK: »Ja.«

Bei der Ja-Frage in (FA3) wird aufgrund der Verwendung der Negation »nicht« ebenso wie im griechischen Original eine bejahende Anwort erwartet; es liegt also eine Bestätigungsfrage vor. Trotzdem wollen wir davon ausgehen, dass das vom Sklaven abgegebene Urteil über die Längengleichheit der betreffenden Linien nicht wesentlich durch die Antworterwartung beeinflusst wird. Es ist aber unklar, welche zusätzlich in Q1 eingezeichneten Linien Sokrates genau meint. Bei der von mir in (FA3) ausgelassenen Wortfolge hat der Übersetzer die im Original nicht vorhandene und deshalb in Klammern gesetzte Information (»den Seiten parallel«) hinzugefügt, um eine eindeutige Interpretation zu ermöglichen; für dieselbe Deutung entscheidet sich z.B. auch Kranz.[18] Mathematisch gesehen ist diese Interpretation jedoch  nicht plausibel, weil bei ihr mit (FA3) keine für TD relevante Aussage über Q1 verbunden wäre. Anders verhält es sich, wenn Sokrates mit den angesprochen Linien die beiden Diagonalen in Q1 meint. Wenn diese Diagonalen nämlich auch gleich lang sind, dann handelt es sich bei Q1 nicht um ein gleichseitiges Parallelogramm, sondern eindeutig um ein Quadrat. Da Sokrates und der Sklave – wie erwähnt – über keinen Quadratbegriff verfügen, kann die Einstufung von Q1 als Quadrat auch nicht als (FA1)-(FA3) zusammenfassende Folgerung formuliert werden. Unabhängig davon bilden die in (FA1)-(FA3) konstatierten Eigenschaften von Q1 eine hinreichende, aber von Sokrates nicht erwähnte Bedingung für die nachfolgenden Anwendungen des Verfahrens zur Flächenberechnung zunächst in (FA5) und (FA6) und später bei der Flächenberechnung für Q3.

In den nachfolgenden Frage-Antwort-Paaren (FA4)-(FA7) geht es um Aussagen über den Flächeninhalt von Q1.

(FA4) SO: »Eine solche Fläche könnte man sich doch auch größer oder kleiner denken« – SK: »Gewiss.«

Auch im griechischen Original der Ja-Frage in (FA4) verwendet Sokrates eine Partikel, die sich adäquat mit »doch« übersetzen lässt. Dabei wollen wir wieder annehmen, dass der Sklave die Frage nicht wegen dieser Antworterwartung bejaht. Allerdings kann er seine Antwort anders als bei den Antworten für (FA1)-(FA3) nicht mehr durch Ablesen am externen Modell gewinnen, sondern er muss dafür eine Folgerung ziehen. Grundsätzlich sind zwei Folgerungsverfahren zu unterscheiden, wie man heute weiß. Das aus der Logik allgemein bekannte Verfahren basiert jeweils auf bestimmten Wissensvoraussetzungen und auf einer Anwendung logischer Schlussregeln. In der Psycholinguistik wird dagegen zu Recht darauf hingewiesen, dass Folgerungen (Inferenzen) auch durch Ablesen an einem mentalen Modell zustande kommen können.[19] Dementsprechend liegt im Fall von (FA4) Annahme nahe, dass der Sklave gedanklich ein mentales Modell von Q1 konstruiert, das er in seiner Vorstellung vergrößern und verkleinern kann, und dass er deshalb die Frage von (FA4) bejaht. Folgerungen mithilfe von mentalen Modellen haben allerdings den Nachteil, dass man sich bei der Konstruktion solcher Modelle manchmal von falschen Annahmen oder Intuitionen leiten lässt und dass dann auch die zugehörigen Folgerungen inkorrekt sind [20] . Im Prinzip könnte die für die Antwort des Sklaven erforderliche Folgerung auch darauf beruhen, dass er sich schon mehrfach mit den Möglichkeiten einer Vergrößerung und Verkleinerung von geometrischen Figuren beschäftigt hat und dass er deshalb aufgrund einer induktiven Generalisierung weiß, dass sich solche Figuren immer vergrößern und verkleinern lassen; aus dieser Gesetzmäßigkeit würde er dann deduktiv ableiten, dass derartige Änderungen auch bei Q1 möglich sind. Dieser Fall ist aber bei einem Sklaven eher unwahrscheinlich. Unabhängig davon wäre es konsequenter gewesen, wenn Sokrates die Frage von (FA4) erst nach Abschluss der Flächenberechnungen von (FA5)- (FA8) gestellt hätte, weil die in (FA4) gefolgerte Aussage die Beantwortung der in (FA9) formulierten Frage vorbereitet (s.u.).

(FA5) SO: »Wenn nun diese eine Seite zwei Fuß betrüge und auch diese zwei Fuß, wieviel Fuß betrüge das Ganze? Mache dir dies aber so klar: Wenn die Strecke auf dieser Seite zwei Fuß betrüge, auf dieser aber nur einen Fuß,würde dann nicht die Fläche einmal zwei Fuß enthalten?« – SK: »Ja.«

In (FA1)-(FA4) hat Sokrates nur Entscheidungsfragen formuliert. Dagegen stellt er in (FA5) zum ersten Mal eine offene Frage mithilfe des zu »wieviel« korrespondierenden griechischen Frageworts. Um diese Frage unmittelbar durch eine Folgerung beantworten zu können, müsste der Sklave – genauso wie offensichtlich Sokrates – zwei mathematische Regeln kennen, nämlich das geometrische Gesetz zur Berechnung der Fläche von Rechtecken und die arithmetische Multiplikationsregel. Dessen scheint sich Sokrates aber speziell im Fall der geometrischen Regel nicht sicher zu sein. Realistischerweise kann man auch nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass der mathematisch ungeschulte Sklave mit Flächenberechnungen vertraut ist. Jedenfalls teilt Sokrates den argumentativen Weg zur Beantwortung seiner Frage in zwei Schritte auf und lässt sich beim ersten Schritt das noch nicht ausmultiplizierte Ergebnis der Flächenberechnung für ein einfacheres und durch Halbierung von Q1 am externen Modell konstruiertes oder mental vorgestelltes Rechteck RE mit einer Ja-Frage bestätigen. Diesmal ist es allerdings problematisch, dass er dabei bestimmte Partikeln verwendet, die eindeutig eine bejahende Antwort erwarten. Hinzu kommt, dass die Entscheidungsfragen in (FA1)-(FA4) bisher alle positiv zu beantworten waren und dass der Sklave diese Bejahungsreihe möglicherweise schon aus Gewohnheit einfach in (FA5) fortsetzt; einen entsprechenden Effekt unterstellt zumindest die in der Ratgeberliteratur bekannte Gesprächsstrategie der sog. Ja-Fragen-Straße. Insofern sind im Prinzip drei Fälle denkbar. Entweder weiß der Sklave, wie man den Flächeninhalt von RE berechnet, und darauf basiert seine Antwort. Oder er weiß das nicht und bejaht die Frage von Sokrates, ohne genauer nachzudenken, aufgrund ihrer suggestiven Wirkung. Oder ihm wird seine Unkenntnis bewusst und, ohne das offenzulegen, bejaht er die Frage probeweise aufgrund der durch (FA3) und (FA4) induktiv gestützten Vermutung, dass die erwartete Antwort auch immer die korrekte ist. Weil Sokrates der Antwort anschließend nicht widerspricht und sie auch nicht hinterfragt, würde sich der Sklave dann in seiner Vermutung bestätigt sehen und zwar unter der zusätzlichen Voraussetzung, dass Sokrates ihn nicht zu täuschen versucht; diese Voraussetzung könnte der Sklave wiederum abduktiv aus dem bisherigen Verhalten von Sokrates erschließen. Der erste Fall ist wie gesagt unwahrscheinlich; der zweite und dritte bedeuten aber, dass Sokrates den Sklaven, wenn wohl auch unbeabsichtigt, indirekt belehrt.

