2018 Satuer Visuelle Rhetorik – 05 (Polz)

Sylvie Polz

„Ich seh viel mehr,
mach’ ich die Augen zu“

Über die Wirksamkeit innerer Bilder bei der Rede

Dieser Satz aus einem Sonett von Shakespeare gibt einen ersten Hinweis auf den möglichen Reichtum, den Zugewinn, der sich einstellt, wenn unser Sehsystem für eine kurze Zeitspanne keine Reize mehr von außen erhält. [1] Durch und durch Augentiere leben wir in einer Welt, die sehr auf das Sehen ausgerichtet ist. Die alltägliche mediale Bilderflut macht dies nicht besser und lässt uns den Sinn für eigene Imaginationen verlieren. Fällt die Kontrolle durch die Augen einmal weg, weitet sich der „Blick ins Innere“. Die Introspektion erlaubt den Zugang zu eigenen Bewusstseins- und Erlebniswelten. Körpervorgänge wie zum Beispiel die Atmung und der propriozeptive Sinn können bewusster und intensiver wahrgenommen werden.

Der im Rahmen von SaTüR 2018, gemeinsam mit meiner Kollegin Tomma Galonska gehaltene Workshop zum Thema visuelle Rhetorik, gab den Student*innen einen Einblick, wie sich der Einsatz von unterschiedlichen Vorstellungen auf Körperspannung, Atmung und Sprechen auswirkt. Durch die dabei eingesetzten Tricks aus der Schauspielpädagogik und der Stimmarbeit von Prof. Kristin Linklater konnten die Student*innen sehr schnell am eigenen Leib die psycho-physische Wechselwirkung erfahren, die Vorstellungen hervorrufen können.

Das theoretische Hintergrundwissen und damit korrespondierende neurobiologische Forschung kam dabei zugunsten der praktischen Arbeit zu kurz und soll hier, sofern es die von mir unterrichtete Linklater Arbeit betrifft, erläutert werden.

So wie in der Rhetorik geht es der Linklater-Stimmarbeit darum, den Menschen in seiner Ganzheit anzusprechen, als rationales und emotionales Wesen. Begrenzt man sich bei der Linklater-Stimmarbeit nicht auf die reine Verbesserung der Stimmfunktion und nicht nur auf ein wohlgestimmtes Instrument, realisiert man den ganzheitlichen Aspekt über den gezielten Einsatz unterschiedlicher Vorstellungsbilder. Die Sinnhaftigkeit dessen wird von der neurobiologischen Forschung bestätigt.

Stellen Sie sich eine bestimmte Person oder eine Landschaft vor. Denken Sie an ein Haus, in dem Sie früher gewohnt haben. Selbst wenn Sie schon lange weggezogen sind, können Sie im Haus, also in der Vorstellung davon, herumlaufen und sich zum Beispiel an die Anordnung oder Einrichtung einzelner Zimmer erinnern.

Aus der Gedächtnisforschung ist bekannt, dass Erinnern und Lernen die Zahl der synaptischen Kontakte zwischen den Nervenzellen signifikant erhöht. In der Großhirnrinde werden Erinnerungen dauerhaft gespeichert. Jedes visuelle Bild, das emotional besetzt ist, wird im Langzeitgedächtnis verschlüsselt und in den oberen Arealen des Sehsystems gespeichert. Erinnerte Bilder können grundlegende Eigenschaften des Originals aufweisen, sodass wir das Gefühl haben können, in unserem Gehirn befände sich ein Bild der sichtbaren Welt. Dem ist natürlich nicht so.

Interessanterweise konnte man in Untersuchungen zum visuellen Vorstellungsvermögen aufzeigen, dass innere Bilder zumindest teilweise ähnliche Merkmale aufweisen wie tatsächliche Bilder. Dies erklärt das Gefühl, das wir haben, wenn wir uns an Bilder erinnern. (2) Man beansprucht dieselben neuronalen Schaltkreise, wenn man ein Bild sieht, sich später erinnert oder sich das Bild vorstellt. Ob tatsächlich oder nur vorgestellt – das Gehirn bedient sich ähnlicher Schaltkreise und unterscheidet nicht allzu sehr zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Es ist unser Bewusstsein, das die klare Unterscheidung trifft.

