Gedanken zur Performance SaTüR 2016

Anne Pretzsch

Gedanken zur Performance SaTüR 2016

 

»Auch wenn er mit Autorität sagt, was ist, auch wenn er sich also damit begnügt, das Sein auszusprechen, bewirkt der auctor eine Veränderung im Sein: Dadurch, dass er die Dinge mit Autorität ausspricht, öffentlich und offiziell, entreißt er sie der Willkür, schreibt sie fest, heiligt, bestätigt sie, lässt sie existieren als etwas, das zu existieren wert, der Natur der Dinge gemäß, ›natürlich‹ ist.« [1]

Die Gliederung einer sozialen Welt durchzusetzen, eine Wahrheit zu sagen, die Gesetzeskraft hat, ist die Folge einer Macht, die auf Anerkennung gründet. Sie verleiht dem Gesagten, in ihren Grenzen Bedeutung. Diesem Gesagten wende ich mich in meiner künstlerischen Arbeit zu. Eine Wahrheit mit Gesetzeskraft oder Wirksamkeit evoziert Anerkennung und diese bedeutet Macht. Aufgrund dieser gibt es den Freiraum, mehr anerkannte Wahrheiten verlauten zu lassen und gleichsam sicher gehen zu können, dass sie gehört werden. Die Gliederung der sozialen Welt, wie Bourdieu sie nennt, funktioniert zu einem großen Teil über Sprache. Die Wahrheit, über welche ich schreibe, ist aber keine objektive, biologische Wahrheit, sondern eine gesellschaftliche, patriarchal geprägte Wahrheit, welche sich durch Sprache weiter trägt. Soziale Rollenbilder, geschlechtliche Rollenbilder und Ideale und Vorstellungen, wie auch Rassismen und Unterdrückung von Minderheiten, werden innerhalb ihres eigenen Kontextes reproduziert und immer wieder verwendet, in Wort und somit immer wieder am Leben gehalten. Diese Zuschreibungen konstituieren zu großen Teilen unser Sein, unsere Bewegungen, unser Denken, Handeln und Fühlen. Um soziales Geschlecht an dieser Stelle nur beispielhaft zu verwenden: Selbst wenn ich also sage, dass die Binarität von Mann und Frau aufgebrochen werden muss, verwende ich hierzu die Begriffe Mann und Frau und reproduziere sprachlich das ganze System, welches  ich  zu  befragen  versuchte. Wenn  Austin  von  einem  Performativen  Sprechakt schreibt, dann schreibt er von Wörtern, deren Äußerung im Kontext bestimmter »conventional procedures« stattfindet und deren Folge sich auf das soziale Leben auswirkt. Bei einer Eheschließung sind nach den Worten der autorisierten Personen zwei Menschen vermählt. Diese Äußerungen haben keinen logisch-semantischen Wahrheitswert und lassen sich einzig auf ihr Gelingen hin bestimmen. Soziale Tatsachen werden nicht beschrieben, sondern geschaffen.[2]

Nun ist eine soziale Rollenzuschreibung keine Ehe, aber dennoch wird sie auch erst durch ihre sprachliche Äußerung zu einer Realität in der wir leben. Die Strukturen in welchen wir leben und leben sollen, sind sprachlich tief verankert. Der Versuch, diese aufzubrechen ist mühsam und provoziert zahlreiche Gegenstimmen, wie man am Beispiel der Gender-Studies sehen kann. »Die Schnittstelle zwischen sprachlicher ›Performativity‹ und der Praxis theatraler Performance betrifft nämlich nicht nur die Theatertheorie, sondern auch die Gender-Studies.«[3] Diese Vorstellungen sind historisch gewachsen und schaffen immer wieder auf ein Neues unsere Realität, wenn sie formuliert werden.

Ein anderer nennenswerter und viel zu gering diskutierter Bereich in diesem Zusammenhang ist Rassismus im Theater, welcher scheinbar durch Felder wie das interkulturelle Theater nicht-existent scheint und unzureichend wahrgenommen wird.

»[…] Strukturen und Dynamiken, die immer wieder zu rassistischen und kolonialistischen Repräsentationen in theatralen Kontexten führen und dort diese stabilisieren und immunisieren. Die dominierenden Repräsentationsmodi des mehrheits- deutschsprachigen Theaters in der BRD kommen nicht ohne Veränderung und ›Fremdheit‹ aus, es braucht das ›Andere‹ als Mittel der Erzählung um ›Selbst‹ zu werden und ›Selbst‹ zu sein.« [4]

Zuschreibungen begrenzen die sozialen, individuellen, intellektuellen und gesellschaftlichen Räume der Menschen. Mit Forschungen der Gender-Studies oder Diversity-Studies versucht man dem entgegen zu wirken, aufzuklären und neue Denk- und Sprachräume zu eröffnen. Denn die Grenzen sind eben keine realen, objektiven Grenzen, sondern sind Vorstellungen, sind Grenzen, die immer wieder neu festgeschrieben werden können, immer wieder geöffnet werden müssen, um antiquierte, unangemessene, menschenfeindliche Gedanken, Sprachverwendungsmuster und Vorstellungen gehen zu lassen und sich dem Neuen, im wahrsten Wortsinn, zu verschreiben und näher an eine objektive Wahrheit zu langen, die mit unserer Sprache formuliert werden sollte. »Die soziale Welt ist auch Wille und Vorstellung, und sozial existieren heißt auch, wahrhaftig genommen werden[…].« [5] Wenn ich innerhalb der Vorstellungen existieren möchte, sozial wahrgenommen werden möchte, dann ist es ein sicherer Weg, diesen Vorstellungen zu entsprechen. Endlich werden diese Vorstellungen nun aber auch wissenschaftlich befragt und auf ihren Wert und Wahrheitsgehalt hin geprüft.

