Kategorie-Archiv: Allgemein

Lichtbild oder Kreide: Performanz des Denkens im wissenschaftlichen Vortrag

Nadia J. Koch

Lichtbild oder Kreide: Performanz des Denkens im wissenschaftlichen Vortrag

 

Vorgetragen am 2. Juni 2017 bei den Salzburg-Tübinger Rhetorikgesprächen an der Universität Tübingen, die dem Thema ›Reden schreiben, Reden halten‹ gewidmet waren.

Innerhalb der Sektion ›Rede in der Wissenschaft‹ möchte ich mich

  1. mit der Frage beschäftigen, wie eine der häufigsten Handlungen von uns Wissenschaftlern, nämlich das Halten von Vorträgen, im rhetorischen System zu verorten ist;
  2. werde ich die merkwürdige Ausgangslage skizzieren, dass die florierende wissenschaftliche Ratgeberliteratur uns zwar beim Schreiben von Haus- und Qualifikationsarbeiten zur Seite steht, aber schweigt, wenn es darum geht, rhetorische Standards in diesem Feld zu etablieren. Schließlich wird
  3. im letzten Teil das rhetorische Ereignis der Präsentation im Mittelpunkt stehen, sei es mit Powerpoint, Prezi oder vergleichbaren Programmen. Denn seit dem kritischen Beitrag von Joachim Knape auf der DFG-Tagung Powerpoint-Präsentationen – Neue Formen der gesellschaftlichen Kommunikation von Wissen,[1] sehen sich manche Präsentationsexperten in der Offensive; in einer typischen Paragonediskussion versuchen sie den Rhetorikern nun in Blogs und Buchratgebern die Überlegenheit ihrer Kunst zu demonstrieren.

1. Das Wissen als Wirtschaftswert

In seiner Werkserie ›Wirtschaftswerte‹ aus den 1970er- und 80er Jahren führte Joseph Beuys vor Augen, was der Mensch zum Leben benötigt. Im Ensemble von Streichhölzern, Salz, Zwieback, Schneidbrett – Grundgütern, die in den Sälen verschiedener europäischer Museen ausgestellt wurden – fand sich auch eine Schiefertafel mit der Kreideaufschrift »Joseph Beuys/ 1 Wirtschaftswert«.[2] Mittlerweile ist sie als eigenständiges Kunstwerk versteigert worden.[3] Künstlerbiographisch könnte man die Tafel als Zeugnis von Beuys‘ Gewohnheit verstehen, sich bei Vorträgen Notizen zu machen, was auch seine Weggefährten bestätigt haben.[4] Bildrhetorisch betrachtet geht es im Ensemble mit den Überlebensgütern freilich um ein grundsätzliches Statement, um die Tafel als Medium zum Speichern und Verbreiten von Wissen. Sie ist die Memoria, ohne die die existentiellen Tätigkeiten wie Feuermachen, Essen und Trinken im rein Biologischen verharren. Denn ohne Einbindung in das gemeinschaftlich bewahrte und immer wieder wachzurufende Wissen entbehren die Überlebenshandlungen jeglichen Sinnes. Zugleich ist die Tafel eine Aufforderung zum Dialog: »Wer nicht denken will fliegt raus« – notierte Joseph Beuys, als er einem Documenta-Vortrag zuhörte.[5] Nur, wenn das auf der Tafel Gezeigte auch fortgedacht wird, bleibt es in der Welt und hält sie am Leben.

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Rhetorikgespräche 2005_03

Einen Zeitplan der Rhetorikgespräche finden Sie hier.


Inhalt der Vorträge
(in alphabetischer Reihenfolge)
Übersicht:

Astleitner, Hermann
Unterricht in Argumentation

Barsfeld, Dariush
Rhetorik im Beschwerdemanagement

Bergthaler, Wolgang – Galler, Roland – Strohmaier, Robert
SPEAKY – ein Tool zur Verbesserung ihres Vortrags

Dorn, Georg
Argumentehierarchien in Wissenschaft und Alltag

Ebert, Axel
Wirtschaft im Wort/Wording

Gratzl, Norbert
Rationale Argumente in der Ethik

Hiebl, Ewald
Geschichte(n) im Radio

Hieke, Alexander
Rationale Argumentation in der Metaphysik

Hoppmann, Michael
Debatte als rhetorische Übungsform – Geschichte und Gegenwart

Kamitz, Reinhard
Überlegungen zu einer Paradoxie des rationalen Glaubens

Kemmann, Ansgar
Debattieren an der Schule – Am Beispiel des Bundeswettbewerbes Jugend debattiert

 Kienpointner, Manfred
Rhetorik im 21. Jhdt. Probleme, Positionen und Perspektiven

Kleinknecht, Reinhard
Zum Verhältnis zwischen  deduktiver Ableitung und deduktiver Begründung

Kolmer, Lothar
Der Krieg mit Worten: Eristik

Kreuzbauer, Günther
Didaktik der Argumentation am Beispiel der Rechtswissenschaften

Leitgeb, Hannes
Argument und Beweis

Losek, Friedrich
Die Verankerung v. Rhetorik in den neuen Lehrplänen d. österr. Gymnasien

Löffler, Winfried
Spielt die rhetorische Qualität von Argumenten eine Rolle bei der logischen Analyse?
 

 

 

Mayer, Heike
Zu viele Mauern, zu wenig Brücken. Rhetorik in Theorie und Praxis

Milovic, Helga
Die Lehrerausbildung für das Fach Kommunikation u. Präsentation an humanberuflichen und technisch- gewerblichen Lehranstalten

Müller, Ulrich  
Geschichte der Rhetorik: Poetische Texte des Mittelalters – ein Workshop

Müller, Werner
Ich will Eis: Ein Supermarktkassen-schlangenszenario als Einführung in die Rhetorik

Pfeifer, Niki
Syllogistik modern

Plasser, Silvia – Mittendorfer, Franz
Kommunikation und Präsentation am BG Gmunden

Raml, Walter
Rhetorische Anforderungen in der Wirtschaftskommunikation

Rex, Bernd
Debatte als Übungsform im professionellen Rhetoriktraining

Rixgens, Jürgen
Ideal und Wirklichkeit- oder warum es so wenige mitreißende Präsentationen gibt

Ross, Alexander
Vortragstitel

Till, Dietmar
Rhetorik als Schlüsselkomptetenz: Empirische Befunde – praktische Umsetzung

Trotha, Thilo von
Redekultur im Wandel – Veränderungen in Deutschland

Tröger, Thilo
Debattierclubs und rhetorisches Training an Hochschulen am Beispiel der Universität Greifswald

Weixlbaumer, Claudia
Critical Thinking – Argumentationsunterricht am Beispiel der USA

Wöller, Roland
Sprache und Politik

Zieher, Anita
Theater funktioniert! Was RednerInnen vom Theater lernen  können

 

Rhetorikgespräche 2006_03

Einen Zeitplan der Rhetorikgespräche finden Sie hier.


