2018 Satuer Zeitschrift 12 Widl (Wacker)

Graphic novels im Deutschunterricht: Shaun Tan, Ein neues Land

von Herbert Widl

Die Einstellung der Menschen zum Comic hat sich im 20. Jahrhundert stark gewandelt. In den 1950er Jahren galt diese Literaturgattung noch als „Schundliteratur“. Es herrschte das Vorurteil, dass Comics Literatur für AnalphabetenInnen seien und dadurch die Verdummung der Jugendlichen gefördert werde. Da der Textinhalt in Comics begrenzt ist und der Inhalt oft über die Bilder transportiert wird, sahen die PädagogenInnen zur damaligen Zeit die Sprach- und Konzentrationskompetenz gefährdet, und durch diverse Darstellungen von Gewalt und Erotik könnten die Comics zur Verrohung und Sensationslust der Jugendlichen führen. Diese Vorurteile konnten weder bestätigt noch wissenschaftlich nachgewiesen werden. Heutzutage hat sich der moderne Comic als „Neunte Kunst“ etabliert. Ebenfalls hat die Gattung „Comic“ Einzug in die germanistische Fachdidaktik gehalten.

Gabriela Wacker, die an der Universität Tübingen im Bereich der „Deutschdidaktik“ forscht, beschreibt einen Comic folgendermaßen: Ein Comic ist in räumlichen Sequenzen aus bildlichen oder anderen Zeichen angeordnet, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung bei den BetrachterInnen erzeugen sollen. Die graphic novel – im Deutschen „Comicroman“ oder „Grafischer Roman“ – gehört zu einer Unterkategorie des Comics und wird durch eine romanartige, fiktionale Langerzählung charakterisiert, welche sich der Darstellungsweise des Comics bedient. Dieses Genre grenzt sich vom Comic deshalb ab, weil es sich um ein abgeschlossenes Werk handelt, in Buchformat vorliegt und in Buchhandlungen gekauft werden kann. Ausserdem werden meist komplexe und ernsthafte Inhalte behandelt.

“Ein neues Land”

Gabriela Wacker stellte die stumme graphic novel „Ein neues Land“ von Shaun Tan [1] vor. Die Besonderheit an diesem Werk ist, dass der Comic-Künstler auf die Textebene verzichtet. Tan verlässt sich allein auf die Kraft der Bilder und damit auf die Interpretationsgabe seiner LeserInnen. Der Titel „Ein neues Land“ wurde schon so gewählt, dass vieles offen bleibt und keine räumliche und zeitliche Zuordnung möglich ist. Im Werk von Shaun Tan wird das Thema „Migration“ mit den dazugehörigen Aspekten behandelt. Für den Autor ist dies ein großes Anliegen, weil sein Vater selbst 1960 von Malaysia nach Australien immigrierte.

Die Hauptperson der Geschichte ist ein Migrant, welcher seine Frau und seine Tochter verlässt, um in einem neuen Land Arbeit zu finden. Der Mann reist mit einem Schiff in das neue Land, bei der Ankunft wird beim Migranten eine Gesundheitsuntersuchung durchgeführt, die Daten aufgenommen und Papiere ausgestellt. Es beginnt ein mühsamer Integrationsprozess in die Gesellschaft. Der Mann ist der Sprache der Einheimischen nicht mächtig und dadurch entstehen Sprach- und Kommunikationsprobleme. Bei diesem Eingliederungsprozess helfen ihm einheimische Menschen und ehemalige MigrantInnen. Der Mann gewöhnt sich an das neue Umfeld, macht Bekanntschaften und findet eine Arbeit. Nach einiger Zeit kann der Migrant seine Familie in das neue Land holen. Mann, Frau und Tochter werden wieder vereint. Später hilft die Tochter neu angekommenen,  sich zurecht zu finden.

Das Besondere an der graphic novel ist, dass „Realitätspartikeln“ in die fiktionale Handlung der Geschichte eingewoben sind. Damit wird die Story authentisch. Die „Panels“ (= Einzelbilder) sind Fotographien nachempfunden und das Ganze kann als Fotoalbum betrachtet werden. Im Werk finden sich Zeichnungen, welche reale Begebenheiten wiedergeben. Das Panel der Migranten auf dem Schiff gilt als Hommage an das Bild „Going south“ von Tom Roberts. Die Prozedur bei der Ankunft des neuen Landes spiegeln die Fotos wieder, welche sich in der Sammlung des „Ellis Island Immigration Museum“ befinden.