(FA6) SO: »Da es aber auch auf dieser Seite zwei Fuß sind, kommen da nicht zweimal zwei Fuß heraus?« – SK: »Ja.«

Eigentlich hätte Sokrates in (FA6) als zweiten Schritt seine offene Frage aus (FA5) wiederholen und so überprüfen können, ob die Beispielrechnung in (FA5) dem Sklaven schon eine eigenständige Berechnung der Fläche von Q1 ermöglicht. Stattdessen gibt Sokrates das nicht ausmultiplizierte Berechnungsergebnis erneut in einer Bestätigungsfrage vor. Deshalb bleibt unklar, ob der Sklave dieses Ergebnis wieder, ohne über ein eigenes Wissen zu verfügen, übernimmt oder ob er aus der Beispielrechnung in (FA5) hypothetisch erschließt, wie sich der Flächeninhalt von Q1 berechnen lässt. Ein entsprechender Schluss wäre auf zwei Weisen möglich. Entweder könnte der Sklave das Rechenverfahren für RE per Analogieschluss auf eine Berechnung von Q1 übertragen oder er würde die am externen oder mentalen Modell ablesbare Folgerung ziehen, dass Q1 einen Flächeninhalt von zweimal zwei Quadratfuß hat, weil dieser Inhalt doppelt so groß ist wie der von RE. Zugleich dürfte der Sklave bei beiden Möglichkeiten seine jeweilige Schlusshypothese wieder als bestätigt ansehen, weil Sokrates der Antwort des Sklaven anschließend nicht widerspricht und sie auch nicht hinterfragt. Unabhängig davon, welcher der genannten drei Fälle vorliegt, ist der Sklave aber auch bei (FA6) indirekt darüber belehrt worden, wie man die Fläche von Q1 und evtl. sogar schon genereller die Fläche von Rechtecken berechnen kann.

(FA7) SO: »Die Fläche enthält also zweimal zwei Fuß?«- SK: »Ja.«

In (FA7) lässt sich Sokrates die Korrektheit der Berechnung in (FA6) noch einmal in Form einer mit dem Indikator »also« angezeigten Folgerung bestätigen, die abgesehen von der geringfügig variierten Formulierung auf der trivialen Schlussregel »Aus A folgt A« basiert.

(FA8) SO: »Wieviel macht aber zweimal zwei Fuß aus? Rechne es aus und sag’ es mir.« – SK: »Vier, Sokrates.«

Als noch fehlender Schritt der Flächenberechnung für Q1 muss die Multiplikation von »zweimal zwei« durchgeführt werden. Hierfür stellt Sokrates in (FA8) eine offene Frage, gibt aber zugleich den Hinweis, dass der Sklave zur Beantwortung eine Rechnung durchführen soll. Anders als bei den Rechenschritten in (FA6) und (FA7) zeigt sich hier eindeutig, dass der Sklave zumindest einfache Multiplikationsaufgaben selbständig lösen kann. Anzumerken ist allerdings, dass nach (FA8) in einem weiteren Frage-Antwort-Paar aus (FA7) und dem Ergebnis der Multiplikation eigentlich noch die Folgerung gezogen werden müsste, dass Q1 einen Flächeninhalt von vier Quadratfuß hat. Diese von Sokrates und dem Sklaven mental sicherlich realisierte Folgerung, für die man von der Transitivitätseigenschaft der Gleichheitsbeziehung und von der Schlussregel des modus ponens Gebrauch macht, bleibt also implizit.

Mit den Fragepaaren (FA1)-(FA8) sind die Voraussetzungen für die Formulierung der zentralen, aus drei Teilen bestehenden Aufgabenstellung von TD geschaffen.

(FA9) SO: »Ließe sich nun nicht ein zweites, doppelt so großes Viereck wie dieses herstellen, und zwar von der gleichen Art, mit lauter gleichen Seiten wie dieses?« – SK: »Ja.«

Abgesehen davon, dass Sokrates in (FA9) wieder eine Bestätigungsfrage stellt, schließt diese Frage wie schon erwähnt an die von (FA4) an und dementsprechend ist anzunehmen, dass ihre Beantwortung wieder auf einer Folgerung durch Ablesen an einem mentalen Modell beruht. Um eine solche Folgerung zu rechtfertigen, könnte man sich z.B. vorstellen, dass man eine Fläche, die genauso groß ist wie die von Q1, geeignet aufteilt und so zu Q1 hinzufügt, dass wieder ein Quadrat entsteht und dass dieses Quadrat das gesuchte QX ist.

(FA10) SO: »Wieviel Fuß wird es also enthalten?« – SK: »Acht.«

Der Indikator »also« in der offenen Frage von (FA10) zeigt an, dass der Sklave für seine Antwort eine Folgerung ziehen soll. Zugleich zielt das quantitätsbezogene Fragewort »wieviel« auf eine durch Berechnung zu ermittelnde Zahlenangabe ab. Außerdem knüpft die Frage mit dem Pronomen »es<< an (FA9) an; d.h. der Sklave die Rechenaufgabe »Was ergibt das Doppelte des Flächeninhalts von Q1, also das Doppelte von vier Quadratfuß?« lösen. Aufgrund der rechnerischen Kompetenz des Sklaven fällt seine Berechnung erwartungsgemäß korrekt aus. Der nachfolgende dritte Teil der Aufgabenstellung von Sokrates ist dann der schwierigste.

