2018 Satuer Zeitschrift 09 Schütz (Rex)

Erlebnisbericht & Interview zum Workshop „Flipchart, goodbye?“

von Andreas Schütz

Flipcharts sind eine bewährte Form der Visualisierung in Reden, doch mittlerweile gibt es auch elektronische Alternativen. Inwiefern kann sich der Einsatz neuer Medien lohnen, wo liegen die Grenzen dieser beiden Methoden? Diese Fragen standen im Zentrum von Bernd Rex’ Workshop „Flipchart, goodbye?“

Eine erste Antwort auf diese Frage verlangt das Reflektieren individueller Erfahrungen sowie der grundsätzlichen Möglichkeiten, die das Flipchart bietet. Nicht nur kann Text in verschiedenen Konfigurationen präsentiert werden; das Flipchart lebt wesentlich auch von Skizzen, kleinen Zeichnungen, Figuren. Wer seiner Präsentation einen besonderen Touch verleihen möchte, sollte hier gelegentlich Neues versuchen. Die typischen Strichmännchen etwa könnten genauso gut einmal so aussehen:

Einen besonderen Effekt liefert das Zeichnen von Schatten, welches mittels einer Akzentuierungsfarbe (beispielsweise rot) umgesetzt werden kann. Und mit Dimensionswechseln bringt man Bewegung ins Bild:

Können nun elektronische Produkte diese Funktionen ebenso gut erfüllen? Die folgenden Erfahrungen aus dem Workshop legen dies nahe.

Elektronische Flipcharts

Für Android-, Apple- wie auch Windows-Tablets stehen entsprechende Softwareprodukte zur Verfügung. Zu deren Grundausrüstung gehören Markerstifte, deren Farbe und Dicke mittels Software beliebig eingestellt werden können, was Schreiben wie Zeichnen in jeder Form ermöglicht, und das „Lasso” genannte Werkzeug lässt die BenutzerInnen einmal erstellte Inhalte sogar sehr leicht auf dem elektronischen Reißbrett verschieben. Programme wie Microsoft OneNote gehen noch einmal deutlich über den Standard-Funktionsumfang hinaus und bieten etwa Schrifterkennung (OCR) oder das strukturierte Verwalten von Notizen an. Praktisch ist auch das Programm „Explain IT” für Android, das bereits fertige Formen wie Pfeile anbietet, was eine Umgehen des händischen (und manchmal eben nicht ganz so künstlerischen) Zeichnen bietet.

Einzig und allein die Einrichtung der nötigen Infrastruktur ist natürlich DER limitierende Faktor. Bevor man elektronische Hilfsmittel einzusetzen plant, sollte man wirklich genau wissen, wie etwa ein Gerät mit dem Beamer verbunden werden soll. Mit den aktuell erhältlichen Produkten ist das aber bereits relativ einfach, so genügt bei Apple „Einstecken, anmelden – fertig!” Der Vorteil von Android- bzw. Microsoft-Produkten ist die Unterstützung des Standards „Mirror Cast“.

Interview mit Bernd Rex zu den Vor- und Nachteilen dieser technischen Mittel:

Frage: Inwieweit werden Tablets bereits heute für Präsentationen eingesetzt, wo siehst du noch Potenzial?

Rex: In Unternehmen geht das viel schneller, denn die sind technologisch weiter, weil sie mehr Geld in die Hand nehmen. Aber klassische Flipcharts sind auch teuer: Die Universität gibt dafür mehrere 100 bis 1000 Euro pro Semester aus. Ein Empfangsgerät (bspw. Apple TV), das die vom Tablet kommenden Signale an den Beamer überträgt, kostet 60 Euro. So gesehen könnte es sich der Einsatz auch für die Uni auch lohnen. Und: Wenn die Uni etwas mehr investieren würde, hätte sie den Ruf los, sie würde sich nicht um technologische Entwicklungen kümmern.

Frage: Welche anderen Vorteile hätte der verstärkte Einsatz von neuen Medien noch?

Rex: Programme wie OneNote bieten die Möglichkeit der Schrifterkennung an, d. h. mein von Hand geschriebener Text wird umgewandelt in für den Computer lesbaren Text. Digitale Inhalte kann man mit einem Klick teilen, etwa mit anderen TeilnehmerInnen, die nicht anwesend waren. Was auch möglich ist, wenn das Publikum Tablets dabei hat: Den Inhalt des eigenen Bildschirms auf allen anderen Geräten anzeigen zu lassen – dies ist insbesondere dann vorteilhaft, wenn nicht alle gut nach vorne sehen.

Frage: Was sind die Nachteile?

Rex: Es gibt zwei Sachen, die das Flipchart besser kann: Erstens kann man das Flipchart einfach an der Wand hängen lassen. Der Erinnerungseffekt ist damit stärker. Der Beamer muss an einem gewissen Punkt einfach ausgeschaltet werden. Und zweitens funktioniert das Flipchart auch dann, wenn man keinen Strom hat, z. B. auf einer Berghütte. Um elektronische Hilfsmittel nutzen zu können, braucht man einfach einen gewissen Grundstock an Infrastruktur.

Frage: Ich habe Bedenken im Hinblick auf die Möglichkeit, allen ZuhörerInnen während eines Vortrags Inhalte auf ihre jeweiligen Geräte zu schicken. Könnte das nicht schlimmstenfalls dazu führen, dass der Redner bzw. die Rednerin keine Aufmerksamkeit mehr bekommt?

Rex: Solche Methoden etwa auf der Uni einzusetzen, würde einen neuen Zugang zur Lehre bedeuten. Es würde nicht mehr darum gehen, dass der Lehrende vorne steht und alle anderen schlicht zuhören. Vielmehr müsste man den Lehrenden verstehen als jemanden, der einem hilft, den Weg des Lernens selbst zu beschreiten; der mit allen anderen gemeinsam lernt. Zudem: Lehrende sollten nicht schlicht Fakten vermitteln, sondern insbesondere das sog. iudicium, das Urteilen, lehren. Einige werden zu dieser Umstellung nicht bereit sein.

Frage: Summa summarum: Inwiefern sollte man den Einsatz von neuen Medien forcieren?

Rex: Es gibt teilweise einen Hype rund um Digitalisierung, oft wird noch nicht einmal gewusst, was darunter genau zu verstehen ist. Natürlich sollte man alles mit Maß und Ziel umsetzen, nicht überall ist die technische Lösung die bessere. Aber den Mut, neue Dinge auszuprobieren, sollte man haben.

Vielen Dank für das Interview!

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