2018 Satuer Zeitschrift 11 Stoiber (Hagen)

»Was heulen die denn alle so?«

Über das Weinen als visuelle Inszenierung zum Zwecke der Persuasion

von Thomas A. Stoiber

Gemeinhin hegt man ja die Vorstellung vom vir Romanus als durus ac constans (›hart und ausdauernd‹): in stoischer Apathie trotzt er den Launen des Schicksals und erweist sich damit der dritten Kardinaltugend (»in animi excelsi atque invicti magnitudine ac robore« Cic. off. 1,15) würdig . Aber weit gefehlt! Dass nicht nur Emotionen, sondern gar Tränen zur affektheischenden Visualisierung derselben bisweilen auch vorsätzlich zum Einsatz kamen, breitete Judith S. Hagen in ihrem Vortrag ›Tränen und Emotionen in der Rhetorik Ciceros‹ anschaulich und eindrücklich aus.

In De oratore, seinem rhetorischen Hauptwerk, in welchem er immerhin auf bereits fünfundzwanzig erfolgreiche Jahre als Redner zurückblickt, legt Cicero seinem eloquenten Vorbild Marcus Antonius Orator die Worte in den Mund, dass ein gesprochener Vortrag gleichsam die Sprache des Körpers sei und dessen Erfolg von der Mimik und besonders dem Ausdruck der Augen abhänge. Seinen griechischen Vorbildern verhaftet, hält Cicero Anfang und Schluss für die prädestiniertesten Redeteile, um mit affektgeladenem Ton und Gehabe die Richter in affektgelenkte Reaktionen zu treiben, da der Drang des Herzens sowie innere Aufruhr diese günstiger zu beeinflussen vermögen als überlegtes Beraten. Dabei muss der Orator aber wirklich fühlen, was er zum Ausdruck bringen will, das heißt, er muss – metaphorisch gesprochen – selber brennen (»ipse ardere«), um auch einen Richter in seinem Sinne entzünden (»incendere iudicem«) zu können (wovon ja auch noch der heute gebräuchliche Terminus der flammenden Rede zeugt). In etwa einem Drittel seiner Reden erwähnt Cicero explizit Tränen, die die Menschlichkeit der eigenen Person gegenüber der Herzlosigkeit der Prozessgegner visuell inszenieren sollen. Für uns Mitteleuropäer des dritten Jahrtausends eher wenig nachvollziehbar, zeigt sich hierin einmal mehr eine Facette der Alterität der römischen Antike: nicht rationale und logische Beweisführung, sondern emotionale Gefühlsduselei sollen  die ehrenwerte Jury überzeugen  – eine Szene, die uns so am ehesten noch aus US-amerikanischen TV-Serien geläufig ist.

Wichtig beim Einsatz von ostentativ zum Ausdruck gebrachter Trauer ist allerdings der Kontext! Exemplarisch zeigte uns dies Judith Hagen etwa anhand der Beschreibung des Bittrituals des Quintus Tullius Cicero, des Bruders des römischen Staatsmannes: Nachdem Cicero 58 v.u.Z. vom Senat geächtet ins Exil geflohen ist, hält Quintus mit „Tränen und täglichen Bitten“ (»lacrimis et cotidianis precibus«) die allgemeine Sehnsucht und Erinnerung an seinen geliebten Bruder lebendig und bekräftigte diese visuelle Inszenierung mit dem Tragen eines verschmutzten Trauergewandes, des sogenannten squalor. Cicero wird später betonen, dies sei die Geste seines in Liebe verbundenen Bruders gewesen, der sich trotzdem nie vor dem Alleinsein und den Waffen der Feinde gefürchtet habe, und damit die bewusste Manipulation der Adressaten des Quintus durch den Einsatz visueller Mittel bezeugen. Der vir Romanus bleibt als trotz Trauergestus und Tränen Herr über seine Entschlossenheit und Gefühlswelt.

Wenn also der renommierte Fußballexperte und allseits bekannte TV-Kommentator Oliver Kahn während des Finales der Champions League 2018 die Tränen der vom Feld verletzt in ihre Kabinen humpelnden Spieler mit den polemischen Worten: „Was weinen die denn alle so?“ quittiert, müsste man ihm wohl, auf den Kontext des weltweit wichtigsten Wettbewerbs im Clubfußball hinweisend, erwidern: „Mensch Oli, gerade in einem visuellen Medium wie dem Fernsehen zeugen doch Tränen von einem höchsten Maß an Ergriffenheit!“

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