2018 Satuer Zeitschrift 02 Fick (Carlsen & Juel)

“Moving images can be moving in so many ways”

von Julian Fick

„Es geht um Macht, Rhetorik und Kamera“, startete Sine Carlsen ihren Vortrag aus der Sektion Foto, den anschließend ihr Kollege Henrik Juel übernahm. Was sagt die Mimik über den Redner aus? Was seine Gestik? War beides authentisch? Wie war seine Sprache? Und war die Argumentation stimmig? Diese Art von Fragen stellt man sich als Rhetoriker üblicherweise bei der Analyse von politischen Diskussionen und Reden im Fernsehen. Dabei wird eine rhetorische Schicht vernachlässigt: die Kameraführung. Diese beeinflusst die Aufmerksamkeit und Stimmung der Zuschauer sowie die emotionale Wirkung und inhaltliche Verständlichkeit des Gesagten, kurz: das Zuschauererlebnis. Die Kameraführung wirkt daher auf jeder Ebene rhetorischer Überzeugung, nämlich Ethos, Pathos und Logos.

Um die TeilnehmerInnen des Sektionsvortrags davon zu überzeugen, dass die Kameraführung tatsächlich solche Wirkmächtigkeit besitzt, stellte Juel drei grundlegende Techniken anhand von Beispielen vor. Dazu gehören das Ein- und Auszoomen eines Bildes, das „Framing“ (dt. „Rahmensetzung“) des Bildes und „reaction shots“, also das Zeigen von Publikumsreaktionen auf das Gesagte. Das Schneiden von Videomaterial ist eine weitere Technik, die unbemerkt im Hintergrund abläuft, aber großen Einfluss haben kann. Diese wurde allerdings nicht näher behandelt.

Manipulation durch Ein- und Auszoomen

Das Ein- und Auszoomen findet sich besonders häufig bei zeremoniellen Anlässen, etwa der Neujahrsansprache 2018 der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Oft wird dabei ein bestimmtes Muster verfolgt. Zunächst ist die Kamera relativ weit weg von der sprechenden Person, sodass der eindrucksvolle Raum zur Geltung kommt, in dem sich die Person befindet. Außerdem werden Symboliken wie Flaggen sichtbar. Im Laufe der Rede kommt die Kamera dann langsam näher und gibt damit eine sehr intime und vertrauliche Sicht auf den Sprecher. Damit wirkt dieser für die ZuschauerInnen greifbarer. Am Ende wird schließlich oft wieder leicht herausgezoomt, sodass zum Abschluss wieder eher die Bedeutung und Mächtigkeit des Sprechers bzw. einer Sprecherin betont wird. Zooming wird manchmal aber auch in anderer Weise gebraucht. Als anschauliches Beispiel dafür wurde US-Präsident Nixons „Great Silent Majority“ Rede vom 03.11.1969 über die Unruhen zum Vietnam-Krieg im eigenen Land herangezogen. Auch hier zeigt sich das beschriebene Muster, wobei die Kamera beim hereinzoomen vielleicht sogar etwas zu nahe kommt. Viel interessanter ist allerdings eine andere Stelle, an der von dem Muster abgewichen wird. Als Nixon nämlich aus einem Brief eines mittlerweile verstorbenen Soldaten vorliest, zoomt die Kamera vorher raus und nachher wieder rein und hebt damit das Zitat von der restlichen Rede ab und dessen Bedeutung hervor. Das Beispiel Nixon soll zwei Dinge verdeutlichen: Über Kameraführung wird nachgedacht, sie wird bewusst eingesetzt, und diese Möglichkeit der Einflussnahme ist nicht neu, sondern blickt auf eine lange Tradition zurück.

