2020 Aktuelles aus der Lehre (Koch/Kreativität)

Nadia Koch

Die Kreative Universität – Utopische Skizzen

Zur Rhetorik-Lehrveranstaltung „Kreativität – die Kunst des Erfindens“ an der Uni Salzburg, Winter 2019/20

Die Utopie ist, wie der Name ou-topos , „Nicht-Ort“ ausdrückt, der Ort, den es nicht gibt. Dennoch wissen wir seit der Vertreibung aus dem Paradies, dass wenige Orte so detailliert und eindrücklich beschrieben und ersehnt worden sind, wie die Nicht-Orte. Mittelalterliche Miniaturen und Gemälde aller Epochen zeigen uns im Detail, welche Tier- und Pflanzenarten das Paradies belebten; die Renaissancegelehrten erdachten moderne Smart Cities, in denen alle kirchlichen und weltlichen Funktionen bis hin zum Welthandel präzise geregelt waren. Ganz zu schweigen von Le Corbusiers Symbiosen aus Hochhaus und Autobahn, die, als verwirklichte Städte, bei den Bewohnern durchaus Unbehagen hervorrufen konnten.

So verwundert es nicht, dass auch Studierende ganz konkrete Vorstellungen davon haben, wie eine Universität aussehen könnte, in deren Mauern Lernen und Leben zu einer Harmonie finden. Aber braucht die Universität überhaupt noch Mauern? Auch das scheint strittig zu sein, wie einige der folgenden Ideenskizzen verdeutlichen werden.

Man könnte jetzt einwenden, dass die Universität nur zum Lernen da sei, und dass ein/e jede/r doch bitte daheim sein eigenes Leben gestalten möge. Denkt man aber an die Worte Ubi libri ibi patria, so leuchtet doch ein, dass sich zumindest im Bachelor- und noch ein letztes Mal im Masterstudium die einmalige Chance bietet, eine geistige Heimat in der Welt der Bücher zu finden. Der Gedanke des Studiums ist ja, dass die gelesenen libri nach dieser Phase ihre patria im Gedächtnis gefunden haben, so dass sie als verinnerlichtes Wissen für alle weiteren Lebensstationen erhalten und transformiert werden können.

Ein Brainstorming mit Rhetorik-Studierenden hat den Wunsch nach einer Universität erkennen lassen, die weit mehr ist als nur ein Ort des Wissens und Lehrens. Alle drei beteiligten Gruppen haben Skizzen vorgelegt, die ihre individuellen Vorstellungen von Kreativität abbilden. Dabei ist ihnen nicht an Kreativität im Sinne eines simplen „Jede/r ist ein Künstler“-Imperativs gelegen, sondern sie legen zugrunde, dass in einem kreativen akademischen Umfeld der Wettbewerb um Innovation und beste Problemlösungen sich in der Architektur und Urbanistik niederschlagen muss. Ein Beispiel, das sich vor allem der Gebäudekomposition und den Verbindungswegen widmet, zeigt, dass es zunächst der passenden Räume und Wege bedarf.

Hat man dann noch an einen wegbeschleunigenden Rollerverleih gedacht und landschaftliche Anziehungspunkte geschaffen, die das Entstehen von guten Ideen befördern, lassen sich besonders leicht Gemeinschaftsprojekte realisieren. Sie können sich nun effektiv von Fachbereich zu Fachbereich verbreiten, ja die Studierenden verlieren keine Zeit auf der Bahn nach Hause, denn dieses befindet sich direkt im Campus. Alle drei Beispiele erkennen aber auch die Notwendigkeit, einen Gegenpol zum Gedanken des effektiven Ideentransfers zu integrieren: Nämlich Räume, die frei vom ökonomisiertem Kreativitätszwang sind.

Besonders detailliert skizzieren die Studierenden ästhetisch anregende Gegenwelten zu Bibliothek und Hörsaal, nämlich leise plätschernde Brunnen oder Hängematten für den Denkschlaf. Offene Sportplätze sorgen dafür, dass auch in kleinen Vorlesungspausen körperlicher Ausgleich möglich ist. Sogar an das gemeinsame Gemüseziehen wird gedacht:

Das Hauptgebäude in Zwiebelform erinnert daran, dass die Schritte zur Erkenntnis durchaus mit dem Säen und Pflanzen vergleichbar sind, da dieser Prozess gleichermaßen ständiges Tun erfordert, aber auch die Geduld, den Winter mit seiner scheinbaren Untätigkeit auszuhalten.

In allen Beispielen durchdringen sich also zentral gesteuerte und eher ungeregelte Wissens-Umgebungen. Nach dem Zufallsprinzip regt dieser Wechsel dazu an, Schaffens- und Lernprozesse, in denen sich die Studierenden befinden, immer wieder aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Idealerweise sind in solchen wechselnden Kontexten alle Zwischenstufen von kurzzeitigem Vergessen bis hin zu neuen Einsichten, freilich aus unerwarteter Fügung, möglich.

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