Betrachten wir unsere Sinnesorgane, die den Ausgangspunkt für unsere Wahrnehmungen darstellen: Sehen zum Beispiel erfordert Licht. Aber wie entsteht „Sehen“? Unser Auge sammelt Informationen, fängt Licht als elektromagnetische Strahlung ein. Spannend hierbei ist, dass das, was wir mit unserem „inneren Auge“ sehen, weit mehr darstellt als die Rohdaten der spezialisierten Zellen der Netzhaut.

Dass unser Auge nicht wie eine Kamera funktioniert, beschreibt der Kognitionspsychologe Chris Frith so:

„Was ich wahrnehme, sind nicht die kruden und mehrdeutigen Reize, die von der Außenwelt auf meine Augen, meine Ohren oder meine Finger treffen. Ich nehme etwas viel Reichhaltigeres wahr – ein Bild, das all diese kruden Signale mit einer Fülle vergangener Erfahrungen kombiniert… Unsere Wahrnehmung der Welt ist eine Fantasie, die mit der Realität in Einklang steht.“ (3)

Das Gehirn produziert ein sinnvolles Bild der Außenwelt durch präzise Hypothesen und innere Repräsentationen, ist damit sehr kreativ, rekonstruiert die Außenwelt durch Schlussfolgerungen und Vermutungen.

John Locke zum Beispiel spricht über die fließenden Übergänge zwischen Gedächtnis und Einbildungskraft:

„Die Aufgabe des Gedächtnisses besteht also darin, dem Geist die schlummernden Ideen zuzuführen, die er jeweils verwenden kann; darin, dass man sie bei jeder Gelegenheit zur Hand hat, besteht das, was wir Erfindungsgabe, Einbildungskraft und geistige Beweglichkeit nennen.“ (4)

Entwirft man ein inneres Abbild, kann man besser auf Reize aus der Umwelt reagieren, ein entscheidender Überlebensvorteil oder ein Vermögen wie dies Aristoteles beschreibt. Dinge können erscheinen, auch wenn diese selbst nicht anwesend sind. Mittels Fantasie existiert keine Abhängigkeit von Sinnesorganen und Bilder können willkürlich produziert werden.

Quintilian spricht in der Institutio oratoria davon, dass es wichtig sei, den Erregungszustand eines Gefühls selbst hervorrufen zu können. Clemens Ottmers beschreibt dies so:

„Für eine solche Selbstaffizierung nennt Quintilian auch die entsprechende Technik: die Vergegenwärtigung von den gewünschten Gefühlen – vergleichbar den Phantasiebildern (visiones), die Abwesendes so vergegenwärtigen, als würde es unmittelbar und plastisch vor Augen stehen. Diese Selbstvergegenwärtigung muss freilich sprachlich umgesetzt werden, um so auch den Zuhörern einen plastischen Eindruck vermitteln zu können.“ (5)

Das Erfinden oder Abrufen von inneren Bildern während der Rede kann einem Redner bzw. einer Rednerin helfen, emotional zu überzeugen, ohne dabei selbst vom Gefühl ganz ergriffen zu sein. Er spielt die Affekte aber auch nicht vor, täuscht das Publikum nicht. Durch die Produktion von inneren Bildern kommt der Orator in eine gut ausjustierte Gespanntheit mit angemessenem, weil natürlichem Gestus. Die dabei als Nebenprodukt evozierten Gefühle erzeugen durch die Wirklichkeitssimulation persuasive Wirkung. 

Der Imaginationsmuskel

Dieses uns innewohnende Vermögen zur Produktion von Bildern ist ein zentraler Arbeitsaspekt der Stimmarbeit von Prof. K. Linklater und zieht sich wie ein roter Faden durch den progressiven Übungsaufbau. Kristin Linklater spricht vom Training des Imaginationsmuskels. Die Linklater-Stimmarbeit wurde für Schauspieler*innen entwickelt, und egal welcher Theatertradition man sich verpflichtet fühlt, die Ausbildung des Vorstellungsvermögens gehört zur Qualifikation von Schauspieler*innen. Folgerichtig wird von Anfang an dieser Imaginationsmuskel, die Vorstellungskraft,geschult und gestaltende schöpferische Ressourcen werden ins Zentrum der Aufmerksamkeit gesetzt.