Inhalt der Vorträge
(in alphabetischer Reihenfolge)
Übersicht:

Anglberger, Albert
„Non-Kognitivismus und Normenlo­gik: ein Dilemma?“

Astleitner, Hermann
„Kann man mit Web-Vorlesungen Argumentieren lernen?“

Barsfeld, Darius
„Interne Unternehmenskommuni­kation – Brachland mit viel Poten­tial“

Bartsch, Tim – C.
„Sportliche Debatte im rhetorischen Training“

Dorninger, Maria
„Wasser und Wein. Rhetorisches in den Carmina Burana“

Dusini, Arno
„DOC. Zu den Nebenwirkungen rhetorischer Genussmittel“

Ebneth, Rudolf
„Erfolgsfaktor interne Kommunika­tion“

Fetz, Hanspeter
Vom Nutzen und Nachteil der Logik für das rationale Argumentieren.Bemerkungen zu Christoph Lumers Argumentationstheorie“

Ganthaler, Heinrich
„Argumentation in der Ethik“

Gmeiner-Jahn, Dorothea
„Wilde Poesie: Weinbeschreibun­gen“

Gratzl, Norbert
„Moralische Dilemmata

Grothe, Klaus-Jürgen
“Mündliche Kommunikationskom­petenz im Studium – Halten von Seminarreferaten“

Hausner, Renate
„Rhetorik des Genusses der Rheto­rik im deutschsprachigen Mittel­alter“

Hiebl, Ewald
„Zwei Jahre RhetOn – Eine Bilanz“

Hölzl,, Bernhard
„Wie argumentiert die Werbung“

Hoppmann, Michael
„Moderne Disputation als Schule der Argumentation“

Huttergger, Simon
Evolution von Normen“

Immerschitt, Wolfgang
„Unterschiede in der Rhetorik von Unternehmen und Politikern“

Kalivoder, Gregor
„Typologie der Topik“ Zur Glie­derung des Begriffsfeldes und Vor­bereitung eines Lexikonartikels“

Kamitz, Reinhard
„Wie ist der Begriff der logischen Folgerung für normative Sätze definierbar?“

Kassel, Susanne
“Framing im Wahlkampf“

Kischner, Alexander
„Bullshit-Bingo in der Chefetage – Modeworte und der Verlust an Glaubwürdigkeit“

Kleinknecht, Reinhard
„Logische Aspekte des Sollens“

Kolmer, Lothar
„Rhetorik des Genusses“. Ansätze zu einer neuen Gastrosophie“

Kreuzbauer, Günther
„Argumentation in Recht und Ethik“

Kurz, Franz
„Die wirkungsvolle Rede – Eine Rede mit Händen und Füßen“

Lohmer, Christian
„Rhetorik des Verzichts im mittel­alterlichen Mönchtum“

 

Losek, Friedrich
„Rhetorik im Salzburger Bildungs­kanon des 10. Jahrhunderts?“

Löffler, Winfried
„Gibt es induktive Argumente?“

Lumer, Christoph
„Überreden ist gut, überzeugen ist besser! Argumentativer Ethos in der Rhetorik“

Morino, Barbara
„Werbung für Lebensmittel- Propa­ganda oder Abschreckung?“

Müller, Ernst
„Praxisbericht : Rhetorik und Prä­sentation an der HTL für Nach­richtentechnik und Informatik Kla­genfurt“

Müller, Ulrich
„Rhetorik des Schlemmens: Der Mönch von Salzburg und Oswald von Wolkenstein“

Müller, Werner
„Zum Beispiel den Vorlesewettbe­werb moderieren. Eine authenti­sche rhetorische Spielsituation“

Neumaier, Otto
„Zum Begründen moralischer Ver­antwortung…“

Petersmann, Gerhard
„Das große Fressen im Satyrikon – ein soziokultureller Querschnitt“

Pfeifer, Niki
„Argumentation mit unsicherem Wissen“

Rex, Bernd
„Die Moderne Deklamation als praktische Übungsform“

Rixgens, Jürgen
„Ideal und Wirklichkeit – oder warum es so wenige mitreißende Präsentationen gibt“

Romahn, Boris
“Über das Verhältnis von Rhetorik und Medien“

Sawicki, Diethard
„Können wir aus der Genussrhetorik des 18. Jahrhunderts für heute lernen?“

Schallaböck, Michael
„Kann man Kommunikation lernen?“

Schmidt, Siegried
„Die Speisung des Grals und Lämmerschlings Hochzeitsmahl – Varianten der Rhetorik des Genusses in mittelhochdeutscher Literatur“

Schneeberger, Christian
“Die Leiden der jungen Wörter- Rhetorik in der Schule, ein Erfah­rungsbericht”

Siegel, Achim
„Polarisieren oder integrieren? Die Wirksamkeit rhetorischer Strategien in Fensehduellen“

Steininger, Christian
“Bundesdeutsche Debatten zur Rundfunkfinanzierung“

Tröger, Thilo
“Mündliche Kommunikationskom­petenz im Studium – Praktische Argumentation in der Juristenaus­bildung“

Vergeest, Markus
„Agon und Dialog im rhetorischen Training“

Weixlbaumer, Claudia
„Critical Thinking“

Wielander, Elias
„Rhetorische Methoden im asiati­schen Weltbild“

Wolf, Simon
„Formen der Argumentation bei Platon und Aristoteles“

Wöller, Roland
„Wahlkampfrhetorik“

 

Von der Absenz des genus deliberativum im Parlament

 Karlheinz Töchterle

Von der Absenz des genus deliberativum im Parlament

 

In der Theorie gilt von der Antike bis heute die politische Rede, speziell innerhalb nicht autoritärer Verfassungen, als der genuine Ort argumentativer Auseinandersetzung. Für die Antike mag vorerst der schlichte etymologische Beleg genügen, dass die Lateiner das griechische génos politikón (γένος πολιτικόν) mit genus deliberativum übersetzten, weil man hier eben Argumente gegeneinander abzuwägen (lat. deliberare) pflegt. Für die Moderne verweise ich auf das Standardwerk von Fairclough/Fairclough 2012, wo diese Redegattung innerhalb der politischen Auseinandersetzung ebenfalls als „geradezu prototypisches … Genre“ [1] angesehen wird.