(FA11) SO: »Wohlan denn, versuche mir zu sagen, wie lang jede Seite desselben sein wird. Die Seite unseres Vierecks hier ist zwei Fuß lang; wie lang wird nun aber die Seite des doppelten sein?« – SK: »Offenbar, Sokrates, doppelt so lang.«

Der erste Satz von (FA11) ist eine indirekte offene Frage; sie bildet nämlich eine Aufforderung an den Sklaven, die Seitenlänge von QX anzugeben. Für die vom Slaven erwartete Reaktion macht das keinen Unterschied; durch die  Formulierung »versuche mir zu sagen« deutet Sokrates aber evtl. schon an, dass es nicht ganz einfach ist, die gewünschte Seitenlänge anzugeben. Mit der Aussage im zweiten Satz erinnert Sokrates vorsichtshalber nochmal an den Wert der Seitenlänge von Q1 und danach wiederholt er seine Frage in direkter Form. Dabei wird nicht nur durch die Verwendung der Interrrogativphrase »wie lang«, sondern auch durch die syntaktisch parallele Struktur von Aussage und Frage deutlich, dass der Sklave eine Zahlenangabe für die Seitenlänge von QX machen soll. Dem kommt er mit der Antwort »doppelt so lang« nach, die ausmultipliziert vier Fuß ergibt. Somit ist abschließend zu klären: Welche Möglichkeiten hat der Sklave überhaupt, um die Frage(n) in (FA11) zu beantworten? Und warum führt die gewählte Möglichkeit zu dem falschen Resultat von vier Fuß? Die Seitenlänge aus dem schon bekannten Flächeninhalt von QX kann er jedenfalls nicht berechnen, weil er dazu die zur Quadratwurzel aus acht gehörige Dezimalzahl bilden müsste. Seine Antwort könnte aber darauf beruhen, dass er im Zusammenhang mit der Frage in (FA9) ein mentales Modell konstruiert hat, bei dem die Seiten des Modells von QX fälschlicherweise von vornherein doppelt so lang waren wie die Seiten des Modells von Q1; besonders plausibel ist das aber nicht. Oder hat er beim Raten einfach Pech gehabt? Bei beiden Möglichkeiten hätte er aber eigentlich durch eine Kontrollüberlegung vermeiden können, eine falsche Antwort zu geben. Denn das Verfahren zur Berechnung des Flächeninhalts von Quadraten war ihm anhand der induktiv leicht zu verallgemeinernden Rechenbeispiele in (FA5) und (FA6) im Prinzip bereits bekannt und deshalb hätte er bereits ausrechnen können, dass ein Quadrat mit der Seitenlänge von vier Fuß nicht den gewünschten Flächeninhalt von acht Quadratfuß hat. Insofern erklärt sich die falsche Antwort des Sklaven vielleicht dadurch, dass Platon den Zustand der Aporie aus dramaturgischen Gründen nicht schon am Ende des ersten Abschnitts von TD erzeugen wollte. In jedem Fall ist es inkonsequent, dass die Widerlegung dieser Antwort im ersten Teil des zweiten Abschnitts von TD nicht durch die schnell durchzuführende und zu (FA5) und (FA6) analoge Berechnung des Flächeninhalts des mittlerweile von Sokrates gezeichneten Quadrats Q2 mit der Seitenlänge von vier Fuß erfolgt. Stattdessen lässt sich Sokrates nach Konstruktion von Q2 (ME 41f.) viel umständlicher zunächst vom Sklaven durch Ablesen am externen Modell bestätigen, dass Q2 vier Quadrate enthält, deren Flächeninhalt genauso groß ist wie der von Q1. Danach fragt er, ob die Fläche von Q2 folglich nicht viermal so groß ist wie die von Q1. Und erst dann arbeitet er den Widerspruch heraus, dass die viermal so große Fläche von Q2 sich nicht mit der Anforderung einer doppelt so großen Fläche von QX verträgt.

4. Die Untersuchung spezieller Fragestellungen

Je nach Forschungsinteresse ist in Kommunikationsuntersuchungen neben den Schritten der Makrostruktur- und der Handlungsanalyse oft die Untersuchung zusätzlicher, also z.B. argumentationstheoretischer Fragestellungen von Belang. Das gilt auch für den vorliegenden Beitrag. Deshalb wurden in der Einleitung schon fünf spezielle Untersuchungsaspekte genannt, die für eine Beantwortung der Frage wichtig sind, wie der Erkenntnisgewinn des Sklaven zustande kommt und wie das von Sokrates praktizierte maieutische Verfahren zu bewerten ist.

Was den ersten Untersuchungsaspekt betrifft, so pocht Sokrates an zwei Stellen der in TD eingeschobenen Unterhaltung zwischen ihm und Menon darauf, dass er dem Sklaven nur Fragen stellt, dass er ihn nicht belehrt und dass er ihm auch keine erläuternde Auskünfte gibt (ME 41, 45f.). Diese Behauptung ist eindeutig falsch, weil Sokrates auch andere Sprechhandlungen als nur Fragen durchführt. Damit ist nicht gemeint, dass er wie in (FA11) mehrfach Aufforderungen formuliert, die man als indirekte Fragen einstufen kann. Vielmehr gibt er wie in (FA5) und (FA8) auch erläuternde Hinweise, auf welche Weise der Sklave bestimmte Fragen beantworten soll, er macht Aussagen zum richtigen Verständnis seiner Fragen (ME 41), er kommentiert Antworten des Sklaven (ME 43) und er gibt bestimmte Begründungen an; letzteres gilt z.B. für »Denn diese Seite beträgt zwei, diese da einen Fuß« (ME 43). Trotzdem kann man sagen, dass bei den genannten Beispielen keine Belehrung im strikten Sinne vorliegt, die dem Sklaven zu bestimmten, der Problemlösung dienenden Erkenntnissen verhilft. Dasselbe trifft für einige von Sokrates gefolgerte Aussagen zu, also z.B. für »Also auch die dreifüßige Seite ergibt noch nicht das achtfüßige Quadrat« (ME 43). Diese Folgerung bringt nämlich keine neue Information gegenüber dem bisherigen Erkenntnisstand, sondern bildet nur eine zusammenfassende Ergebnissicherung. Die einzige direkte lokale Belehrung von Sokrates besteht darin, dass er am Ende von TD den Begriff »Diagonale« einführt und seine Bedeutung erklärt. Zugleich hat sich aber bei der Analyse der Frage-Antwort-Paare (FA5) und (FA6) und ihren Bestätigungsfragen im vorigen Abschnitt schon gezeigt, dass es in TD auch indirekte Belehrungen gibt. Eine solche Belehrung liegt immer dann vor, wenn der Sklave bei einer Bestätigungsfrage nicht selber genau beurteilen kann, ob der erfragte Sachverhalt besteht, und wenn er ihn trotzdem aufgrund der Antworterwartung und aufgrund ausbleibender negativer Reaktionen von Sokrates als wahr übernimmt. Inwieweit dieser Fall noch bei anderen Bestätigungsfragen als (FA5) und (FA6) gegeben ist, lässt sich nicht ohne Weiteres entscheiden. Auffällig ist aber, dass Sokrates auch bei Berechnung des Flächeninhalts des Quadrats Q3 mit der Seitenlänge 3 Fuß immer noch keine offene Frage wählt, sondern wie bei (FA5) und (FA6) mit »[…] muss die ganze Fläche doch dreimal drei Fuß groß sein?« (ME 43) erneut eine Bestätigungsfrage stellt.