Manipulation durch Framing

Die zweite Grundtechnik, das Framing (auch Blickwinkel oder Betrachtungsweise), bezieht sich auf die Möglichkeit, dem Publikum (nur) dasjenige zu zeigen, von dem man will, dass man es sieht. Umsetzen lässt sich das z.B. durch bestimmte Kamerawinkel, also ob der Redner eher frontal oder von der Seite gefilmt wird. Als Beispiel dafür dient die Rede von Hans Blix, damaliger UN-Chefinspektor, vor dem UN-Sicherheitsrat über Waffenkontrollen im Irak am 07.03.2003. Er wird seitlich so von der Kamera gefilmt, dass auch seine Sitznachbarn sichtbar sind. Während er u.a. berichtete, dass keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden konnten, sieht man, dass seine Sitznachbarn eher wegschauen als aufmerksam der Rede zu lauschen. Scheinbar sind Redner und Inhalt nicht allzu wichtig. Hier wird also das Ethos des Redners verringert. Im Gegensatz dazu steht die Rede von Colin Powell, damals US-Außenminister, welche dieser am 05.02.2003 ebenfalls vor dem UN-Sicherheitsrat hielt. Dabei wird er frontal gefilmt, was an die Bilder von Merkel und der englischen Königin erinnert und seine Autorität und sein Ethos unterstreicht. Zwar sieht man auch hier Menschen im Hintergrund, diese wirken aber eher als Rückendeckung, d.h. Unterstützung des Redners. Das könnte ein Grund dafür sein, warum seine inhaltlich fragwürdige Argumentation scheinbar dennoch wirkte. Es nutzte nämlich eine animierte, wenig aussagekräftige Darstellung von Lastwagen, um die drohende Gefahr durch Massenvernichtungswaffen zu „beweisen“.

Manipulation durch reaction shots

Das Zeigen von Publikumsreaktionen, sog. reaction shots, stellt die dritte Grundtechnik dar. Sie kann beispielhaft an der Rede von Nigel Farage, damals Mitglied des EU-Parlaments und Co-Vorsitzender der Fraktion „Europa der Freiheit und der Demokratie“, veranschaulicht werden. In dieser Rede attackiert er Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, und beschimpft ihn u.a. mit der Aussage, er habe „charisma of a damp rag“ (dt.: „Charisma wie ein nasser Lappen“). Schon früh setzen Zwischenrufen und Pfiffen ein. Außerdem schwenkt die Kamera auf den Beschuldigten und andere scheinbar unbeteiligte, welche mit Kopfschütteln, Wegdrehen oder Lachen auf die Anfeindungen reagieren. Zusätzlich sieht man: der Großteil des Parlaments ist leer, kaum ein Parlamentarier hört Farage also zu. Interessanterweise gibt es von derselben Rede im Internet auch Aufnahmen, in denen das leere Publikum nicht sichtbar ist.

Wer kontrolliert eigentlich die Kamera?

Wenn die Kameraführung also einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Rezeption von medial dargestellter Rede hat, wer ist es dann, der sie kontrolliert? Bei den Videos, die zur Übermittlung bestimmter Botschaften dienen (z.B. Neujahrsansprache), wird die Kamera naturgemäß von demjenigen kontrolliert, der auch die Botschaft senden will. In diesen Fällen sollten sich die Zuschauer also bewusst machen, dass die Kameraführung gezielt eingesetzt werden kann, um gewisse Wirkungen zu erzeugen. Etwas problematischer ist die Sache im Parlament. Hier sind Kameramänner – ähnlich wie Journalisten – damit beschäftigt, das Geschehen im Parlament an die Bildschirme der Bevölkerung zu übertragen. Ob ihnen die Macht bewusst ist, die sie besitzen? Ob sie darin geschult werden, ihren eigenen Standpunkt dabei außen vor zu lassen? Eine Recherche von Professor Juel lässt daran zweifeln. Als Reaktion auf seine Nachfragen erntete Juel vor allem eines: Überraschung. Überraschung dafür, dass sich tatsächlich jemand für das Thema interessiert. Interessant ist allerdings nicht nur, wer die Kamera führt, sondern auch, wer etwa die gefilmten Bilder schneidet und entscheidet, was online gestellt wird.

“It’s like controlling the eyes of the audience” (dt: „Es ist so, als würde man die Augen des Publikums kontrollieren“), so fasste Juel die Macht der Kamera und der sie bedienenden Menschen zusammen. Was folgt daraus? Sollte jede Politikerin und jeder Politiker im Parlament eigene Kamerateams mitbringen, um sich zu inszenieren? Gibt es überhaupt einen neutralen Standpunkt, von dem aus „objektiv“ gefilmt werden kann? Oder sollte es nur noch fixe Kameras geben? Obwohl diese Fragen ungeklärt sind, hat uns Juel sicherlich eine wichtige Botschaft mit auf den Weg gegeben: “Moving images can be moving in so many ways” (dt: “Bewegte Bilder können auf so viele Arten bewegend sein”).

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