Die politische Praxis, wie ich sie in meinen Funktionen als österreichischer Bundesminister für Wissenschaft und Forschung (von April 2011 bis Dezember 2013) sowie als Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat im Anschluss daran erlebte und erlebe, zeigt ein völlig anderes Bild. Das deliberative Genus spielt darin, wenn überhaupt, nur in einer völlig erstarrten und  sinnentleerten Form eine Rolle. Desillusionierte mögen das immer schon gewusst haben, für mich ist diese Erkenntnis in ihrer Drastik neu und schmerzlich. Deswegen habe ich die Einladung, meine diesbezüglichen Erfahrungen vor dem Hintergrund meiner Kenntnisse zur antiken rhetorischen Theorie und Praxis einem Fachpublikum vorzutragen, gerne angenommen und bedanke mich bei meinen Tübinger Kollegen ganz herzlich, dass ich das an ihrem so renommierten Institut und vor einem so hochrangigen Publikum wie dem der International Society for the History of Rhetoric tun darf. Weiterlesen

sa|tü|r 2011

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Rhetorik und Stilistik

Die kommenden SATÜR wollen sich dem Thema „Rhetorik und Stilistik“
widmen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass man einerseits angewandte
Rhetorik gerne mit der gelungenen, wo nicht geschliffenen Formulierung
assoziiert, andererseits aber „bloße Rhetorik“ als eine Methode versteht,
mangelnden Inhalt durch eine gefällige Form zu kaschieren. Mit barocker Rhetorik gar ist eine überbordende Form gemeint, die durch Schwulst gewichtigen Inhalt vortäuscht.

Vorträge Satür 2011

satuer_gross_SA229

Einen Zeitplan der beiden sa|tü|r-Tage finden Sie hier

Inhalt der Vorträge
(in alphabetischer Reihenfolge)
Übersicht
Baur, Alexander
Alles nur ein Witz!
Überlegungen zum Zusammenhang von Humor, Stil
und Rhetorik


Gianvittorio, Laura
Erzählen als rhetorisches Handeln

Gutmann-Jungwirth, Ruth
„Speaklimbic!“ Verändern Erkenntisse der
Hirnforschung die Arbeit des Rhetoriktrainers?


Helbig, Bert
Überzeugen in 60 Sekunden – Stilmittel aus der
Radiokommunikation im rhetorischen Alltag


Kirchner, Baldur
Captatio benevolentiae – Berühren mit dem Wort

Kirchner, Roderich
Cicero und der Irrsinn seiner Gegner

Knape, Joachim
Stil als Botschaft im Brief

Koch, Nadia
Stil in der Rede, Stil im Kunstwerk. Zu den
Wechselwirkungen zwischen rhetorischer und
künstlerischer Formensprache


König, Jan
»Der Stil überzeugt!« Die Überzeugungskraft
persönlichen Stils am Beispiel der Rede Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche im Jahr 1989 und der Rede des Marquis von Posa in Schillers Don Carlos.

Kramer, Olaf
Eine Frage des Stils? Erfolgsbedingungen politischer
Rede in der Mediendemokratie

Müller-Höcker, Katrin
Die Wirkungsmacht vokaler Sprechstile

Schild, Hans-Jochen
Sprache in Verhandlungen:
Stil und Logos als Funktion von Verhandlungsstrategien


Schönherr, Felix
„Produktdesign“ – Werberhetorische Funktionen der
Warenästhetik


Schulze, Jan Hennig
Stilfiguren als Interaktion rhetorischer Tugenden

Stölzgen, Karsten
Der vir bonus als Selfmademann. Die
Trainingsmethode von Dale Carnegie


Ulrich, Anne
Augenkitzel im Fernsehen. Was die Ästhetik der
Nachrichten über den ‘Charakter’ der
Benachrichtigungsinstanz verrät


Wendenburg, Ulrike
Karl-Theodor zu Guttenbergs rhetorische
Schadensbegrenzung


Wieser, Andreas
Narration als identitätsstiftende rhetorische Strategie

Zinsmaier, Thomas
Stilbruch – rhetorisch

Zohner, Dominikus
Rhetorik in der Gerichtsverhandlung
– vom sachlichen Stil zum emotionalen Ausdruck
Navigation
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Vorträge Satür 2011 – Seite 4

Schulze, Jan Hennig
Stilfiguren als Interaktion rhetorischer
Tugenden
Als übergeordnete Tugend fordert das aptum-Prinzip, die Stiltugenden wie perspicuitas, brevitas, latinitas in möglichst hohem Maße zu erfüllen. Diese Stilforderungen stehen jedoch in Konflikt zueinander. So erfüllen Kürzungsfiguren zwar das Gebot der
brevitas, kommen jedoch gleichzeitig dem Gebot der perspicuitas nicht in vollem Maße nach. Wiederholungsfiguren dagegen können die perspicuitas erhöhen, verstoßen aber gegen die Forderung nach brevitas. Grundlage für die
Bestimmung der optimalen Stilfigur im konkreten Einzelfall ist eine Hierarchie der Stilforderungen. Diese Hierarchie variiert je nach historischem und gesellschaftlichem Kontext sowie den formalen Rahmenbedingungen und den verfügbaren
Kommunikationsmedien. Die Rekonstruktion der Hierarchie und ihre heuristische Funktion wird an einzelnen Beispielen vorgeführt.
Stölzgen, Karsten
Der vir bonus als Selfmademann. Die
Trainingsmethode von Dale Carnegie
Dale Carnegie (1888-1955) ist einer der Pioniere des modernen Trainingswesens. Der von ihm entwickelte Dale-Carnegie-Course wird bis heute in unveränderter Grundkonzeption in über 75 Ländern erfolgreich angeboten. Die zugrunde liegende Methodik ist auf
den ersten Blick unrhetorisch: Carnegie setzt nicht vor allem auf technische Anweisung, sondern auf Veränderung der inneren Haltung. Mit Empfehlungen wie „Versuchen Sie aufrichtig die Dinge aus der Sicht des anderen zu sehen.“ oder „Sprechen Sie vor allem
von Dingen, die die anderen interessieren.“ werden die Teilnehmer ermuntert, Haltungen einzunehmen, die rhetorischen Erfolg in Rede und Gespräch wahrscheinlicher machen. In diesem Vortrag werden die Vorteile und Grenzen des Ansatzes diskutiert.
Ulrich, Anne
Augenkitzel im Fernsehen. Was die Ästhetik
der Nachrichten über den ‘Charakter’ der
Benachrichtigungsinstanz verrät
Das Fernsehen setzt gerne auf stilistische Effekte, um den Zuschauern so gefällig die Augen zu ‚kitzeln‘, dass sie fasziniert am Ball bleiben und ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Programm richten. Besonders in den
1990er Jahren schwebten und glänzten Logos und Key Visuals auf der televisuell endlos bespielbaren Bildschirmfläche nur so um die Wette. Was aber erscheint für ein seriöses Format wie die Fernsehnachrichten als stilistisch angemessen? Worin
liegen die rhetorischen Potentiale der Nachrichten- Ästhetik? Der Beitrag befasst sich mit den Formen und
Funktionsmöglichkeiten des aktuellen News Designs. Dabei stellt sich heraus, dass die stilistische Oberfläche besonders wichtig für die Charakterisierung der Benachrichtigungsinstanz ist und damit weniger der Information als vielmehr der Imagekonstruktion
dient.