Auch wenn in TD – wie eben belegt wurde – noch andere Sprechhandlungen vorkommen, so bilden die meisten Äußerungen von Sokrates doch Fragen. Insofern muss für eine Behandlung des zweiten Untersuchungsaspekts überprüft werden, von welcher Art diese Fragen sind und wie sich die jeweilige Fragenwahl erklären lässt. Hierzu wurden im vorigen Abschnitt schon verschiedene Informationen gegeben; sie müssen jetzt aber ergänzt werden. Grundsätzlich hat die Methode von Sokrates, Fragen zu stellen, den Vorteil, dass er nach der Antwort des Sklaven sofort wieder das Rederecht besitzt und dann entsprechend seines kommunikativen Gesamtziels genauso wie in einer monologischen Kommunikation allein entscheiden kann, welcher Sachverhalt als Nächstes angespochen werden soll, um eine kleinschrittige und logisch konsequente Argumentation zu ermöglichen. In der Ratgeberliteratur nennt man diese rhetorische Strategie »Wer fragt, der führt«. In TD kommen hauptsächlich direkte Fragen vor, aber – wie erwähnt – auch einige indirekte, nämlich durch die Aufforderung, einen bestimmten Sachverhalt darzustellen. Fragen lassen sich in Entscheidungsfragen und offene Fragen unterteilen. Von zwei Ausnahmen abgesehen verwendet Sokrates offene Fragen nur, wenn sie leicht korrekt zu beantworten sind und wenn der Sklave bestimmte quantitative Angaben machen soll. Das hat für Sokrates den Vorteil, dass solche Fragen i.Allg. in Kurzform, also z.B. bei (FA8) und (FA10) durch Nennung einer Zahl, beantwortet werden und dass er schnell die nächste Frage stellen kann. Bei der ersten Ausnahme braucht der Sklave die Frage »Welche Linie […]?« (ME 43) ohnehin nicht zu beantworten, weil sie sofort durch eine Entscheidungsfrage abgelöst wird. Und bei der zweiten Ausnahme beantwortet er die Frage »Mit welcher Seite?« auch in der Kurzform »Mit dieser.«(ME 47) Grundsätzlich lässt sich die Formulierung offener Fragen außerdem dadurch vermeiden, dass man fragt, ob eine bestimmte Aussage über die gesuchte Angabe zutrifft. Von dieser Möglichkeit, die Antworten wegen Einschränkung des Suchraums evtl. erleichtert, macht Sokrates u.a. – wie schon diskutiert – bei (FA5) und (FA6) Gebrauch. Entscheidungsfragen sind je nach Art der gewünschten Beantwortung in Ja- und Nein-Fragen zu unterteilen und unabhängig davon haben auch sie die Eigenschaft, dass sie in bestimmten Kurzformen beantwortet werden; so wählt der Sklave in (FA1)- (FA11) sechsmal die Antwort »ja« und je einmal die Antwort »Jawohl« und die Antwort »Gewiss«. Das Verhältnis von Ja- und Nein-Fragen in TD ist unausgeglichen. Sokrates verwendet nämlich bis auf eine Ausnahme ausschließlich Ja-Fragen. Das bedarf einer Erklärung. Abgesehen von dem eigentlich unerwünschten und Sokrates bzw. Platon vermutlich nicht bekannten Effekt einer Ja-Fragen-Straße ist die Verwendung von Ja-Fragen strategisch geschickt, weil Sokrates daran interessiert sein muss, sich möglichst schnell die jeweils relevanten positiv formulierten Aussagen über die diskutierten Quadrate vom Sklaven bestätigen zu lassen. Hätte er z.B. in seiner Frage in (FA1) gefragt, ob die von ihm gezeichnete Figur Q1 ein Dreieck ist, dann wäre ein »nein« des Sklaven zwar die korrekte Antwort gewesen; Sokrates hätte dann aber eine zusätzliche Frage stellen müssen, um eine positive Aussage über die Figurart von Q1 zu erhalten. Die einzige Nein-Frage formuliert Sokrates dagegen typischerweise, als der Sklave der von ihm aufgestellten falschen Behauptung, Q2 sei das gesuchte Quadrat QX, selbst widersprechen soll. Das geschieht in dem auf den Flächenihalt von Q2 und QX bezogenen Fragenpaar SO: »Was nun viermal so groß ist, ist denn das das doppelte?« SK: »Nein, beim Zeus.« (ME 43). Schließlich muss geklärt, warum die meisten Ja-Fragen sogar Bestätigungsfragen sind. Vielleicht war Sokrates bzw. Platon nicht bewusst, welche Nachteile die suggestive Wirkung von Bestätigungsfragen mit der unrefektierten Übernahme von Aussagen und mit dem indirekten Belehrungseffekt haben kann. Ein strategischer Vorteil dieser Fragen besteht aber möglicherweise darin, dass sie beim Gefragten den evtl. zu seiner Verunsicherung führenden Eindruck vermeiden, es sei nicht unmittelbar ersichtlich, wie die zugehörige Antwort ausfallen muss. Unabhängig davon schaden Bestätigungsfragen dem Prozess der Wahrheitssuche zumindest dann nicht, wenn die bei ihnen erwarteten Antworten sachlich korrekt sind. Diese Bedingung ist in TD immer erfüllt.