Das Kommunikationszentrum

So versucht man in der Linklater-Arbeit zu Beginn den Kehlkopf bewusst außen vor zu lassen. Das macht Sinn, denn unser sogenanntes Stimmorgan, der Kehlkopf, ist ursächlich nicht für den Sprechvorgang angelegt. Ein Stimmorgan im eigentlichen Sinne, wie zum Beispiel das Auge als ein sehr wichtiges Sinnesorgan, gibt es nicht. Die Stimme sollte deswegen als etwas in den Körper Ausgedehntes verstanden werden. Entwicklungsgeschichtlich war es wichtig, dass sich im Kehlkopf durch die Stimmlippen ein reflektorischer Schutzmechanismus entwickelte. Während der allmählichen Ausbildung der Lunge gab es immer wieder einen Wechsel zwischen Lungen- und Kiemenatmung, d. h. im Wasser musste die Luftröhre zum Schutz der Lunge immer wieder schnell verschlossen werden. Ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedener Organtätigkeiten wurde notwendig für das Entstehen verschiedenartiger Laute.

Die Stimmarbeit von K. Linklater entwickelt ein Arbeitsbild, das den ohnehin oft sehr starken Fokus auf den Kehlkopf verringert, so dass die Feinmotorik im Kehlkopf unwillkürlich arbeiten kann.

„It’s breath and bones!“ (K. Linklater)

Man rückt sein normalerweise im Gesichtsbereich wahrnehmbares Sprechen 45 Zentimeter tiefer, also in die Mitte des Körpers. Physiogisch entspricht dies natürlich nicht den Tatsachen, aber es ist ein hilfreiches Arbeitsbild oder ein Trick, um die Aufmerksamkeit vom Kehlkopf weg und in den Körper zu lenken.

Die grundsätzliche Idee hierbei ist, nicht in den Mechanismus von Stimmlippenspannung, Form der Stimmlippenschwingung, Stellung des Kehlkopfs, Einstellung des Ansatzrohrs und der Stärke des anblasenden Luftstroms aktiv einzugreifen. Die innere Vorstellung, sein Kommunikationszentrum tiefer im Körper zu verankern, bewirkt veränderte Spannungszustände im ganzen Körper. „Körper und Stimmbänder bleiben beim Imaginationsprozess nicht unbeteiligt.“ (6)

Beim Sprechen werden viele Dutzende von Muskeln auf die Millisekunde genau gesteuert. Es gehört zu den komplexesten psychomotorischen Leistungen, zu denen der Menschen fähig ist, und wir benötigen dazu eine beträchtliche Anzahl von Reflexmechanismen. Diese sind im Nervensystem ohne die Beteiligung der Hirnrinde verankert und stehen nicht unter der Kontrolle des Bewusstseins. 

Ein Redner wäre ohnehin überfordert, müsste er seine Aufmerksamkeit auch noch auf den Gebrauch seiner Stimme lenken.

Die Rolle des Körpers bei der Rede

Während einer Rede bewegen wir unsere Augen, unseren Kopf, unsere Gliedmaßen und unseren ganzen Körper. Diese Bewegungen gehen mit körperlichen Empfindungen einher, die wir zumeist nicht wahrnehmen. Im Linklater-Training lernt man, den Körper mehr von innen wahrzunehmen. Durch Introspektion kann eine differenzierte Wahrnehmung des Körpers erfolgen und sich allmählich ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln. Während meiner langjährigen Arbeit mit Student*innen und verschiedensten Berufsgruppen war festzustellen, dass der Sinn, den Körper zu spüren mehr und mehr verloren geht. Nicht die Außenwirkung durch die Körpersprache ist hier relevant, sondern die Eigenwahrnehmung des Körpers führt zu einer ganz anderen Außenwahrnehmung. Ich möchte mich hier Friedrich Nietzsche anschließen, wenn er sagt:

„Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“

Und gebe hiermit zu bedenken, dass der Körper eine weitaus größere Rolle spielt, als bislang angenommen. Ohne den übrigen rhetorischen Regelkanon über Bord zu werfen, braucht es die Individualisierung des Vortrags. Durch den Zugriff auf den Körper werden Gestik und Körperbewegung stärker aneinandergekoppelt, sie strukturieren das Denken und schaffen mehr Raum-  und Hörerbezug.