Wendenburg, Ulrike

Karl-Theodor zu Guttenbergs rhetorische
Schadensbegrenzung

Der ehemalige deutsche Minister für Verteidigung Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz
Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg ist über seine plagiierte summa cum laude Dissertation
gestolpert. Auf Druck der Medien und der Öffentlichkeit nimmt er zu den „Plagiatsvorwürfen“ Stellung. Zwei
Wochen lang, bis in die letzten Worte seiner
Rücktrittsrede am 1. März 2011, inszeniert sich der christlich-konservative Shootingstar als Politiker tadelloser Sittlichkeit, der zwar Fehler in seiner Dissertation einräumt, sich jedoch keiner absichtlichen Täuschung bewusst ist.
Wieser, Andreas
Narration als identitätsstiftende rhetorische
Strategie
Seit den 1990er Jahren werden in Unternehmen, mittlerweile aber auch in der Politik und in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, Erzählungen
strategisch eingesetzt. Gegenwärtig wird diese
Methode überall dort verwendet, wo es um
Kommunikations- und Veränderungsprozesse geht. Wie aber müssen solche Erzählungen beschaffen sein, damit sie wirksam werden können? Im Beitrag soll das Storytelling aus einer rhetorischen Perspektive beleuchtet werden. Die narrative Methode
bedarf, so die These, einer rhetorischen Strategie, um aus Unternehmen, Produkten und Personen eine einmalige und unverwechselbare Persönlichkeit zu
machen, die Zielgruppen effizient und langfristig zu binden vermag.
Zinsmaier, Thomas
Stilbruch – rhetorisch
Seit der Emanzipation der Ästhetik von der Rhetorik ist der Stilbruch in den autonomen Künsten zum Stilprinzip avanciert. Wie aber steht es heute um den Stilbruch in der heteronomen, seit je lizenzarmen
Redekunst? Nach einem kurzen Überblick über
Konzepte und Präzepte des Stilbruchs in der
klassischen Rhetorik wendet sich der Vortrag der Frage zu, ob dieses vitium elocutionis unter
Umständen auch eine persuasive virtus sein kann, und wenn ja, welches ihre Gelingensbedingungen sind.
Zohner, Dominikus
Rhetorik in der Gerichtsverhandlung
– vom sachlichen Stil zum emotionalen
Ausdruck
Wer an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt, kann unterschiedliche Formen des sprachlichen Stils
erleben: Auf der einen Seite regelt die Prozessordnung einen strengen Ablauf des Verfahrens und stellt den sachlichen Vortrag in den Vordergrund. Auf der anderen Seite wollen die Parteien und ihre Anwälte Recht haben oder zumindest Recht bekommen: eine
spannungsgeladene Redesituation mit emotionalen Wortgefechten.
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Vorträge Satür 2011 – Seite 3

 

König, Jan
»Der Stil überzeugt!« Die Überzeugungskraft
persönlichen Stils am Beispiel der Rede
Helmut Kohls vor der Ruine der Dresdner
Frauenkirche im Jahr 1989 und der Rede des
Marquis von Posa in Schillers Don Carlos.
Stilistische Linguistik stellt sich in der Rhetorik vor allem immer dann als lohnenswertes Forschungsgebiet dar, wenn ein persönlicher Stil einen Kommunikationsakt beeinflusst und zur Überzeugung des Rezipienten entscheidend beiträgt. Die Ergebnisse, die hierzu aus Fallstudien gewonnen werden können, geben wertvolle Hinweise auf Ästhetik
und Verwendung von persönlichem Redestil in
Zusammenhang mit konkreten Redesituationen. Die analysierten Reden ermöglichen somit einen Rückschluss auf Formen, Beschaffenheit und Einfluss
von Stil als ein Überzeugung ermöglichendes oder Überzeugung maximierendes Wirkungselement von Rede.
Ein Problem persönlichen Stils ist die Gradwanderung zwischen Authentizität, Ehrlichkeit und emphatischer
Individualität auf der einen und unfreiwilliger Komik, Schwulst oder gar dilettantischer Peinlichkeit auf der anderen Seite, die natürlich auch durch die Darstellung
durch die Medien beeinflusst werden kann. Als ein wichtiges Indiz zur angemessenen Bewertung kann hier die unmittelbare Reaktion des Publikums gelten,
die die Überzeugungskraft einer Rede und eines bestimmten Stils reflektiert und kommentiert. In den beiden vorgestellten Reden, jener Helmut Kohls vor Ruine der Dresdner Frauenkirche aus dem Jahr
1989 und jener des Marquis von Posa aus Schillers Don Carlos, lassen sich persönliche Stilarten der Redner sehr genau bestimmen, die einzelnen Elemente destillieren und der Stil als überzeugendes Element der Reden beobachten. Die beiden Reden
können zudem aufzeigen, dass der persönliche Stil durchaus Risiken zur Fehlwirkung birgt, aber in Kombination mit einem bestimmten aptum das Erreichen eines bestimmten telos durchaus überhaupt erst möglich machen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen lassen sich darüber hinaus typische Bestandteile persönlichen Stils definieren, die als
grundsätzliche Elemente einer wirksamen Rede zu betrachten sind und exemplarische Strategien für konkrete Kommunikationsanlässe bieten. Die präsentierten Ergebnisse sind ein Ausschnitt aus meiner Dissertation »Wie Reden gelingen oder misslingen können. Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag.«
Die Dissertation entstand am Fachbereich für
Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Bern (Schweiz) und wurde von Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. h.c.
Ernest W. B. Hess- Lüttich betreut. Sie wird derzeit für die Publikation vorbereitet und wurde im September
2010 mit magna cum laude ausgezeichnet.
Olaf, Kramer
Eine Frage des Stils? Erfolgsbedingungen
politischer Rede in der Mediendemokratie
Die massenmediale Beobachtung von Politik hat die Rezeptionsbedingungen politischer Rede radikal verändert, in der Folge haben Politiker, Redenschreier, Kommunikationsberater den Stil politischer Reden angepasst. Zitierfähige sound bites sind an die Stelle differenzierter Argumentation und komplex strukturierter Reden getreten. Auf der Handlungsebene zählen eingängige symbolische Gesten, die brauchbares Material für die Medien liefern. Selbst die
Wahl der Themen und Botschaften folgt inzwischen oft
weniger politischen Anforderungen als rein
strategischen Überlegungen. Was aber zeichnet
symbolische Gesten und sound bites aus, die politisch erfolgreich sind? Wird der Stil des Redners wichtiger als der politische Gehalt seiner Handlungen? Solche
und ähnliche Fragen sollen im Vortrag an Hand von Beispielen erörtert werden.
 