Bei der Beantwortung der dritten Untersuchungsfrage soll geklärt werden, auf welchen für die Lösung des geometrischen Problems in TD spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten die Aussagen des Sklaven basieren. Dazu werden noch einmal bestimmte Belegbeispiele aus den bereits analysierten Frage-Antwort-Paaren im ersten Abschnitt von TD angesprochen, aber zugleich sollen daraus resultierende Folgerungen gezogen werden. Die Paare (FA1)-(FA3) zeigen hinsichtlich des Sprachwissens des Sklaven, dass er einige geometrische Begriffe wie z.B. »viereckig« und »Seite« samt ihren Bedeutungen kennt; zudem ist er mit dem Längenmaß »Fuß« vertraut und verwendet verschiedene Arten von Zahlwörtern wie z.B. »zwei, zweimal« und »doppelt«. Später wird bei ihm z.B. die Kenntnis des geometrischen Begriffs »Winkel« vorausgesetzt. Weiterhin muss er, um mit dem Verfahren des Ablesens am externen Modell Erkenntnisse gewinnen zu können, bestimmte Wahrnehmungsurteile über geometrische Sachverhalte fällen und z.B. Seitenlängen und später Flächeninhalte miteinander vergleichen. Dabei macht er auch von seiner Fähigkeit Gebrauch, Anzahlen bestimmen zu können, nämlich z.B. bei der Bestätigung der Aussage, dass das Quadrat Q1 vier Seiten hat. Die betreffenden Sprachkenntnisse und die Zählfähigkeit muss er während seiner Sozialisation erworben haben; hierfür spielen u.a. induktiv verallgemeinerte Erfahrungen eine zentrale Rolle. Dagegen gehören die benötigten Wahrnehmungsfähigkeiten zur Grundausstattung von Menschen. Weil die drei Quadrate Q1, Q2, Q3 durch eine Zeichnung von Sokrates entstehen, kann der Sklave alles konkrete Wissen über diese Quadrate und ihre Bestandteile erst in der Dialogsituation erwerben. Das gilt nicht nur für die Erkenntnisse, die sich wie bei (FA1)-(FA3) durch ein Ablesen am externen Modell ergeben, sondern auch für alle darauf aufbauenden Schlussfolgerungen. Bei den Fragepaaren (FA4)-(FA10) betrifft dies die triviale Folgerung in (FA7), weiterhin die Folgerung, die der Sklave (FA9) durch Ablesen am mentalen Modell zieht, und die Folgerungen mithilfe von Multiplikationsregeln in (FA8) und (FA10). Inwieweit die Fähigkeit, mentale Repräsentationen zu variieren, kognitiv vorgegeben ist und/oder durch Erfahrungen geschult wird, müssen wir  hier nicht entscheiden. Diejenigen Multiplikationsregeln, deren Beherrschung Platon dem Sklaven bei der Formulierung offener Fragen und den resultierenden korrekten Antworten unterstellt, könnte der mathematisch ungeschulte Sklave im Prinzip durch Imitationslernen erworben haben, d.h. er müsste irgendwann Personen bei der Durchführung von Multiplikationen beobachtet und deren Verhalten erfolgreich nachgemacht haben. Ob Sklaven seinerzeit tatsächlich in bestimmten Fällen eine entsprechende Rechenfähigkeit besessen haben, kann hier nicht beurteilt werden. Welche Schlussfolgerungen der Sklave schließlich bei der Beantwortung der Fragen in (FA5) und (FA6) zieht, ließ sich in Abschnitt 3 nicht eindeutig klären. Grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass Menschen bereits in frühem Kindesalter fähig sind, bestimmte logische Schlüsse durchzuführen und zunehmend zu optimieren.[21] Insofern wäre es als ein intelligentes Verhalten des Sklaven zu werten, wenn er die in (FA5) und (FA6) erwarteten Antworten nicht unreflektiert übernimmt, sondern wenn sie sich wie vorgeschlagen mit der Anwendung bestimmter Schlüssen erklären lassen. An einer späteren Stelle in TD liegt es jedenfalls besonders nahe, die Antwort des Sklaven auf einen induktiven, allerdings falschen Schluss zurückzuführen. Nachdem der erste Lösungsversuch QX = Q2 des Sklaven widerlegt ist, lässt sich Sokrates zunächst die Interpolationsaussage bestätigen, dass die Seiten von QX länger sein müssen als die des zweifüßigen Q1 und kleiner als die des vierfüßigen Q2, d.h. dass ihre Länge zwischen zwei und vier Fuß liegt (ME 43). Diese Aussage kann der Sklave ähnlich wie bei (FA9) durch Ablesen an einem mentalen Modell folgern, in dem Q2 als Erweiterung von Q1 repräsentiert wird. Die Frage nach der genauen Länge der Seite von QX beantwortet der Sklave mit »Drei Fuß lang.« Diese Angabe basiert neben der Interpolation vermutlich auf dem induktiven Schluss, dass die Seitenlänge von QX eine natürliche Zahl sein muss, weil dasselbe für die Seitenlängen von Q1 und Q2 gilt. Die Inkorrektheit dieses Schlusses hätte der Sklave allerdings eigentlich selbst erkennen können, wenn er das Ergebnis dieses induktiven Schlusses mit dem aus (FA5) und (FA6) resultierenden Berechnungsverfahren überprüft hätte. Stattdessen wird diese Überprüfung nachfolgend von Sokrates initiiert (ME 43).

Wie wird nach zwei gescheiterten Lösungsversuchen des Sklaven im zweiten Abschnitt von TD doch noch im dritten Abschnitt die richtige Lösung für das von Sokrates formulierte geometrische Problem gefunden? Das ist unsere vierte spezielle Untersuchungsfrage. Bevor sie beantwortet wird,  soll am Beispiel des ersten, ohnehin schon im Detail betrachteten Abschnitts von TD noch genauer als bisher analysiert werden, welche Argumentationstrategie der Vorgehensweise von Sokrates zugrunde liegt. In diesem Abschnitt geht es in den Frage-Antwort-Paaren (FA1)-(FA8) um die Lösung einer Teilaufgabe, nämlich um die Berechnung des Flächeninhalts von Q1. Eine wichtige generelle Strategie zur Lösung von Problemen besteht darin, das jeweilige Problem in ›einfach zu lösende Portionen‹  zu zerlegen; danach werden die Problemportionen kleinschrittig der Reihe nach bearbeitet, so dass sich abschließend eine Gesamtlösung für das übergeordnete Problem ergibt. Genau diese Portionierungsstrategie wendet Sokrates generell in TD an. Dazu teilt er die jeweils erforderliche Argumentation in mehrere einfache Schritte auf, die der sukkzessiven Angabe von Prämissen und Konklusionen in einer monologischen Argumentation entsprechen. Deshalb wollen wir nachfolgend im Detail zeigen, wie diese Aufteilung aussieht, wenn die Argumentation von (FA1)-(FA8) in eine monologische und zugleich möglichst explizite Version übersetzt wird. Im Prinzip entspricht jedem Frage-Antwort-Paar genau eine semantisch äquivalente vom Sklaven und zumeist auch von Sokrates als gültig angenommene Aussage. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass die für die Folgerung von Konklusionen verwendeten Schlussregeln und mentalen Modelle üblicherweise ungenannt bleiben und deshalb rekonstruiert werden müssen, wenn man die Korrektheit der Konklusionen überprüfen will. In einer optimierten monologischen Version von (FA1)-(FA8) formuliert man nach Zeichnung von Q1 analog zu (FA1)-(FA3) zunächst drei sachlich korrekte, weil am externen Modell nachweisbare Aussagen über Q1 als Prämissen; z.B. besagt die (FA3) zugeordnete Prämisse: »Diese durch die Mitte gezogenen Seiten sind gleich.« Zusammen genommen ergibt sich aus den drei Prämissen als Folgerung die in (FA1)-(FA8) nicht explizit gemachte Konklusion, dass Q1 ein Quadrat ist. Sofern man also den Quadratbegriff eingeführt hat, sollte man diese Konklusion in die Argumentation einfügen. Dagegen kann man die zu (FA4) gehörige Konklusion weglassen, weil sie zur Berechnung des Flächeninhalts nicht benötigt wird. Deshalb kann man gleich zu dem (FA5) entsprechenden Schritt übergehen. Dort formuliert man einerseits genau wie in (FA5) als eine vierte, nur beispielhaft unterstellte und deshalb keinen Nachweis erfordernde Prämisse [22] , dass Q1 eine Seitenlänge von zwei Fuß hat. Andererseits gibt man die (FA5) zugeordnete Konklusion an, die den Flächeninhalt des kleinen Rechtecks RE, also dem halbierten Q1 bestimmt. Allerdings muss man zusätzlich explizit machen, wie sich diese Konklusion nachweisen lässt. Dazu kann man eine fünfte, aus (FA5) nicht hervorgehende Prämisse hinzufügen, nämlich die Gesetzesaussage für die Berechnung des Flächeninhalts von Rechtecken. Dann lässt sich die Konklusion wie gewünscht aus den genannten fünf Prämissen erschließen. Sofern der Adressat der Argumentation aber wie im Fall des Sklaven diese Gesetzesaussage noch gar nicht kennt, muss man die Konklusion auf andere Weise plausibel machen. Im Mathematikunterricht wird diesbezüglich argumentiert, dass RE gerade aus zwei Einheitsquadraten besteht und deshalb einen Flächeninhalt von zwei Quadratfuß hat; dabei ist ein Einheitsquadrat in der Maßeinheit Quadratfuß definiert als ein Quadrat mit der Seitenlänge von einem Fuß. Anschließend kann man die zu (FA6) gehörige Konklusion formulieren, die den Flächeninhalt von Q1 angibt. Diese Konklusion lässt sich entweder ebenfalls aus den fünf Prämissen folgern oder – wie in Abschnitt 3 dargestellt – mithilfe der modellgestützten Inferenz, dass der Flächeninhalt von Q1 doppelt so groß ist wie der von RE inferieren; beim zweiten Fall ist dann als zusätzliche und mit arithmetischem Wissen  begründbare Prämisse »Das Doppelte von einmal zwei ist zweimal zwei« erforderlich. Weil die zu (FA7) gehörige Konklusion i.W. nur eine Wiederholung der Konklusion aus dem vorherigen Schritt bildet, kann man sie weglassen und als Nächstes die (FA8) zuzuordnende Aussage »Zweimal zwei sind vier« als weitere Prämisse formulieren. Ihre Korrektheit ergibt sich wieder aus der Geltung des kleinen Einmaleins. Schließlich sollte man zugunsten einer expliziten Argumentation zusätzlich die Konklusion formulieren, die sich aus den zu (FA6) und (FA8) gehörigen Konklusionen folgern lässt, nämlich die Konklusion, dass Q1 einen Flächeninhalt von vier Quadratfuß hat. Damit ist die Aufgabe einer Bestimmung des Fächeninhalts von Q1 gelöst.