Intention als Agens der Phonation

Mit natürlichem Gestus erhöht der Redner seine Glaubwürdigkeit, zeigt, dass er innerlich wirklich an dem, was er sagt, beteiligt ist. Wir wissen, dass Gedanken, Gefühle und Stimmungen die Atmung verändern. Tiefe und Häufigkeit der Atmung wechseln ständig und erfahren durch die Intention des Sprechenden laufend Veränderung. Geschieht dies nur im Kopf, ist der Atem zu flach. Ist die Körperanbindung und damit die freie Beweglichkeit des Zwerchfells gewährleistet, stimuliert die Intensität des Redners den Atem wirksam.

Wenn im Übungskontext der Linklater-Stimmarbeit erlebt wird, dass verschiedene Vorstellungsbilder oder tatsächlich im Moment erlebte Gedanken, Gefühle und Stimmungen den Atem sehr unterschiedlich beeinflussen, dies auch intendiert ist und körperlich erfahrbar wird, setzt ein Vertrauen ein auf die unwillkürlich gesteuerten Vorgänge im Körper. Atem und Stimmführung sind dann nicht eine Technik, die eingesetzt oder getrennt voneinander geübt und praktiziert wird, sondern bringen die Redner*innen in Kontakt mit dem ursprünglichen Sprechimpuls, dem Agens der Phonation. Kommunikationsimpulse, real oder vorgestellt, steuern Atem- und Phonationsvorgänge. Der Kontakt des im Körper erfahrbaren Sprechimpulses macht eine Rede sehr lebendig, weil rationale und affektische Überzeugungsmittel untrennbar miteinander verbunden sind. Idealerweise kann man dem Sprechenden im Kleist’schen Sinne bei der langsamen Verfertigung der Gedanken beim Reden beiwohnen.

Das Stimmkorsett

Im Laufe des Lebens erwerben wir jedoch viele unnötige Spannungen. Die Atmung wird auf unterschiedlichste Art und Weise eingeschränkt und somit wird auch das freie Zusammenspiel der Feinmotorik im Kehlkopf beeinträchtigt. Das genuine Vermögen, über die Stimme unmittelbar zu kommunizieren, in direktem Kontakt zu sein mit den im Moment und oft sehr schnell ablaufenden Gedanken- und Gefühlsimpulsen, weicht einem eher mechanischen Sprechen und vermisst in der Sprachgestaltung oft die Existenz von bildhaften Vorstellungen. Eingesperrt in ein Stimmkorsett, öffnen und schließen sich zwar die Lippen hinreichend aktiv, der Ton bleibt aber hinter der Maske verborgen. Es bildet sich ein unnötiger und störender Filter. Die Kompetenz eines Redners bzw. einer Rednerin kann stimmlich nicht transparent werden.

Simulation von Körperzuständen

Elektromyographische Untersuchungen, schon in den 50iger-Jahren, machten deutlich, dass Zuhörer*innen sich in der Regel sehr auf die Redner*innen einschwingen. Das geht so weit, dass sich Einstellungs- und Spannungszustände im Kehlkopf angleichen, d. h. die Rezipient*innen übernehmen mehr oder weniger die Kehlkopfeinstellung der Redner*innen. Dies wurde entdeckt, als man das „Phänomen des Räusperns“ untersuchte. Spricht ein Orator mit einer sehr angespannten Stimme, beginnen sich die Rezipient*innen im Zuschauerraum zu räuspern.