Denn die soziale Wahrnehmung beginnt und endet mit Sprache. Alle Menschen sind gleich, aber nicht für alle Menschen verwenden wir die gleichen Worte, da gibt es feine Unterschiede und zahlreiche Menschen, die sich in den gängigen sprachlichen Kategorien nicht wiederfinden können und nicht gesehen fühlen. Im Zuge dessen habe ich begonnen, mich künstlerisch mit dem Thema Zuschreibungen zu beschäftigen. Kann man diese Zuschreibungen künstlerisch verhandeln, so dass es gesellschaftlich wirksam ist und kann man sie verhandeln, ohne sie schlichtweg zu wiederholen? Kann man in Performance über eine Sprachstruktur sprechen, ohne diese zu reproduzieren und hat das dann einen künstlerischen oder ästhetischen Wert? Oder muss sie gar reproduzieren und kann nur so tatsächlich verstanden und gehört werden? Dieser Frage möchte ich mich in meinen Ausführungen widmen. Hierbei ist zu beachten, dass ich mir diese Frage aus der Sicht der KünstlerInnen stelle, welche Produktionen / Performances schaffen, die sich mit dem Thema der Zuschreibungen auseinandersetzen und so das bestehende System kritisch befragen wollen. Daran anknüpfend, und diese Problematik öffnet ein weiteres Feld, welches im Zuge dieser Arbeit nicht befragt werden kann, ist natürlich die strukturelle Frage, ob (und wenn in welcher Weise) ›wir‹ als Gruppe der künstlerischen Autoren dazu befugt und legitimiert sind, ein System, welches in unseren Augen nach Neuordnung ruft, umzuordnen und durch ein anderes System zu ersetzen. Warum sind wir im Gegensatz zu anderen Konzepten dazu befugt, es Menschen mit unserer Kunst aufzudrängen? Oder bieten wir es an? Oder ist das genau die Aufgabe der Kunst? Das Dilemma zwischen Veränderung und Oktroy liegt auf der Hand, trotzdem bildet die Aufführungssituation in meinen Augen eine Ausnahme, da sie zum kritischen Diskurs anregen kann und soll.

Bourdieu schreibt, dass eine performative Aussage die Grenze ihrer selbst ist, sich also nicht verändern kann, wie beispielsweise die Verkündung eines Plans oder einer Utopie in der sozialen Welt. Verkündet man etwas in der Realität, so macht man es glaubhaft, man erzeugt eine kollektive Vorstellung, die für die Verwirklichung förderlich ist und so zur praktischen Realität dessen beiträgt, was sie verkündet.[6] Wie kann ich also, ein sehr einfaches Beispiel, das Frau-Sein mit Worten befragen, ohne das Wort Frau zu verwenden und damit eine kollektive Vorstellung zu evozieren und Frau als Konzept erneut zu etablieren mit allem, was die Zuschauer_innen darunter verstehen? Oder wie Bourdieu es in Bezug auf die Ethnie beschreibt: »Schon das bloße Zeigen kann wirken, als würde man auf den Index gesetzt (kategoresthai), sichtbar und geltend gemacht«.[7] Hierbei gehen Sichtbar- und Geltendmachung einher. Aufzeigen bedeutet kategorisieren, bedeutet aufzeigen und bedeutet gleichsam innerhalb der Struktur geltend machen.

Der Performance ist ein Versuch, sich dieser Problematik künstlerisch anzunähern und der Erschaffung des Prekären zu entgehen, indem die ZuschauerInnen in eine angenehme, schöne Position gebracht werden. Das Thema der Zuschreibungen macht an dieser Stelle inhaltlich ein wenig dem Thema der Liebe Platz, mit welchem sich Renske Ebbers beschäftigte, vor dem Hintergrund, dass Zuschreibungen überall in jeder unserer Handlungen vorkommen.

 

Literatur

Bourdieu (1990): Bourdieu, Pierre: Was heißt Sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs. Wien 1990.

With (2002): Wirth, Uwe: Der Performanzbegriff im Spannungsfeld von Illokution, Iteration und Indexikalität. In: Ders. (Hg.) Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main 2002.

Eilers (2015): Eilers, Dirk: Theater. In: Arndt, Susan; Nadja Ofutay-Alazard (Hg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster 2015.

Zur Person:

Anne Pretzsch ist freie Performerin, Dramaturgin und Autorin. 2011 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Die Tragödie des geistreichen Menschen – Ein Trauerspiel ohne Aufzüge“. Sie arbeitet u.a. in Hamburg, Darmstadt und Salzburg.

 

[1] Bourdieu (1990) 96.

[2] Vgl.: Wirth (2002) 10.

[3] Wirth (2002) 40.

[4] Eilers (2015) 538.

[5] Bourdieu (1990) 99.

[6]Vgl.: Bourdieu (1990) 96.

[7] Vgl.: Bourdieu (1990) 100.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.