Shaun Tan bedient sich mehrerer Techniken. Er wendet die Verfremdungstechniken an, das heißt, dass reale Orte wie bspw. Ellis Island, surrealistisch überzeichnet werden. Als Stilmittel setzt er besondere Schnitttechniken ein: bei einer Sequenz können am Beginn die Details des Zimmers wahrgenommen werden und am Ende wird herausgezoomt und ein Gebäudekomplex wird sichtbar. Tan baut auch verschiedene Erzählebenen ein: wenn der Migrant auf andere MigrantInnen trifft, dann erzählt dieser seine Vorgeschichte. Bei jenen Rückblenden werden Farbtonwechsel verwendet, das heißt, der „Gutter“ oder „Rinnstein“ (= Zwischenraum zwischen zwei Panels) nimmt eine andere Farbe an. Mit dem Farbton können die Stimmungen und Emotionen verstärkt werden. Ebenso kommt die Technik des Leitmotivs zum Einsatz. Das Motiv des Mannes für die Migration bleibt im Dunkeln, im alten Land sieht man immer einen schwarzen Schatten, welcher einem Drachenschwanz ähnelt. Diese Schatten symbolisieren eine Bedrohung, die im Werk wiederkehrt.

Das zentrale Thema der Fremdheitserfahrung wird immer wieder durch surreale Szenarien verdeutlicht, in welchen die LeserInnen in die Figur des Migranten schlüpfen. Der Migrant fühlt sich durch seine Sprachlosigkeit angesichts der Beredsamkeit der Welt hilflos. Dieser Aspekt wird wiederum von der stummen graphic novel aufgegriffen. Damit möchte Tan auf die Kommunikationsproblematik hinweisen und zeigen, wie Sprachprobleme entstehen und aufgelöst werden können. Das Metathema – die Verständigung – wird im Comicroman immer wieder aufgegriffen und zeigt, dass die Erlernung der Sprache für eine gelingende Integration notwendig ist.

Comics im Unterricht

Mit dem didaktischen Ansatz der produktiven Hermeneutik können Comics im Unterricht verwendet werden. Bei der produktiven Hermeneutik sollen die LeserInnen Leerstellen füllen und sich den Text aneignen, sodass zwischen den AutorInnen und dem Publikum eine Komplizenschaft entsteht. Deshalb ist es didaktisch sinnvoll, die Lernenden diese Leerstellen füllen zu lassen, wozu es ästhetische, sinnliche und emotionale Zugänge wie die Dekodierung gibt, oder handlungs- und produktionsorientierte Ansätze, bei denen RezipientInnen zu MitautorInnen werden.

In der Praxis können die Lernenden einen stummen Comic durch produktive Zusätze wie „Ballons“ (= Sprechblasen) ergänzen. Dadurch werden Bilder zum Sprechen gebracht. Eine anspruchsvollere Aufgabe besteht darin, einen inneren Monolog oder einen Brief zu einer Leerstelle zu verfassen. Dabei muss der Zusammenhang zur graphic novel gegeben sein. Daneben gibt es noch weitere Methode, wie zum Beispiel die Umstellprobe oder die Bildrezeptionsverzögerung.

Gabriela Wacker schlägt für den Einsatz von graphic novels im Deutschunterricht um die zehn bis zwölf Unterrichtseinheiten vor. Die Lernenden hätten großes Interesse an graphic novels, wobei die Jungen eine größere Affinität zu dieser Gattung zeigen als Mädchen. Ich habe Deutschlehrerinnen kontaktiert und um ihre Erfahrungen mit Comics in der Ausbildung und im Unterricht gefragt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass an den Universtäten die Fachdidaktik für Comics oder graphic novels nicht vermittelt wird. Von Seiten der Lehrerinnen besteht daran ein Interesse, diese Literaturgattung zu unterrichten und selbst zu lesen. Comics werden zwar im Unterricht eingesetzt, aber meistens werden nur Sequenzen aus den Büchern behandelt. Auf die Fachterminologie und die Darstellungsmittel des Comics wird selten Rücksicht genommen. Bedenken beim Einsatz von graphic novels bestehen darin, dass für manche Werke (z.B. „Die Maus“ von Art Spiegelmann) die Lernenden eine gewisse geistige Reife benötigen.

Der Comic bietet ein ausgezeichnetes Kommunikationsmittel. Die stumme graphic novel „Ein neues Land“ von Shaun Tan kann auf der ganzen Welt gelesen werden, alleine die Bilder reichen dafür schon aus und das Werk benötigt keine Übersetzung. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass der Comic im Schulunterricht seinen angemessenen Platz findet. Scott McCloud bringt es schön auf den Punkt: „Die Möglichkeiten des Comics sind seit jeher – und auch heute – UNBEGRENZT.“[2] Diese Möglichkeiten sollten genutzt werden.

[1] Tan, Shaun: Ein neues Land, Hamburg 2015.

[2] McCloud, Scott: Comics richtig lesen, Hamburg 2001; S. 220.

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