Erst 2010 gab es einen ersten direkten Nachweis von Spiegelneuronen beim Menschen. (7) Das heißt, unser Gehirn kann bestimmte körperliche Zustände eines Anderen simulieren, so als ob sich diese im eigenen Körper abspielen würden. Die Aktivität von einzelnen Zellen und Zellverbänden konnte nicht nur in den motorischen Arealen des Gehirns gemessen werden, sondern auch in Arealen, die mit Sehen und dem Gedächtnis verbunden sind. Die zielgerichtete Handlung von einem anderen Menschen aktiviert das eigene motorische System und weckt Empfindungen. Dies ermöglicht zu wissen, wie sich etwas für jemanden „anfühlt“. Man kann die unterschiedlichen emotionalen Zustände des anderen durch audiomotorische und audiovisuell verknüpfte Nervenzellen registrieren. Es scheint sinnvoll für das Gehirn zu sein, Körperzustände vorab zu simulieren, denn „durch die Simulation eines Körperzustands, der sich nicht tatsächlich einstellt, verringert sich die Verarbeitungszeit, und es wird Energie gespart.“ (8)

Für das Gehirn sinnvoll, doch welchen Nutzen hat dieses Wissen für einen Redner?

Evolutionär begünstigte die Produktion von Bildern eine präzisere Beurteilung der Umwelt und erlaubte eine bessere Reaktion auf sie. Die damit einhergehende Entwicklung der menschlichen Sprachfähigkeit erlaubte, dass wir gewaltige Mengen an Information über die Umwelt aufnehmen, speichern und weitergeben konnten. Mit ihr ließen sich Dinge erfinden, man konnte über Möglichkeiten spekulieren, Legenden, Mythen, Götter und Religionen konnten entstehen. Geschichten von menschlichen Ereignissen speicherten und organisierten Wissen und tun dies heute noch in primitiven oralen Kulturen. Ein gesprochenes verlautbartes Wort war zwar flüchtig, weil es keine Spuren hinterließ, aber kraftbewegt.

Mehr als vielleicht andere Erfindungen begann das Schreiben und die sich im 15. Jahrhundert entwickelnde Buchdruckkunst, das menschliche Bewusstsein zu prägen und zu verändern. Ein artikulierter Klang konnte durch die Schrift in einen sichtbaren und visuellen Raum eingefangen werden. So wie die Buchdruckkunst die Wirkung des Schreibens auf das Denken verstärkt und verändert hat, führte es auch zu einer Domestizierung des naturhaften Klangbildes. Ein gedrucktes Wort ist statisch, bleibend, gefangen in Zeit und Raum. Trifft es auf das Auge, auf den visuellen Sinn besteht die Aufgabe es über den Klang wieder mit Leben zu erfüllen. Abgetrennt vom Körper kann es sich nur um ein Öffnen und Schließen der Lippen beschränken, auf eine „nur“ wohlausgefeilte Sprache.  Hinzukommende biografische und gesellschaftliche Ursachen, wie Atemkontrolle und Hemmung von primären, weil kindlichen Impulsen im Laufe des Sozialisationsprozesses, führen zu einer Entkoppelung von Körper und Stimme.

Wenn neurobiologische Forschungen darauf hinweisen, dass der Körper als Vermittler fungiert zwischen den Sinnesorganen, Gehirn und Umwelt und durch wiederholt durchlaufende Rückkoppelungsschleifen in ständiger interaktiver Resonanz steht, dann fehlt einem entkörperten Sprechen diese Resonanz. Hier komme ich auch wieder auf die Simulation von Körperzuständen zurück. Redner*innen geben mit ihrer Präsenz, Inhalt der Rede und dem Klang der eigenen Stimme etwas vor und Rezipient*innen lassen dies auf sich wirken und tun dies, ob bewusst oder unbewusst, eben auch körperlich.

Wünschenswert wäre deswegen, dass Redner*innen durch die Körperanbindung über eine freie Stimme verfügen, damit der „Funke überspringt“, er sich der Tradition, Geschichten zu erzählen, verpflichtet fühlt und dies über unterschiedliche Imaginationstechniken (wie im Workshop vorgestellt) kultiviert. 

