2018 Satuer Zeitschrift 05 Haberzettl (Aladağ)

Visualisierung von Musik als kreativer Prozess

von Sebastian Haberzettl

Wie kann man Musik richtig visualisieren? Welche Komponenten sind wichtig um ein stimmiges Gesamtbild von Musik und Video zu kreieren? Mit Fragen wie diesen setzt sich der Regisseur Bariş Aladağ auseinander, wenn er Musikvideos produziert. Ein Lied kann verschiedene Emotionen erwecken: so kann ein melancholisch klingendes Lied bei der einen ein Gefühl von Trauer erwecken, bei einem anderen jedoch ein nostalgisches Gefühl des Verliebtseins mit verbundener Sehnsucht an vergangene Zeiten. Interpretation von Musik ist also sehr individuell. Sie hängt stark mit der Gefühlswelt, in der sich der Mensch befindet, wenn er das Lied „zum ersten Mal“ hört, zusammen. Musikvideos sind ein Werkzeug, um diese Interpretationen einzuschränken. Es sollen gezielte Emotionen bei den RezipientInnen hervorgerufen werden, welche wiederum ubiquitär sind für die sog. Viralität eines Musikvideos in der Öffentlichkeit. Doch wie inszeniert man Musikvideos richtig, um eine hohe Reichweite zu erlangen?

Einer der größten Erfolge von Bariş Aladağ war ein Werbespot für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Es wurde dafür ein extragroßes Weitwinkelobjektiv verwendet, um es so darzustellen, als wäre es laienhaft mit einem Handy aufgenommen worden. Diese Einfachheit sich auch das Lied selbst wieder. Der Sänger singt als Kontrolleur verkleidet über die skurrilen Menschen, die er in der U-Bahn antrifft, und wie egal ihm diese sind. Wer in Berlin schon einmal mit der U- Bahn gefahren ist, der kann dies definitiv nachvollziehen, denn man trifft eine Menge kurioser Gestalten dort an. Dieser Werbespot verbesserte das Image der BVG nachhaltig; Gründe dafür waren die Authentizität und Selbstironie die sich in Musik und Video harmonisch wiederspiegelten.

Musikvideos sollen laut Bariş Aladağ Emotionen erwecken, jedoch nicht die eigene Phantasie begraben. So kann ein Lied mit einer starken emotionalen Aussage seine Wirksamkeit verlieren, wenn das Video zu effektreich ist oder vorgefertigte Bilder generiert. Andersrum ist es vorteilhaft, bei einem eher einfachen und relativ emotionslosen, „langweiligen“ Lied, ein aufwendigeres Video zu produzieren. Dadurch wird das eher schwache Lied emotional gestützt und wirkt interessanter. Der Regisseur versucht mit stilistischen Mitteln bestimmte Emotionen durch schlüssige Bilder zu vermitteln. Ein Beispiel dafür ist das Lied von Clueso mit dem Titel „niemand an dich denkt“. In diesem melancholischen, aussagekräftigen Lied lässt sich der Sänger Clueso regungslos einen Fluss entlang treiben. Das Video wurde schwarzweiß und mit einer geringeren Frameanzahl (Zeitlupe)  aufgenommen, was die Dramaturgie des Liedes unterstützt. Durch die einfache Darstellung des Videos liegt das Hauptaugenmerk auf den musikalischen Aspekten. Die Bilder dienen unter richtiger Verwendung lediglich zur Anregung der Phantasie unter Anbetracht bestimmter hervorgeweckter Emotionen. Diese Phantasie wird eingeschränkt, wenn der Text eins zu eins bebildert wird. Denn dadurch wird es dem Zuseher vorweggenommen, die übermittelte Emotion mit eigenen Bildern auszudrücken. Auch Bildmetaphern sind hilfreich für das Erwecken bestimmter Gefühle im Zusammenhang mit individuellen Erinnerungen. Ein Beispiel dafür war das Lied „Gewinner“ von Clueso. Das Video wurde mit dem Sänger unter Wasser gedreht. Die damit verbundene Lichteinstellung soll ein Gefühl von Beklemmung hervorrufen. Wäre die Lichteinstellung anders gewählt worden, so hätte der Künstler ein zu blasses Gesicht und würde dies wohlmöglich mit dem Tod assoziieren. Dementsprechend ist auch die Lichteinstellung und Kameraperspektive wichtig, um keine falsche Metapher beim Zuseher zu implementieren. Musikvideos sind ein rhetorisches Mittel um eine bestimmte Aussage, welche sich im Liedtext wiederspiegelt, zu bekräftigen. Dabei spielt aber auch die Interpretation des Regisseurs eine Rolle und die Frage, welche Emotionen er beim Rezipienten auslösen möchte. Der Freiraum des Regisseurs ist jedoch oft an die Wünsche und Vorstellungen der Auftraggeber gekoppelt. Dies kann den Spielraum des Regisseurs und den Einklang von Musik und Video einschränken.

Als Fazit kann man sagen, dass in Zeiten der Digitalisierung Musikvideos gerade in sozialen Netzwerken eine immens wichtige Rolle spielen (werden), um ein hohes Spektrum der Öffentlichkeit zu erreichen. Aufgrund des Überangebotes von Musikvideos, Werbespots etc. reicht ein normales Video nicht mehr, um die Menschen zu erreichen. Es ist die Kunst und Aufgabe eines Regisseurs oder einer Regisseurin, aus der breiten Masse herauszustechen und mithilfe seiner Kreativität Videos zu schaffen, die bei den Menschen echte Emotionen erwecken und sich in deren Köpfe einprägen.

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