Genauso wie bei (FA1)-(FA8) kann man auch die dialogische Argumentation im dritten Abschnitt von TD in eine monologische übersetzen und dann die vierte Untersuchungsfrage schneller beantworten. In dieser Frage geht es wie dargestellt um die Möglichkeit einer Lösung der im ersten Abschnitt formulierten Aufgabe, ob es ein Quadrat gibt, dessen Seiten gerade so lang sind, dass das Quadrat einen Flächeninhalt von acht Quadratfuß hat. Eine grobe Analyse der Argumentation des zweiten und dritten Abschnitts zeigt zunächst, dass die im zweiten Abschnitt durchgeführte und der Aporieerzeugung dienende Argumentation für die gesuchte Lösung logisch irrelevant ist und deshalb nicht genauer betrachtet werden muss. Als Information über die externe Situation ist es dagegen wichtig zu wissen, dass Sokrates das Quadrat Q1 mit der angenommenen Seitenlänge von zwei Fuß und dem Flächeninhalt von vier Quadratfuß mittlerweile durch drei gleichartige Quadrate zu einem Quadrat Q2 mit der Seitenlänge von vier Fuß ergänzt hat und dass er zu Beginn des dritten Abschnitts in die vier Teilquadrate jeweils so eine Diagonale einzeichnet, dass innerhalb von Q2 ein Quadrat QD entsteht. Die Argumentation des dritten Abschnitts lässt sich jetzt folgendermaßen in eine monologische Version übersetzen, die man in einem Lehrvortrag über die Aufgabenlösung verwenden könnte.

(A1): Wie man an der Zeichnung erkennen kann, wird jedes Quadrat in Q2 durch die eingezeichnete Diagonale in zwei gleich große Dreiecksflächen unterteilt.

(A2): Folglich sind diese Flächen halb so groß wie die von Q1.

(A3): Also beträgt der Flächeninhalt dieser Flächen jeweils zwei Quadratfuß.

(A4):QD enthält aber vier dieser Flächen.

(A5):Folglich hat QD einen Flächeninhalt von vier mal zwei Quadratfuß, also von  acht Quadratfuß.

(A6): Folglich gibt es mit QD ein Quadrat, dessen Seiten gerade so lang sind, dass der Flächeninhalt des Quadrats acht Quadratfuß beträgt.

Wollte man diese, in sechs Schritte aufgeteilte monologische Argumentation noch expliziter formulieren, dann müsste man sie ähnlich wie bei der obigen Argumentation für (FA1)-(FA8) noch durch bestimmte Prämissen und durch Begründungen zur Rechtfertigung der mit »folglich« oder »also« angezeigten Konklusionen ergänzen. Darauf soll jetzt aber verzichtet werden. Auch so wird schon deutlich: Selbst wenn ein Adressat des Lehrvortrags, der die dort präsentierte Aufgabenlösung noch nicht kennt, das Wissen und die Fähigkeit besitzt, bei jedem Argumentationsschritt die Korrektheit der zugehörigen Aussage erkennen kann, dann wird er zwar lokal gesehen nicht belehrt, aber das heißt nicht, dass er die Aufgabenlösung mit ihrer spezifischen Kombination der schrittweisen Modellkonstruktion und Argumentation schon vor dem Lehrvortrag hätte eigenständig finden können. Vielleicht ist er danach in der Lage, diese Lösung zu reproduzieren. In jedem Fall ist er aber über einen ihm unbekannten Lösungsweg belehrt worden. Außerdem wollen wir noch einen anderen, für die Einschätzung maieutischer Dialoge interessanten Punkt ansprechen. Es ist nicht nur so, dass sich eine dialogische Argumentation im Stil von TD in eine monologische übersetzen lässt; natürlich gilt auch das Umgekehrte. Eine erste Möglichkeit für  die Überführung einer korrekten und geeignet portionierten monologischen Argumentation in eine dialogische besteht darin, dass der Lehrende einem Adressaten nach Formulierung jeder Aussage die Ja-Frage »Stimmt das?« oder die Bestätigungsfrage »Das stimmt doch?« stellt. Sofern der Adressat nun schon über die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügt, um die Geltung der Aussage zu erkennen, dann darf er diese Frage bejahen, weil die Antwort sachlich korrekt ist. Noch einfacher ist eine zweite Möglichkeit: Der Lehrende formuliert statt der als Prämissen oder Konklusionen fungierenden Aussagen jeweils korrespondierende Ja-Fragen oder einfach zu beantwortende offene Fragen, so dass die resultierenden Frage-Antwort-Paare dieselbe argumentative Funktion wie die zugehörigen Aussagen haben. Genau die zweite Dialogstrategie wählt Sokrates in TD und sie hat evtl. den psychologischen Vorteil, dass sie den Sklaven aktiver an den erforderlichen kognitiven Prozessen beteiligt als in einer monologischen Argumentation.