Denn wie dies Ludwig Feuerbach schon 1985 formulierte:

„… das Hirn ist aber nur solang Denkorgan, als es mit einem menschlichen Kopf und Leibe verbunden ist.“ (9)

Sprachbilder

Tatsächlich feuern bei sinnlich-konkretem Sprachgebrauch mehr Spiegelneuronen als bei einem vorwiegend abstrakten Wortschatz. (10)

Untersuchungen zur Alltagsmetapher zeigen, dass bei Sprachbildern, die Körpererfahrungen und Sinneswahrnehmungen widerspiegeln, jene Areale im Gehirn aktiviert werden, die auch mit der wörtlichen Bedeutung verknüpft sind. Gleiches gilt für Schmerzwörter und deren Areale im Gehirn. Sprachbilder rufen Emotionen hervor und lassen physische Reaktionen erfolgen.

Das Gehirn leuchtet

Diese Erkenntnisse aus der Neurobiologie waren und sind ohne Zweifel revolutionär. Verschiedene bildgebende Verfahren geben Auskunft über die Region im Gehirn mit der stärksten Aktivitätssteigerung durch ein farbiges Aufleuchten. Es herrscht je nach Untersuchungsverfahren eine vermehrte Hirndurchblutung oder eine erhöhte Stoffwechselaktivität. Eine adäquate zerebrale Leistung geht nicht nur mit einer Aktivitätssteigerung in einer bestimmten Region einher. Verschiedene Hirnregionen arbeiten zusammen. Jedoch lässt sich ein strahlendes Augenpaar, die menschliche Stimme und die Komplexität und Gedankenvielfalt von Redner*innen nicht reduzieren auf neuronal erhöhte Aktivität oder ein spezifisches Erregungsmuster. Wenn diese oder jene Worte gesprochen werden, sind Neuronen aktiv sowie der Atem, die Zunge, der Kehlkopf und das Gehirn. Die vollständige Ursache für mein Sprechen aber bin ich selbst. Aristoteles vermutete in Ermangelung von uns heute vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnis, ein Organ einheitlicher Wahrnehmung („sensus communis“), dem die Integration aller Sinnesarten oblag, nicht im Gehirn, sondern im Herzen. (11)

Wenn Versprachlichung ein integrales schöpferisches Handeln ist, das den Körper nicht ausschließt, sondern miteinschließt, kann sich die menschliche Stimme zu größter Reife entwickeln und ein Redevortrag ist „nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt“ (12)


Literatur

Damasio (2005) – Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, Berlin 2005.

Damasio (2011) – Antonio R. Damasio, Selbst ist der mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, München 2011.

Fingerhut (2013) – Joerg Fingerhut, Rebekka Hufendiek und Markus Wild, (Hrsgg.). Philosophie der Verkörperung. Grundlagentexte zu einer aktuellen Debatte, Berlin 2013.

Fuchs (2017) – Thomas Fuchs, Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption, Stuttgart 2017.

Habermann (1986) – Günther Habermann, Stimme und Sprache. Eine Einführung in ihre Physiologie und Hygiene, Stuttgart 1986.

Kandel (2012) – Eric Kandel, Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute, München 2012.

Kehl (2002) – Anne Kehl, Die Bildung der Vorstellung. Grundlagen für Theater und Pädagogik, Rieden 2002.

Linklater (1997) – Die persönliche Stimme entwickeln. Ein ganzheitliches Übungsprogramm zur Befreiung der Stimme, München 1997.

Ottmers (1996) – Clemens Ottmers, Rhetorik, Stuttgart 1996.

Spitzer (2002) – Manfred Spitzer, Musik im Kopf. Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Stuttgart, New York 2002.


(1) Shakespeare, William. 43. Sonett. Deutsch von Christa Schuenke.

(2) Spitzer (2002) 170.

(3) Frith (2010) 175 u. 147, zitiert nach Kandel 2012: 276.

(4) Locke (1690), zitiert nach Kehl 2002: 76.

(5) Ottmers (1996) 126.

(6)Cechov (1979). Die Kunst des Schauspielers. Zürich, Stuttgart: W. Classen.

(7) Mukamel et al. (2010). In: Current Biology.

(8) Damasio (2011) 114.

(9) Feuerbach (1985) 177, zitiert nach Fuchs 2017: 93.

(10) Willems und Casantano (2011) Flexibility in embodied language         understanding. In: Front Psychology Journal.

(11) Fuchs (2017) 188.

(12) Shakespeare. Hamlet.

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