Müller-Höcker, Katrin
Die Wirkungsmacht vokaler Sprechstile
Unter Bezugnahme auf neurobiologische und
wahrnehmungspsychologische Grundlagen soll die rhetorische Wirkungsmacht vokaler Sprechstile veranschaulicht werden.
1. Wie lassen sich vokale Sprechstile erfassen,
wie entstehen sie und wie lassen sie sich
verändern?
2. Welche Wirkung erzielen verschiedene
sprechstildefinierende prosodische Parameter
beim Hörer?
3. Existieren vokale rhetorische Figuren?
Diesen Fragen soll in einem interdisziplinären Streifzugnachgegangen werden, in dem Theorie und Praxis der vokalen Rhetorik ineinander greifen.
Schild, Hans-Jochen
Sprache in Verhandlungen:
Stil und Logos als Funktion von
Verhandlungsstrategien
Die dyadische Verhandlungsstruktur unterscheidet sich von der Situation von Reden vor Gericht oder in Gremien und prägt Sprache und Stil. Verhandlungsaufbau, Dramaturgie und strategische Optionen in Form von Zielvorstellungen sind relevant. Der Entscheidungsfindung dienen pragmatische und
materiel- und machtgestützte vertrauensbildende gegenseitige Andeutungen, Hinweise, Moves oder sonstige Angebote, die in Form von „trial and error“
gemeinsam erkundet, erstritten und erarbeitet werden. Subjektive Glaubwürdigkeit verdrängt normative Geltungsansprüche als Entscheidungsgrund. Stillschweigende Verabredungen vermeiden störende
Diskussion. Rhetorik dient weniger der Entscheidung als ihrem Verkauf. Die Irrelevanz der sprachlichen Funktion als Entscheidungsmedium gleicht der
Ästhetisierung von Botschaft in den visuellen Medien.
Schönherr, Felix
„Produktdesign“ – Werberhetorische
Funktionen der Warenästhetik
Produktdesign ist im wettbewerbsgeprägten Werben um Kunden moderner Marktwirtschaften unerlässlich. Da in sämtlichen Produktsparten durch automatisierte
Herstellung, gesetzliche Regulierung und
betriebswirtschaftliche Konkurrenz qualitativ und funktional vergleichbare Waren von verschiedenen Herstellern auf den Markt gebracht werden, vollzieht sich eine Abkehr der Kaufentscheidung vom Funktionalen zum Ästhetischen. Kaufentscheidungen
werden, dem Zwang einen bestimmten Anbieter
wählen zu müssen entledigt, zu Geschmacksfragen und somit zur Frage erfolgreicher Produktwerbung.
Aus rhetoriktheoretischer Perspektive ergibt sich damit die Aufgabe, festzustellen, welche Funktion Produktdesign – die ästhetisch-stilistische Verarbeitung von Waren – im erfolgsorientierten Kommunikationsprozess zwischen Unternehmen und Kunden einnimmt. Auf Oratorebene ergibt sich zum
einen die Funktion, dem Unternehmen durch einen einheitlichen Produktstil eine individuelle Corporate Identity zuzuweisen, zum anderen das Produkt durch ästhetische Codierung auf bestimmte Konsumentengruppen zuzuschneiden. Auf Text-und Medialebene ist zwischen intrinsischer und extrinsischer Funktion zu unterscheiden. Die intrinsische Funktion betrifft die Herstellung des Produkts
selbst, also die Verknüpfung von funktionalen Eigenschaften und der ästhetisch-stilistischen Struktur des Produktdesigns. Hier hebt die Texturierung bestimmte Eigenschaften des Produkts hervor. Ebenso kann der ästhetische Eigenwert des Produkts als zusätzliches Verkaufsargument inszeniert werden. Die extrinsische Funktion betrifft die Einbettung des Produktdesigns in Werbekampagnen. Die stilistisch erkennbare Zusammengehörigkeit von Produktreihen verleiht Kampagnen auch unter veränderten Produkteigenschaften Kohärenz. Ferner können Einzelprodukte hierdurch mit der individuellen Corporate Identity des
Anbieters verknüpft und vom Adressaten der Reklame von Produkten anderer Hersteller zweifelsfrei unterschieden werden. Auf Persuasionsebene kann Produktdesign, dem
Elaborationswahrscheinlichkeitsmodell (Petty/Cacioppo) folgend, die Funktion
eines peripheren Signals einnehmen. Dieses beeinflusst die Bereitschaft zu
einer möglichen Kaufentscheidung dahingehend, dass das kognitive Prozessieren von Kaufvorteilen und -nachteilen durch Herstellung eines Affekts angeregt, verstärkt und reaktualisiert werden kann.
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Vorträge Satür 2011 – Seite 2