Für die Beantwortung der fünften und letzten Untersuchungsfrage muss entschieden werden, ob der Teildialog TD ein Belegbeispiel für die schwache Anamnesethese bildet. Kann die dem Sklaven in TD vermittelte Erkenntnis, dass das Quadrat QD eine Seitenlänge hat, die dazu führt, dass der Flächeninhalt von QD doppelt so groß ist wie der von Q1 ein Apriori-Wissen sein? Das ist schon deshalb nicht möglich, weil Q1 und QD zwei Quadrate sind, die nicht unabhängig von ihrer empirischen Realisierung existieren und weil der Sklave somit ein für ihn neues empirisches Wissen erwirbt. Gegen diese Argumentation kann man allerdings einwenden, dass es in TD eigentlich, auch wenn Sokrates und der  Sklave konkret über die empirisch vorliegenden Objekte Q1 und QD sprechen, um eine allgemeine Eigenschaft von Quadraten geht. Tatsächlich hätte Sokrates die Argumentation im dritten Abschnitt so formulieren können, dass diese Eigenschaft unabhängig von der mit zwei Fuß angenommenen Seitenlänge von Q1 nachgewiesen worden wäre. Ohnehin bildet die zugehörige Aussage über Quadrate genau genommen nur einen Spezialfall des Lehrsatzes von Pythagoras mit der bekannten Formel a2 + b2 = c2. Das wird deutlich, wenn man sich Folgendes klar macht: Die Diagonale eines Quadrats ist gleichzeitig die Hypotenuse der beiden durch die Diagonale entstehenden gleichschenkligen und rechtwinkligen Teildreiecke; wenn nun das Quadrat die Seitenlänge a (= b) hat und die Diagonale die Seitenlänge c, dann ergibt sich aus der Formel, dass c2 = 2a2 gilt. Trotzdem fällt es schwer, einen Sachverhalt wie den im Satz von Pythagoras auch bei denjenigen Menschen als schon vorhandenes, aber nur latentes Wissen einzustufen, die diesen Sachverhalt noch gar nicht kennen. Jedenfalls ist es im Sinne der Antwort auf die dritte Untersuchungsfrage präziser zu sagen, dass sie aufgrund ihrer angeborenen und erworbenen Fähigkeiten im Prinzip in der Lage wären, die betreffenden Erkenntnisse zu gewinnen. Insofern sollte man allenfalls von einem potenziellen Wissen sprechen.

5. Fazit

Der Menon ist ein fiktiver Dialog. Deshalb lässt sich ohne eine historische Untersuchung nicht entscheiden, ob die im Dialog von Sokrates geäußerten Auffassungen denen des realen Sokrates nahekommen und inwieweit sie denen von Platon entsprechen. Das ist aber auch nicht erforderlich, weil es im vorliegenden Beitrag nur darum geht, die Aussagen des Menon-Sokrates über den Teildialog TD zu überprüfen und die in TD angewendeten Strategien aufzudecken. Die wichtigsten hierzu mit der Methodik der Linguistischen Rhetorik erreichten Ergebnisse sollen nachfolgend noch einmal kurz zusammengefasst werden.

Erstens liefert TD keinen Beleg für die Anamnesethese. Denn die in TD gefundene Problemlösung ist für ein empirisches Beispiel formuliert und wird nicht generell für Quadrate nachgewiesen. Sokrates hätte aber am Ende von TD anmerken können, dass die Diagonale eines Quadrats immer die Eigenschaft hat, dass der Flächeninhalt des zu ihr gehörigen Quadrats doppelt so groß ist wie der Inhalt des Ausgangsquadrats. Unabhängig davon benötigt der Sklave ohnehin sowohl angeborene als auch erworbene Fähigkeiten, die Fragen von Sokrates beantworten zu können. Insofern geht es bei der Problemlösung nicht umein latent schon vorhandenes, sondern um ein potenziell erwerbbares Wissen.

Zweitens ist es bei maieutischen Dialogen im Stil von TD eine Fiktion, dass Lernende in ihnen nicht belehrt werden, sondern eigenständig zu neuen Erkenntnisen gelangen. Das wird deutlicher, wenn man die dialogische Argumentation in eine monologische übersetzt. Bei einer geeigneten Portionierung der gestellten Aufgabe in Teilprobleme und bei einem kohärenten Aufbau der aufeinander folgenden Teillösungen sind die dialogische und die monologische Version für Lernende im Prinzip gleich gut nachvollziehbar. An der monologischen Argumentation mit ihrer strikten Abfolge von Prämissen und Konklusionen sieht man jedoch besser, dass Lernende zwar im günstigsten Fall alle Teilprobleme selbständig lösen könnten, dass sie aber zumindest über den ihnen bisher unbekannten Lösungsweg für die Gesamtaufgabe belehrt werden. Ein sichtbarer Vorteil der dialogischen Version kann dagegen in der stärkeren kognitiven und kommunikativen Beteiligung von Lernenden liegen. Allerdings ist bei dieser Version schwieriger zu durchschauen, dass der Lehrende den Ablauf des Frage-Antwort-Spiels vorher genau und geschickt geplant, also inszeniert haben muss, um die gewünschte Aufgabenlösung zu erreichen. Außerdem erweckt er evtl. den falschen Eindruck, als kenne er diese Lösung selbst noch nicht genau und sie werde kooperativ oder sogar allein vom Lernenden gefunden. Auch insofern kann man also von einer Inszenierung sprechen. Ähnliches gilt für den Dialogabschnitt der Aporieerzeugung. Argumentationslogisch ist er oft gar nicht erforderlich. Aber er soll bei den Lernenden den Wunsch nach einer korrekten Problemlösung wecken oder verstärken. Hierzu muss der Lehrende aber im Unterschied zu den Lernenden schon wissen, an welchen Stellen der Argumentation er sie dazu verleiten kann, falsche Lösungen vorzuschlagen. Insofern liegt auch hier eine Inzenierung vor. Im Übrigen bestätigt sich die Voraussage von Sokrates nicht, der Sklave werde nach der vergeblichen Lösungssuche im zweiten Abschnitt von TD »mit Freuden auch als Nichtwissender im Forschen fortfahren« (ME 45). Weder zeigt der Sklave im dritten Abschnitt freudige Reaktionen noch bietet Sokrates ihm die Chance, aktiv zu werden und eigenständig nach der richtigen Lösung zu forschen.