Baur, Alexander
Alles nur ein Witz!
Überlegungen zum Zusammenhang von
Humor, Stil und Rhetorik
Schon in der antiken Rhetorikliteratur bei Cicero und Quintilian begegnet Lachen und Witz als rhetorisches Instrument. Neben Hinweisen darauf, wann Humor als rhetorische Strategie Sinn haben kann, findet man hier
auch schon erste Ansätze einer Klassifikation von „Humorstilen“, an deren Spitze bei Quintilian der „Witz des vir bonus“ steht, die urbanitas. Der Vortrag nimmt die antike Theorie zum Ausgangspunkt, gleicht sie sorgsam mit modernen Forschungsergebnissen ab und versucht, folgende Fragen zu beantworten: Wann kann Humor als Teil rhetorischen interpersonalen Agierens sinnvoll sein?
Wann ist Humor keinesfalls als Persuasionsinstrument zu verwenden? Welche „sozialen Schutzräume“ gibt es
für Humor und welche „sozialen Schutzräume“ schafft Humor? Wie steht es um Humor als Kunst- und Kritikform? Welche Erscheinungsformen von Humor
(„Humorstile“ der Rede) gibt es überhaupt bzw.
inwiefern ist Humor „stilvoll“? Welche Konsequenzen folgen aus der „humoristischen Argumentation“ für das Ethos des Redners?
Die vorzustellende Thematik gibt einen Einblick in die gemeinsame Lehrveranstaltung der Vortragenden am Seminar für Allgemeine Rhetorik, Eberhard Karls Universität Tübingen im SoSe 2011 (Proseminar:
„Kleiner Scherz…“ – Humor als rhetorische Strategie).
Gianvittorio, Laura
Erzählen als rhetorisches Handeln
Die rhetorische Auswirkung des Erzählens wird schon von den Rhetorik-Theoretikern der griechisch klassischen Zeit erkannt, und dihegesis bzw. narratio ist ein häufig vorkommender Bestandteil von überzeugenden Reden. Erstaunlicherweise werden jedoch heute pragmatisch orientierte Untersuchungen
der Erzählung weder in den speech act theories noch in der post-strukturalistischen Erzähltheorie systematisch geführt. Doch auch das Erzählen ist ein Sprachspiel, das mit den unterschiedlichsten illocutionary points verknüpft werden kann: etwa belehren, einschüchtern, prahlen, und eben auch
überzeugen. Wie die Erzählung Vorstellungen,
Meinungen und Handlungen der Rezipienten zu
beeinflussen vermag, möchte ich in meinem Beitrag zu zeigen versuchen.
Gutmann-Jungwirth, Ruth
„Speaklimbic!“ Verändern Erkenntisse
der Hirnforschung die Arbeit des
Rhetoriktrainers?
Abhängig von Auftrag und dem damit verbundenen Ziel vermittelt der Rhetoriktrainer die entsprechenden Vorübungen und Techniken. Mediative Rhetorik,
Kampfrhetorik, Überzeugungsrede, usw. verlangen verschiedene Methoden. Inwieweit hier die Erkenntnisse der Hirnforschung eine Rolle spielen, soll Inhalt meines Beitrages sein. Erfahrungen und Fallbeispiele.

Helbig, Bert
Überzeugen in 60 Sekunden – Stilmittel aus der
Radiokommunikation im rhetorischen Alltag
In seinem Vortrag »Überzeugen in 60 Sekunden« stellt Helbig stilisitische Mittel der Radiokommunikation einfach und verständlich vor und überträgt deren Wirkungsweisen in den rhetorischen Alltag der Zuhörer. Stilmittel der Markenkommunikation vermischen sich in
einem pragmatischen Ansatz mit den »Klassikern des rhetorischen Handwerkszeug«. Im Vordergrund steht der klare Nutzwert und die Ermutigung der Teilnehmer intensive und starke stilisitische Mittel selbst anzuwenden.
Zu diesem speziellen Thema referierte Helbig u.a. im Rahmen des Studiums Generale der Universität Stuttgart und für Dokotaranden der Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering.
Kirchner, Baldur
Captatio benevolentiae – Berühren mit dem
Wort
Die meisten rhetorischen Stilfiguren sind aus einem vorwiegend emotionalen Anliegen des Redners heraus entstanden. Sie lassen spürbar erkennen, mit welcher Intention und Intensität der Sprechende seinen Inhalt vermitteln will. Stets jedoch ist es sein unverrückbares
Ziel, den Zuhörerkreis geistig oder emotional zu
erreichen.
Unter den rhetorischen Stilfiguren nun nimmt die „captatio benevolentiae“ eine besondere Rangordnung

ein.
Dies deshalb, weil sie zum einen in den letzten Jahrzehnten eine funktionale und damit eine Bedeutungserweiterung erfahren hat, nämlich: Ihr Auftrag, das Wohlwollen des Publikums zu gewinnen,
ist nicht mehr nur auf die Einleitung, auf das
Prooemium, begrenzt, sondern er erstreckt sich auf die generelle Bindungsabsicht gegenüber dem Zuhörerkreis. Zum anderen wird die Verwendung der captatio
benevolentiae von einem skeptischen und intellektuell autonomen Publikum eher kritisch betrachtet, weil dem Redner zunächst eine manipulativ-persuasive Absicht
unterstellt wird. Umso mehr wird es daher die Aufgabe des Redners sein, das sprachliche Profil seiner Darbietung so zu gestalten, dass sein Wunsch nach Nähe als echt erkannt und ihm auch deshalb geglaubt wird.
In Platons Dialog „Phaidros“ lesen wir, dass die
Redekunst eine Seelenführung (psychagogia) sei. Mit dieser Bewertung wird dem Redner nicht nur die sittliche Verpflichtung auferlegt, das Publikum in moralisch verantwortungsvoller Weise anzusprechen,
so dass seine Rede nicht zu einer Ver-Führung werde! Diese sittliche Haltung des Redners beantworten die Zuhörer wiederum dadurch, dass sie ihm gern und freiwillig die überzeugend wirkende Authentizität
bestätigen. Hierbei spielt das Berührtwerden mit dem Wort die entscheidende Rolle. Seine empathisch gewählte Sprache und seine persönlichen Identifikationsangebote werden dem Sprechenden den Zugang zum Publikum öffnen, von dem er sich schließlich Zuwendung und Zustimmung erhofft. Damit
wird die captatio benevolentiae über ihren methodisch stilfigürlichen Status hinausgehoben und zu einem emotionalen Begegnungsraum erweitert, in dem sich
die Intention des Redners mit den Erwartungen des Publikums zu einer menschlich gelungenen Synthese vereinigt.


Kirchner, Roderich
Cicero und der Irrsinn seiner Gegner
Die Reden des M. Tullius Cicero gelten mit Recht als Höhepunkt der römischen Beredsamkeit. Wie vereinbart sich damit die Beobachtung, dass Cicero seine Gegner (unter ihnen Catilina, Clodius und Antonius) gerne mit dem Attribut verrückt (furiosusu.ä.) versieht und sich einer Strategie bedient, die nach heutigen Maßstäben zumindest die Regeln des
politischen Anstands verletzt? Das Referat skizziert an einigen Beispielen Ciceros Vorgehen und fragt nach dessen Rechtfertigung.
Knape, Joachim
Stil als Botschaft im Brief (Mozart, Einstein,
Bernhard)
In dem Vortrag geht es um die Frage, wie Stil als
Kommunikationsfaktor in berümhten Briefen wirksam wird. Als Beispiele werden Briefe des Komponisten Wolfang Amadeus Mozart, des Physikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein und des österreichischen Dichters Thomas Bernhard gewählt.“
Koch, Nadia
Stil in der Rede, Stil im Kunstwerk.Zu den
Wechselwirkungen zwischen rhetorischer und
künstlerischer Formensprache
In der Stilkritik der klassischen Rhetorik spielen
Vergleiche mit künstlerischen Phänomenen eine große Rolle; läßt sich doch mit Verweisen auf allgemein bekannte, klassische Kunstwerke die komplexe Eigenheit eines vergangenen Orators auf anschauliche, leicht eingängige Weise veranschaulichen. Dieser Beitrag wird die Gegenprobe vornehmen: So
soll an Statuen des 1. Jhs. v. Chr. gezeigt werden, wie die zeitgenössischen stilkritischen Fragestellungen ihrerseits wieder neue Stile generieren, die uns heute zunächst ästhetisch fremd scheinen. Tatsächlich verbirgt sich hinter den meist als ‘eklektisch’ abgetanen
Werken aber eine im damaligen Kunstbetrieb höchst erfolgreiche Formensprache, die eher als eine ästhetische Aktualisierung klassischer Formenideale zu werten ist denn als bewusst eklektisches Verfahren.
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Rhetorik in der Schule!

Wir sagen ja immer, rhetorische Kenntnisse  sollte bereits in der Schule erworbe werden – und so war es ja auch in den Zeiten, als Rhetorik zur (nicht nur universitären) Bildung selbstverständlich dazu gehörte. Quintilian etwa beginnt mit der rhetorischen Bildung bereits in der Vorschule und berücksichtigt sogar die Wahl der Amme.

Tatsächlich gehört zur Allgemeinen Hochschulreife auch die Fähigkeit, einen sachlich erarbeiteten Gegenstand einem interessierten, aber auch kritischen Publikum vorzustellen und zu diskutieren. Für die österreichische Matura ist dies ebenso zu leisten wie für Abitur in einigen deutschen Bundesländern (z.B. in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg). An eine Präsentation schließt sich ein Prüfungsgespräch an, in dem der/ie SchülerIn eingehender befragt werden kann.

Sowohl für das Kolloquium als auch für die mündliche Prüfung ist rhetorische Kompetenz ein unbestreitbarer Vorteil, wenn es darum gehen soll, das eigene Wissen verständlich vorzutragen und auf Fragen angemessen und schlagfertig zu antworten.

Seit einigen Jahren suchen daher Schulen den Kontakt zu uns universitären Rhetorikern und wünschen sich professionelle Hilfe durch Impulsveranstaltungen, die zur Vertiefung oder Abwechslung des eigenen Unterrichts beitragen sollen. Wir waren daher in mehreren Schulen im Salzburger Umland, wo wir durchweg positive Erfahrungen machen konnten, nämlich im

Karlsgymnasium Bad Reichenhall

Ursulinen

Akademisches Gymnasium Salzburg

Bundes Gymnasium Zaunergasse

Nach einem kurzen Vortrag zur rhetorischen Theorie, der die Vorkenntnisse in Erinnerung rufen und Verbindungen zur aktuellen  Rhetorikwerkstatt herstellen soll, machen wir kleinere rhetorische Übungen zum freien Sprechen und enden mit einer Debatte zu einem vereinbarten Thema.

Wir haben uns daher entschlossen, im Kursprogramm auch einen Kurs zur rhetorische Lehre anzubieten, und so konnten bereits  am 9. Juni 2016 in der Zaunergasse Lehramts- und RhetorikstudentInnen selbst eine Rhetorikveranstaltung planen und durchführen:

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Aber auch in der KinderUni der Universität Salzburg waren wir im letzten Jahr beiteiligt und sind es heuer wieder.

 

Bazon Brock, Unterwegs unter anderem zur Unendlichkeit
Bazon Brock, Unterwegs unter anderem zur Unendlichkeit (Photo © Th. Schirren)

 

ὁ βάζων ὀγδοήκοντα ἔτη γεγονὼς εἰς ἄπειρον ἀφανίζεται

– Bazon zum 80. Ein rhetorischer Gruß!
von Thomas Schirren

Reden ist nicht gleich reden. Das ist eine rhetorische Binsenweisheit und doch verdient der Jubilar, der in Berlin ein regelrechtes Phrontisterion unterhält und dieses verdolmetscht benennt, nämlich Denkerei, dass man dieser Einsicht gedenkt, gerade wenn die jetzt gerade unter Jubel und Reden aufgerichtete 8 bereits die Perspektive auf die liegende freigeben, also beherzt die Approximation ans Unendliche angegangen werden soll:

Bazon gegen unendlich – eine Lebensinventur

Die Wenigsten wissen ja, was βάξις beutet, das sich vom Verbum βάζειν ableitet. Die baxis ist die ‚Verkündigung‘, etwa was die Pythia von sich gibt; das Verbum nur in hoher und höchster Dichtersprache geläufig. Ein attischer Rhetor ist dessen nicht fähig. Er spricht, aber er ‚verkündet‘ nicht, er lässt auch nicht ‚verlauten‘. Empedokles liebt das Wort, auch Sophokles, der entstehenden Rhetorik mit frommem Sinn ferner stehend.

Was Bazon uns zu sagen hat, formuliert er gerne mit großer Präzision und er wird um so präziser, je weiter die baxis über den üblichen Gesichtskreis der Menschen hinausweist.

Wie rhetorisch ist das eigentlich?, so fragt sich vielleicht mancher und manche. Zukünftiges hat die Beratungsrede im Blick, die Festrede die Gegenwart. In der Gegenwart die Zukunft bereits als Vergangenheit zu antizipieren (das gerichtliche Redegenus hat diese im Blick und fragt nach den Berechtigungen, nach Schuld und Sühne), das ist Sache des bazon, wenn er sich über das mutwillige Gelärme des geistigen Gezwerges hinwegsetzen muss, das natürlich immer zur Sache gehört – aber dem die Sache nicht gehören darf. Klar, alle dürfen mitreden, aber dann gäbe es nur ein großes Rauschen und Wogen. Diese Klangkulisse verlangt nach dem Heldentenor, der dem Ganzen erst eine Struktur und Artikulation geben kann.

Wer ihn einmal bei Auftritten erlebt hat, kennt auch die Sorge der Veranstalter,  der bazon möchte die Parrhesie übertreiben, die Zügel schießen lassen, inhaltlich und umfänglich. Was für Sorgen! Man frage einmal Sokrates „… Eine kurze Frage nur, Sokrates: Sage mir, was ist Redefreiheit? – Da fragst Du mich gerade keine Kleinigkeit, sondern geradezu etwas von den großen und größten Dingen. Denn ist es nicht so, dass man groß über Großes reden soll, wie Gorgias sagt, und klein über Kleines? – Ja, gewiss, wie sollte es anders sein! – Sind die Athener nicht sehr geübt darin, auch lange Reden zu hören, im Theater oder in der Volksversammlung sitzend, weil sie wissen, dass die großen Dinge auch nur von den gewaltigen Redners angemessen bewältigt werden? Und so vergessen sie alles um sich herum, selbst Weib und Kind, und als ob sie ihre Ohren vermietet hätten, lauschen sie den Reden der gewaltigen Redner wohl über einen ganzen Tag, wenn es nötig ist. Dann aber stehen sie erfrischt auf, als ob sie göttliche Töne gehört hätten, die den Sinn nicht vernebeln, sondern im Gegenteil reinigen und zur Aufnahme des Höheren bereit machen. Also wenn du wissen willst, was Parrhesia ist, dann frage zunächst diese …“

Und wenn schon normaler Logos solche Aufmerksamkeit verdient, wie erst die βάξις τοῦ βάζοντος?