Drittens  hat die Analyse von TD gezeigt, welche gesprächsstrategischen Strategien Sokrates einsetzt, um zu vermeiden, dass der Dialog einen unerwünschten Verlauf nimmt, wie das in der Alltagskommunikation oft geschieht. Entscheidend ist hierfür natürlich, dass Sokrates nur Fragen an den Sklaven stellt, die sich schnell und kurz beantworten lassen und nach deren Beantwortung Sokrates wieder das Rederecht hat. Deshalb formuliert er nur wenige, problemlos zu beantwortende offene Fragen und die meisten Entscheidungsfragen sogar als Bestätigungsfragen. Letzterer Fragentyp hat allerdings den Nachteil, dass Lehrende evtl. nicht entscheiden können, ob Lernende eine derartige Frage aufgrund der vorliegenden Kompetenz und ihres schon vorhandenen Wissens korrekt beantworten oder ob die Antwort durch die suggestive Wirkung der Fragen zustande kommt. Demzufolge glauben Lehrende vielleicht manchmal, die Lernenden hätten den erarbeiteten Lösungsweg schon vollständig verstanden und nachvollzogen, obwohl das gar nicht zutrifft. Ein entsprechendes, besonders problematisches Beispiel liegt in TD bei den Frage-Antwort-Paaren (FA5) und (FA6) im ersten Abschnitt vor. Konnte Sokrates hier wirklich davon ausgehen, dass der Sklave das exemplarisch eingeführte Verfahren zur Berechnung von Flächeninhalten schon begriffen hat? Sokrates vergibt aber auch an einer späteren Stelle die Chance zu überprüfen, ob der Sklave das Rechenverfahren mittlerweile aufgrund einer induktiven Generalisierung  beherrscht.

Insgesamt gesehen zeigt sich meines Erachtens an der detaillierten Analyse von TD, dass es sich lohnt, bestimmte Texte der Antike genauer und empirisch fundierter auf linguistische, logische und rhetorische Aspekte hin zu untersuchen. Diese Möglichkeit sollte punktuell auch im Schulunterricht, aber vor allem in den betroffenen Disziplinen in Lehre und Forschung stärker als bisher propagiert und genutzt werden.

 

Literatur

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Becker-Mrotzek, Michael / Rüdiger Vogt: Unterrichtskommunikation. Linguistische Analysemethoden und Forschungsmethoden. Tübingen 2001 (= Niemeyer Germanistische Arbeitsberichte. Bd. 38).

Eckstein, Franz : Abriss der griechischen Philosophie. 4. Aufl. Frankfurt/M.

Ehlich, Konrad / Jochen Rehbein: Muster und Institution. Untersuchungen zur schulischen Kommunikation. Tübingen 1986 (= Narr Kommunikation und Institution. Bd. 15).

Kienpointner, Manfred / Walther Kindt: On the problem of bias in political argumentation. An investigation into discussion about political asylum in Germany and Austria. In: Journal of Pragmatics 27 (1997), 555 – 585.

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Ders.: Die Rolle sprachlicher Indikatoren für Argumentionsanalysen. In: Günther Kreuzbauer / Norbert Gratzl / Ewald Hiebl (Hgg.), Rhetorische Wissenschaft. Rede und Argumentation in Theorie und Praxis. Wien 2008 (= LIT Salzburger Beiträge zu Rhetorik und Argumentationstheorie. Bd. 4), 147-162.

Ders.: Linguistische Rhetorik. In: Forum Artis Rhetoricae. 3 (2012) 31-46. ‚URL: www.retoryka.edu.pl/files/far3_2012_art2.pdf.

Ders. 2015a: Werbung, Verkaufsgespräch und Reklamation. Analysenm im Rahmen der Linguistischen Rhetorik. In: Handbuch Sprache in der Wirtschaft. Hg. von Markus Hundt und Dorota Biadala unter Mitarbeit von Daniel Jäschke. Berlin 2015 (= De Gruyter Handbücher Sprachwissen HSW 13), 408-433.

Ders. 2015 b: Die Erforschung der Argumentation in Gesprächen im Rahmen der Linguistischen Rhetorik. Erscheint in: Handbuch der Gesprächsrhetorik . Hg. von Ernest W. B. Hess-Lüttich. Berlin (= De Gruyter Handbücher zur Rhetorik).

Ders.: Was leistet die Rhetorik für die Analyse von Kommunikation? Exemplarische Bestandsaufnahme und Plädoyer für eine linguistische Fundierung. Ms. Universität Bielefeld 2016.

Kruiger, Tjark: Die pragma-dialektische Analyse von Suppositionsargumenten. In: Harald Wohlrapp (Hgg.), Wege der Argumentationsforschung. Stuttgart-Bad Cannstatt 1995 (= frommann-holzboog Problemata. Bd. 135), 230-247.

Mayer, Heike: Rhetorische Kompetenz. Grundlagen und Anwendungen. Paderborn 2007 (=Schöningh UTB Rhesis.Arbeiten zur Rhetorik und ihrer Geschichte).

Rickheit, Gert / Lorenz  Sichelschmidt / Hans Strohner: Psycholinguistik. Tübingen 2002 (=Stauffenburg Einführungen).

Städtler, Thomas: Lexikon der Psychologie. Stuttgart 1998 (= Bd. 357).

Völzing, Paul-Ludwig: Kinder argumentieren: Die Ontogenese argumentativer Fähigkeiten. Paderborn 1982 (= Schöningh ISL Informationen zur Sprach- und Literaturdidaktik. Bd. 36).

 

Zur Person:

Walther Kindt ist Professor an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft in Bielefeld. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Semantik und Verständigung, Grammatiktheorie sowie Kommunikations- und Argumentationsanalyse.

 

[1]Dabei beziehe ich mich auf die relativ textnahe deutsche Übersetzung in Reich (1972) und deren Seitenzahlen.

[2] Vgl. Kindt (2015b).

[3] Vgl. Eckstein (1965) 62 ff.

[4] Vgl. Kranz (2003) 115f..

[5]Becker-Mrotzek; Vogt (2001) 71.

[6] Vgl. Kranz (1994) 107.

[7] Vgl. u.a. Kindt (2008), (2012), (2015a).

[8] Vgl. etwa Städtler (1998) 407.

[9] Mayer (2007) 148 f.

[10] Vgl. Kindt (2016).

[11] Dieses Schema wurde i.W. schon in Kienpointner und Kindt (1997) ermittelt.

[12]Vgl. Aristoteles (1980) 151.

[13] Vgl. Ehlich; Rehbein (1986) 15ff.; auch Becker-Mrotzek und Vogt (2001) 41 f.

[14] Der Quadratbegriff wird in TD selbst nicht verwendet, sondern umschrieben u.a. mit “Viereck mit lauter gleichen Seiten”.

[15]Für eine Berechnung des Flächeninhalts von QX müsste der Sklave die Operation des Wurzelziehens und die Zahl √8 kennen.

[16] Vgl. auch Eckstein (1965) 63.

[17] Vgl. Aristoteles (1980) 146.

[18] Vgl. Kranz (1994) 39.

[19] Vgl. Rickheit, Sichelschmidt und Strohner (2002) 68.

[20] Vgl. hierzu Kindt (2007) 117.

[21] Vgl. etwa Völzing (1982).

[22] Solche Prämissen werden auch Suppositionsargumente genannt ; vgl. etwa Kruiger (1995) 232.

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