 

 

 

 

Wissenschaft als soziales Phänomen

 

Julia Siebert

Wissenschaft als soziales Phänomen

– eine rhetorische Analyse

 

Abstract

Die traditionelle Auffassung einer rein rationalen Wissenschaft offenbart immer wieder große Defizite und gerät schnell in Erklärungsnot, wenn zum Beispiel ein Nobelpreis für etwas vergeben wird, das über Jahre hinweg als irrationaler Unsinn abgetan wurde. Quasikristalle? Es gibt sie also doch.

Ereignisse wie diese stärken im Gegenzug der von Thomas S. Kuhn vertretenen wissenschaftstheoretischen Position den Rücken. Dieser betrachtet die Erkenntnisse und Entwicklungen in der Wissenschaft als ein Produkt der Gruppenstrukturen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und präsentiert damit eine Theorie, die der Tatsache Rechnung trägt, dass jede Art von Wissenschaft immer von Menschen betrieben wird. Menschen, die nicht wie Maschinen funktionieren, sondern an vielschichtige psychische Faktoren gebunden sind. Statt logischer Beweise und rationaler Argumente stehen hier Dynamiken innerhalb der Gruppe, persönliches Interesse und strategisch taktierende Wissenschaftler mit festen Überzeugungen im Mittelpunkt. Kuhn entwirft ein sozial fundiertes Bild der Wissenschaftsentwicklung, das eine erstaunliche Nähe zur Rhetorik und ihren Prinzipien offenbart. Tatsächlich scheint die Rhetorik seine Theorie nicht nur zu untermauern und zu bestätigen, sondern sogar ein wissenschaftliches Fundament für diese relativistische Position zu liefern.

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Natura

Natura, auf Griechisch φύσις; phýsis lässt sich als „natürliche Anlage“ ins Deutsche übersetzen. Durch sie erlangt ein Mensch die Fähigkeit das Reden zu gestalten. Des Weiteren ist die natura die individuell ausgeprägte Basis für das kunstvolle Reden, das durch die lehrbare Redekunst (docrina, ars) und Übung (exercitatio, usus) erworben wird.[1]
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Produktionsstadien

inventio

Das griechische Wort heuresis, lateinisch inventio oder deutsch Auffindung/Erfindung findet seinen Ursprung in der Antike und stand für das Finden von Stoffen in allen Teilen der Rede, als erstes der fünf Produktionsstadien der Rede. Heute wird der Begriff mit dem Eruieren evidenter Argumentationen gleichgesetzt. Diese Auffindung wahrer oder zumindest schlüssiger und wahrscheinlicher Beweisführungen bildet den ersten Teil der Aufgabenbereiche eines Redners. Es besteht eine enge Verbindung zum iudicium, da durch geeignete Suchformeln eine Vielzahl plausibler Argumente gefunden werden kann, aus der es gilt die inhaltlich signifikanten zu ermitteln. Ein System dieser Suchformeln, auch topoi oder loci genannt,  findet sich zum ersten Mal bei Aristoteles in seiner Topik und Rhetorik. Es wurde später von den Römern übernommen und weiterentwickelt. Eine weitere mögliche Strategie stellt die Statuslehre des Hermagoras von Temnos dar. Hier können durch die Imagination und Klassifikation gewisser Streitfälle vor Gericht denkbare Begründungen ausgemacht werden. Kombiniert man die beiden Methoden, so werden für jeden Staus mittels Loci die adäquaten Argumente gefunden.
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Redegattungen (genera orationis)

Die Unterscheidung in Redegattungen ist durch Aristoteles festgelegt worden; sie findet sich allerdings bereits in älteren Überlegungen zur Rhetorik (z.B. bei Anaximenes von Lampsakos). Aristoteles hält in seiner Rhetorik[1] den Zuhörer für das entscheidende Kriterium für die Bestimmung der Redegattung: man kann eine Rede hören, um sie wegen eines gegenwärtigen Anlasses zu genießen (Lobrede) oder um eine Entscheidung zu fällen. Im letzteren Fall kann es sich um eine Versammlung (Volksversammlung, Parlament) handeln, die eine Entscheidung über eine zukünftige Regelung zu treffen hat, oder um ein Gericht, das über ein vergangenes Geschehen zu urteilen hat.[2]
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Redeteile

prooemium

Der Begriff des prooemium leitet sich vom alt-griechischen Wort prooimion ab und stellt ursprünglich den Beginn nicht dramatischer antiker Dichtung dar. In der antiken Rhetorik wird das prooemium als Einleitung einer Rede bezeichnet. Der sophistischen Schulrhetorik folgend, liegt das Ziel hierbei bei der Vorbereitung der Hörer im Darlegen eines Anliegens, dem Bitten um Aufmerksamkeit und, wenn möglich, auch dem Erhaschen von Sympathie in der Zuhörerschaft.
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Niveau der Textgestaltung

Demetrios

Im Gegensatz zu der in der Antike üblichen Dreistillehre kreierte ein gewisser, bis heute nicht identifizierter Demetrios im ersten Jahrhundert vor Christus ein System mit vier Charakteren: einem großartigen/erhabenen (charakter megaloprepes), einen schlichten/einfachen (charakter ischnos), einen eleganten/glatten (charakter glaphyros) und einen gewaltigen (charakter deinos).
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Walk of Modern Art 2014

Anthony Cragg – „Caldera“

G.J.

Wir haben unseren Walk of Modern Art durch die Salzburger Innenstadt beim 7. Kunstwerk des Projektes der Salzburg Foundation begonnen. Die 5 Meter hohe Bronze-Skulptur „Caldera“ des englischen Bildhauers Anthony Cragg wurde 2008 inmitten des kleinen Parks auf dem Makartplatz aufgestellt. Das Werk ist von innen begehbar und stellt einerseits eine Landschaft mit Vor- und Rücksprüngen dar, die sich ineinander wie tektonische Platten verschieben. Andererseits sieht man menschliche Gesichtszüge und erkennt mehrere Profile. Je nach Standort und Blickrichtung bietet sich dem Betrachter ein anderes Bild, man muss nur ein paar Meter zu Seite wechseln und schon hat man eine völlig andere Dimension vor sich. Genau diese zweiteilige Interpretationsmöglichkeit fasziniert mich. Weiterlesen